Krautreporter

Der Fall Séralini

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Die Fotos und Videoaufnahmen zeigten Ratten mit Tumoren etwa so groß wie Tischtennisbälle, die Geschwüre wuchsen aus Brust und Bauch. Die Tiere konnten sich kaum noch bewegen, konnten kaum atmen. Dies sei das Ergebnis einer zweijährigen Fütterung mit gentechnisch verändertem Mais, erläuterte der französische Molekularbiologe Gilles-Eric Séralini die Bilder auf einer Pressekonferenz am 19. September 2012. Da war es kurz nach zwei Uhr am Nachmittag.

In wenigen Stunden verbreitete sich die Nachricht aus Frankreich um die Welt. Unter den Schnellsten war die französische Nachrichtenagentur AFP und ihre deutsche Zweigstelle, Webseiten wie die von n-tv folgten („Genmais verursacht Tumore“), Zeitungen gingen in den Druck („Mit Genmais gefütterte Ratten sterben viel früher“, Die Welt; „Tod durch manipuliertes Futter“, taz) und auch die Redaktion der ZDF-Nachrichtensendung „Heute“ meldete: „Höheres Krebsrisiko durch Genmais“ (die Sendung ist nicht mehr in der Mediathek verfügbar). Moderatorin Petra Gerster erklärte in der Hauptsendung um 19.00 Uhr, die Studie sei alarmierend.

https://twitter.com/ZDF/status/248849145157267456

Dabei stand bereits zu dieser Stunde fest, dass es eine Menge Kritik an dieser Studie gibt. Das britische Science Media Centre etwa trug eilig mehrere Expertenkommentare zusammen, von denen die Beschreibung der statistischen Methodik Séralinis als „unkonventionell“ noch die freundlichste war. Andere äußerten wesentlich unverblümter, dass diese Studie ihrer Meinung nach so nicht hätte veröffentlicht werden dürfen, da die darin aufgestellten Behauptungen nicht ausreichend durch die Messungen gestützt würden.

Obwohl Séralinis Untersuchung, die er und seine Mitarbeiter in der Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology veröffentlicht hatten, inzwischen bis ins kleinste Detail auseinandergenommen und seine Behauptungen entkräftet wurden, wird sie von vielen Politikern und Verbänden noch immer als Beleg herangezogen, wenn es darum geht, die Gefährlichkeit der Grünen Gentechnik zu beweisen. In den Ställen der Bauern, die die getestete Sorte an ihr Vieh verfüttern, gab es zwar bislang keine erkennbaren Probleme. Trotzdem nahm die russische Regierung die Veröffentlichung zum Anlass, für diese eine Sorte ein vorübergehendes Einfuhrverbot zu verhängen. Kenia untersagte gleich generell die Einfuhr gentechnisch veränderter Lebensmittel. Und die EU-Kommission gab eine Untersuchung in Auftrag, die herausfinden soll, ob solche zweijährigen Fütterungsstudien in Zukunft Vorschrift werden sollten.

Im sogenannten G-TwYST-Projekt soll ein europäisches Forschungskonsortium herausfinden, ob solche Langzeitfütterungen einen Erkenntnismehrwert liefern im Vergleich zu den bislang vorgeschriebenen Dreimonatsstudien. Bei dieser neuen Studie soll totale Transparenz herrschen: Verschiedene Interessengruppen sollen im gesamten Verlauf in die Planung aber auch in die Interpretation der Daten einbezogen werden. Alle Dokumente und Ergebnisse werden für jeden frei zugänglich sein. Im ersten Teil dieses Dossiers habe ich den Start dieser Studie begleitet.

Wenn man sich die Details der Studie anschaut, findet man allerdings nichts, was diese Reaktionen rechtfertigen würde. Sollte von dem genetisch veränderten Mais wirklich eine Bedrohung für den Menschen ausgehen – Séralinis Untersuchung liefert keinen Hinweis darauf.

Schockierende Bilder erzwangen eine Reaktion der Politik.

