„Wir müssen alles neu aufbauen“

„Wir müssen alles neu aufbauen“

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Sebastian: Jede Wirtschaftskrise trifft die Medien, denn ohne Anzeigen verdienen Zeitungen und Sender kein Geld. Die extreme Rezession hält in Griechenland schon seit fünf Jahren an. Wie kommt ihr als Journalisten und Filmemacher damit klar?

Gerasimos: Wir verdienen einfach kein Geld mit Journalismus. Die meisten von uns müssen für Unternehmen arbeiten oder Werbung machen, um zu überleben.

Heißt das, ihr werdet gar nicht bezahlt?

Angelos: Schon, aber sehr viel schlechter als vor der Krise.

Ihr habt Familien, ihr müsst essen. Welche Strategien habt ihr entwickelt, um über die Runden zu kommen?

Gerasimos: Die meisten, die für Mainstream-Medien arbeiteten, tun das inzwischen nicht mehr. Die Löhne sind einfach zu niedrig, und in vielen Fällen werden sie gar nicht ausgezahlt. Das ist also sinnlos geworden. Wenn wir journalistisch arbeiten, veröffentlichen wir unsere Geschichten selbst, statt sie an klassische Medien zu verkaufen. Wir selbst sind also unsere eigenen Auftraggeber.

Weitere Teile unserer Themenwoche findet ihr im Inhaltsverzeichnis unter diesem Beitrag.

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Tassos: Das größte Problem ist, dass die Medien, die genügend Geld für investigativen Journalismus hätten, diesen nicht mehr betreiben. Niemand bezahlt mehr die Journalisten, die wirklich etwas herausfinden wollen. Die tun es für sich selbst oder für unabhängige Medien – oder für ausländische Medien.

Es gibt also zwei Probleme: erstens die katastrophale wirtschaftliche Lage und zweitens Korruption. Die Leute, denen die Medienunternehmen gehören, sind eng verbunden mit der Politik.

Tassos: Genau. Und das ist der Grund, warum Syriza sofort den staatlichen Fernsehsender ERT wiedereröffnet hat: Sie brauchten einen eigenen Fernsehsender, denn Fernsehen ist sehr wichtig in Griechenland. ERT war ihre einzige Chance, ihre Meinungen und Statements auf nationaler Ebene bekannt zu machen.

Gerasimos: … eine gefährliche Sache, ein solcher Sender unter Parteieinfluß.

ERT ist nun also der Syriza-Sender – sie tun also genau das gleiche, wie die vorherigen Regierungen.

Angelos: Ganz so schlimm wie früher ist es nicht. Aber letztendlich ist ERT ein staatlich kontrollierter Sender.

Nun haben wir schon wieder ein sehr verzweifeltes Bild gemalt von der Situation in Griechenland. Aber was können wir dagegen tun? Was sind eure Pläne?

Yannis: Zu behaupten, wir hätten einen konkreten, ausgearbeiteten Plan, wäre vielleicht nicht gelogen, aber ziemlich übertrieben. Wir wissen einfach nicht, was im nächsten Monat sein wird, wir müssen uns von Tag zu Tag hangeln. Aber das ist der Plan: Unser Projekt Athens Live ist eine englischsprachige Plattform mit Nachrichten, Bildern und Geschichten aus Griechenland. Wir wollen die aktuellen Ereignisse und den Alltag in Griechenland so erzählen, wie wir sie wahrnehmen. Die Berichterstattung in Griechenland, und auch in den internationalen Medien, ist stark beeinflusst von der einen oder anderen Seite. Wir wollen die Geschichten erzählen, ohne einer Interessensgruppe dienen zu müssen. Damit wollen wir Leute außerhalb Griechenlands erreichen und unsere Geschichten so erzählen, dass sie auch für andere Europäer interessant sind.

Wie seid ihr auf die Idee für Athens Live gekommen?

Gerasimos: Als wir gemerkt haben, dass die Medien immer schlechter zahlen, haben wir beschlossen, eine eigene Fotoagentur zu gründen, FOS Photos. Wir hatten eine große Bilddatenbank, und mit diesen Bildern wollten wir etwas anfangen. Also haben wir Popaganda.gr mitgegründet, ein digitales Magazin für Musik und Kultur, das sehr erfolgreich ist. Der nächste logische Schritt wäre, für internationale Leser, die sich für griechische Politik interessieren, eine Plattform zu schaffen.

Yannis: Auch viele Griechen haben begonnen, ausländische Medien wie den Guardian, die New York Times oder Al Jazeera zu nutzen, weil sie glaubwürdiger sind als die griechischen Angebote.

Ihr wollt es also anders machen.

Tassos: Ja. Es gibt dabei zwei Aspekte. Zum einen liegen die griechischen Medien am Boden. Damit wir diesen Job machen können, muss das Geld dafür von außerhalb Griechenlands kommen. Der andere Aspekt ist ideell: Jemand muss die Geschichte so erzählen, wie sie wirklich passiert. Leute vor Ort müssen die Geschehnisse aus dem Zentrum Athens in die Welt hinaus tragen. Das macht im Moment niemand. Die einzigen englischsprachigen Berichte sind Übersetzungen der griechischen Mainstream-Medien. Allein daran merkst du schon: Das ist ein Problem.

Gerasimos: Der Erfolg des „Nein“ im Referendum war auch eine Reaktion auf die Propaganda-Kampagne der griechischen Medien für ein „Ja“. Die Griechen wollten nicht, dass die Medien ihnen sagen, was sie zu wählen haben.

