Von 100 entscheidenden Wörtern und deutschem Bier

Von 100 entscheidenden Wörtern und deutschem Bier

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Dieser Text ist Teil unserer Themenwoche.

Ein neuer Tag in Berlin. Ich checke die Wetter-App auf meinem Handy. In Athen ist es kochend heiß, in Berlin trage ich ein langärmeliges Hemd. Klingt wie ein Klischee, aber es ist wahr: Für einen Griechen spielt das Wetter eine große Rolle in seinem Leben. In Berlin, vermute ich, ist das Wetter um Klassen besser für ein Treffen, bei dem man nicht wie ein Pferd schwitzt.

Ich treffe die Journalistin Katerina Oikonomakou in einem gemütlichen Café in Friedrichshain. Oikonomakou pendelt zwischen Berlin und Athen, für Krautreporter hat sie über die griechischen Wahlen berichtet. Sie findet, dass „diese beiden Städte viel gemeinsam haben, es sind beides freundliche, einladende Orte. Für einen Newcomer ist es einfach, sich in Athen oder Berlin zu Hause zu fühlen.“ Ich kann mich noch gut an den ersten Eindruck erinnern, den Berlin bei mir hinterließ: wenig Straßenlärm und ein entspannter und unbeschwerter Alltag. Was Infrastruktur, Lärm und Luftverschmutzung betrifft, ist Athen eine schwierige Stadt zum Leben. Auf jeden Fall gibt es einen großen Unterschied im Lebensstandard der Bürger. Trotzdem sind die Athener - selbst wenn sie mit Recht frustriert, erschöpft und auch traurig sind - noch warme, offene, an anderen interessierte Menschen. Die Stadt hat ein lebendiges kulturelles Leben. Wenn ich von Athen nach Berlin oder in umgekehrter Richtung flog, war der einzige Schock, den ich manchmal erlebte, der plötzliche Abfall oder Anstieg der Temperatur. Das ist alles.

Katerina Oikonomakou ist Griechin, aber lebt seit drei Jahren in Berlin. Wir hatten sie vor der Wahl in Griechenland gebeten, ihre Heimat Athen zu besuchen. Ihre Begegnungen mit Freunden, Bekannten und Leuten auf der Straße in dieser Woche hat Katerina für Krautreporter aufgeschrieben. Entstanden ist das Porträt einer Stadt, die in Depression versinkt.

Aber abgesehen vom Wetter diskutiere ich mit Katerina darüber, welche großen Veränderungen sie bei der griechischen Politik bemerkt hat, und auch darüber, welche großen Veränderungen die von Syriza geführte Regierung bislang umgesetzt hat. Sie sagt:

"Die wichtigsten Änderungen unter der Syriza-geführten Koalitionsregierung hängen in erster Linie mit der Verschlechterung einer bereits schwachen Wirtschaft zusammen und der anschließenden Einigung auf ein drittes Rettungsprogramm (Memorandum), verbunden mit einem Sparkurs, der strenger ist als jemals zuvor. Damals im Januar hat Syriza mit dem Versprechen Wahlkampf gemacht, die Sparmaßnahmen zu beenden und das Land in der Eurozone zu halten. Herr Tsipras hatte sogar wiederholt gesagt, im Falle seiner Wahl werde er das Memorandum mit einem einzigen Gesetz zerfetzen. Allerdings haben sich die wirtschaftlichen Aussichten Griechenlands drastisch verschlechtert, zu einem großen Teil wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit, die ein Ergebnis der fünf Monate langen Verhandlungen zwischen der Syriza-geführten Koalitionsregierung und den Gläubigern des Landes waren. Hinzurechnen sollte man die Kosten durch Schäden an der Wirtschaft nach den Kapitalkontrollen. Für eine Gesellschaft, die mit Sparmaßnahmen in die Knie gezwungen wurde, bedeutet dieser Unterschied schlicht trübere Aussichten.

Die zweite große Veränderung, die stattgefunden hat, hängt eng mit der Volksabstimmung im Juli zusammen: die Spaltung der griechischen Gesellschaft - die sich schon im Januar abgezeichnet hat - und die Normalisierung eines höchst umstrittenen Prozesses. Damit meine ich die Art und Weise, wie die Volksabstimmung durchgeführt wurde. Am 5. Juli sollten Millionen von griechischen Bürger eine 100 Wörter lange Frage beantworten, die übersetzt lautet:

Soll der von der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds der Eurogruppe am 25. Juni vorgelegte Entwurf einer Vereinbarung, der aus zwei Teilen besteht, welche einen einheitlichen Vorschlag darstellen, angenommen werden? Das erste Dokument ist überschrieben “Reformen für die Beendigung des laufenden Programms und darüber hinaus', das zweite 'Vorläufige Schuldentragfähigkeitsanalyse.

