„Ich fühle manchmal diese ohnmächtige Wut, wenn ich zu den Gefängnissen fahre“

„Ich fühle manchmal diese ohnmächtige Wut, wenn ich zu den Gefängnissen fahre“

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Erzähle uns von deinem ersten Mal in einem Gefängnis.

Es war im Jahr 2011, im Februar oder März, und es war das Gefängnis von Nivelles im Süden Belgiens. Ich hatte nicht viel Angst, denn ich hatte nicht viele Erkundigungen eingezogen, bevor ich da reinging. Ich hatte ein Philosophie-Buch über Freiheitsentzug gelesen, aber ich hatte meinen Kopf nicht voll Bilder und Menschen und Geschichten. Ich wollte ein unbeschriebenes Blatt sein, um wirklich das fotografieren zu können, was ich fühlte.

Mein erstes Gefühl war: Hier betrittst du eine Welt der Verwaltung. Überall Türen und Zäune, und um durchzukommen, musst du Schalter drücken. Kameras schauen dich an, und du denkst einfach, dass dich jemand auf der anderen Seite beobachtet. Du fühlst von Anfang an dieses Eingesperrtsein. Alles ist kalt, alles enge Gänge und gerade Linien. Deine Tasche wird durchsucht, du wirst gefragt, warum du hier bist, die Nachricht war nicht wirklich weiterreicht worden, und ich musste das Projekt wieder und wieder erklären. Als ich endlich drinnen war, war ich nicht wirklich eingeschüchtert. Ich sah dies als meinen Job an und habe mir gesagt: Du bist hier, jetzt musst du aufrichtig sein.

Wie haben die Insassen auf deine Anwesenheit reagiert?

Es gab viel Misstrauen: Wer bist du? Warum bist du hier? Was stellst du dar? Bist du eine Bedrohung? Bist du ein Journalist? Ich musste mich über Klischees hinwegsetzen und erklären, dass ich nicht geschickt war, einen Skandal für die morgige Zeitung aufzudecken. Was ich wissen wollte war: Welchen Job hast du, wenn du ein Gefängniswärter bist? Was für ein Leben hast du, wenn du ein Häftling bist? Nach und nach öffneten sich die Menschen, als sie mich zurückkommen sahen. Ich nehme an, dass sie untereinander über mich sprachen, und das half, Vertrauen aufzubauen.

Du hast zwölf Gefängnisse fotografiert, wo waren die?

Im Allgemeinen waren sie außerhalb der Städte und ziemlich isoliert. In Brüssel jedoch sind, weil alles so vollgestopft ist, das Waldgefängnis und die Haftanstalt Berkendael innerhalb der Hauptstadt. Sie sind von Häusern umgeben, und Nachbarn können die Insassen hören, wenn sie zum Beispiel mitten in der Nacht schreien.

Ich besuchte ein Gefängnis für geistig Behinderte in der Nähe von Lüttich im Süden, das von großen grünen Ebenen umgeben war. Das nächste Dorf war sechs oder sieben Kilometer entfernt. Aber egal, wo du bist, du fühlst dieselbe Verbannung. Die Wände sind so hoch, dass du, selbst wenn ein Gefängnis mitten in einer Stadt ist, keine Ahnung hast, was draußen passiert. Du hörst den Lärm der Stadt nicht. Um dich herum geschehen so viele Dinge, du bist wie in einem geschlossenen System, in einer kleinen Stadt für sich. Alles draußen ist abstrakt, weil du keinen Zugriff drauf hast.

Das erinnert mich an einen Häftling in deinem Video. Er sagt, ein Telefon im Gefängnis ist dazu da, die Außenwelt nicht loszulassen.

Ja, genau. Wer im Gefängnis ein Telefon hat, beweist, dass er lebt. Denn für die Außenwelt existiert er nicht mehr. Innen ist alles so undurchsichtig. Du weißt nicht, wie der Rest der Welt tickt. Das einzige, was du sehen kannst, ist das Wetter, aber du kannst nur senkrecht nach oben blicken. Den Horizont siehst du nicht. Sie sehen den Horizont nicht.

