Kahve kapituliert

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Donnerstag, 20. Februar 2014, Tübingen: An diesem Morgen postet der Iraner Kahve ein Bild auf Facebook. Es ist das Bild eines Mannes, der sich vor dem Ölministerium im Iran selbst verbrennt, um ein Zeichen zu setzen. Darunter schreibt Kahve: „Der Tod ist für mich besser, als so zu leben.“ Danach geht er zur Tankstelle. Kurze Zeit später stirbt er.

Zehn Jahre lang hat Kahve in Deutschland gelebt. Er war aus dem Iran hierher geflohen, landete erst in Karlsruhe und schließlich in Tübingen. An diesem Februarmorgen, als er zur Tankstelle ging, war eigentlich alles gut. Er hatte eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen - und wichtiger noch: Er durfte arbeiten. Auf beides hatte er lange warten müssen.

Deswegen ist das hier eine Spurensuche. Sie hat das Ziel, Kahve zu verstehen. Denn seine ganze Geschichte hat er niemandem erzählt. Niemand hat ihn so richtig auf seinem Weg begleitet.

Sein Leben ist ein Puzzle, schwierig zu rekonstruieren. Von besonderer Bedeutung bei der Spurensuche: zwei Freunde des Toten, die weniger wussten über das Leben des Mannes, als es für Freunde üblich ist. Ein Deutschlehrer, dessen Schüler nie zur Abschlussprüfung erschien. Viele kleine Berichte von Menschen, die nur wenig wirklich sicher wissen. Ein System, das an dem Tod des Mannes nicht unschuldig ist. Eine Akte, die eine eigene Geschichte erzählt. Und Kahve, der sich an diesem 20. Februar 2014 einen Fünf-Liter-Kanister Benzin kauft und sich anzündet.

Die Flucht

Iran Air Flug 721 von Teheran nach Frankfurt landet etwa 20 Minuten später als üblich am Flughafen Frankfurt. Es ist der 3. Februar 2004, ein Dienstag. In der Maschine sitzt Baratali Yazdani, 39 Jahre alt. Seine dunklen Haare bilden einen leichten Kranz. Er ist ein wenig untersetzt. In seiner Tasche: ein gefälschter Pass. In diesen Tagen finden die internationalen Fachmessen „Paperworld“ und „Christmasworld“ in Frankfurt statt. Baratali Yazdani, den alle später nur „Kahve“ nennen werden, hat ein Messe-Visum. Es ist sein Ticket ins ersehnte Deutschland. Seinen ersten Asylantrag stellt er in Karlsruhe. Sie schicken ihn nach Tübingen, hier soll er bleiben. Vier Jahre in der Sammelunterkunft eingeengt.

Der erste Antrag

Als das Gespräch mit dem Beamten sich dem Ende zuneigt, zieht Kahve aus seiner Brieftasche ein kleines Stück Papier heraus. „Das hier ist ein Gedicht, das 8.000 Jahre alt ist. Es geht um die Tyrannei einer Königin“, sagt er und beginnt das Gedicht vorzutragen. Als er fertig ist, erklärt er dem Sachbearbeiter des Bundesamts für Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, dass er genug Zeit hatte, seine Sichtweise der Dinge zu schildern – so will es das Protokoll. Wird es reichen? Glauben sie ihm seine Geschichte? Darf er bleiben?

Zweieinhalb Stunden musste Kahve Fragen zu seinem Leben beantworten, zweieinhalb Stunden Verhör. Und dennoch wird sein erster Asylantrag abgelehnt werden. Er sei kein politisch Verfolgter, obwohl er das immer wieder beteuert. Er erzählt, wie er Flugblätter gegen das Regime verteilt, sich gegen die Politik aufgelehnt hat. Zusammengeschlagen wurde und dann in höchster Not das Land verlassen hat, nachdem er auf offener Straße überfallen wurde. Es hilft nichts. In der Akte, die sein Anwalt für ihn anlegt und in der sich viele Dokumente von Kahve und über Kahve finden, landet eine Ablehnung.