Mögliche Antworten waren: Nicht angenommen - Nein und angenommen - Ja. Als Anlage gab es zwei technische Unterlagen, jede von ihnen viele Seiten lang. Zwei Tage nach der Ankündigung des Referendums stellte die griechische Regierung eine 34 Seiten lange übersetzte Version der Dokumente online. Nur fünf Tage hatten die Bürger - die überwiegende Mehrheit keine ausgebildeten Ökonomen - Zeit, um die beiden Dokumente zu verstehen. Was die ganze Sache noch schwerer begreiflich machte, ist, dass diese Bedingungen für eine Rettungsaktion überhaupt nicht mehr auf dem Tisch waren. In meinen Augen kann man dieses spezielle Referendum kaum einen Triumph der Demokratie nennen. Und dass es angenommen wurde, macht es zu einem beunruhigenden Präzedenzfall."

Katerina hat mir sehr gutes Feedback für meine nächstes Interview gegeben, diesmal mit einem erklärten Linken. Ich würde ihn später bei unserem Treffen fragen, ob er glaubt, dass Tsipras bislang erfolgreich ist, und was er täte, wenn er in dessen Haut stecken würde.

Wir gehen zu Fuß nach Mitte zu den Büros der Linken, um Bernd Riexinger, einen der beiden Parteivorsitzenden, zu treffen. Beim Spaziergang durch die ruhige Nachbarschaft voller Bio-Supermärkte im Stadtteil Prenzlauer Berg gönnen wir uns eine Wurst vom Imbiss auf der Straße. In einer Galerie hängt ein Poster mit dem Ausspruch: “Meine Frau macht den Abwasch, ich mache die Revolution.” Würde das jemals auf Tsipras zutreffen?

Tassos Morfis

In meinem Interview mit Riexinger geht es zuerst um Tsipras. Ich frage ihn, was er tun würde, wäre er an der Macht. “Ich würde dafür kämpfen, dass die Vereinbarungen nicht 1: 1 umgesetzt werden, sondern dass im Vordergrund Investitionen stehen", antwortet er. Ob Tsipras erfolgreich ist, kann er nicht wirklich sagen. Aber wenn es weiter abwärts geht, würde es für Syriza schwer werden. In der kommenden Stunde sprechen wir über das Verhältnis der Linken zu Griechenland, über die griechische Kommunistische Partei, die er Sektierer nennt und den Grexit.

Außerhalb des Büros der Partei hängt ein Metallschild an der Wand, das den deutschen Antifaschisten gewidmet ist, die ihr Leben für die Arbeiterklasse gaben. Es bringt mich auf den Gedanken, Riexinger nach der Arbeiterklasse zu fragen. Er gibt zu bedenken, ob in diesem Zusammenhang nicht auch andere Wege jenseits des staatlichen Kapitals eingeschlagen werden müssten.

Bernd Riexinger ist seit drei Jahren neben Katja Kipping einer der beiden Vorsitzenden von Die Linke: Erfahrener Gewerkschafter aus dem Südwesten der Republik, Sozialist, Pazifist - ein Linker, aber ein undogmatischer.

Foto: Michael Breyer

Auf der Internetseite der Linken finden sich viele Fotos, auf denen Parteimitglieder mit Bannern posieren, wie „Solidarität mit Griechenland“ oder „Wir gehen von Griechenland, die wir Europa verändern“. Griechenland muss ihr eine Menge bedeuten, der Linken.

Am Ende gibt Riexinger mir einen warmen Händedruck und wünscht mir: „Good Luck.“ Ich weiß nicht, für wen es gemeint ist: für mich oder für Griechenland? Ein weiterer Tag geht zu Ende und ich bin auf dem Weg zurück in die Straßen von Friedrichshain, um einige Biere zu trinken. Dort treffe ich ein paar Freunde von einem Erasmus-Aufenthalt in Lissabon. Und während damals alle feierten und eine schöne Zeit hatten, sind die Dinge jetzt ganz anders. Wir haben immer noch eine schöne Zeit, aber jetzt hat jeder nicht nur ein paar Extra-Kilos, sondern einen Vollzeit-Job, einen Partner und denkt darüber nach, was als nächstes kommt. Aber egal, wie die Politik unser Leben beeinflusst, wir sind Freunde und haben Spaß zusammen, wie ich ihn mit meinen griechischen und deutschen Freunden auch habe. Am Ende des Tages werden wir erkennen, dass diese ganze Sache des Grexit, der Gründungsurkunde und der Rettungsaktion kein Krieg zwischen Deutschland und Griechenland ist, sondern dass nur populistische Politiker und Medien ihn uns auf diese Weise präsentieren. Letztlich funktioniert Kapitalismus so. Und wenn man es schon als Krieg sehen will, dann ist es wahrscheinlich ein Finanzbürgerkrieg innerhalb des Staates namens Europa, nicht ein nationaler Krieg. Es ist spät geworden, und alle müssen am nächsten Morgen früh raus, um zur Arbeit zu gehen.


Aufmacherbild: Tassos Morfis

Tassos Morfis schreibt für das Athener Online-Magazin Popaganda und arbeitet als Journalist für internationale Medien. Als Producer der Foto- und Video-Agentur FOS Photos produziert er Dokumentarfilme, zuletzt für den bekannten britischen Journalisten Paul Mason (Channel Four). Sein Projekt Athens Live ist eine Art griechischer Krautreporter.