Der Raffinierie-Markt in Europa

Will Shell seine Kölner Raffinerie verkaufen? Was dafür spricht, was dagegen

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„Die Fabrik nebenan“ - welche Artikel bisher zu dem Thema erschienen sind

Dieser Artikel ist Teil eines Recherche-Projekts mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) zu den Fabriken in unserer Nachbarschaft. Dafür konzentrieren wir uns auf eine störanfällige Raffinerie im Kölner Süden. Darüber haben wir bisher berichtet:


Wenn Deutschland über Industriebetriebe redet, redet Deutschland immer auch über Arbeitsplätze. So rettet der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder mit diesem Argument den maroden Baukonzern Holzmann vorübergehend, und dieses Argument bringen Behörden vor, wenn sie kräftig mit Steuergeld Unternehmen fördern, seien deren wirtschaftliche Aussichten auch noch so unsicher.

Wenn wir also über die größte Raffinerie Deutschlands reden, reden wir auch gleichzeitig über einen sehr großen Arbeitgeber. Bei den Recherchen meiner WDR-Kollegin Nadja Kerschkewicz und mir tauchte früh die Frage auf, warum die Pannen-Raffinerie nicht einfach geschlossen werde. Wir glaubten, dass die Antwort nahe liegt: Wegen der Arbeitsplätze. Denn bei Shell im Süden von Köln sind 1.600 Menschen tätig, dazu kommen noch einmal bis zu 1.300 Mitarbeiter von Fremdfirmen.

Aber Mitglied M. hat ein Diplom in Chemie und mittelbaren Einblick in das Raffineriegeschäft. Es schrieb uns in unserem Krautreporter-Expertenforum:

Vor der Schließung steht immer noch der Rückbau, und der ist so teuer, dass Shell und ähnliche Riesen vermutlich keine einzige Raffinerie selber schließen werden. Die Strategie lautet wohl eher: Verkaufen, verkaufen und nochmal verkaufen.

Das Mitglied belegt dieses Argument mit dem Fall der Raffinerie Ingolstadt, die einmal zum größten Ölunternehmen der Welt gehörte, zu Exxon Mobil, aber 2007 von einer Firma namens Petroplus übernommen wurde, die wiederum Konkurs anmelden musste. Das Unternehmen Gunvor kaufte die Raffinerie den Nachlassverwaltern ab und betrieb sie weiter.

Gunvor hat enge Verbindungen in den Kreml. Das ist aber nur ein Nebenaspekt für diese Geschichte. Mehr dazu hier.

Die Frage ist nun: Droht der Shell-Raffinerie ein ähnliches Schicksal oder war die Ingolstädter Raffinerie nur ein Einzelfall?

Generell geht es bergab. Seit 2009 mussten laut einem Bericht der britischen Investmentfirma Raymond James in Europa insgesamt 13 Raffinerien geschlossen werden. Und es wären wohl noch mehr gewesen, wenn es nicht politischen Druck gegeben hätte, um Schließungen zu verhindern, heißt es in dem Bericht.

Für die Schließungen finden die Autoren drei Gründe:

  • Die Nachfrage wächst nicht. Im Zeitraum von 1980 bis 2006 ist die Nachfrage nach Öl in Europa nur um 0,1 Prozent gewachsen. Das ist de facto ein Nullwachstum.
  • Das Angebot ist zu groß. Die Autoren des Berichts stellen fest, dass es “Überkapazitäten” auf dem europäischen Raffineriemarkt gebe. Sie beziffern diese mit zwei Millionen Fass Öl. Zwar seien durch die Raffinerie-Schließungen Teile der Kapazität abgebaut worden, mangelnde Nachfrage habe den Effekt dieser Schließungen aber zunichte gemacht.
  • Zu viel Benzin, zu wenig Diesel. Noch wichtiger als die Überkapazitäten sind Ungleichgewichte in den Raffinerieprodukten. Früher hätten die Europäer große Mengen Benzin an die USA verkaufen können. Das werde aber zunehmend schwieriger, weil die USA ihre Raffinerie-Kapazitäten ausgebaut haben und gleichzeitig weniger Benzin verbrauchen.
    Die Analyse des Reports teilt auch Ben van Beurden, der Vorstandsvorsitzende des Shell-Konzerns. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert ihn so:

Das Raffineriegeschäft in Europa ist schwierig, aber am Ende werden wir eine starke Position haben, während sich die Industrie weiter umstrukturiert. Sollten wir dieses Ziel nicht erreichen, wird es keine Gnade geben für sie [Raffinerien mit Überkapazität, d.Red.]. Wir werden es nicht tolerieren, schlecht laufende Aktivposten in unserem Portfolio zu haben, die nicht in ihrer Gewichtsklasse kämpfen können.