Die Akte

  1. Juni 2004: Der Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigter wird abgelehnt. Die Voraussetzungen des §51 Absatz 1 des Ausländergesetzes liegen nicht vor. Abschiebungshindernisse liegen nicht vor.

Kahve in Iran und Japan

Kahve kommt 1964 in Bojnourd im Iran zur Welt. Die Familie ist kurdisch. Seine Eltern sind Bauern mit wenig Geld. Einige Jahre nach seiner Geburt entschließen sie sich, nach Teheran zu ziehen. Die Stadt bietet Arbeit und die Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen. Hier geht der junge Kahve auf die weiterführende Schule, bricht sie aber kurz vor dem Abitur ab. Sein Englisch ist nicht gut genug, die Noten sind zu schlecht. Statt zu studieren, fängt er direkt an zu arbeiten. Zunächst dient er in der Armee, kämpft im letzten Jahr des Krieges mit dem Irak und schlägt sich danach für einige Zeit als Sanitäter durch. Er beginnt eine Ausbildung zum Schweißer und fasst in diesem Beruf schnell Fuß.

Kahve hat die Möglichkeit nach Japan zu gehen, um dort zu arbeiten. Nach einem Jahr wird sein Aufenthaltsrecht verlängert, er arbeitet gut. Insgesamt bleibt er 28 Monate in Japan, dann hält er es nicht mehr aus. Kontakt nach Hause hat er nur selten. Manchmal kann er telefonieren, aber das kommt nicht oft vor. Er hat Depressionen. 1993 kehrt er zurück in den Iran. Im gleichen Jahr heiratet er Azam Bagheri. Die beiden bekommen eine Tochter: Sahar. Sie ist sein ganzes Glück.

Kahve macht sich selbstständig

Kahve schlägt sich so gut es geht durch und versucht, seiner Familie ein anständiges Leben zu bieten. Mal arbeitet er als Sanitäter, mal als Schweißer, mal fährt er illegal Taxi. Mitte der 90er Jahre arbeitet er für einige Zeit in Singapur und Malaysia, doch er bleibt nicht lange, geht zurück in den Iran. Eines Tages kommt ihm die Idee: Eine eigene Firma als Schweißer. Das ist der Plan.

Er greift seine letzten Geldreserven an, die er in Japan angespart hat, und kauft ein Grundstück, plant sein Geschäft, kauft Materialien. Seine Familie wird er gut ernähren können, denkt er sich. Was er braucht, ist nur eine Zulassung. Doch der Sachbearbeiter beim Amt weigert sich. Da müsse doch schon der ein oder andere Schein drin sein. Sonst könne es nicht klappen, lässt er Kahve wissen. Der zahlt das Bestechungsgeld. Der nächste Sachbearbeiter stellt ihm in Aussicht, er könne sich sicherlich dafür einsetzen, dass seine Firma schnell eröffnet wird. Kahve brauche dafür nur das nötige Kleingeld. Und wieder zahlt er. Monate gehen ins Land, das Ersparte schrumpft zusammen. Der Traum platzt.

Jetzt will Kahve weg aus dem Iran. Nach Deutschland. Seine Frau will bleiben, sie lassen sich scheiden. Er stellt den Kontakt zu einem Schlepper her. Der besorgt ihm das Messe-Visum. Sein Haus überlässt er seiner Familie. Er verspricht, sich immer gut um seine Tochter zu kümmern, und steigt am 3. Februar 2004 in den Flieger nach Frankfurt.

Die Wandlung

Bahman und Kahve sind gute Freunde, die nicht über alles sprechen können. Das Problem ist einfach, dass Kahve in Deutschland bleiben will. Und wer als Asylsuchender bleiben will, der erzählt viele Geschichten aus seinem Leben, aber nur selten die wahre. Besonders dann, wenn der iranische Geheimdienst zuhört und eine Abschiebung ein Todesurteil bedeuten könnte oder die eigene Familie gefährdet ist.

