Freiwillige Helfer

Flüchtlingsherbst

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  • Zahlen aktualisiert 22. Oktober, 18:46 Uhr
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Rolf Gerstner ist 57 Jahre alt. Vor vier Jahren verließ er sein Büro in einer schwäbischen Kleinstadt und flog nach Thailand, um sich umzubringen. Heute lebt er in Berlin-Wedding und ist arbeitslos. Er hat einen Antrag auf Frühverrentung gestellt.

Jule Müller ist 33 Jahre alt. Im Februar erschien ihr erstes Buch “Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher”. Sie lebt in Berlin-Neukölln und betreibt den Blog “Im Gegenteil”, auf dem wöchentlich Singles vorgestellt werden.

Es fällt schwer sich vorzustellen, wo in Berlin zwei so unterschiedliche Biografien zusammentreffen könnten. Das Lageso ist dieser Ort. Ironischerweise ist es ein Ort, den sich in seiner jetzigen Form auch niemand vorstellen konnte. Lageso steht für Landesamt für Gesundheit und Soziales, eine Behörde mit Sitz in Berlin-Moabit. Sie ist der erste Anlaufpunkt für die Flüchtlinge, die Berlin erreichen und auf die die Stadt nicht vorbereitet ist.

Von vielen der bis zu 2.000 Wartenden ist bekannt, dass sie zehn Tage und länger ausharren müssen, bis ihre Nummer auf einer Anzeigetafel erscheint. Ehrenamtliche Helfer um den Verein “Moabit hilft!” organisieren seit einem Monat die Versorgung mit Wasser, Essen, Kleidung, kümmern sich um Unterkünfte, Arzttermine, Dolmetscher. Ohne sie geht gar nichts. Erst seit Mittwoch ist die Essens(grund)versorgung über ein vom Senat bestelltes Unternehmen gewährleistet.

Die Arbeit am Lageso hat das Leben von Rolf, dem Arbeitslosen, und Jule, der Bloggerin, radikal verändert. Sie stehen beispielhaft für die vielen Freiwilligen in Deutschland - nicht nur als positive Beispiele, sondern auch für die Fragen: Wer hilft eigentlich den Helfern, die selbst traumatische Erfahrungen machen? Und wie können ihr Organisationstalent, Engagement und Netzwerk in Zukunft genutzt werden?

Flüchtlinge am Lageso warten tagelang im Freien auf die Bearbeitung ihrer Anträge.

Foto: Tim Lüddemann

„Du machst jetzt hier mal den Security“

Meine erste Begegnung mit Rolf ist eine sanfte Zurückweisung. Ich war gerade nach Berlin gezogen, hatte noch ein paar Tage Urlaub und wollte mir die Lage am Lageso anschauen. Entfernt erinnerte es an den letzten Tag eines großen Musikfestivals, wenn sich vom dreitägigen Feiern in verschiedenen Zerstörungsgraden zurückgelassene Menschen in die wenigen Schattenwinkel verkriechen, sich auf die Abreise oder das letzte dicke Konzert vorbereiten.

Kinder jagen über das weitläufige Gelände, Grüppchen von Männern sitzen auf Bordsteinen, Menschentrauben bilden sich vor Absperrgittern, einige schlafen trotz des Lärms um sie herum auf dem Rasen, manche sitzen auf Teppichen im Kreis, es gibt Zelte und versiffte Containerklos, Müll liegt überall herum.

Während ich mich umschaue, spricht mich ein junger Mann an und fragt, ob ich auch mithelfen wolle. Ich sage ja, warum nicht. Er schickt mich zu Haus R, dem Hauptquartier von “Moabit hilft!” auf dem Lageso-Gelände. Dort steht an einer Rampe Rolf. “Also, im Moment brauchen wir niemanden mehr”, erklärt er mir. Ich soll morgen früh wieder kommen.

“Ach, du warst doch gestern schon da”, sagt er am nächsten Tag, und: “Du machst jetzt hier mal den Security.” Rolf trägt kurze Hosen und eines dieser achselfreien Shirts, wie sie manchmal an die Teilnehmer von Stadtläufen verschenkt werden. Er hat sein Smartphone in der Hand und ein Funkgerät am Hosenbund.

