In der Nachbarschaft

Sie leben da, sie haben keine Angst

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  • Zahlen aktualisiert 17. Oktober, 21:51 Uhr
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Dieser Artikel ist Teil eines Recherche-Projekts mit dem Westdeutschen Rundfunkt (WDR) zu den Fabriken in unserer Nachbarschaft. Dafür konzentriere ich mich auf eine störanfällige Raffinerie im Kölner Süden. Das geschah bisher:


Nach dieser Frage von mir hatte er genug. Er hatte mich im Blick behalten, seit ich im Hinterraum dieser Kneipe in Köln-Godorf aufgekreuzt war, und nichts gesagt. War nicht neugierig gewesen wie die anderen, die mit einem Kölsch in der Hand vor den gardinenverhangenen Fenstern saßen oder am leeren Tresen lehnten und plaudern wollten. Hatte sich zurückgezogen in seine Ecke, mit eingezogenen Schultern zuerst den Boden, dann die Wand gemustert, war den herumstreifenden Hunden mit seinen Augen gefolgt, und hatte mich nur ganz beiläufig angeschaut. Aber als ich die Barfrau fragte, ob denn jemand im Ort etwas unternehmen wolle gegen die Shell-Raffinerie nebenan, bei der es Säure regnet, Tanks explodieren und Kerosin wer weiß wohin läuft, richtete er sich leicht auf und nahm mich ins Visier, fester Blick, seine Helmut-Kohl-Goldrandbrille als Fadenkreuz und bellte: “Was sollen wir denn machen? Das Ding abreißen? Wir arbeiten da!”

Gleich fing ich an, mich zu entschuldigen. Meine Frage sei kein Vorschlag gewesen, sagte ich, ich wollte nicht sagen, dass man dagegen etwas tun müsse, nur wissen, ob es jemanden gebe, der da vielleicht aktiv sei und sich Gedanken mache und mit den Leuten im Ort rede. So aber hatte ich meine Frage nicht formuliert, und es war völlig okay von dem Typen in der Ecke, mich zurecht zu weisen. Sie mussten sich hier schon genug anhören in den vergangenen Jahren.

Nackenschläge für die Anwohner

Die Shell-Raffinerie nebenan ist die größte Deutschlands, aber auch die problematischste. Ständig kommt es dort zu Zwischenfällen. Manche Anwohner waren verunsichert und haben Interessengruppen gegründet, die Lokalpolitiker reichten Fragenkataloge ein, und der Bezirk verschärfte die Kontrollen. Selbst im Landtag wurde diese Raffinerie diskutiert. Viel schlechte Presse für Shell. Und weil in den Berichten immer von Köln-Godorf und Wesseling die Rede war, färbte das auf die Gemeinden ab. Nackenschläge noch und nöcher.

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Bisher hatte ich mich mit dem Thema nur aus der Ferne beschäftigt. Jetzt ging es vom Kölner Hauptbahnhof aus mit der Straßenbahnlinie 16, immer entlang des prächtigen Rheins in den Süden der Stadt. In Sürth traf ich vor Edeka eine Frau, vielleicht Mitte 50, schwarze Brille, schöner Teint. Die Frau antwortete sehr verbindlich: 25 Jahre wohne sie schon in der Gegend, allerdings etwas abseits vom Gelände, da bekomme sie nicht so viel mit. Sie mache das Radio an, wenn doch etwas passiert, wenn über Shell wieder Rauch aufsteigt, den hier ja immer alle kilometerweit sehen und der Aufmerksamkeit erregt. Selbst ihre Enkel, sechs und achte Jahr alt, hakten jetzt schon nach in solchen Situationen, fragten die Eltern dann, was da los sei. Auch irgendwie peinlich, für Shell.

Weiter in der 16er Straßenbahn, eine Station: Bahnhof Godorf. Das kleine, keilförmige Godorf, das auf den Karten zwischen der riesigen Raffinerie im Norden und dem riesigen Chemiepark im Süden nur schwer auszumachen ist. Zwei Bahnsteige bildeten den Bahnhof, über eine Fußgängerüberquerung rannten Schulkinder zur Haltestelle, verdeckten mit ihren wackelnden Rucksäcken die runden Kamine der Raffinerie. Zwei Brücken gingen ab: links in den Ort, rechts zum Hafen, wo Pipelines in der Sonne glitzerten, mit denen die Raffinerie ein Teil des Benzins, Kerosins und der ganzen anderen Sachen abtransportiert. Ich wendete mich nach rechts.

