Wie ein stecknadelkopfgroßes Loch den Weltkonzern Shell in Köln heimsuchte

Wie ein stecknadelkopfgroßes Loch den Weltkonzern Shell in Köln heimsuchte

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Dieser Artikel ist Teil eines Recherche-Projekts mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) zu den Fabriken in unserer Nachbarschaft. Dafür konzentriere ich mich auf eine störanfällige Raffinerie im Kölner Süden. Darüber haben wir bisher berichtet:


Fünf Millimeter Durchmesser - der kleine Finger eines Erwachsenen ist größer. Trotzdem reichte so ein kleines Loch aus, um das Erdreich unterhalb der Shell Raffinerie bei Köln mit einer Million Liter Kerosin zu tränken. Es tropfte knapp vier Wochen unentdeckt vor sich hin. Die Gutachter vom TÜV Rheinland kamen später zu dem Schluss, dass die unmittelbare Ursache eine querende Wasserleitung war, die den Rostschutz der Pipeline ausgeschaltet hatte.

Aber der eigentliche Grund musste ein anderer sein. Denn dieser Vorfall war nur der bisher schlimmste in einer langen Reihe von Unfällen. Der eigentliche Grund schien bei Shell zu liegen, das seine alte Raffinerie nicht mehr störungsfrei betreiben konnte.

Denn die Daten der letzten 15 Jahre liefern ein eindeutiges Bild: Die Unfälle sind deutlich häufiger geworden. Dabei flossen in diese Grafik nur jene Ereignisse ein, zu denen Shell einen gesetzlich vorgeschriebenen Untersuchungsbericht von einem Sachverständigen verfassen lassen musste. Es könnte sein, dass es noch andere kleinere Leckagen gegeben hat, von denen die Öffentlichkeit und die Behörden nichts erfahren haben. Allerdings hat mir etwa Christian Jochum, der Autor des jüngsten, sehr umfassenden Gutachtens zum Sicherheitsmanagement der Raffinerie, bestätigt, dass Shell sehr kooperativ und offen war (Mitglieder finden den Link zum Gutachten in den Anmerkungen).

Bei einem der Vorfälle im Oktober 2012 sickerten 100 Liter Rohbenzin, Fachname “Naphtha”, ins Erdreich, das Shell daraufhin abtragen ließ. Etwas mehr als ein halbes Jahr später stürzt ein Mitarbeiter einer Fremdfirma in den Tod, während er an einem der beiden großen Kamine arbeitet. Später verletzen sich zwei Mitarbeiter bei einer Verpuffung. Dann der 9. Januar 2014: Um 14.58 Uhr explodiert der Tank Nummer 304, in dem circa 4.000 Kubikmeter des gesundheitsgefährdenden Stoffes Toluol lagern. Ein Hubschrauber kreist über der Anlage, von der dichter, schwarzer Rauch aufsteigt. Auf Bildern ist deutlich eine lodernde Flamme zu sehen. 20 Minuten nach der Explosion geht erst ein Sirenenalarm los, mit dem die Anwohner informiert werden. Letztlich verhängte die Staatsanwaltschaft Köln ein Bußgeld in Höhe von 1,8 Millionen Euro, die Bezirksregierung ordnete das obige Gutachten an. In den Wochen nach dem Brand des Tanks fand Shell die Ursache: Techniker wollten die Löscheinrichtungen des benachbarten, leeren Tanks testen und Wasser einfüllen. Sie pumpen aber Wasser in den Toluol-Tank. Dabei rollt sich ein Kunststoffschlauch am Tank aus, welcher sich mit einem Funken entlädt. Warum die Techniker die Tanks vertauscht hatten, wird bald klar: Die Beschriftung der Anlage war falsch.

Viel Blechschaden richtete auch saurer Regen an

Allerdings gibt es zu manchen Vorfällen auch keinen Bericht. Bekannt wurden sie trotzdem, weil zum Beispiel lokale Medien darüber berichteten. So regnete es zwischen den Jahren 2008 und 2011 mehrmals eine säurehaltige Lösung aus Wasser, Rußpartikeln und Schwefeldioxid und beschädigt den Lack von Autos. Insgesamt sollen 500 Autos von Shell-Mitarbeitern betroffen gewesen sein. Aber auch Anwohner hatten mir berichtet, dass sie mehrmals bei Shell vorstellig geworden waren, um eine neue Lackierung zu bekommen. Woher diese Lösung kam, war lange nicht klar. Sicher ist aber: Bei sehr hoher Konzentration können Reizungen der Augen und Haut auftreten. Die Kölner Bezirksregierung habe nach eigener Aussage nach den Schadensfällen Luftmessungen durchgeführt und dabei keine Konzentration von Schadstoffen vorgefunden, die die Gesundheit der Anwohner gefährden könnte. Im Januar 2010 findet Shell schließlich die Ursache für den Sauren Regen über ihrer Anlage: Eine Rauchgasreinigungsanlage in einem Kraftwerk habe nicht wie vorgesehen funktioniert. Die Raffinerieleitung reagierte, indem sie die Reinigungsintervalle der Anlage verkürzte. Seitdem ist es, meines Wissens nach, dort nicht wieder zu neuen Vorfällen gekommen.

Nach dem Vorfall im Winter 2014 schaute die Bezirksregierung nicht mehr zu und ordnete ein ausführliches Gutachten durch Dritte an, die bisher nicht mit der Raffinerie in Berührung gekommen waren. Anders als bei etwaigen Prüfungen durch verschiedene Sachverständige vom TÜV oder ähnlichen Organisationen konzentriert sich dieses Gutachten nicht auf die Technik, sondern auf das Sicherheitsmanagement in der Shell-Raffinerie. Die Gutachter um Jochum stellen fest:

Ich werde diesem Gutachten nochmal einen eigenen Beitrag widmen, weil es eine der zentralen Quellen ist, um festzustellen, was schief läuft in der Rheinland Raffinerie. Nur soviel vorneweg: Die Gutachter attestieren Shell auch, aus seinen Fehlern gelernt zu haben. Es gebe neue interne Überwachungsprogramme - und ein Sanierungsprogramm für die Rohrleitungen. Wenn alles gut geht, sollte der Weltkonzern Shell erst einmal Ruhe haben vor stecknadelkopfgroßen Löchern.

Aber keine Ruhe vor den Folgen des Kerosinlecks. Denn mehrere Gerichtsverfahren sind oder waren anhängig. Darunter auch der Fall des Unternehmers Rolf Mauss, unter dessen Grundstück sich Kerosin findet. Er hatte Shell auf Schadensersatz verklagt, aber in mehreren Instanzen kein Recht bekommen. Oder besser: noch kein Recht bekommen. Denn die Gerichte lehnten seine Klage nicht ab, weil sie ungerechtfertigt sei, sondern, weil der Schaden nicht einwandfrei feststellbar sei, solange noch nicht alles instand gesetzt wurde. Mauss hatte deswegen Shell einen anderen Vorschlag gemacht: Der Konzern solle ihm das Grundstück abkaufen. Eine Antwort steht bis heute aus.


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Aufmacher-Bild: Rico Grimm