Es ist Anfang 2004, als Kahve Bahman kennenlernt. Er hofft, dass ihm der noch Unbekannte bei seinem Asylantrag helfen kann. Bahman Zahedi kann. Er macht das seit 30 Jahren, ist selbst schon so lange hier, hat den deutschen Pass. Er steigt in sein Auto, fährt nach Tübingen und trifft Kahve. Die beiden verstehen sich. Sie reden miteinander, merken, dass sie auf einer Wellenlänge liegen. Sie treffen sich wieder, reden noch mehr, verbringen Zeit zusammen, tauschen sich aus.

Bei einem ihrer Treffen fragt Kahve plötzlich: „Bahman, was ist eigentlich Politik?“. Es ist der Tag, als Bahman, der etwas Bauch hat, eine abgedunkelte Brille trägt und seit Jahren in der FDP engagiert ist, zum politischen Förderer Kahves wird. Er besorgt Bücher: Rousseau, Max Weber. Kahve soll sie lesen. Sie treffen sich im Park. Immer und immer wieder. Gehen spazieren und diskutieren. Über die Mächtigen dort oben, über Demokratie, über Freiheit. Kahve beginnt, Deutsch zu lernen. Der eigentlich unpolitische Kahve interessiert sich immer mehr für das Thema. Wenn er über Politik redet, ist er in seinem Element.

Was die Akte sagt

Yazdani, das ist mein richtiger Familienname. Kahve mein Spitzname, so nennen mich auch alle meine Freunde in Deutschland. Kahve ist der Name eines Helden aus der iranischen Mythologie, der sich gegen einen Tyrannen wehrte.

Sein neues Leben

Mehrdad und Kahve lernen sich an einem Dönerstand kennen. Mehrdad ist selbst Iraner und kam noch vor der Wende nach Deutschland. Er und Kahve sind ungefähr im gleichen Alter. Mehrdad spricht sehr gut Deutsch, arbeitet in der Pflege. Mehrdad besucht Kahve hin und wieder an dessen Infostand, den er mittlerweile dreimal in der Woche auf dem Holzmarkt mitten in der Tübinger Innenstadt aufbaut. Fotos von Hinrichtungen im Iran, Texte mit politischen Klageschriften gegen das System in seiner Heimat. Nach all den Gesprächen mit Bahman, muss Kahve einfach etwas gegen das Regime zu Hause machen.

Damit er alles gut aufstellen kann, hat er ein Fahrrad um ein Rad erweitert. Hier eine Stange und da eine Halterung. Kahve ist Schweißer, und hier kann er sich beweisen. Auch mit der Wohnung läuft es besser. Nach vier Jahren Sammelunterkunft zieht er in ein Wohnprojekt. Er kann sich ein kleines Zimmer leisten.

Das Haus ist in verschiedenen Farben gestrichen. Rot, violett, grün, orange. Von allem etwas, jung sieht es aus, fast wild. Mehrdad besucht ihn hier oft. Hier ist es viel schöner, als in der Sammelunterkunft, auch wenn er meint, dass sein Freund regelmäßiger saubermachen könne. Manchmal grillen sie zusammen im Hof mit den anderen Bewohnern der Unterkunft. Viele Kinder leben hier, direkt nebenan ist eine Kindertagesstätte.

Kahve liebt Kinder, und Kinder lieben ihn. Es geht ihm besser. Die Leiter der Kindertagesstätte bieten ihm Arbeit an. Er soll in Teilzeit arbeiten und 1.200 Euro dafür im Monat bekommen. Damit könnte er sich langsam aber sicher sein besseres Leben aufbauen. Doch Kahve bekommt keine Arbeitserlaubnis. Er sitzt weiter in seinem Zimmer herum, liest und schreibt im Internet politische Texte, langweilt sich oft.