Außerdem redet er wie Jogi Löw, nur weniger nasal und ohne den Spucke-einsaugen-Tick. Er wirkt wie die Ruhe selbst, aber die blutunterlaufenen, tiefliegenden Augen verraten Schlaflosigkeit. Nicht Müdigkeit, sondern Nächte, in denen das Licht brennt im Kopf. Dafür gibt es viele Gründe, wie ich später erfahre, und weshalb Rolf in diesem Artikel einen anderen Namen trägt als im richtigen Leben.

Im Minutentakt kommen Menschen mit Spenden an die Rampe zum Haus R:

  • Ein breitschultriger Mann im Polohemd fährt mit seinem Mercedes-Geländewagen vor. Er öffnet den Kofferraum, die gesamte Ladefläche ist mit Obst, Wasserflaschen und Müsliriegeln vollgepackt.
  • Ein junges Pärchen in kurzen Hosen gibt zwei Beutel voll Damenbinden und Haferflocken ab. Ein anderes Pärchen bringt ihren ausrangierten Kinderwagen und Kinderfahrräder.
  • Ein Vater und sein vielleicht zehn Jahre alter Sohn bringen Obst und Snacks. “Was könnt ihr sonst noch so gebrauchen?”, fragt der Vater. “Hygieneartikel. Und Sachen für Kinder, auch Spielzeug wäre nicht schlecht”, sage ich. Der Vater guckt seinen Sohn an und sagt: “Ja, da haben wir noch was.” Sein Sohn nickt, es bedeutet: Auf geht’s.
  • Aus einem Kleintransporter springen sechs Männer, die einem muslimischen Verein angehören. Im Kofferraum stehen in Transportkisten gestapelt 180 Portionen Reis mit Kartoffeln, Hähnchenschenkel, Salat und eine Scheibe Limette. Der Verein kommt mehrmals täglich.
  • Aus einem Großraumtaxi steigen mehrere junge Frauen aus und bringen Dutzende Stoffbeutel, in denen sich unter anderem je eine Windel, ein Glas Babynahrung mit einem angeklebten Plastiklöffel und Feuchttücher befinden. Die Mädchen machen irgendwas mit Internet und haben im Großraumbüro gesammelt.
  • Zwei Studentinnen haben in Ikea-Tragetaschen von so ziemlich allem etwas eingekauft, was auf der Bedarfsliste steht, die in der Facebook-Gruppe von Moabit Hilft! veröffentlicht ist: Duschbad, Ohropax, Windeln, Müsliriegel, Decken, Bananen.
  • Ein türkischer Gemüsehändler liefert einen ganzen Transporter voll frisches Gemüse an.
    So geht das den ganzen Tag: Ich habe noch einen Bundeswehrschlafsack, könnt ihr den gebrauchen? (Klar, bring vorbei). Hier sind Aktendullis. Schuhe. Jacken. Löslicher Kaffee (Kannst du hier stehen lassen, ich bring’ es rein, dort wird sortiert und später koordiniert rausgegeben. Nein, bitte nicht selbst reingehen, sonst wird es zu chaotisch). Die BVG-Monatsfahrkarte des Arbeitskollegen, der im Urlaub ist. Drogerie-Gutscheine. Prepaidkarten. Gebrauchte Handys. Kann man auch Geld spenden? (Damit kannst du dich im Büro melden. Das ist der Tisch unter dem Baum dort). Braucht ihr noch Helfer? (Im Moment nicht. Aber in einer Stunde, wenn das Essen verteilt wird. Mach dir ein Namensschild, desinfizier’ dir die Hände und zieh Handschuhe an). Ich möchte einen Schlafplatz anbieten (Da drüben zum Büro). Wird die Bedarfsliste bei Facebook ständig aktualisiert? (So oft es geht, meist nachts). Ich bin Arzt (Meld’ dich in Haus C). Ich kann Arabisch (Trag’ dich hier in die Liste ein). Da ist ein Mann, der hat keine Schuhe. Ich finde es ganz toll, was ihr hier seit Wochen leistet, das wollte ich einfach mal sagen (Danke. Aber ich bin erst seit zwei Stunden dabei).

Wo siehst du hier denn Chaos?

Als “Security” sind stündlich hunderte Entscheidungen zu treffen, Menschen aufzumuntern, abzuweisen, manchen muss der Weg versperrt, anderen freigeräumt werden, manchmal will jemand in den Arm genommen werden, manchmal muss man jemandem sagen, dass er hier nicht den Max zu machen braucht; Helfer müssen zum Essen verteilen oder Spenden sortieren rangeholt werden. Alles in ständiger Veränderung, alles funktioniert irgendwie am Ende trotzdem.