Am Fuß der Brücke lag ein Reifenlager, eine groteske Szenerie. Tausende Reifen stapelten sich hier. Manche Türme waren so hoch, standen so solide, dass ich mich fragte, ob sie überhaupt dazu gedacht waren, jemals wieder abtransportiert zu werden. Die Türme formten kleine Berge und Täler, das ganze Gelände wellte sich, ein Hahn und ferne Möwen schrien abwechselnd, und ein weißer Pferdetransporter bildete das zentrale Gestirn, um das sich alle Teile dieser Kautschuk-Landschaft gruppierten.

Plötzlich klingelte es; eine Gruppe Radwanderer hatte sich verfahren, drehte unter Schnaufen der Herren und Ratschen der Schaltungen um. Reifen scharrten über den Asphalt. Sie rollten weg, und es wurde wieder still.

Ich folgte den leiser werdenden Stimmen der Radfahrer den Hügel hinab, durch die kleinen Schwaden süßlichen Geruchs, den der Wind vom Hafen herüber trieb. Am Straßenrand standen vereinzelt Grashalme, der Rhein war nahe. Eine sehr deutsche Szene. Pipelines endeten im Hafen in parallelen Bahnen, wie die Fasern eines groben Leinentuchs aus Stahl, kranartige Gebilde ließen ihre Vorbauten lustlos übers Wasser hängen, ein Schiff zog vorbei. Es hielt hier nicht, und über dem ganzen Areal lag nur die Ahnung hektischer Betriebsamkeit. Ich sah niemanden darin.

Dem Hafen gegenüber, hoch, braun, mächtig, die Kamine der Rheinland Raffinerie, die unangefochtenen Beherrscher der Gegend. Ein schmächtiger, weißer Rauchfaden stieg aus ihnen auf, als würden die Riesen nur mit halber Kraft arbeiten.

Aber das bildete ich mir nur ein. Da drinnen arbeiteten sie genauso hart wie auf den Plattformen, an den Förderanlagen und Ölhäfen - Industrieanlagen, die noch immer das Rückgrat unserer Gesellschaft sind. Die Geschichte dieses Werks begann im Juli 1960, ein Minister kam damals zur Eröffnung, die junge Bundesrepublik brauchte Treibstoff. Das Werk im Süden, bei Wesseling, wurde vor dem Zweiten Weltkrieg eröffnet, im Krieg zerbombt, danach für die Ammoniak-Produktion umgerüstet, weil es verboten war, Treibstoffe zu produzieren. Ab 1949 lief die Produktion dann wieder an. Kurz vor dem Mauerfall wechselte der Eigentümer, ehe 2004 Shell die Anlage komplett übernahm. Ihr Alter sieht man den Anlagen an. Rostflecken ziehen sich am Kranz der Tanks entlang, Schlote sind aus Backsteinen gemauert, die heute niemand mehr verwenden würde. Das muss alles nichts heißen, wenn die Anlagen gut gewartet werden.

Von der Bahnstation erreichte ich Godorf über einen schmalen, unscheinbaren Weg, vorbei am Schützenheim, das nachmittags noch geschlossen war. Eine Art kleiner Marktplatz tat sich auf, der aber eigentlich nur ein Parkplatz war, an den sich die Terrasse eines Imbiss anschloss. Der Bäcker gegenüber verkaufte asiatische Fertignudeln, gefrorene Capri-Sonne und auch etwas Gebäck, das zusammengepfercht in der vordersten Ecke der Auslade lag. Direkt an diesem Platz stand ein großes, auffälliges Gebäude mit einer schönen Freitreppe und Kellerfenstern, die durch kunstvolle Stahlfräsearbeiten verdeckt wurden. Aus dem Fenster schaute der Hausherr, ein geborener Emsländer, den das Leben immer weiter den Rhein aufwärts spülte, bis er hier in Godorf landete, was er heute etwas zu bereuen schien. Denn als ich ihn fragte, wie es sich mit den Raffinerien in der Nachbarschaft so lebt, war seine Antwort so eindeutig wie schnörkellos und schnell herausgestoßen: “Beschissen.”

Dreimal schon habe er zur Raffinerie fahren müssen, um sich eine neue Lackierung für sein Auto zu holen. Er sagte: “Um die Tausender einzusammeln.” Denn unter bestimmten Bedingungen sonderten die Kamine Säure ab, die für Menschen ungefährlich sei, aber auf Dauer den Lack der Autos durchlöchere. Und manchmal rieche es ja auch etwas, erklärte er weiter. Und zwar nicht nach Parfüm. Er hatte noch mehr: Von Zeit zu Zeit müssten sie wieder drüben im Chemiepark von Wesseling Gase abfackeln. Das gebe eine meterhohe Flamme und ein hartes, unablässiges Rauschen die ganze Nacht hindurch. Später schickten sie einem dann Briefe, in denen sie erklärten, dass “wertvolle Gase” verbrannt werden mussten. Aber wie seine Nacht war, habe niemand gefragt.

Das Gespräch mäanderte fort, zu anderen Themen, als vor mir ein Feuerwehrmann mit Schutzjacke, gelbem Helm und Ohrenschützern auf einem Fahrrad auftauchte. Auf seinem Rücken prangte das Logo einer nahen Chemiefirma, ganz genau konnte ich es nicht erkennen. Es war eine Szene wie aus den 50er oder 60er Jahren, als die Arbeiter noch so nah an ihren Fabriken wohnten, dass sie in voller Arbeitskluft dorthin laufen oder radeln konnten. Heute standen die Fabriken in Gewerbegebieten weit außerhalb, wohin die Arbeiter entweder mit dem Auto fuhren oder wo sie niemand sieht, wenn sie doch das Fahrrad nehmen. Dazu passt, was der Shell-Raffinerie-Direktor Thomas Zengerly kürzlich in einem Interview gesagt hat: “Man würde heute vermutlich versuchen, neue Raffinerien nicht mehr in so dicht besiedeltem Gebiet, sondern relativ nah an den Verbrauchspunkten verkehrsgünstig in die Nähe von Küsten oder Pipelines zu bauen.”

Ein paar hundert Meter die Straßen hinunter, vorbei an einem Hotel, das als provisorische Flüchtlingsherberge diente, lag die Bürgerstube, eine unscheinbare Kneipe, wie sie in jedem Ort zu finden ist. Der Vorderraum war dunkel, Stimmen drangen aus dem sonnigen Hinterraum. Die Bardame hinter der Bar, ein Ehepaar am Tisch, ein Mann, der als einziger Alt statt Kölsch trank am Tresen, und in einer Ecke, mit Goldrandbrille, abwesend, der Mann, der mich später zusammenstauchen wird. Als ich eintrat, waren alle für einen Augenblick ruhig. Ich sagte wieder mein Verslein auf, und fragte die Barfrau, wie es sich so mit der Raffinerie leben würde, und sie redete ebenso wenig um den heißen Brei herum wie der Emsländer, während sie mit fließenden Bewegungen das Bierglas polierte und mit einer Spur Trotz in ihrem Lächeln sagte: “Gut und gesund.” Hier im Ort gebe es viele überzeugte Shellisten. Die lebten mit der Raffinerie, von der Raffinerie. Wem das nicht passe, der könne woanders hinziehen. So klar, so verständlich.

„Ich arbeite da, ich habe keine Angst“

Und am Tresen, der Mann mit dem Alt. Er trug eine schmalgelenkige Metallbrille und seine grauen Haare nach hinten gelegt. “Sie sollten mal mit jemandem reden, der bei Shell arbeitet!”, sagte er. “Mit mir zum Beispiel.” Er ist Industriemechaniker in der Raffinerie, hatte dort sein Handwerk gelernt und wird dort in zwei Jahren in Rente gehen. Eine Karriere, die mit seiner Generation wahrscheinlich ausstirbt. Er erzählte, dass es in der Raffinerie wirklich sehr oft Tests gebe. Dabei gelte: Je wichtiger und potenziell gefährlicher eine Anlage ist, desto öfter überprüften die Shell-Arbeiter sie. Und dann komme auch noch der TÜV, teste alles nochmal. So sei es ja nicht. “Letztlich”, sagte er, “haben die Menschen nur Angst, weil sie nicht wissen, was in der Raffinerie passiert. Ich arbeite da, ich habe keine Angst.”

Mir begegnete in dieser Kneipe auch noch jemand, der mir die Hand gab, weil ich studiert hatte und mit „dieser Sache“ (Journalismus) Geld verdiente. Einprägsamer Moment.

Als ich nach dem Besuch in der Kneipe weiter durch die wenigen Straßen von Godorf spazierte, tauchten immer wieder die Kamine der Raffinerie zwischen den kleinen unauffälligen Mehrfamilienhäusern auf. Mal versteckt zwischen Ästen eines Baumes, mal wie die Fortsetzung des Hauses auf den Dächern. In einer Straße beobachtete ich zwei spielende Jungen. Ich stellte mir vor, wie sie sich später einmal, wenn sie wegziehen sollten, an ihre Kindheit im Schatten dieser Türme erinnern werden. Ich frage mich, ob ihnen auffallen würde, dass solche Nachbarn anderswo nicht so normal sind wie hier, in Köln-Godorf, auf dessen Straßen sie gerade ein Wettrennen veranstalteten, um die letzte überschüssige Energie des Tages loszuwerden, bevor sie nach Hause fahren.


Fotos: Rico Grimm