Tassos: Kurz vor dem Referendum waren die Leute auf der Straße und riefen Slogans gegen die griechischen Journalisten. Hunderttausend Leute riefen: „Diebe, Arschlöcher, Journalisten.“ Yannis und ich guckten uns an und sagten: „Was ist hier los?“

Angelos: Früher haben so etwas nur die Anarchisten gerufen. Nun ist es ein Mainstream-Slogan.

Ihr habt erzählt, dass deutsche und andere europäische Journalisten, für die ihr manchmal arbeitet, oft auf der Suche nach einer Klischee-Story aus Griechenland sind. Welche Klischees sind das?

Tassos: Rentner vor einer Bank, weinend. Arme Leute, Leid.

Was fehlt in diesem Griechenland-Bild? Was möchtet ihr ergänzen?

Gerasimos: Wir wollen eine ausgewogenere Wahrheit zeigen. Klar, die Banken sind geschlossen. Aber es gab auf den griechischen Straßen keine Panik deswegen.

Tassos: Angeblich gab es Engpässe in den Supermärkten: Zu wenig Nudeln oder Reis in den Regalen. Also haben wir einfach Bilder auf Twitter gestellt, die die vollen Regale zeigten. Das mag ein kleines Detail sein, aber es zeigt, wie Social Media und alternative Formen der Berichterstattung näher an der Wahrheit sein können.

Aber zurück zu Deiner Frage: Wir wollen berichten, was in Athen passiert. Wenn es Bilder von randalierenden Jugendlichen in den Straßen gibt, dann ist vielleicht direkt daneben eine große Party, eine Galerie-Eröffnung oder etwas ähnliches, mit fantastischen Künstlern und internationalem Publikum. Athen ist im Moment eine sehr ungewöhnliche Mischung aus Politik und Kultur, die es zu einer außergewöhnlichen Stadt macht. Es ist kein Zufall, dass die Dokumenta 2016 in Athen stattfinden wird.

Yannis: Die destruktive Seite von Athen ist natürlich für ausländische Medien leichter abzubilden. Dabei geht das Konstruktive, auch das Alltägliche verloren. Diese Kontraste wollen wir zeigen.

Gerasimos: Das Interessante an Athen ist, dass wir im Moment sehr nahe an einem Neustart sind. Die Dinge kollabieren und wir müssen alles neu aufbauen. Deswegen kann es nicht die eine Geschichte geben, die beschreibt, was wirklich passiert. Es muss eine Reihe von Geschichten über diese Metropole geben.

Angelos: Was denkst du zum Beispiel darüber, dass nun – mitten in der Krise – alle Athener Urlaub machen?

Na ja, es ist sicher sehr heiß in Athen gerade, oder? Aber du meinst, die Europäer denken vielleicht, die Griechen sollten lieber arbeiten, statt Urlaub zu machen?

Angelos: Klar, und deshalb wäre es wichtig zu wissen, dass die meisten von uns zelten gehen oder in die Dörfer ihrer Familien fahren, also sehr billige Ferien machen.

Das Leben für viele Griechen ist sehr hart. Gleichzeitig ist das politische Drama im Moment einfach die interessanteste Geschichte Europas. Mit eurer Idee, eine journalistische Alternative für griechische und ausländische Medien zu sein, müsstet ihr also genau zur rechten Zeit kommen. Wie optimistisch seid ihr, dass die Leser euch auch mit Geld unterstützen werden?

Gerasimos: Ich glaube schon, dass es viel Interesse und auch die Bereitschaft dafür gibt, Geld auszugeben. Ich interessiere mich auch dafür, wie es gerade in Berlin zugeht.

Es geht also auch um Europa, um Kommunikation zwischen Europäern?

Gerasimos: Ja! Wir können uns zusammentun, um bessere Nachrichten zu bekommen.

Angelos: Das wichtigste ist das Netzwerk, das auf diese Weise entsteht. Ein Netzwerk unabhängiger Medien in allen europäischen Ländern.

Tassos: So ein europäisches Netzwerk ist mindestens genauso wichtig wie der politische Prozess. Wir Europäer haben inzwischen eine gemeinsame Kultur. Wir reisen viel, wir haben Freunde in verschiedenen Ländern, wir schauen die selben Fernsehserien, wir teilen die gleichen kulturellen Grundlagen. Während Wirtschaftspolitik und Finanzverhandlungen dabei sind, das alles zu zerfleddern, ist es besonders wichtig, die Nachrichten aus ganz Europa aufzuschreiben.

Das überzeugt mich. Wie kann ich als Krautreporter-Leser euch unterstützen, damit dieses Projekt Wirklichkeit wird?

Tassos: Wir werden so bald wie möglich eine Crowdfunding-Kampagne starten, wahrscheinlich schon im September. Die einzige Ungewissheit: Falls es politische Verwerfungen gibt, müssen wir für internationale Medien arbeiten. Andererseits ist die Dringlichkeit dann offensichtlicher. Unser Büro ist im Zentrum der Stadt, wir sind immer nur ein paar Schritt entfernt vom politischen Geschehen. Wir sind ein Teil der Geschichte, das kann uns helfen. Leute in ganz Europa können uns dann unterstützen. Das ist ein Weg, Solidarität zu zeigen, besser als „Oxi“ auf Facebook zu posten.

Alles klar, dann sprechen wir uns bald wieder!

Gerasimos: Ja – aber vorher schreiben wir dir einen Bericht, wie es sich anfühlt, absolut gar nichts zu machen. Die vergangenen sechs Monate waren sehr, sehr anstrengend für uns Reporter.