Helfer betreuen auch Kinder am Lageso, entlasten so die Eltern für eine Weile.

Foto: Tim Lüddemann

“Wie bitte, Chaos? Wo siehst du denn hier Chaos? Das ist Improvisation”, sagt Rolf, als hinter ihm ein junger Mann eine Bemerkung der Art Bei-diesem-Chaos-kann-schon-mal-was-verloren-gehen macht. Dann zeigt Rolf in Richtung Haus C. “Guck mal dort rüber, wo die Profis sind. Da ist Durcheinander.”

Was den Unterschied zu einer von “den Profis” organisierten Versorgung ausmacht, verdeutlicht eine Szene vom Mittwoch. Die Krankenhausfirma Vivantes hat mittlerweile die Essensversorgung übernommen. Zum Mittag haben sie 1.500 Portionen Kartoffel-Möhren-Eintopf vorbereitet. Während die Verteilung der faden Krankenhaussuppe läuft, liefert ein Restaurantbesitzer am Haus R etwa 200 Falafel-Wraps an. Die “Moabit hilft”-Leute wollen die Falafel mitverteilen. Es ist die regionale Küche vieler Flüchtlinge, ein Stück Seelennahrung.

Vivantes verbietet die Verteilung, sammelt die Falafel-Kisten ein und stellt sie auf den Boden neben das Ausgabezelt. Einer der Köche klappt einen Wrap auf, inspiziert ihn wie Gottfried Benn die Kleine Aster im Bauch des Bierfahrers und beschließt, die Falafel wegwerfen zu lassen. Herkunft und hygienische Bedingungen der Herstellung seien nicht überprüfbar, Salmonellengefahr nicht auszuschließen.

“Wenn die Hygiene kommt, machen die uns den Laden dicht”, erklären mir drei Vivantes-Mitarbeiter - jeder etwa fünf Mal. Sie hätten jetzt den Hut auf bei der Essensversorgung. Einer gestikuliert dabei ununterbrochen wie eine Stewardess, die unter enormen LSD-Einfluss die Notausgänge in einem Flugzeug erklärt.

Ehrenamtliche Profis: Essensverteilung am Lageso

Foto: Tim Lüddemann

Erst nach langer, lauter Diskussion - und dem Versprechen, die Wraps nicht auf dem Gelände zu verteilen -, darf ich die Kisten mit einer weiteren Helferin wieder abholen. Am Abend, als klar ist, dass viele Menschen noch Hunger haben oder eine Versorgung für die Nacht brauchen, gibt Vivantes dann doch das Einverständnis. Die Wraps dürfen verteilt werden. Für die Helfer ist die Vorstellung, das Essen wegzuwerfen, so absurd wie die, dass ein syrischer Kriegsflüchtling den Berliner Senat wegen eines verdorbenen Wraps verklagt.

Von Rolf hört man kein lautes Wort, keine theatralischen Gesten. Er steht auf der Rampe, die zum Haus R führt und instruiert wie ein buddhistischer Türsteher, dem als Anweisung manchmal nur ein Fingerzeig, ein Zwinkern, eine Kopfbewegung reicht. Sein Rat, sein Blick werden gesucht. Natürliche Autorität. “Das ist ja auch nicht schwer”, sagt er, “die Leute wollen doch alle.”

Leute wie Rolf gibt es viele im Haus R. Wer in seinem Beruf an feste Anwesenheitszeiten gebunden ist, kann nicht wochenlang Vollzeit ehrenamtlich arbeiten. Das ist einer der Gründe, warum am Lageso Helfer in tragende Rollen hineingewachsen sind, die vom Arbeitsmarkt aussortiert oder vor dessen Türen abgewiesen wurden.

Eine etwa 45-jährige Helferin, die seit Wochen die Logistik mitkoordiniert, sagt mir: “Ich habe mir die Stellenausschreibungen angeschaut, die für Jobs wie diesen hier gerade veröffentlicht wurden. Kannste vergessen. Da hätte ich keine Chance.” Sie ist körperlich behindert. Auch sie ist hier eine natürliche Autorität, ihr Handicap ist kein Thema, kein Hindernis. Deutschland als Regenbogenland, wie es sich Dirk Kurbjuweit jüngst im Spiegel wünschte - im Haus R ist das gelebte Praxis. Rentner, Arbeitslose, Asylbewerber ohne Arbeitserlaubnis, Schüler, Studenten, Freiberufler arbeiten hier Hand in Hand.

