#AfterSeptember11

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Jessica Talwar war noch ein Kind, als die Attentäter vor 14 Jahren zwei Flugzeuge in die Twin Towers des World Trade Centers in New York lenkten. Sie verstand damals noch nicht, warum ihr Vater sich nach den Anschlägen seinen Bart abrasierte. Heute weiß sie: um nicht stigmatisiert zu werden. Die heute 19 Jahre alte Politikstudentin an der Loyola-Universität in Chicago twitterte vergangene Woche darüber - und löste eine Bewegung aus:

https://twitter.com/jesstalwar/status/642088958856458240

https://twitter.com/jesstalwar/status/642090281098211329

In einer E-Mail an die Los Angeles Times erklärte Talwar, dass “Amerika anerkennen muss, dass das Trauma und die Auswirkungen dieser Attacken sich nicht auf den Tag des 11. September beschränkten. Südasiaten, Araber und Muslime haben die Folgen dieses Tags seit 14 Jahren zu spüren bekommen”.

Seitdem twittern Tausende unter dem Hashtag #afterseptember11 über anti-muslimischen Rassismus, dem sie als Folge der Anschläge ausgesetzt seien.

Tatsächlich hat sich seit dem 11. September die Zahl islamophober Anschläge in den USA verfünffacht. Dies zeigt ein Bericht des FBI Uniform Crime Reporting Program. Vor dem Jahr 2001 dokumentierte das Programm 20 bis 30 anti-muslimische Hassverbrechen pro Jahr, 2001 stieg die Zahl auf fast 500. Seitdem gab es 100 bis 150 dokumentierte Angriffe jährlich. Da die Teilnahme an dem FBI-Programm freiwillig ist und manche Polizeibehörden die Daten besser dokumentieren als andere, ist die tatsächliche Anzahl islamophober Attacken wahrscheinlich höher als in diesen Angaben.

Das erste Opfer von Islamophobie nach 9/11 war Balbir Singh Sodhi

Nicht nur amerikanische Muslime, sondern auch Menschen anderer Konfessionen wurden zu Zielen islamophober Angriffe. Am 15. September 2001 erschoss ein Mann an einer Tankstelle in Arizona Balbir Singh Sodhi einen amerikanischen Sikh. Der Täter hatte ihn für einen Muslim gehalten. Vor dem Mord hatte der Täter angekündigt, “ein paar Handtuchköpfe” zu erschießen.

https://twitter.com/97maknaes/status/642123463650488320

Doch es geht nicht nur um offene Gewalt. Viele Muslime und Araber erleben seit 2001 einen ständigen Druck, sich von Ereignissen, mit denen sie nichts zu tun haben, zu distanzieren. Eine Twitter-Userin schreibt, dass ihr Leben nach 9/11 “zu einem andauernden Kreislauf des Entschuldigens" wurde für etwas, das sie niemals getan habe, und des Erklärens, dass wir nicht alle schlecht sind.

https://twitter.com/shezumi/status/642117888082620416

Andere berichten über ihre Schwierigkeiten, nach dem 11. September Freunde zu finden. Die Eltern anderer Kinder erlaubten es nicht.

https://twitter.com/haboonnur/status/642101840763465730

Eine Frau berichtet von ihrer Identitätskrise: “Ich schämte mich Muslimin zu sein”, schreibt sie. In einem weiteren Tweet berichtet sie, wie ihr die religiöse Kopfbedeckung – der Hijab – vom Kopf gerissen wurde. Daraufhin habe sie aufgehört, ein Kopftuch zu tragen.

https://twitter.com/wxmxo/status/642108024400646145

Der amerikanische Stand-up-Comedian Hari Kondabolu erzählt, wie seine Mutter eine US-Flagge an ihr Haus hängte. Sie hoffte, so ihren Patriotismus zu beweisen. Sie wollte verhindern, dass Steine durch die Fenster ihres Hauses fliegen würden.

https://twitter.com/harikondabolu/status/642387603677945858

Der Hashtag verbreitete sich bis nach Deutschland. Die Poetry-Slammerin Moona Moon twitterte über ihre Erfahrungen. Affen seien menschlicher als Araber, habe ihr Mathematik-Lehrer zu ihr gesagt.

https://twitter.com/MoonaMoonz/status/642453731418705920

Auch der Hashtag stößt auf Widerspruch. Eine Frau schrieb #afterseptember11-Erfinderin Talwar, sie solle Amerika an diesem Gedenktag nicht vom eigentlichen Thema ablenken. Sie habe sich daraufhin gefühlt, als dürfe sie keine Amerikanerin sein, erzählte Talwar der Los Angeles Times. Als unschuldige Amerikanerin, die genauso empört über das Trauma dieser Ereignisse sei, empfinde sie es als unentschuldbar, dass sogenannte “communities of color” (Gemeinschaften von Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe) wegen ihrer Kultur oder ihrer Religion ständig angegriffen würden.


Aufmacher-Grafik: Frau mit Kopftuch

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