Foto: Hanno Charisius

Séralini und seine Mitarbeiter hatten die Maissorte NK603 an ihre Versuchstiere verfüttert. Dieser Mais wurde im Labor durch ein zusätzliches Gen resistent gemacht gegen das Pflanzenschutzmittel Glyphosat, das in sehr unterschiedlichen Rezepturen unter verschiedenen Namen weltweit vermarktet wird. Das bekannteste Produkt dürfte das Herbizid Roundup sein, hergestellt von dem Agrar-Riesen Monsanto. Glyphosat blockiert einen lebenswichtigen Stoffwechselweg in pflanzlichen Zellen, indem es das Enzym 5-Enolpyruvylshikimat-3-phosphat-Synthase (EPSP-Synthase) ausschaltet. Das eingefügte Zusatzgen in glyphosatresistenten Pflanzen enthält die biologische Bauanleitung für eine EPSP-Synthase, die immun ist gegen das Herbizid. Das Gen stammt aus Bodenbakterien. Zellen von Tieren besitzen diesen Stoffwechselweg nicht, sollten deshalb auch keine Probleme mit dem Pflanzengift haben. Schaltet ein Landwirt das pflanzeneigene EPSP-Enzym aus, indem er seine Felder mit Glyphosat sprüht, springt bei den resistenten Pflanzen das Ersatzgen ein und sorgt dafür, dass sie überleben.

Ihre insgesamt 200 Versuchstiere unterteilten die Forscher in zehn Gruppen mit jeweils zehn männlichen und zehn weiblichen Ratten. Drei Gruppen bekamen den NK603 Mais in drei unterschiedlichen Mengen unters Futter gemischt. Diese Sorte stammt ebenfalls von Monsanto und darf in der EU zwar sowohl als Futter als auch als Nahrungsmittel verkauft, aber nicht angebaut werden. 60 Tiere bekamen zusätzlich Roundup in unterschiedlichen Konzentrationen mit dem Trinkwasser verabreicht, drei weitere Teilgruppen bekamen nur das Pflanzenschutzmittel und keinen NK603-Mais. 20 Tiere bildeten die Kontrolle, das heißt sie bekamen weder gentechnisch veränderten Mais noch Roundup-Pestizid.

Zwei Jahre lang fütterten und beobachteten die Forscher die Tiere. Gesetzlich verbindlich für die Neuzulassung einer neuen gentechnisch veränderten Pflanzensorte sind bislang nur Studien, die über drei Monate laufen. In den Daten einer Untersuchung Monsantos glaubte Séralini Auffälligkeiten entdeckt zu haben, die von den Forschern des Unternehmens ignoriert worden seien. Er sagt, das habe ihm den Anlass gegeben, Tiere länger zu untersuchen als nur über den vorgeschriebenen Zeitraum.

In ihrem Versuch seien deutliche Veränderungen zwischen den verschiedenen Versuchstieren und der Kontrollgruppe erst nach vier Monaten aufgetreten, berichtet Séralinis Team. Bis zu fünf von zehn männlichen Ratten und sieben von zehn Weibchen aus den Gruppen, die NK603-Mais oder Roundup bekommen hatten, starben im Versuchszeitraum. In der Kontrollgruppe seien hingegen nur drei der Männchen und zwei Weibchen gestorben, berichteten die Forscher. Die weiblichen Tiere entwickelten hauptsächlich Tumoren an der Brust, während die männlichen überwiegend Leber- und Nierenschäden bekamen. Das Hormonsystem und auch die restliche Körperchemie der Versuchstiere seien außerdem ziemlich heftig durcheinander geraten.

Scheinbare Bestätigung der Hypothese

Das klingt nach erdrückender Beweislast. Man muss dazu jedoch wissen, dass Séralini Ratten von einem Stamm benutzte, die im Durchschnitt nicht älter werden als zwei Jahre. Sprague-Dawley wird diese Unterart von Albinoratten genannt, die als pflegeleicht gilt. 81 von 100 dieser Tiere entwickeln – wenn sie älter als zwei Jahre werden – allerdings spontan Tumoren, selbst wenn sie ausschließlich Demeter-Nahrung und bei Vollmond abgefülltes Wasser aus der St.-Leonhards-Quelle trinken würden. Aus diesem Grund werden sie normalerweise auch nicht für Langzeitstudien vom Zuschnitt Séralinis benutzt, sondern überwiegend für kürzer angelegte Untersuchungen.

Die Tumorentwicklung ist besonders heftig, wenn die Tiere uneingeschränkt fressen dürfen. Die Futtermengen hatte Séralinis Team aber auch nicht dokumentiert.