„Im Schwarzwald ist man nicht schwul“

Wenn es Rolf - der Mann mit dem Antrag auf Frühverrentung - doch mal “zu viel” wird, zieht er sich zurück. “Ich bin ja nicht so belastungsfähig, durch die Depression und alles”, erklärt er. Es gab eine Situation, da wurde es zu viel. Ein Flüchtling wollte ins Haus und sich eine Jacke aussuchen. Rolf konnte ihm nicht weiterhelfen und wollte ihn auch nicht hineinlassen, weil der Eintritt nur Helfern vorbehalten ist.

Nach einer kurzen Diskussion sagte der Flüchtling “I kill you” und strich sich mit dem Zeigefinger von links nach rechts über die Kehle. Kurz darauf kam es am Eingang zu einer tumultartigen Szene mit einer Gruppe jugendlicher Araber, die ebenfalls ins Haus wollten. Einer drohte, ihm die Augen auszustechen. Die Polizei musste gerufen werden.

“Da bin ich dann nach Hause gegangen”, sagt Rolf. Es war an einem Freitag, übers Wochenende habe er darüber nachgedacht aufzuhören. “Man kennt mein Gesicht hier. Was, wenn mich mal jemand abends auf dem Weg zur U-Bahn abfängt?”, ging es ihm durch den Kopf. Am Montag war er trotzdem wieder da.

Viele Flüchtlinge besitzen nur noch die Kleidung an ihrem Leib

Foto: Tim Lüddemann

In einem Trachtenverein im Schwarzwald, wo er geboren wurde und 53 Jahre lang lebte, hat Rolf Erfahrungen beim Organisieren großer Veranstaltungen gesammelt. Hauptberuflich war er Industriekaufmann. 1988 heiratete er eine Arbeitskollegin. Drei Jahre später sagte er ihr, dass er schwul ist. Sie blieben noch 17 Jahre verheiratet, wünschten sich Kinder. “Sie dachte, das legt sich wieder.” In seiner Heimat, einem 2.000-Einwohner-Ort, hat er sich nie geoutet. “Im Schwarzwald ist man nicht schwul”, sagt er.

Es kamen die Scheidung, Depressionen, Alkoholprobleme, die Mutter wurde zum Pflegefall, der Bruder beging Selbstmord, auf Arbeit wurde er gemobbt. 2011 beschloss Rolf, Schluss zu machen mit diesem Leben, erst mit Medikamenten, dann mit Heroin. Beides klappte nicht.

In Berlin hat er nun ein zweites Leben angefangen, sein altes hat ihm allerdings eine fette Hypothek hinterlassen. Wäre der Job, den Rolf im Lageso seit einem Monat täglich neun Stunden lang macht - Koordinator in einem Katastrophenlager - öffentlich ausgeschrieben, auch er müsste sich gar nicht erst dafür bewerben.

Am Abend nach der Arbeit im Lageso, in einem Dönerladen um die Ecke, sagt er: “Ein bisschen hilft mir das auch, den Kopf frei zu bekommen”, und seine Arme kreisen kurz wie kaputte Rotorblätter um sein Haupt. Im Döner trinkt er lediglich ein Wasser, zu Hause wird er im Internet surfen, um sich “herunterzufahren”, etwas kochen und um Mitternacht ins Bett gehen. Um fünf Uhr ist die Nacht meist vorbei für ihn. Acht Uhr ist er auf dem Lageso-Gelände, macht einige Fotos mit dem Smartphone. Von 9 bis 18 Uhr ist er Security.

„Ihr Ärsche macht euch ein schönes Leben“

Jule Müller hat sich wie Rolf Anfang August an der Rampe am Haus R als Helfer gemeldet. Zunächst sammelte sie Müll auf und verteilte Wasser. Bald machte sie nach der Tagschicht gleich noch die Nachtschicht mit: Unterkünfte für die Flüchtlinge (und den Transport dorthin) vermitteln, die sonst im Kleinen Tiergarten oder auf der Straße vor dem Lageso-Gelände schlafen müssen.

In vielen Nächten gelingt es trotz hunderter Anrufe nicht, für alle eine Bleibe zu finden. Dann steht die freiwillige Nachtschicht vor der Gewissensfrage: Nehme ich jemanden bei mir zu Hause auf oder lasse ich ihn auf der Straße? Hier hast du eine Decke, einen Müsliriegel und eine Flasche Wasser, gute Nacht?

