„Lesen auf dem iPhone ist praktisch, wenn ich neben meiner kleinen Tochter im Bett liege“

„Lesen auf dem iPhone ist praktisch, wenn ich neben meiner kleinen Tochter im Bett liege“

Christoph Koch
Verfasst von
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Ich bin ein Wort-Junkie. Ich brauche Worte: gesprochen, gehört, gesungen oder gelesen. Wenn es etwas zu lesen gibt, muss ich es lesen. Das war schon immer so. Zum Abschluss der Grundschule schrieb unsere Klassenlehrerin für jedes Kind ein Gedicht. Meins ging so:

Ich hatte mich nicht nur in ihren Mann – einen vollbärtigen, langhaarigen Gitarrenspieler – verknallt, sondern auch in Worte. Meine Mutter berichtet heute noch stöhnend davon, wie sie mir alles, aber auch wirklich alles, immer wieder vorlesen musste. Jedes Ortsschild, jeden Buchstaben, jedes Buch – schon bevor ich selbst lesen konnte.

Während meiner Kindheit und Jugend auf dem niedersächsischen Land las ich mich durch alle Bücher, die ich in die Hände bekam. Heimlich schlich ich mich ins Zimmer meines sechs Jahre älteren Bruders und arbeitete mich durch sein Bücherregal. Zuerst die „Lustigen Taschenbücher“, danach den „Fänger im Roggen“, anschließend – ich war zwölf Jahre alt – Stefan Zweig und Werke von Albert Camus. In meinem Kinderzimmer stapelten sich Zeitschriften. Alle, außer „Bravo“. Die lokale Tageszeitung las ich jeden Tag. Konsequenterweise machte ich genau dort mein Schulpraktikum und war stolz auf meine ersten Texte über Kinofilme und Theaterstücke in der gedruckten Zeitung auf unserem Küchentisch. Noch immer fühlt sich das für mich am wertigsten an: Worte, gedruckt auf Papier.

Heute startet mein Tag mit dem Wisch meines Zeigefingers von oben nach unten auf meinem Mobiltelefon. Es zeigt das Wetter und den ersten Termin. Dann miCal: alle Termine, Deadlines, Geburtstage, Verabredungen. Danach Twitter und Instagram für einen ersten Überblick. Wenn mir meine Töchter danach noch Zeit lassen: Feedly, mein selbst kuratiertes Lieblingsmagazin. Ich bin leider nicht so gut darin, Apps aktuell zu halten, aber bei Feedly ist es mir bisher gelungen, wirklich all meine Lieblingsblogs und Online-Magazine reinzuziehen, so dass ich mich allein dadurch gut unterhalten und informiert fühle. Feedly ist sowas wie mein automatisiertes digitales Archiv.

Einmal pro Woche, immer sonntags, teile ich meine wertvollsten Links der Woche auf meinem Blog Kaiserinnenreich. Diese Wochenrückblicke werden mit der Zeit mein persönliches Archiv. Wenn ich daran denken würde, immer sinnvoll zu taggen, wäre es vielleicht sogar eine Sammlung, in der ich etwas wiederfinden könnte, wenn ich es suche...

In meinen Lieblingslinks der Kaiserlichen Woche geht es vor allem um die Themen, über die ich als Bloggerin und vor allem als Journalistin schreibe: Inklusion, Feminismus, Familie, (Chancen-)Gerechtigkeit, Vereinbarkeit. Ich lese total gerne die Texte von Anastasia Umrik, Ninia La Grande und Laura Gehlhaar. Diese drei tollen Frauen schätze ich sehr, weil Inklusion bei ihnen nicht mit dem Zeigefinger thematisiert wird, sondern so nebenbei, ganz selbstverständlich, locker-leicht mitschwingt. Und weil sie alle drei lässig sind und lustig und gut schreiben. Ich liebe die Perspektivwechsel, die mir das Lesen von Blogs ermöglichen, und bin dankbar für viele Horizonterweiterungen, die ich täglich per Blogtext oder Tweet oder Instagram-Bild gereicht bekomme.

Von Antje Schrupp (kürzlich auch hier im Medienmenü zu Gast) lerne ich viel über Care-Arbeit, von Journelle über das Leben – Untertitel ihres Blogs ist „Ficken, Fressen, Feminismus“. Könnte von mir sein. Leider nicht von mir sein könnten die Texte von Margarete Stokowski, ich bin nicht cool genug. Ich heule jedes Mal vor Freude über ihre scharfzüngigen und schlauen Artikel in der Kolumne „Luft und Liebe“ bei der taz. Meine zweite Lieblingskolumne ist „Mama Jochen“ bei ZEIT Online, in der Jochen König anhand seiner Familiengeschichte über Feminismus, Rollenverteilungen und Klischees schreibt. Immer gut: Kleinerdrei. Ich mag die Themenvielfalt, vor allem freue ich mich dort über die Artikel von Andrea Meyer, die gemeinsam mit ihrer Frau zwei Kinder hat und erzieht und phänomenal darüber schreibt. Ein großes Schreibtalent ist auch Liz, die sich mit ihrem Blog Kiddo the Kid in mein Herz geschrieben hat. Ich schätze ihren feministischen Blick auf Elternschaft, so wie den von Katja Grach auf KrachBumm und die vielfältigen Perspektiven bei umstandslos. Und manchmal klicke ich gern auf schöne Seiten, auf denen es um andere Dinge geht. Zum Beispiel nachhaltigen Stil, Fotografien, Texte oder den Blick hinter die Dinge.