Der zweite Antrag

Nur Kahve weiß, wie er wirklich heißt. Alle nennen sie ihn Ali Yazdani oder Ali Pouryazdani. Doch das ist nicht sein richtiger Name. Den kennt hier niemand. Den nennt er nicht, wenn es um einen neuen Asylantrag geht, so wie 2007. Wieder spricht er mehrere Stunden mit seinem Sachbearbeiter. Wieder wird er vernommen zu seiner Vorgeschichte. Wieder weicht er von seiner ursprünglichen Geschichte ab. Wieder wird sein Asylantrag abgelehnt.

Der Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigter wird abgelehnt. Die Abschiebungsandrohung ist vollziehbar zum 31.07.2007.

Die Bezirksstelle für Asyl möchte einen gültigen Pass von ihm haben. Er soll ihn im Generalkonsulat der islamischen Republik Iran in Frankfurt beantragen. Er wird es nie machen. In den letzten Jahren hat er sich so politisiert, mittlerweile ist ihm bewusst, dass es sein Todesurteil wäre, in den Iran zurückzukehren. Aus dem einstigen Wirtschaftsflüchtling Kahve, der Geld für seine Familie verdienen wollte, ist in Deutschland ein politisch Verfolgter geworden.

Was in der Akte steht

Nun also lebe ich seit siebeneinhalb Jahren in Deutschland. Die Sprache habe ich inzwischen gelernt, ich habe hier gute Freunde gefunden und lebe in einem Tübinger Wohnprojekt. Ich fühle mich gut integriert. Das ist mir wichtig, denn ich weiß, dass ein Leben in meinem Heimatland für mich nicht mehr möglich ist. Dennoch setze ich mich dafür ein, dass sich dies eines Tages ändert.

Hört mir zu!

Die Leute hören ihm einfach nicht zu. Sie gehen an seinem Infostand vorbei, interessieren sich nicht. Er spricht zwar ihre Sprache, aber der Iran ist zu weit weg. „Lass sie zu dir kommen“, rät Bahman seinem Freund. Er soll nicht aggressiv auf die Menschen zugehen und ihnen seine Flugblätter in die Hand drücken, wie er es zu Beginn so oft macht. Er hält sich an die Ratschläge seines Freundes. Schließlich ist er es gewesen, der ihn in die Politik eingeführt hat. Und doch interessieren sich nur wenige für seine Botschaft.

Kahve ist frustriert. Viel hat er in den letzten Jahren über Politik gelesen. Immer weiter hat er sich in das Thema hineingearbeitet. Und finanziell läuft es sowieso schlecht. Sie lassen ihn einfach nicht arbeiten. Für den Infostand zahlt er am Anfang zehn Euro pro Tag, 120 Euro im Monat bei drei Tagen in der Woche. Er bekommt im Monat 143 Euro Taschengeld. Bleiben 23 Euro. Als sie dann die Gebühr erhöhen, kann er seine Zelte nur noch zweimal in der Woche aufschlagen. Mehr Zeit, um im Zimmer zu sitzen, nachzudenken, sich zu langweilen.

Alle drei Monate muss Kahve hoffen, dass seine Duldung verlängert wird. Hin und wieder sammelt Bahman Geld bei seinen Freunden für ihn ein. Manchmal arbeitet er schwarz, geht mit den Hunden der Nachbarin eine Runde laufen. Einen Teil von dem Geld schickt er seiner Tochter im Iran. Den anderen Teil nutzt er, um seinen Stand zu bezahlen. Kahve beginnt zu trinken.

Bahman holt seinen Freund in die CPI. Die „Constitutionalist Party of Iran“. Sie stemmen sich gemeinsam gegen die Regierung in ihrem Heimatland, wollen die Monarchie wieder einführen, verdammen die islamische Revolution von 1979. Die Partei bestätigt Kahve mehrfach, dass er politisch in Deutschland tätig ist und im Iran mit Verfolgung rechnen muss.