Solche Situationen, beschreibt Jule, sorgen bei Helfern für ein diffuses Schuldgefühl, ein Negativerlebnis am Ende eines langen Tages ehrenamtlichen Engagements, in das viele auch privates Geld stecken oder Verdienstausfall in Kauf nehmen. Jule zum Beispiel hat ihren Blog für zwei Wochen ruhen lassen und ihren Strandurlaub gecancelt.

Viele Helfer kennen auch das: abends auf dem Heimweg an Restaurantterrassen vorbeifahren und denken: “Ihr Ärsche macht euch ein schönes Leben und nebenan haben sie Hunger.” Es hilft nicht, sich zu sagen, dass dieser Gedanke irrational ist, dass man an einem anderen Tag vielleicht selber wieder in Neukölln vorm Späti sitzt und gemütlich Bier trinkt. Viele Helfer werden von der Situation vereinnahmt, können sich nicht mehr lösen.

Clown am Lageso bringt Kinder zum Lachen

Foto: Tim Lüddemann

In ihrem Blog, in dem es normalerweise um die Hipsterprobleme dieser Welt geht, beschreibt Jule ihre ersten Tage so:

Die knapp zwei Wochen vor Ort, in denen ich am LAGeSo von der Müllaufheberin zur Wasserzapferin zur Problemlöserin und letztlich in einer Notunterkunft zur Aufnahmehelferin wurde, haben ihre Spuren hinterlassen. Knapp zwei Wochen lang habe ich kaum schlafen können, habe vor Ort zwischen 10 und 16 Stunden gearbeitet, hatte kein anderes Gesprächsthema. Mir ist sogar der Humor vergangen (und Leute, die mich kennen, werden wissen, dass das was zu heißen hat). Ich habe viel geweint. Ich habe mich schlecht gefühlt, aber gebraucht und wahnsinnig wütend. Wütend, weil dort vor Ort die Last und das Leid der Ankommenden auf den Schultern der Helfer getragen wird. Diese Helfer helfen, weil sie gerade Urlaub haben, weil sie Freiberufler sind, weil sie noch zur Schule gehen oder schon in Rente sind. Keiner von ihnen wird entlohnt, keiner ist ausgebildet für die Art von Seelsorge, die dort geleistet werden muss. Bei Nervenzusammenbrüchen, Suizidversuchen, Fehlgeburten, Blutvergiftungen und offenen Wunden kann ich keine Hilfe sein, das verkrafte ich nicht. Ich sorge mich um die anderen Helfer. Helfer, die die Nacht über bis in den Morgen hinein obdachlose Geflüchtete aus den Parks aufsammeln, um sie irgendwie noch unterzubringen, oder ihnen wenigstens Wasser, etwas zu Essen und eine Decke zu bringen.
Jule Müller auf imgegenteil.de

Jule hat lange, dunkelbraune Haare, sie ist eine schlanke, hübsche Frau, die gern knallroten Lippenstift trägt, Schokolade und Michael Jackson mag. Am Telefon erklärt sie mir, dass sie nach diesen ersten zwei Wochen etwas ändern musste. Denn ihr Schlaf wurde schon bald nur noch zu einem dünnen Firnis, der Tag von Nacht trennte, durch den die Lageso-Szenen schimmerten.

Sie sah sich im Traum weiter Dinge verteilen, Tausend Gesichter und Geschichten zogen an ihr vorbei. An den Wochenenden traf sie sich mit anderen Lageso-Helfern, um über das Erlebte zu reden. Manche Flüchtlinge wurden zu Bekannten, für die sie sich verantwortlich fühlte, beschreibt sie:

