Tanja Stelzer

„Wie mutig, wie schön!“

etwa 4 Min. Lesedauer

Ich habe die Reportage „Die Pille“ von Anne Zielke (SZ-Magazin 1997) gelesen, als ich Schülerin an der Journalistenschule in München war. Ich muss auch heute noch immer mal wieder an sie denken, weil die Autorin auf so vorbildliche Weise Nähe zu ihrem Protagonisten erzeugt und in seinen Kopf kriecht, ohne dass es etwas Anmaßendes, Mutmaßendes hätte. Das liegt daran, dass sie immer klarmacht: Es ist seine Darstellung. Er sagt das. Und sie schreibt es auf, wie es dichter nicht ginge.

Anne Zielke erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der die Modedroge Ketamin genommen hat. Inzwischen sind andere Drogen modern, aber diese Geschichte ist mir noch immer im Ohr: „Dreihundert. Zweihundertneunundneunzig. Vielleicht würde etwas anders sein heute. Das Blut klopfte im Sekundentakt. Zweihundertachtundneunzig. Zweihundertsiebenundneunzig. Vielleicht, klopfte es, ist die Hölle ein kleiner, roter Raum.“

Der Text hat einen Sog, wie ihn wohl auch das Ketamin hat. Und immer wenn man denkt: Das ist jetzt Literatur, das ist gar kein Journalismus, dann wird man eines Besseren belehrt, nein, eben nicht belehrt, sondern: Man erfährt es nebenbei. Das ist vielleicht das Tollste an diesem Stück: wie Erzählung und Information miteinander verwoben sind.


Ich habe ziemlich schlechte Augen, und zu den frühen Erinnerungen meiner Kindheit gehört, dass ich in die „Sehschule“ ging. Schon damals fand ich die Idee, dass man das Sehen lernen könnte, faszinierend. Vielleicht könnte es auch eine Sehschule für Journalisten geben? Als Lehrerin müsste man jedenfalls die französische Schriftstellerin Yasmina Reza gewinnen. Vom Frühjahr 2006 an hat sie Nicolas Sarkozy ein Jahr lang während des französischen Präsidentschaftswahlkampfs begleitet. Das Buch „Frühmorgens, abends oder nachts“ (Hanser 2007) ist erschienen, als Sarkozy längst im Élyséepalast saß. Man könnte denken, das ist langweilig: Beobachtungen aus einem Wahlkampf, der entschieden ist. Es ist aber einfach nur atemberaubend.

Yasmina Reza ist dabei, als Sarkozy im Hubschrauber einschläft, einen handgeschriebenen Zettel mit den letzten positiven Umfrageergebnissen in der Hand. In einem Hotel, kurz vor einem Auftritt Sarkozys, beobachtet sie, wie er sich intensiv mit der Titelseite des Figaro beschäftigt – und zwar mit einer Rolex-Anzeige unten rechts. Sie beschreibt die Stimmung bei einer Sitzung mit seinem Gefolge anhand der erst langsam, dann schnell, dann panisch wippenden Troddeln seiner Slipper.

Eine wirkliche Reportage ist dieser Text nicht, eher eine Notizensammlung mit Szenen, Dialogen, Reflexionen. Würde es sich um einen Zeitungstext handeln, würde mir vielleicht die Leserführung fehlen, bei diesem Buch vermisse ich sie kurioserweise nicht. Jedenfalls kann man sich etwas Wunderbares bei Yasmina Reza abschauen: wie man an einem Protagonisten nahezu kleben kann, ohne distanzlos zu werden. Sarkozys Privatleben, für das sich alle Welt interessiert, spart sie fast vollkommen aus. Gegen ihre eigene Eitelkeit, gegen die Gefahr, die Nähe zur Macht zu sehr zu genießen, wappnet sie sich mit Transparenz: Wenn sie befürchtet, sie könnte sich von ihm einwickeln lassen, schreibt sie es. Wenn sie ihn rührend findet wie ein Kind oder lächerlich, wenn sie an ihren eigenen Eindrücken zweifelt, schreibt sie es auch. Als würde sie nicht nur ihre Figur, sondern auch sich selbst mit kritischem Blick beobachten.

Ganz genau hingucken und dann einen Schritt zurücktreten: Das würde die Lehrerin Yasmina Reza ihren Sehschülern beibringen. (Eine Leseprobe finden Sie hier.)


Als Letztes möchte ich den Text einer jungen Autorin loben, die mich begeistert, weil sie einen so eigenen, direkten Ton hat. Paulina Cienskowskis Stück „Das Kind ist weg, die Gedanken bleiben. Verdammt“ (Die Welt 2014) ist ein nüchternes Protokoll, ohne jegliche Überhöhung. Die einzigen harten Fakten stehen im Vorspann: „Vor vier Monaten tat sie das, was über 102.000 Frauen jährlich in Deutschland tun: Für 400 Euro ließ die 25-Jährige ihr ungeborenes Kind abtreiben.“ Was dann kommt, ist so pur wie nur was.

Die Autorin hat auf alles Mögliche verzichtet: auf Hintergrundinformation, auf Überhöhung, auf Interpretation. Sie hat niemand anderen befragt, die Person nicht eingekreist, wie man das üblicherweise bei einem Porträt tun würde. Sie hat weder sich selbst noch ihre Protagonistin in Schutz genommen. Sie hat ganz ihrer Idee vertraut, einer radikalen Form. Wie mutig, wie schön!


Tanja Stelzer, geboren 1970 in Kronberg, studierte Germanistik und Politologie in Frankfurt am Main und Paris. Nach dem Besuch der Deutschen Journalistenschule in München ging sie als Redakteurin der Dritten Seite zum “Tagesspiegel”. Seit 2006 ist sie bei der „Zeit“. Sie war an der Neuentwicklung des „Zeit-Magazins“ beteiligt, dessen Stellvertretende Chefredakteurin sie später wurde. Seit 2012 ist sie beim ZEIT-Dossier, das sie gemeinsam mit Wolfgang Uchatius leitet. Tanja Stelzer wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Reporterpreis und mit dem Regino-Preis für herausragende Justizberichterstattung.

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Reportagen.fm
Illustration: Veronika Neubauer