Alf Frommer

„Die heutige Medienwelt ist mein Crystal Meth“

etwa 6 Min. Lesedauer

Den wichtigsten Medien-Moment meiner Woche erlebe ich jeden Samstag: Eine Tasse Kaffee steht an meinem Bett, meine Katze Lena liegt schnurrend auf meinem Bauch, und ich lese die SZ am Wochenende. Ein vollkommen anachronistischer Augenblick. Abgekoppelt von der rasenden Vergänglichkeit der digitalen Nachrichten-Streams auf Twitter, Facebook oder den einschlägigen Verlagsangeboten. Hier liege ich und das einzig liquide ist das dampfende Heißgetränk neben mir.

Ich genieße Reduktion und Konzentration, denn das ist es, was ich an meinem sonstigen Konsum von Informationen vermisse. Konzentration auf ein einziges Medium und Abschaltung meines permanenten Second Screens im Kopf: Ich lese das eine und bin parallel schon bei einem anderen Artikel. Unser Multitasking schafft Tiefe ab und fördert Breite. Das Ergebnis sind Menschen, die über alles reden können, in Form von gefährlichem Halbwissen. Diese Halbwissensgesellschaft schafft wiederum Raum für Mythen, Vorurteile und die Trollisierung des digitalen Raums, die in Form von Pegida nun schon im „echten“ Leben angekommen ist.

Das soll hier kein Paradebeispiel für Kulturpessimismus sein. Im Gegenteil: Ich war schon immer ein News-Junkie, und die heutige Medienwelt ist mein Crystal Meth. Sie versorgt mich ständig mit dem besten Stoff in allen möglichen Formen. Algorithmen bestimmen, was mir angezeigt wird – und vor allem: was nicht. Wir betreiben eine Form der Selbstzensur, wir sind unser eigenes 1984. Big Data ist der Big Brother, und wir liefern ihm alle Informationen, um ihn und uns glücklich zu machen. Eigentlich hat der Kampf Mensch gegen Maschine schon längst begonnen. Aber nicht in der romantischen Terminator-Form ballernder Killer-Roboter. Nein, wir sehen sie gar nicht, aber sie sind dabei, die Macht zu übernehmen. Auch über mich und meinen Medienkonsum.

Die Theorie, auf die Alf Frommer hier anspielt, ist die der „Filter Bubble“ (oder deutsch Filterblase) des Upworthy-Gründers Eli Pariser. Diese besagt, dass wir aufgrund der Algorithmen von Internetdiensten, die sich immer besser unseren Vorlieben anpassen, immer seltener mit Informationen konfrontiert werden, die unserer Weltsicht entgegegenstehen. In einem TED-Talk (siehe Video oben) erläutert Eli Pariser diese Theorie und erklärt, warum das langfristig ein Problem für die Demokratie bedeuten kann.

Warum ich weiß, dass mein Medienkonsum meiner eigenen Zensur unterliegt? Das lese ich in meinen Timelines von Twitter oder Facebook (natürlich zensiert). Hinter den Social-Streams verschwimmen immer mehr Marken wie Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung oder Bild. Irgendwann sind die großen sozialen Netzwerke mehr und mehr die Nachrichtenüberbringer und immer weniger die bewährten Anbieter. Vielleicht brauchen wir sie auch nicht mehr, weil die großen Internetkonzerne mit ihren Milliarden eben alles kaufen und herstellen können – auch Nachrichten. Wahrscheinlich erfinden die in naher Zukunft die selbstwählende Demokratie – da braucht man dann gar keine Bürger mehr für die besten Entscheidungen.

Im Moment habe ich noch drei Print-Abos: Die SZ am Wochenende (gerade gekündigt, weil ich auf elektronisch umstelle), die deutsche Wired und die Geo Epoche. Einmal Vergangenheit, einmal Zukunft. Die Geo Epoche liebe ich, weil da Themen drin stehen, die nicht gerade durchs digitale Dorf gejagt werden. In der aktuellen Ausgabe zum Beispiel Themen wie die Militär-Junta in Argentinien oder die peruanische Terrorgruppe „Leuchtender Pfad“. Denn wer die Vergangenheit nicht kennt, kann noch so viel Wired lesen und wird die Zukunft trotzdem nicht gestalten. Die Wired ist das Zeit-Abo von heute: Man signalisiert Besuchern, dass sich da jemand verdammt umfassend mit dem Heute beschäftigt. Dem Heute des digitalen Bullshit-Bingos auf jeder halbwegs guten Party. Dafür muss man die Wired, wie einst die Zeit, gar nicht lesen – sie muss nur gut sichtbar für Besucher zu Hause rum liegen.