Die Tumorrate von 80 Prozent ist nur ein statistischer Mittelwert. Auch die Anzahl der Tiere, die innerhalb eines festgelegten Zeitraums stirbt, schwankt sehr stark. Gepaart mit den sehr kleinen Versuchsgruppen in Séralinis Untersuchung von jeweils nur zehn Tieren – männliche und weibliche müssen wegen der hormonellen Unterschiede getrennt betrachtet werden – können Unterschiede in der Sterblichkeit und Tumorentwicklung sehr leicht allein durch Zufall auftreten. Das kann man zum Beispiel daran erkennen, dass die männlichen Ratten in Séralinis Versuch, die den höchsten Anteil von NK603 im Futter hatten, auch die höchste Überlebensrate hatten.Séralinis Auswertungsmuster folgend würde das also bedeuten, dass der Gentech-Mais das Überleben zumindest von männlichen verlängert.

Sterberate in drei Versuchsgruppen

Ausschnitt aus Séralini et al.

Die Studie von Séralini, aus der dieser Ausschnitt stammt, ist hier abrufbar.

Die gestuften Diagramme sind zu unübersichtlich um aufschlussreich zu sein. Die Balkendiagramme zeigen jedoch, dass mehr Ratten aus der Kontrollgruppe starben als Tiere, die entweder 11, 22 oder 33 Prozent gentechnisch veränderten Mais im Futter hatten. Auch Roundup würde nach diesen Daten eine lebensverlängernde Wirkung haben, wie die Balken im mittleren Diagramm zeigen. In ihrem Aufsatz liefern die französischen Forscher allerdings keine erhellende Erklärung für diese Details.

Was Séralini in seiner Datenanalyse gemacht hat, wird von Statistikern „Cherry picking“ genannt. Er hat genau die Ergebnisse in den Vordergrund gerückt, die seine Hypothese zu bestätigen scheinen und alle anderen unter den Tisch fallen lassen. In ihrer „Unstatistik des Monats“ für den September 2012 erklären der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, weshalb die Daten der Franzosen keine seriösen Schlussfolgerungen über Nutzen oder Schaden durch die gentechnisch veränderte Maissorte oder das Herbizid Roundup zulassen:

Eine Analogie kann dies verdeutlichen: Drei von zehn Bundesbürgern sterben derzeit an Krebs. Greift man beliebig zehn Bundesbürger heraus, sterben aber nur selten genau drei davon an Krebs. Die tatsächliche Zahl der Krebsfälle schwankt dabei zwischen null und zehn. Wenn man wissen möchte, ob das Essen von Bonbons die Krebssterblichkeit erhöht, aber nur zehn Bürger untersucht, die keine Bonbons essen, dann kann es leicht sein, dass von diesen zehn nur zwei an Krebs sterben. Daraus kann man aber nicht schließen, dass Bonbons die Sterblichkeit um 50 Prozent (von zwei auf drei) erhöhen. Genau dieser Fehler wurde aber bei der Gen-Mais Studie gemacht.
Pressemeldung zur Unstatistik des Monats: Genmais tötet

Weder von Gigerenzer noch von Krämer ist eine spezielle zu- oder ablehnende Haltung gegenüber der Grünen Gentechnik bekannt. Aber mit Statistiken kennen sie sich sehr gut aus. Gigerenzer und Krämer blieben nicht die einzigen Kritiker. Dutzende von Forschern arbeiteten sich an den statistischen und experimentellen Mängeln der Studie ab. Die Zeitschrift Food and Chemical Toxicology, die das Séralini-Paper veröffentlicht hatte, druckte in den folgenden Wochen über 40 Seiten aufgebrachter Zuschriften und die Erwiderungen Séralinis darauf ab. Unterstützer bauten Webseiten wie www.gmoseralini.org, auf denen sie die Kritiker kritisieren und ihre Unabhängigkeit infrage stellen. Der Kampf um die Deutungshoheit dauert bis heute.

Séralini macht weiter

Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass die Redaktion der Zeitschrift Ende November 2013 beschloss, den Fachartikel zurückzuziehen. Zuvor hatten die Redakteure versucht, Séralini selbst zu diesem Schritt zu bewegen, doch er lenkte nicht ein. Die Zeitschrift begründet diesen Schritt damit, dass es zwar keinen Hinweis auf Fehler oder Fälschungen geben würde, die geringe Zahl an Versuchstieren aber keine eindeutigen Schlüsse über die Ursache des Rattensterbens und der Tumorbildung zulasse. Die zu kleinen Versuchstiergruppen seien zwar bereits bei der ersten Begutachtung bemängelt worden, doch die beteiligten Gutachter hätten damals befunden, dass die Studie dennoch einen Wert habe. Erst die eingehendere Prüfung habe dann ergeben, dass die Schlussfolgerungen der Studie nicht durch die gelieferten Daten belegt seien.