Der erste offizielle Job in Deutschland

Einige Zeit hat er eine Arbeitserlaubnis, das, wofür Kahve so lange gekämpft hat. Er arbeitet in einer Autowerkstatt, schweißt. Über zehn Euro verdient er hier, für ihn ein gutes Gefühl. Endlich eigenes Geld in der Tasche. Er kann sich etwas leisten. Sein Chef ist zufrieden mit ihm, stellt ihm gute Zeugnisse aus, die er beim Amt vorzeigen kann. Kahve merkt, dass er es noch kann, dass er seinen Beruf nicht verlernt hat. Er wird gebraucht. Doch weil er sich nicht um seinen Pass kümmert, entziehen sie ihm die Erlaubnis 2010 nach wenigen Monaten wieder.

Was die Akte sagt

Herr Pouryazdani wurde nicht aufgefordert, einen Reisepass vorzulegen, sondern aufgefordert, sich ein gültiges Rückreisepapier zum Zweck der Ausreise in den Iran vorzulegen. Er ist ausreisepflichtig, daran besteht kein Zweifel, auch wenn er nicht in den Iran zurück möchte. Die Entscheidung, ob er tatsächlich im Iran bedroht wird, obliegt weder Herrn Pouryazdani, noch der Ausländerbehörde, sondern einzig und allein dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
Gez. Regierungspräsidium Karlsruhe / Landeserstaufnahmeeinrichtung

Zu Gast bei Bahman

Eines Abends lädt Bahman seinen Freund ein, bei ihm zu essen. Er holt ihn aus Tübingen ab und fährt mit ihm Richtung Stuttgart. Er wohnt ganz in der Nähe. Bahmans Frau hat gekocht. Sie mag Kahve, aber er mag sich nicht einladen lassen. Dafür ist er zu stolz. Einmal nimmt er das Angebot an, mit ihnen zu Abend zu essen, danach kommt er nicht mehr. Sein Essen möchte er lieber selbst kaufen.

Was in der Akte steht

In Tübingen habe ich eine zweite Heimat gefunden – und dafür bin ich sehr dankbar. Allerdings ist meine Situation hier schwierig. Ich habe keine Arbeitserlaubnis mehr. Ich möchte keine Almosen, sondern meinen Lebensunterhalt selbst bestreiten.

Mehrdad, Bahman und die anderen Iraner

Heute erinnern sich Kahves Freunde oft an die Gespräche, die häufig gleich abliefen.

„Mehrdad, wir müssen etwas machen“, sagt Kahve.

„Was willst du denn tun“, fragt Mehrdad.

„Ein Zeichen setzen. Irgendwas. Nach München fahren. Wir schlagen den Botschafter zusammen. Wir zünden das Konsulat an. Jemand muss etwas machen.“

Kahve will oft „etwas machen“. Immer wieder redet er davon, dass genug Worte gesprochen sind, zu wenig Taten gefolgt. Immer wieder will er nach München fahren und „eine Aktion starten“. Er hasst das Regime. Er hasst es einfach. Und immer wieder bekommt er von seinen Freunden eine Absage. Sie machen da nicht mit, das Ding ist ihnen zu groß.

„Du bist doch besessen davon. Ja, natürlich muss sich etwas ändern, aber doch nicht so. Wir können doch keine Unschuldigen da reinziehen“, sagen sie.

„Ihr seid Weicheier. Wenn euch unser Land etwas bedeuten würde, dann würdet ihr mitmachen“, entgegnet Kahve.

„Wir haben Arbeit, Kahve. Wir können nicht Tag und Nacht etwas planen. Das hier, das ist die Demokratie, du kannst nicht einfach das Konsulat anzünden.“

Er versteht sie nicht. Will sie nicht verstehen.

„Ich bringe mich um. Ich zünde mich an“, sagt er.

Stille.

„Nur Spaß“, fügt er hinzu und lacht.

Sorge um Kahve

Einen Abend etwas Spaß zusammen, rausgehen, Musik hören und eine gute Zeit haben. Das ist Mehrdads Plan, als er seinen Freund einmal, es muss 2011 gewesen sein, abholt. Sie steigen in Mehrdads Auto und fahren Richtung Stuttgart. Kahve sieht eine Tankstelle vor ihnen, bittet seinen Freund anzuhalten. Er geht rein, kauft sich zwei Flaschen Schnaps und trinkt eine direkt aus. Mehrdad weiß nicht, was er davon halten soll. Er weiß nur, dass sein Freund Probleme hat. Depressionen. Im Wohnprojekt hat Mehrdad auch Antidepressiva liegen sehen. Er weiß nicht, ob Kahve in psychologischer Behandlung ist – niemand weiß das heute mehr. Es hätte seine Rettung sein können.