Nach wie vor blättere und lese ich mich gerne durch Magazine und Zeitungen. In meinem Briefkasten landen das MISSY Magazine und die NIDO, außerdem Menschen, das Magazin der Aktion Mensch, und der Ohrenkuss, ein Magazin, das von Menschen mit Down-Syndrom gemacht wird. Zum Glück gibt es das Interview-Magazin Galore wieder – ich schätze gute Gespräche, selbst geführt oder selbst gelesen. DUMMY und brand eins kaufe ich nach Thema – also ziemlich oft. Wenn ich mich reich fühle, abonniere ich immer mal wieder DIE ZEIT; und schaffe dann meist doch nur, das ZEIT Magazin zu lesen. So entgingen mir zum Glück nicht die großartigen Texte der Journalistin Sandra Roth, die über das Leben mit ihrer schwerbehinderten Tochter Lotta geschrieben hat, und auch nicht ihr Buch „Lotta Wundertüte“, das so viel und klug und gut beobachtet über Menschen, Liebe, Inklusion, Klischees und Gerechtigkeit erzählt, dass ich mir wünschen würde, dass alle es lesen – egal, ob Eltern oder nicht, egal, ob behindert oder (noch) nicht.

Ich lese mittlerweile fast alles auf meinem Mobiltelefon, oft auch Bücher. Mein allerliebstes, das ich noch gedruckt gelesen habe: „Was ich liebte“ von Siri Hustvedt. Für mich ist das Lesen auf dem iPhone praktisch, wenn ich neben meiner kleinen Tochter im Bett liege. Das iPad ist mir dafür zu unhandlich – das nutzen vor allem meine Töchter. Meine große Tochter ist stark sehbehindert, sie spielt mit Apps, die extra für sehbehinderte Kinder gemacht sind. Meine kleine Tochter schaut „Peppa Pig“. Zusammen mit beiden Töchtern lese ich gerne Bücher, die für blinde Kinder gemacht sind. Davon haben wir alle was – leider ist die Auswahl nicht sehr groß. „Emmi im Schlummerland“ finden meine Kinder am tollsten, und auch meine sehende Tochter streicht gern mit ihren Fingern über die Braille-Schriftzeichen.

Im Büro läuft Facebook meistens im Hintergrund. Von dort aus rufe ich die meisten Links im Lauf des Tages auf; Nachrichten, Politik, Videos. Bei Instagram und Twitter bin ich nebenher auf meinem Mobiltelefon. Instagram ist dabei meine nutzloseste und liebste App – ich liebe es, die kleinen hübschen Momente des Alltags festzuhalten und mit anderen Menschen zu teilen. Gerade in der letzten Zeit habe ich viele tolle Menschen über Instagram kennen gelernt. Die App macht mir also in zweifacher Bedeutung das Leben schön(er).

Arbeiten kann ich gut zu Musik; leider nicht so gut, wenn Menschen sprechen. Deshalb höre ich Podcasts eher abends im Bett, wenn meine Töchter schlafen – am liebsten den Lila Podcast und Mutterskuchen. Musik gern und viel über iTunes oder Spotify. Ich habe allerdings keine Zeit (und Lust) mehr, mir Listen zusammen zu stellen, wie ich es früher gemacht habe. Toll ist, wenn andere Menschen das für mich übernehmen – zum Beispiel Frank Spilker in seiner Sendung „Frank-a-delic“. Eine super Mischung aus guten Sätzen und neuer Musik finde ich in den Newslettern der Hanseplatte, dem lässigsten Schallplattenladen Hamburgs, und Staatsakt, dem spannendsten Plattenlabel Berlins – mindestens.

Ansonsten entscheide ich oft nach Bauchgefühl und höre dann manchmal einen ganzen Arbeitstag ein einziges Album in Dauerschleife. Aktuell schreibe ich am flowigsten mit Angus & Julia Stone. Morgens und an Feiertagen höre ich Radio1, und das schon seit 13 Jahren. Meine liebste Radiosendung ist die Hörbar Rust, die ich – falls ich sie mal verpasse – als Podcast nachhöre. Das Konzept ist für mich gemacht! Zwei Stunden erzählt ein Gast seine Lebensgeschichte und spielt die für sie/ihn wichtige lebensbegleitende Musik. Herrlich! Wenn ich einen unerfüllten Berufswunsch habe, dann ist es der, den Job von Bettina Rust zu übernehmen.


Mareice Kaiser arbeitet als Journalistin vorwiegend zu den Themen Inklusion, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Feminismus. Über ihr inklusives Familienleben als Mutter von zwei Kindern – mit und ohne Behinderung – berichtet sie seit Anfang 2014 auf dem inklusiven Familienblog „Kaiserinnenreich“.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.