Deutsche Chemie in der Popkultur

Heisenberg kocht deutsch

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Eigentlich hat unser Recherche-Thema zur „Sicherheit der Fabrik nebenan“ nicht viel mit einer amerikanischen TV-Show zu tun. Eigentlich hat aber auch eine amerikanische TV-Show nicht viel mit deutscher Industriekultur zu tun. Aber vor zwei Jahren saß ich mit meinem Kollegen Nils Kreimeier zusammen und sprach mit ihm über die letzte Staffel der US-Chemie-und-Drogen-Saga „Breaking Bad“. Nils wies mich darauf hin, dass die Serie gespickt sei mit Bezügen zu Deutschland und geschickt die erste globale Erfolgsindustrie dieses Landes einbeziehe: die Chemieindustrie.

Diese begann ihren Siegeszug noch bevor Siemens mit seinen Elektrogeräten und Daimler mit seinen Autos Erfolg hatten: Konzerne wie Bayer, Hoechst und BASF wurden in den 1860er Jahren gegründet, Chemiker wie Otto Hahn und Fritz Haber erlangten Weltruhm Anfang des 20. Jahrhunderts. „Das muss ich eigentlich mal aufschreiben“, sagte Nils. Vor ein paar Wochen erinnerte ich mich wieder an diesen Moment und lud ihn ein, das für Krautreporter zu tun.

Rico Grimm


Boetticher, Ehrmantraut, Fring, Schrader, Schwartz, Merkert, Welker, Beneke - es klingt ein bisschen wie die Aufstellung einer westfälischen Kickertruppe in den 50er Jahren. Doch diese Reihe von Namen verbindet in all ihrer Deutschheit etwas völlig anderes. Sie werden von Figuren getragen, die in einem der größten Kunstwerke auftreten, die die amerikanische Kultur in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat: in der Fernsehserie „Breaking Bad“. Das epische Drama um den gedemütigten Chemielehrer Walter White, der als mordender Drogenboss seine Erfüllung im Leben findet, spielt in New Mexico. Aber der Produzent und Schöpfer Vince Gilligan hat Breaking Bad so konsequent mit deutschen Bezügen aufgeladen, dass spätestens ab der dritten Staffel klar wird: Das kann kein Zufall sein. Wir haben es mit einer deutschen Parabel zu tun.

Walter und Hank trinken "Schrader Bräu"

Foto: Lewis Jacobs/AMC

Die Fülle deutscher Namen ist dabei nur ein kleines Signal - bliebe es dabei, könnte man von einer puren Laune der Drehbuchautoren ausgehen. Schließlich bilden deutschstämmige Amerikaner die größte ethnische Gruppe in den USA - warum also nicht auch in New Mexico? Doch die Anspielungen gehen weit darüber hinaus. Whites Schwager Hank können wir dabei beobachten, wie er in einer Szene in der Garage ein selbst gebrautes Bier auf Flaschen zieht, das den schönen Namen „Schrader Bräu“ trägt. Hanks Frau fährt einen Volkswagen. Und es ist ein deutsches Industriekonglomerat mit Sitz in Hannover, die „Madrigal Elektromotoren GmbH“, über dessen Kanäle die Grundstoffe für Whites Crystal-Meth-Produktion geliefert werden.

Bier, Nazis und - natürlich - der Faust

Und dann ist da natürlich das nicht zu übersehende Nazi-Motiv. White nimmt das Pseudonym „Heisenberg“ an und beruft sich damit auf den Physiker, der im Dritten Reich an einer möglichen deutschen Atombombe forschte. Bei seiner Wandlung zum Drogenzaren schert sich White den Kopf kahl und bekommt so das bedrohliche Äußere eines modernen Rechtsradikalen. Je tiefer White in die Welt des Bösen abrutscht, desto stärker mehren sich die faschistischen Symbole. Wenn man so will: desto unamerikanischer wird er. Gegen Ende der letzten Staffel, als White versucht, mit Hilfe einer weißen Rassisten-Bande seine Haut zu retten, reicht ihm der Anführer der Truppe die Hand – auf der ein großes Hakenkreuz prangt. Der Chemielehrer schlägt nach einem Zögern ein und ist damit endgültig in der Hölle angekommen. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Foto: Ursula Coyote/AMC

Allerdings geht der deutsche Grundton in Breaking Bad noch tiefer. Die Schöpfer der Serie beschränken sich nicht darauf, Nazi-Symbole als Chiffre des abgrundtief Bösen einzusetzen. Der Held der Serie, Walter White, ist ein Faust, wie man ihn sich jenseits des Originals besser nicht ausdenken kann. Dem Erfolg ordnet er alles unter, er paktiert gleich mit einer ganzen Reihe von Teufeln und verliert dabei das Menschliche aus dem Blick. Sogar ein Gretchen gibt es – Whites frühere Jugendliebe Gretchen Schwartz spielt mit aller gebotenen Großäugigkeit eine prominente Nebenrolle.

Zugleich gibt der Darsteller Bryan Cranston die Figur des Walter White zuweilen so gekonnt linkisch und physisch unbeholfen, wie nur ein knochiger deutscher Wissenschaftler sich bewegen kann. Immer wieder betont White, wie wichtig ihm die Qualität seines „Produkts“ ist, also des Methamphetamins, das er herstellt. Es ist das, was seinen wirklichen Ehrgeiz ausmacht, nicht das Geld, nicht der Nervenkitzel, nicht einmal das Geschäftemachen an sich, sondern der Wille zur Perfektion. Und diese Besessenheit, diese Lust an der Genauigkeit und am präzisen Einsatz von Technologie, und zwar egal zu welchem Zweck – sie kann nur deutsch genannt werden.


Aufmacherbild: Frank Ockenfels 3/AMC


„Die Fabrik nebenan“ - welche Artikel bisher zu dem Thema erschienen sind

Dieser Artikel ist Teil eines Recherche-Projekts mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) zu den Fabriken in unserer Nachbarschaft. Dafür konzentrieren wir uns auf eine störanfällige Raffinerie im Kölner Süden. Darüber haben wir bisher berichtet: