„Eine starke Geschichte ist eine starke Geschichte“

„Eine starke Geschichte ist eine starke Geschichte“

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„A Murder Foretold“ von David Gran (New Yorker 2011) ist eine unglaublich packende Geschichte über einen Anwalt in Guatemala, der seinen eigenen Mord inszeniert. Packend vor allem deshalb, weil der Fall – ähnlich einem großen Film – voller überraschender Wendungen und starker Protagonisten steckt. Besonders gelungen ist die Dramaturgie, dem oft wichtigsten, aber meist vernachlässigten Teil der Reportage. Die Geschichte folgt nicht dem klassischen Aufbau, sondern nimmt die Leser mit auf eine Reise, deren Ende nicht absehbar ist.

Eine klassische Reportage? Eher nicht, aber die Einteilung in Textgattungen macht ohnehin wenig Sinn. Eine starke Geschichte ist eine starke Geschichte, egal wie viele Reportage-Elemente sie enthält.


Keine Reportage der letzten Jahre ist so faszinierend wie „Snow Fall“ von John Branch (New York Times 2012). Das liegt sicher auch an den multimedialen Erzählmethoden. Auch hier macht eine Klassifizierung in Reportage/Rekonstruktion wenig Sinn. Es handelt sich in erster Linie um einen wichtigen Stoff, bei dem sich die Reporter der besten Erzähltechniken bedienen, um die Geschichte des tragischen Lawinenunglücks von Tunnel Creek packend und anschaulich zu erzählen. Wenn es das Hauptkriterium einer guten Reportage ist, Leser möglichst nah an das Geschehen zu führen, dann ist nichts so gut wie Snow Fall.


Selten gelingen Kriegs-und Krisenreportagen. Es passiert wenig, und wenn etwas passiert, sind Reporter nicht direkt am Ort des Geschehens oder kommen mit ihren Erzählpassagen nicht gegen die Realität an. Die Texte erreichen die Leser nicht. Anders bei „Der Bürgermeister der Hölle“ von Michael Obert (SZ-Magazin 2012). Er sucht sich den richtigen Fokus, die richtigen Protagonisten, um mich als Leser hineinzuziehen in einen Konflikt, der dringend mehr Aufmerksamkeit verdient. Er begleitet den Bürgermeister der unregierbaren Stadt Mogadischu. Er lässt mich den Konflikt spüren, ich nehme Anteil, ich interessiere mich für einen Ort, an den sich nur noch wenige Reporter und Organisationen trauen.

In Zeiten knapper Budgets und einer Provinzialisierung des deutschen Lebens und Journalismus bin ich dankbar für jede großartige Geschichte, die nicht in der Lüneburger Heide oder auf der Schwäbischen Alb spielt, sondern mich hinausführt an Orte der Welt, wo ich als Leser nicht hinkomme.


Jan Christoph Wiechmann, geboren 1967 in Hamburg, schreibt als Lateinamerika-Korrespondent für den „Stern“. Wiechmann besuchte die Henri-Nannen-Schule in Hamburg, bevor er beim NDR als Redakteur begann. Später wechselte er zum „Stern“, für den er von 2003 bis 2010 aus New York berichtete. Wiechmanns Texte wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Egon-Erwin-Kisch-Preis, der Hansel-Mieth-Preis und der Henri-Nannen-Preis.

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Reportagen.fm

Illustration: Veronika Neubauer