  • “Ali aus Ägypten – auf seinem Weg nach Deutschland wurden schreiende Babies von Bord geworfen, weil die Reisenden Angst hatten, in ihrem Boot entdeckt zu werden. Er ist 23 und hat einen Platz in einem Hostel ergattert, ist also vorerst sicher. Jeden Tag kommt er zum Gelände, um am Wasserstand zu helfen. Letzte Woche hatte er besonders gute Laune, als sein Bruder in der Heimat geheiratet hat und ihm Bilder schickte. Er vermisst seine Familie sehr. Zum Glück gibt es Facebook.”
  • “Raza aus Pakistan. Er ist 21 und hilft am Wasserstand. Er war gerade in Deutschland angekommen und bat mich um Hilfe, er könnte nicht mehr im Park schlafen. Als ich ihn abends doch in den Park schicken musste, musste ich sehr weinen. Er tröstete mich. Inzwischen ist er bei einem der Helfer untergekommen und begrüßt mich jeden Tag wundervoll überschwänglich mit einem 'Good morning, mam. How are you today?' Das blaue Melt-Festival-Shirt, das ich ihm gebracht habe, sieht man schon von weitem. Jetzt besitzt er zwei T-Shirts.”
  • “Tarik aus Syrien. Er ist 20. In seiner Heimat, wo seine Familie noch ist, hatte er einen Job, und sogar ein Auto, erzählte er mir bei unserer ersten Begegnung in gebrochenem Deutsch. Er schläft in Berlin lieber auf der Straße, als zurück in die Nähe von Dresden zu gehen. Seinen Koffer hat er immer dabei. Er nennt mich 'große Schwester', seine Tränen treffen mich mit aller Gewalt mitten im Herzen. Dass ich ihn in den letzten Tagen nicht gesehen habe und nicht auf seinem Handy erreiche, lässt mich nicht los. Ich hoffe, es geht ihm gut.”
    Inzwischen ist Jule nicht mehr täglich, sondern nur noch zweimal die Woche am Lageso. Sie hat vier junge Männer bei sich zu Hause aufgenommen. “Am Anfang waren sie körperlich völlig fertig, haben wahnsinnig viel geschlafen. Sie waren mir gegenüber auch vorsichtig - so wie ich auch, es waren ja immer noch fremde Männer, die ich da in meine Wohnung mitgenommen habe”, sagt sie. Manchmal übernachtet sie selbst bei Nachbarn. “Eh die wieder obdachlos werden, schlafe ich lieber in der Küche auf dem Boden.”
Manche Helfer schlüpfen in ganz neue Rollen.

Foto: Tim Lüddemann

Sie habe zusehen können, wie bei ihren neuen Mitbewohnern “die Lebensgeister wieder erwachen.” Am vergangenen Wochenende waren sie gemeinsam bei einem Musikfestival.

“Mein Weg, mit der Situation umzugehen, ist, meine Hilfe auf Einzelne zu begrenzen. Auf diese Art sehe ich wenigstens eine Entwicklung, statt jeden Tag von vorn zu beginnen.” Dennoch hat Jule sich bei den Koordinatoren von “Moabit hilft!” gemeldet, die Helfer aufgerufen haben, an einer Supervision teilzunehmen, eine Form der Beratung, die zum Beispiel Mitarbeitern in psychosozialen Berufen angeboten wird.

Gemeinsam mit der Caritas soll ein entsprechendes Angebot geschaffen werden, das Helfern helfen soll, drückende Gewissensfragen beantworten und potenziell traumatische Erlebnisse verarbeiten zu können.

Allerdings steht bisher nur der Wunsch. Wer die Supervisionen durchführen soll und wer es finanziert, wird noch geklärt. Unter den vielen dringenden Problemen, steht dieses notgedrungen bisher hinten an.

Was muss sich ändern?

  • Helfern muss kostenfreier Zugang zu psychosozialer Beratung ermöglicht werden. Ohne die Ehrenamtlichen wird es auch in Zukunft nicht gehen, sie dürfen nicht durch seelische Erschöpfung für ihr Engagement bestraft werden
  • Arbeitslose und Behinderte, die sich ehrenamtlich engagieren, sollten eine Anerkennung erhalten, die sie in ihrem weiteren Lebenslauf als Qualifikation bezeichnen dürfen - denn sie arbeiten hart und gut und beweisen, dass ihre Möglichkeiten weit über dem liegen, was ihnen der Arbeitsmarkt bietet
  • organisationstheoretisch müssen Lehren daraus gezogen werden, wie sich spontan entstandene Helferstrukturen mittels sozialer Medien vernetzen und wie sie mit flachen Hierarchien und flexiblen Arbeitszeitmodellen teilweise effektivere Arbeit leisten als Behörden und Privatunternehmen
    Die Unterbringung, Versorgung und später auch die Integration der Flüchtlinge zu organisieren, wird ohne Ehrenamtliche auch in Zukunft nicht gehen. Das ist auch gut so, auf diese Art entstehen erste Bindungen und Freundschaften zu künftigen Nachbarn. Aber auch Superhelfer haben keine übernatürlichen Kräfte.

Aufmacherbild: Helfer in Superheldenkostüm verteilt Süßigkeiten. Foto: Tim Lüddemann.