Van Beurden sagte das vor etwas mehr als einem Jahr. Heute ist die Situation auf dem europäischen Raffineriemarkt dank niedrigerer Ölpreise zwar etwas besser, aber Marktbeobachter und Ölbosse sind sich einig, dass dieser kleine Aufschwung nicht von Dauer sein werde. Dazu passt wiederum die Aussage von Shell, dieses Mal von Simon Henry, dem Finanzchef des Unternehmens:

Auch, wenn die Gewinnmargen besser als vor einem Jahr sind, können wir nicht unsere Strategie darauf aufbauen.

Das heißt, dass Shell immer noch - und wohl auch zu Recht - von einem schrumpfenden Markt ausgeht. Der Konzern hatte in den vergangenen Jahren bereits zwei deutsche Raffinerien verkauft. Die Raffinerie in Heide ging an den US-Investor Gary Klesch und musste sich plötzlich als selbstständiges Unternehmen behaupten und jene in Hamburg-Harburg an den schwedischen Öl-Spezialisten Nynas.

Ob auch die Rheinland-Raffinerie nahe Köln oder Teile von ihr verkauft werden, ist ungewiss. Wir werden Shell dazu noch befragen, aber aus meiner Erfahrung heraus, tendieren Weltkonzerne nicht dazu, so etwas in einer x-beliebigen Presseanfrage zu verkünden. Dennoch spricht einiges für den Verkauf - und einiges dagegen.

Das KR-Mitglied T. kennt die Anlage, weil er als Chemiker für eine Shell-Tochter tätig ist, allerdings nicht im Raffinerie-Bereich. Er hat aber bei mehreren Besuchen vor Ort - genauso wie Nadja Kerschkewicz und ich - festgestellt, dass auf dem Raffinerie-Gelände an allen Ecken und Enden gebaut wird. Wer mache das schon, wenn er vorhabe, die Anlage bald zu verkaufen? T. spricht von dem so genannten Rheinland Programm Rohrleitungen, in dessen Zuge alle Rohre und Leitungen, die wassergefährdende Stoffe transportieren, bis 2018 überprüft und ausgetauscht werden sollen.

Mehr zum Rheinland Programm Rohrleitungen findet man hier.

M. hält mit einer sehr guten Frage dagegen: “Worin wurde denn genau investiert? In Techniker oder Instandhaltung oder in Neuanlagen?”

Und in der Tat hat Shell meines Wissens nach keine Investitionen für den Kölner Standort angekündigt, die über die Instandhaltung der Anlagen hinausgehen. Shell investiert zwar viel, in neue Leitungen, Datenbanken, in ein “Safety Center” für die Mitarbeiter, ja sogar in eine neue Kühlanlage, aber jede dieser Investitionen dient im Grunde nur dazu, den ramponierten Ruf der Raffinerie zu verbessern und einen sicheren Betrieb zu gewährleisten. Beides wäre Voraussetzung für einen Verkauf. Mitglied M. fasst es in ein schönes Bild:

Alle Mitarbeiter der Raffinerie und von Partnerfirmen müssen den Trainingsparcours des Schulungszentrums für Arbeitssicherheit durchlaufen, bevor sie für die Rheinland Raffinerie tätig werden.

Wenn man ein Haus gewinnbringend verkaufen möchte, wird vor dem Verkauf/der Besichtigung: die Küche geschrubbt, der Ofen geputzt, die Wände gestrichen und der Keller gefliest.

Gegen einen Verkauf spricht, was Mitglied T. vorbringt:

Da ist beim Zukauf der Anlage Wesseling sicher schon der Gedanke an eine Integration der beiden benachbarten Standorte dabei gewesen. In den letzten Jahren wurde in Rheinland so viel investiert, dass ein Verkauf wirtschaftlich kaum sinnvoll wäre. Shell hat zwei Standorte verkauft: Heide und Harburg. Eben aus den hier genannten Gründen: schwierige Zeit für Raffinerien.

Aber auch damit ist diese Diskussion noch nicht abgeschlossen. Denn bevor Exxon Mobil die eingangs erwähnte Raffinerie in Ingolstadt verkauft hat, hatte es nochmal investiert: inflationsbereinigt 127 Millionen Euro in fünf Jahren. Shell soll für das Rohrleitungsprogramm bis Ende 2018 eine dreistellige Millionensumme ausgebe. Ausgeschlossen ist ein Verkauf der Raffinerie trotz der Sanierungen also nicht.


Aufmacherbild: im Vordergrund Rheinbrücke Köln-Rodenkirchen, im Hintergrund die Rheinland Raffinerie in Köln-Godorf; © Eckhard Henkel, CC BY-SA 3.0 DE (via Wikimedia Commons)