„Ich möchte jetzt nicht wie ein Stalker rüberkommen, aber...“

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1998 bestellten meine Eltern den Tagesspiegel ab und abonnierten stattdessen die Berliner Zeitung. Keine Ahnung, warum. Ost-Berlin war für mich bis dahin etwas Fernes gewesen, etwas sehr Graues, sehr Uninteressantes. Etwas Ärgerliches höchstens: Die Ossis hatten nach dem Fall der Mauer alle Smarties in unserem Supermarkt aufgekauft, weswegen auf der Torte zu meinem sechsten Geburtstag keine Smarties waren, obwohl ich mir das sehr gewünscht hatte. Die Wiedervereinigung fand in meinem Kopf erst statt, als ich fast zehn Jahre später in dieser Berliner Zeitung die Texte von Alexander Osang entdeckte.

Der erste Osang-Text, den ich las, war das Porträt der Radrennlegende Täve Schur, und dass ich ihn las, muss ein Zufall gewesen sein, denn mir sagte der Name Täve Schur nichts, und ich habe mich nie für Radrennen interessiert. Aber als ich fertig war mit dem Lesen, da meinte ich, diesen älteren Herrn, der gerade für die PDS in den Bundestag wollte, reden zu hören, und da hatte ich etwas gelernt über dieses Land, das es nicht mehr gab und das nur unweit von meinem Zuhause gewesen war. Ich hatte aber auch das Gefühl, etwas über diesen Schreiber gelernt zu haben, weil auch er, seine Fragen und seine Haltung, zu hören gewesen waren in diesem feinen, aber doch harten Text.

Ich möchte jetzt nicht wie ein Stalker rüberkommen, aber seitdem habe ich, da bin ich mir fast sicher, jeden Text von Alexander Osang gelesen, auch die, die er geschrieben hat, bevor meine Eltern die Berliner Zeitung im Abo hatten. Mein eigentlicher Lieblingstext von Osang ist einer dieser frühen, er stammt aus dem Jahr 1992 und heißt „Mein Heim ist doch kein Durchgangszimmer“ (Berliner Zeitung 1992), Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, lange her, doch wieder beklemmend nah.

Hans-Dieter Witt ist einer jener Zeitgenossen, die das Leben gern mit Sprichwörtern kommentieren. Nie werde ich vergessen, wie er, nur mit einem weißen gerippten Schlüpfer bekleidet, in seinem nächtlichen Treppenhaus stand und deklamierte: ‚Schau vorwärts und nie zurück, neuer Mut bringt neues Glück’.

Ich mag an der Reportage, dass es Osang gelingt, diesen schwer erträglichen Mann namens Witt als eben diesen zu beschreiben, ohne auf ihn drauf zu hauen, Osang beschreibt Witt fast liebevoll inmitten all des Hasses, jedenfalls liebevoll genau. Aber ich glaube, ich mag diese Reportage auch besonders, weil der Autor ganz nebenbei und souverän als „ich“ auftaucht, manchmal auch als Teil eines „wir“ – aber nicht, um sich selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern um etwas Wahrhaftiges zu erzählen. Es ist, wie oft bei Osang, keine Ich-Reportage, aber es ist auch deshalb eine so gute Reportage, weil sie nicht so tut, als sei der Reporter nicht da, als sei da kein Ich vor Ort und an der Tastatur.


Bei Stuckrad-Barre ist es natürlich anders. Da ist das Ich dauerpräsent, dauernervös. Nur so kommen ja all diese famosen Beschreibungen zustande, die er für die Szenen findet, in die er sich schmeißt (mir fällt, ich weiß nicht, aus welchem seiner Texte, sofort das Hotelzimmer ein, das er als „eingerichtet wie das Weltbild von Peter Hahne“ schildert).

Stuckrad-Barres Reportage-Buch „Deutsches Theater“ (Kiepenheuer & Witsch 2008) habe ich damals geliebt. Diesen Selbstversuch „Ganz unten im Norden“ (Die Welt 2001) als Aushilfe bei Gosch auf Sylt ganz besonders. Fand ich cool. Mit etwas Abstand kann ich sagen: Finde ich immer noch cool. Auch, weil Stuckrad-Barre so, als Protagonist, viel mehr über die Insel, das prekäre Arbeitsleben und über Krabben erzählt, als wenn er sich statt in sein eigenes Hirn in die Hirne fremder Menschen gegraben hätte. Besonders cool natürlich der irre Schluss, volles Reporterglück, ich verrate das einfach schon mal: Stuckrad-Barre wird vom „Wirt des Jahres“ höchstpersönlich rausgeschmissen.

WEISST DU WAS, KERL? DU PACKST JETZT DEINE SACHEN, JETZT, SOFORT, LASS DICH HIER NIE WIEDER BLICKEN!“ „Aber Herr Gosch, hören Sie, ich meine doch nur ...“ „ES REICHT, ZIEH DIE SCHÜRZE AUS!

Habe ich nie vergessen seit dem ersten Lesen, die Szene. Mir fällt auf, dass ich hier selbst viel zu oft „ich“ schreibe, aber andererseits zeichnet das doch wirklich gute Reportagen aus: Dass sie für mich und mein Leben einen Unterschied gemacht haben, wenigstens kurz.


Um ehrlich zu sein waren das gerade zwei Ausnahmen. Ich kann mich an die allermeisten guten Reportagen, die ich gelesen habe, schon längst nicht mehr erinnern. Bei Anne Kunzes Reportage „Die Schlachtordnung“ (Die Zeit 2014) liegt es aber definitiv nicht nur daran, dass es noch nicht lange her ist, dass sie erschienen ist und ausgezeichnet wurde, dass sie mir noch sehr präsent ist. Es liegt vielmehr an dieser dystopischen Welt rund um die Schlachthöfe Niedersachsen, die Anne Kunze entdeckt und erlebt hat und die sie so nüchtern und doch kunstvoll und gewaltig schildert. Ein Text, der bleibt.


Patrick Bauer, geboren 1983 in Stuttgart, ist Reporter des Magazins der Süddeutschen Zeitung. Zuvor war er Chefredakteur der Magazine NEON und Nido. Für seine Reportage „Nass und Gewalt“ gewann er dieses Jahr gemeinsam mit dem Fotografen Andy Kania den Hansel-Mieth-Preis. Ende August erscheint bei Rowohlt sein Tatsachenroman „Der Anfang am Ende der Welt“.

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Reportagen.fm
Illustration: Veronika Neubauer