Medienmenü von Anna Aridzanjan

„Seit der Uni habe ich kein Buch mehr gelesen“

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Ich sag es schon jetzt: Ich bin ein extrem ungeduldiger Medienkonsument – ich würde also wahrscheinlich meinen eigenen Text hier nicht lesen.

Morgens informiere ich mich als erstes darüber, wie oft ich die Snooze-Taste gedrückt habe und wie viel Zeit mir noch bleibt, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Dabei passiert es dann, dass ich danach reflexhaft meine Twitter-Timeline öffne und zack! Halbe Stunde rum. Man kennt das. Zwischen dem dritten Schluck Kaffee und dem hektischen Zähneputzen haben mich – völlig unkoordiniert – über die Twitter-Accounts vom Guardian, NYTimes, AP, Tagesschau, WELT, Spiegel Online, Zeit Online, Süddeutsche und viele verrückte “bin privat hier”-Nutzer auf den aktuellsten Stand darüber gebracht, was in der Nacht passierte und welche Netzempörung gerade wieder um sich greift.

Gerade für Breaking-News-Lagen finde ich @reportedly immer wichtiger. Das ist quasi eine “Nachrichtenagentur” nur für Twitter. Das Team sucht sich bei aktuellen News Tweets und Infos, verifiziert sie und sorgt mithilfe von Threaded Tweets für eine strukturierte Entwicklung der Informationen.

Startseite von reported.ly

Scrrenshot: reported.ly

reported.ly ist eine Social-Media-Nachrichtenagentur, die im Dezember 2014 gegründet wurde. Sie gehört zu First Look Media, der von Pierre Omidyar (eBay) ins Leben gerufenen, gemeinnützigen Journalismus-Organisation, unter deren Dach beispielsweise auch Glen Greenwalds „The Intercept“ erscheint.

Verantwortlich für reported.ly ist unter anderem Andy Carvin, der als einer der Vorreiter einer neuen Art von Journalismus bekannt wurde, die auf Kuratierung und Verifizierung von Social-Media-Inhalten wie Tweets, Fotos oder Videos setzt (ein Guardian-Porträt über Carvin findet sich hier).

Zum Start von reported.ly schrieb Carvin: „Einige der wichtigsten globalen Nachrichten entspringen heute direkt den Social-Media-Netzwerken. Wir wollen dabei Ihr Vertrauen gewinnen, Sie durch den endlosen Strom von Gerüchten und Bildern führen und Ihnen helfen zu verstehen, was gerade wirklich geschieht.“

Doch es gibt auch Kritik, weniger an reported.ly im Speziellen als an First Look Media und Pierre Omydiar und seinem Management insgesamt: Unter dem Titel „Where Journalism Goes To Die“ beklagt sich der ehemalige Mitarbeiter Ken Silverstein über zu viele Meetings, zu wenig journalistischen Output und dem Verzögern oder Begraben von Geschichten, die nicht ins Weltbild der Organisation passten. „First Look entwickelte sich im Lauf der Zeit zu einem reinen Desaster", schreibt Silverstein. „Weniger wegen Einmischung in die journalistische Arbeit von oben, sondern aufgrund von meiner Meinung nach massiver Inkompetenz des Managements. Nach meiner Beobachtung war das von Omidyar angeführte Management unfähig, selbst die einfachsten Schritte - wie Budgets freizugeben oder freie Stellen zu besetzen - ohne monatelange quälende interne Debatten zu führen.“

Auch die Leseempfehlungen meiner Timeline sind nicht zu unterschätzen. Sie bieten mir nämlich nicht nur wichtige Informationen; ich lerne diejenigen, denen ich folge, damit näher kennen. So habe ich im Laufe der Zeit extrem viel über den Pflegenotstand Deutschlands erfahren, weil ich einige Menschen aus Medizin und Pflege in meiner Timeline habe.

Es heißt ja, dass Newsletter wieder da sind. Ich habe nur zwei abonniert (und einen davon mache ich selbst mit): Der Tagesspiegel-Checkpoint, der für alle Berliner nur zu empfehlen ist; und das Briefing des Social Media Watchblog.

Ich bin überhaupt keine klassische Magazin- oder Zeitungsleserin mehr. Mit Print-Zeitungen hatte ich schon immer meine Probleme (Druckerschwärze-Finger! Viel zu große Seiten! Ungefähr so handlich wie ein Lemurenäffchen auf Speed!). Print-Magazine blättere ich einmal durch und dann liegen sie wochenlang in der Wohnung herum (besonders schöne Zeitschriften mag ich nicht wegwerfen) und setzen Staubschichten an. Und beim nächsten Hausputz schmeiße ich sie dann doch wieder entnervt weg. Dieses Internet mit seinem Onlinejournalismus ist also gerade richtig. Arbeitsbedingt lese ich natürlich besonders viele welt.de-Artikel. Aber ansonsten habe ich kein “Stammmedium” an dem ich hänge. Und ich wage auch zu behaupten, dass es immer mehr Lesern so geht.

Beruflich UND privat (und für das Social Media Watchblog, an dem ich ehrenamtlich mitwirke und das irgendwie dazwischen liegt) wühle ich mich gern durch Techblogs und Netz-Ressorts von großen Magazinen. Das geht von Mashable über Social Times, Wired, Netzpiloten, Netzpolitik.org, Business Insider, TechCrunch, The Verge, t3n, Nieman Lab, bis hin zu Basic Thinking, Netzfeuilleton und Quartz.

Ich muss zugeben, dass ich seit der Uni kein Buch mehr gelesen habe. Außer Kochbücher. Aber die liest man ja nicht. Man blättert durch die tollen Fotos und plötzlich ist da überall Sabber. Nunja, wenn es ein gutes Kochbuch ist. Meine Favoriten sind zurzeit “Jerusalem”, “Deutschland vegetarisch” und “Auf die Hand”. Für Romane oder Sachbücher fehlt mir die Zeit. Nein, falsch. Mir fehlt die Geduld. Ich brauche immer öfter kleine Lesehäppchen. TL; DR. Kann mal jemand Listicles zu jedem Werk der Weltliteratur machen? Buzzfeed, wie wär’s?

TL; DR = too long; didn't read

Das perfekte Dinner bei Vox ist für mich immer ein amüsantes Feierabend-Ritual (wenn ich nicht gerade Spätschicht habe). Ansonsten liebe ich Länder- und Tierdokus. Und Trash-Spektakel wie Germany’s Next Topmodel, die Bachelorette und anderen Quatsch. Und nur stilecht mit dem Smartphone und den Blick auf den Twitter-Stream, der währenddessen läuft. Wenn News aktuell sind, greife ich lieber auf Livestreams im Internet zurück. Dazu zählt auch Periscope. Da mag ich den persönlichen, sehr individuellen Blick auf Dinge.


Anna Aridzanjan heißt im Internet @Textautomat und ist Social-Media-Redakteurin bei der WELT in Berlin und Bloggerin beim Social Media Watchblog.

Im Video oben kann man Anna Aridzanjan viel weniger beim Biertrinken zusehen als vielmehr dabei zuhören, wie sie mit Fabienne Kinzelmann, Julian Heck und Mark Heywinkel über Twitter als journalistisches Medium diskutiert.


In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü“ stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.