Meine TV-Sehgewohnheiten mäandern zwischen RTL2 und Arte – genau wie meine ach so kritischen Gedanken. Auf dem Laufband im Fitness-Studio schaue ich mit Enthusiasmus „Berlin – Tag und Nacht“. Ein Abbild des Content-Marketings: Darf nichts kosten, soll aber Millionen erreichen. Da hat es ausnahmsweise geklappt. Ansonsten habe ich mich vom linearen Fernsehen fast komplett verabschiedet. Meine absolute Lieblingssendung ist der ARD-Weltspiegel. Ich mag es, wenn man etwas über die Situation von Menschen in Ländern erfährt, die so weit weg erscheinen. Das ist guter Journalismus jenseits des Nachrichten-Stream Mainstreams. Talkshows sind für mich zu Daily Soaps verkommen, in denen Laien-Darsteller geskriptete Statements von sich geben. Schlimmster Vertreter dieser Zunft aus etwa 50 Personen, die zu allem was sagen können: Hans-Ulrich Jörges. Warum kann der eigentlich nicht die Weltherrschaft übernehmen – der weiß doch immer, wie man es besser machen kann. Ansonsten fehlt es dem TV zurzeit, wie vielen Kreativ-Branchen, an Kreativität. Weil Google, Facebook und Amazon alle kreativen Menschen der Welt aufgekauft haben (oder so). Die quietschbunten Digital-Unternehmen sind die grauen Herren des Jetzt – nur saugen sie uns nicht die Zeit heraus, sondern die Ideen. Heraus kommt dann ein Big Brother Aufguss wie Newtopia, das so neu wirkt, wie die 89. Staffel von DSDS. Ach ja: Das Pendant zu meinem Wired-Abo ist mein Netflix-Abo.

Und sonst? Auf dem Weg zur Arbeit höre ich auf der radio.de-App Deutschlandfunk. Der scheint auch aus einer anderen Zeit zu stammen. Ich liebe morgens die Sendung Kalenderblatt, die sich mit historischen Daten auseinandersetzt: zum Beispiel der 145. Geburtstag eines Schriftstellers, von dem ich noch nie gehört habe. Der Rest meines Medienkonsums geht in der Gleichmacherei des Internets unter. Irgendwie schmeckt alles nach Maggi. Wäre ich Hipster, würde ich auf altägyptische Papyrusrollen umstellen, um überhaupt irgendwie arschgeil individuell zu sein. So lange lese ich Buzzfeed, Vice oder Krautreporter und halte mich für Info-Elite. Aber wer ist das eigentlich noch, wenn jeder Zugang zu allem hat? Ich jedenfalls nicht.

Als Vertreter der Spagat-Generation (mit einem Bein in der analogen Welt aufgewachsen, mit dem anderen in der digitalen) bin ich noch ein Nachrichten-Romantiker. So watergateesk. Werden Journalisten nicht immer wichtiger, als deren Arbeitgeber? Ich lese Max Scharnigg und nicht die SZ. Oder Moritz von Uslar und nicht die Zeit. Das sind meine Helden. Die lese ich, was bitte nicht mit diesem scannen von Informationen zu verwechseln ist, was viele Menschen heute lesen nennen. Lesen ist eintauchen, scannen, herumplantschen an der Oberfläche #nurmalso. Wir leben in einer verdammt anstrengenden Epoche des Übergangs, in der wir uns alle neu erfinden müssen. Nur meine Katze wird weiter jeden Samstag schnurrend auf mir drauf liegen. Denn Lena ist es egal, ob ich Zeitung oder iPad nutze, um an Informationen zu gelangen. Manchmal wünsche ich mir so viel Gelassenheit wie meine Katze. Aber nur samstags zwischen 10 und 12 Uhr.


Alf Frommer ist seit Mai 2015 Creative Direktor Text bei der Kommunikationsagentur Ressourcenmangel in Berlin_. Zuvor hatte er die von ihm gegründete Agentur fhain ideas geleitet. Daneben ist er Kolumnist der deutschen Ausgabe der türkischen Tageszeitung Sabah und schreibt gelegentlich auf seinem Blog_ siegstyle.de und für Carta.

Hier kann man Alf Frommer bei der Simulation einer Talk Show anlässlich der re:publica 2012 gemeinsam mit Eva Horn und Christopher Lauer sehen. Der zerstörte Tisch ist ein Zitat des Auftritts von Ton-Steine-Scherben-Manager Nikel Pallat 1971 in der WDR-Talkshow „Ende offen“ (siehe Video unten).

Hier wie dort erwies sich der Tisch als erstaunlich widerstandsfähig.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü“ stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.