Wirklich zufrieden war damit allerdings niemand. Viele Forscher kritisierten die Entscheidung des Journals – auch solche, die von der Aussagekraft der Studie überhaupt nicht überzeugt waren. Denn Séralinis Arbeit ist bei weitem nicht die einzige, die gewagte Schlüsse aus mageren Daten zieht und doch von Fachgutachtern zur Veröffentlichung zugelassen wird. Gerade in der Sicherheitsforschung zur Grünen Gentechnik gibt es viele schlechte Beispiele, sowohl unter den Studien, die Gefahren gefunden haben wollen, als auch unter denen, die keine entdeckt haben. Wenn die eine aus dem Verkehr gezogen wird, müssten eigentlich auch die vielen anderen verschwinden, die anerkannte Qualitätsstandards nicht einhalten.

Der Rückzug schuf aber auch neue Probleme: Die Unterstützer Séralinis interpretierten das Geschehen als eine Verschwörung der Industrie, mit dem Ziel unabhängige Forscher mundtot zu machen. Séralini galt damit endgültig als Guerilla-Forscher, der dem korrupten Wissenschafts-Establishment trotzt.

Und dann gab er im Juni 2014 wieder eine Pressekonferenz. Dort verkündete Séralini, dass er seinen Aufsatz erneut veröffentlicht habe, und zwar in der Zeitschrift Environmental Sciences Europe, die bis 2011 noch den Titel „Umweltwissenschaften und Schadstoff-Forschung“ trug, ein „open access“ Journal, das seine Artikel kostenlos im Internet zur Verfügung stellt. Chefredakteur Henner Hollert, Ökotoxikologe von der RWTH Aachen, begründete die Wiederveröffentlichung damit, dass sein Journal eine Plattform für den fachlichen Disput zwischen Gentechnik-Gegnern und -Befürwortern schaffen wolle und deshalb dafür sorgen müsse, dass die experimentellen Daten langfristig der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Die Unterstützer des französischen Molekularbiologen feierten dies als „Sieg der Wissenschaft“. Mit mehr als 56.000 Zugriffen in den vergangenen viereinhalb Monaten ist der Artikel der drittbeliebteste des Magazins bislang. Die Rangliste der am häufigsten gelesenen Texte wird derzeit von Séralinis eigenem Begleitkommentar zur Wiederveröffentlichung angeführt.

Und Séralini macht weiter. Allein in diesem Jahr hat er eine weitere Studie veröffentlicht, die zeigen soll, dass Glyphosat Herzprobleme bei Farmarbeitern verursachen könnte. In einer anderen hat er zusammen mit drei Kollegen untersucht, wie das Herbizid die Spermienqualität von Ratten beeinträchtigt. Dazu kommen Kommentare und Übersichtsartikel. Es wird sicherlich nicht lange dauern, bis er wieder zu einer Pressekonferenz einlädt.


Dossier Grüne Gentechnik: Über kaum ein Thema wird in Deutschland so sehr gestritten wie über die Grüne Gentechnik. Denn Pflanzen, denen per genchirurgischem Eingriff ins Erbgut neue Eigenschaften gegeben wurden, stehen in keinem guten Ruf. Sie könnten gesundheitsschädlich sein, der Umwelt schaden und wirtschaftliche Abhängigkeit erzeugen, sagen die Kritiker. Die Befürworter sehen keine stichhaltigen Hinweise auf diese Risiken, jedenfalls nicht in dieser Allgemeinheit. Eine Auflösung der Kontroverse zeichnet sich nicht ab. Ganz im Gegenteil scheinen sich die Fronten immer weiter zu verhärten. Dabei dürfen in Deutschland derzeit nicht einmal gentechnisch veränderte Pflanzen für kommerzielle Zwecke angebaut werden. Krautreporter berichtet in loser Folge von den Entwicklungen in diesem Bereich und erklärt die Hintergründe. Dies ist der erste Beitrag des Dossiers.


Aufmacher-Foto: Charles Knowles, Flickr, (CC BY 2.0)