Die Taufe

Am 26. August 2012 entscheidet sich Kahve, Christ zu werden, und lässt sich taufen. Ab und an geht er in die Kirche und betet. Seine Eltern sprechen nicht mehr mit ihm, seitdem sie wissen, dass er zum Christentum konvertiert ist. Doch für seinen Asylantrag ist es eine Chance.

Was die Akte sagt

Seine Taufe war ihm ein ernsthaftes Anliegen und es war ihm bewusst, dass er danach nicht mehr in seine Heimat zurück kann, weil er dort aufgrund seiner Konversion um sein Leben fürchten muss.
Pfarramtliches Zeugnis

Der dritte Antrag

Jetzt legt er alle Karten auf den Tisch. Er muss ehrlich sein, mehr von sich erzählen. Er hat noch eine einzige Chance. Das hat ihm sein Anwalt gesagt. Sie stellen einen letzten Antrag auf Asyl. Kahve der Christ und der Regimegegner. Dieses Mal muss es klappen. Er gibt seinen wahren Namen preis: Baratali Yazdani. Er legt Dokumente vor, die seine Aussagen bekräftigen, und stellt sich einem weiteren mehrstündigen Gespräch über seine Vorgeschichte.

Tübingen, 15. September 2013: Herrn Yazdani wurde eine Aufenthaltserlaubnis nach §25 Abs. 3 Aufenthaltsgesetz erteilt.

Kahves Sieg

Da ist sie also. Seine Aufenthaltserlaubnis. Er hat sie, nach zehn Jahren, und dazu eine Arbeitserlaubnis. Kahve ist am Ziel angekommen. Er ist glücklich. Wie er nun weitermachen soll, fragt er Bahman. Der will, dass sein Freund nichts überstürzt, sich langsam wieder in das Leben einfindet. Er möchte ihn dabei unterstützen. Ab jetzt kann es nur noch bergauf gehen, ist sich Bahman sicher.

Die Orientierungslosigkeit

Kahve hat mal wieder zu viel Alkohol getrunken. So, wie er es immer öfter macht. Dünn ist er geworden, er sieht schlecht aus. Er riecht, hat sich länger nicht geduscht. Wie kann das sein, er hat doch erreicht, was er wollte, denkt sich Mehrdad. Er muss doch jetzt durchstarten, arbeiten, sich sein neues Leben aufbauen. Es ist einer dieser Tage Ende 2013, an denen Mehrdad mal wieder mit Kahve spazieren geht. Kahve ist still, nachdenklich. Wenn er redet, dann von seiner Tochter. Er möchte, dass sie nach Deutschland kommt und hier studiert. Dafür braucht sie ein gutes Abitur, er hofft so sehr, dass sie es schafft.

„Ich bin ein Versager“, sagt er oft, erinnert sich Mehrdad. Nichts von dem, was er wollte, habe er erreicht. Für seine Tochter wünscht er sich ein besseres Leben.

Kahve braucht Geld. Seine Familie möchte mehr haben. Er lebt doch in Deutschland, da muss er doch etwas schicken können. Er kann doch nicht zehn Jahre hier leben und kein Geld verdienen. Kahve steht unter Druck, trinkt immer mehr Alkohol. Raucht öfters Marihuana, um sich zu beruhigen. Mehrdad sieht seinen Freund das letzte Mal einen Monat vor dessen Tod, er macht sich Sorgen.

Ein letztes Treffen

Bahman trifft Kahve das letzte Mal sechs Tage vor seinem Tod. Es ist Freitag, das Wetter ist gut. Er hat ihn längere Zeit nicht mehr besucht, also fährt er nach Tübingen und schaut im Wohnprojekt vorbei. Wie immer findet er Kahve in seinem Zimmer, er sitzt am Computer. Doch er hat keine Zeit, sagt, dass er gleich los muss.

