Holi Shit

Holi Shit

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Farbbeutelwerfen

Image caption: Farbbeutelwerfen

Selfie-Sticks und Schlagstöcke

Image caption: Selfie-Sticks und Schlagstöcke

Holi-Gesichter

Image caption: Holi-Gesichter

Warten auf den Farben-Countdown

Image caption: Warten auf den Farben-Countdown

Sonntag, Berlin Prenzlauer Berg: Hunderte junger Menschen bewerfen sich vor einer riesigen LED-Wand mit farbigem Pulver. Zwei DJs auf der Bühne blasen Techno, House und aktuelle Pop-Hits in die Menge. Pünktlich zur vollen Stunde läuft ein Countdown, dann fliegen alle Farben gleichzeitig in die Luft. Ein dichter Farbsmog entsteht; alle reißen ihre Arme hoch, Party. Kurz darauf lichtet sich der Nebel wieder. 20 Euro kostete es, um beim „United Colours Of Love - das Holi Open Air” teilzunehmen, zwei Farbbeutel inklusive. “Holi steht für Ausgelassenheit, Fröhlichkeit und das bunteste Fest Indiens”, schreiben die Veranstalter.

Traditionen, Gebräuche oder auch Gerichte, die sich weltweit verbreiten, haben oft mit ihrem Ursprung fast nichts mehr gemeinsam: Zu Hummus oder Döner einen Ayran zu bestellen – ist das nicht eher ein deutscher Brauch? Kurse in “Power-Yoga”, Halloween-Feste im Kindergarten oder Henna-Tatoos in Madonna-Videos sind ein Ausdruck der globalisierten Erlebniskultur, die sich die Ausstrahlung alter Bräuche und Mythen fremder Kulturen borgt, um Konsum und Spaß exotisch zu würzen.

Seit dem vergangenen Jahr gibt es in Amerika einen Begriff für dieses Phänomen: Columbusing. Namensgeber ist Christoph Kolumbus, der Amerika entdeckte – allerdings lange Zeit nach den ursprünglich aus Nordostasien stammenden Ureinwohnern. Das Urban Dictionary, das neu entstehende Begriffe der Umgangssprache sammelt, definiert Columbusing folgerichtig so: “Wenn weiße Menschen behaupten, etwas erfunden oder gefunden zu haben, das es schon seit Jahren, Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten gibt.” Wahrscheinlich prägte ein Internet-Sketch der Seite College Humor den Begriff. Darin vereinnahmt ein weißer Student eine seit Jahrzehnten von Schwarzen frequentierte Bar für seine Freunde als neue Ausgeh-Location.

Mit Holi, dem Jahrtausend alten indischen Farbenfest, hat die Berliner Sommerparty wenig zu tun. Im März war ich in Indien und habe die beiden Dörfer besucht, in denen die Götter Krishna und Radha gelebt haben sollen. Ursprünglich wurde das Holi nur im Kreise der Familie gefeiert. Cousins und Cousinen durften sich über die Farben näher kommen und sogar ein wenig berühren: ein bisschen Farbpulver auf die Wange reiben. Dann bedankt man sich höflich und lacht. So war das zumindest früher.

Auch in Indien ist Holi inzwischen ein anderes als im vierten Jahrhundert – eher Farbenschlacht als Frühlingsbegrüßung. Gokul, ein Dorf in der Provinz Uttar Pradesh: Hier soll Krishna seine Kindheit verbracht haben. In dicken Farbwolken schieben sich Tausende von Einheimischen und ein paar Fototouristen durch die engen Gassen in Richtung Tempel. Straßenhändler bieten das Farbpulver am Straßenrand feil. Kinder und Jugendliche ziehen mit ihren kleinen Plastiktüten durch die Straßen und besprenkeln die Passantenströme. Gelb, Pink, Rot, Blau und das Grün, das sich auch nach Wochen nicht von der Haut waschen lässt – Hauptsache grell.

Berühren auch Unberührbarer erlaubt – in Indien führt das zu Übergriffen

Image caption: Berühren auch Unberührbarer erlaubt – in Indien führt das zu Übergriffen

Richtig gefährlich sind die Banden männlicher Jugendlicher, die grölend durch die überfüllten Straßen jagen und immer wieder Panik in der Menge auslösen. Frauen werden gewaltsam angegrabscht. Die Jugendlichen versuchen, ihnen das Farbpulver in die Bluse zu reiben und dabei ihre Brüste zu fühlen - oder greifen ihnen gleich zwischen die Beine. Immerhin: Wenn das ältere Männer oder Polizisten sehen, gehen sie meist energisch mit Stöcken dagegen vor.

Was beide Feste verbindet, das uralte Ritual und die Großstadt-Party, ist die Lust am Kontrollverlust. In Deutschland geht es zwar wesentlich braver zu als in Indien, wo die strenge Trennung der Geschlechter für wenige Stunden aufgehoben ist und dazu führt, dass die Jugendlichen alle Zurückhaltung aufgeben. Alle Grenzen – Kaste, Status, Alter – verschwinden unter dicken Farbschichten.

Die Farbe fliegt

Image caption: Die Farbe fliegt

Wo ist das Problem beim Kolumbisieren? Es beginnt da, wo die Neugierde und der Respekt aufhören. Wenn neue Rituale der Verständigung der Weltoffenheit dienen, dann sind sie eine gute Sache. Schließlich verbindet uns inzwischen mehr, als uns trennt: Allgegenwärtig in Deutschland wie in Indien ist der Mobiltelefon-Selfie.