In den letzten Monaten hat er viel abgenommen. Bahman hat ihn oft gefragt, ob alles in Ordnung ist. Alles sei in Ordnung, sagte er dann. Doch wirklich geglaubt hat er ihm das nicht. Zu viel Geld geht für Alkohol drauf.

An diesem Tag ist Kahve kurz angebunden. Er lächelt, ist fröhlich und bietet Bahman an, in seinem Zimmer zu warten. Er müsse nur etwas erledigen und habe später Zeit. Doch Bahman, selbstständig, hat auch nicht allzu viel Zeit. Er wollte nur vorbeischauen. Sie verabschieden sich. Die Stimmung ist gut. Nach all den schlechten Zeiten und der miesen Stimmung ist die positive Atmosphäre Kahves heimlicher Verabschiedung von seinem politischen Förderer und Freund geschuldet.

Die Sprachprüfung

Für den Deutschunterricht schreibt Kahve einen Brief:

Hallo, liebe Freunde, ich komme aus dem Iran. Das ist eines der ältesten Länder der Welt. Ich war 14 Jahre alt, als im Iran eine Katastrophe passierte – nämlich die islamische Revolution von 1979. Aber eigentlich war diese 'Revolution' eine gemeinsame Aktion von Kapitalisten und islamischen Terroristen, ein Schlag gegen meine persönliche Freiheit und gegen meine Heimat.

Der Lehrer Hans-Jörg Ostermayer duldet politische Texte in seinem Kurs. Sie gehören zu der Geschichte der einzelnen Länder. Kahve soll bei ihm die Sprachprüfung auf dem Niveau B1 ablegen. Das ist das Sprachniveau, das es braucht, um den deutschen Pass zu bekommen.

Kahve spricht gut Deutsch, er wird die Prüfung schaffen, da ist sich Ostermayer sicher. Sein politischer Wortschatz ist groß. Bei den Basisdingen hapert es noch hier und da, aber Kahve macht sich gut. Er hatte schon einmal an einem Sprachkurs teilgenommen, kurz nachdem er nach Deutschland gekommen war. Weil er keine Arbeit hat, soll Kahve den Kurs nochmal machen, statt sich zu langweilen. Kahve ist frustriert. Er kann das doch schon alles.

Am 18. Februar 2014 ist die Generalprobe. Ostermayer schiebt einen Tisch in die Mitte des Raumes. Kahve setzt sich, vor ihm sitzen andere Schüler. Sie simulieren die Prüfung. Kahve geht an diesem Tag als letzter, Ostermayer klopft ihm auf die Schulter und sagt: „Sehr gut war das heute, Sie schaffen B1.“

Kahve kapituliert

Zwei Tage später. Um 11.38 Uhr geht ein erster von drei Notrufen bei der Polizei ein. Eine verwirrte Person hat sich mit Benzin übergossen und läuft durch die Stadt. Die Polizei schickt Streifenwagen los und beginnt mit der Suche – doch da ist es schon zu spät.

Zehn Jahre hat er um eine Perspektive gekämpft, viel zu spät hat er sie bekommen. Kahve stirbt an diesem 20. Februar 2014. Auf dem Weg ins Krankenhaus gibt er sich geschlagen.


Der Autor wurde durch ein Stipendium des Vereins „netzwerk recherche“ gefördert.

Illustration: Veronika Neubauer.

Dieser Text soll keinesfalls für Suizid als Weg zur Bewältigung von Problemen werben, sondern das Schicksal eines Flüchtlings aufzeigen. Bitte sprecht mit anderen Menschen darüber, wenn ihr an Selbstmord denkt. Hier gibt es Hilfsangebote, ihr könnt anonym bleiben. Ruft dort an, schreibt eine E-Mail oder nutzt die Möglichkeit zum Chat oder zum persönlichen Gespräch.