Dir wurde nicht nur die Freiheit genommen, sondern auch die Sozialisierung, die Vergesellschaftung. Und das ist verrückt. Andererseits wird ein Haufen Zeug in das Gefängnis geschmuggelt, eigentlich fast alles. Aber wenn dir ein Wächter das Telefon organisiert hat – ich sage „wenn“, weil es andere Wege gibt – kann er auch am nächsten Tag deine Zelle durchsuchen lassen. Es gibt eine Menge Heuchelei, und ich glaube, der Häftling will in Wirklichkeit sagen: Es ist nutzlos, im Gefängnis ein Telefon zu haben.

Wie hast du reagiert, als dir Leute sagten: "Wenn du im Gefängnis bist, dann existierst du nicht?“

Ich dachte, wow, wie kann denn das im Jahr 2015 möglich sein? Es stellt alle diese Wiedereingliederungsprogramme infrage. Zum Beispiel kann ich nicht verstehen, warum Insassen keine anständig bezahlten Jobs haben können. Heutzutage bekommen sie in Belgien nur ein paar Cent pro Stunde, Euro-Cent. Ich verlange hier keinen Mindestlohn, aber für Cents pro Stunde zu arbeiten ist Sklaverei.

Gibt es etwas typisch Belgisches an diesem Projekt? Oder ist das deiner Meinung nach überall so?

Es ist in dem Sinn allgemeingültig, dass es Fragen stellt - was Inhaftierung ist, was Eingesperrtsein bedeutet, was Gefängnis ist. Aber weil ich diese Fragen in Belgien gestellt habe, kam ich an alle diese Orte und konnte dort arbeiten, eben wie in meinem „Polizei“-Projekt. Ich glaube, es gibt immer weniger Länder, in denen du das tun kannst. In Frankreich zum Beispiel kannst du nicht die Gesichter der Insassen fotografieren. In vielen Teilen der Welt ist alles, was von der Regierung kontrolliert wird, extrem geschützt und äußerst schwierig zu fotografieren. In Belgien ist es möglich, auch wenn es schwierig ist. Also in dieser Hinsicht herrscht hier immer noch eine Aufgeschlossenheit, für die ich sehr dankbar bin.

Einige Gefängnisdirektoren gingen sogar so weit, dich einzuladen, damit du die Haftbedingungen dokumentierst.

Ja. Bestimmte Gefängnisse brauchen dringend Geld, und die Regierung tut nichts, um zu helfen. Zum Beispiel ist das Wald-Gefängnis von Brüssel wie eine Fabrik. Die Menschen haben keine Namen mehr, sie sind Nummern geworden. Sie werden durchgeschleust und von dort ins ganze Land geschickt. Die Lebensbedingungen sind beklagenswert. Die Wände bröckeln. Dort habe ich das Foto von der Toilette gemacht, die Insassen, die in der Werkstatt arbeiten, benutzen müssen. Also ja, einige Verantwortliche sagten zu mir: „Wir werden dir alles zeigen.“

Warum werden diese Bedingungen nicht besser?

Ich denke, weil Europa noch immer in einer Krise ist. Es gibt Gefängnisse, die es zumindest versuchen, wo die Direktoren die Insassen an den Gebäuden arbeiten lassen. Aber ich glaube, dass es einen echten Geldmangel gibt, und dass die Regierung die Gefängnisse nicht wirklich reformieren will. Es ist schwierig, dieses heikle Thema anzugehen, und es würde eine Menge Geld erfordern. Andere Dinge haben Vorrang, und es geht um Politik, würde ich sagen.

Sollte nach deiner Meinung die Gefängnisreform Vorrang haben?

Bildung müsste Priorität haben, vor allem für benachteiligte Jugendliche. Ich würde das Problem an der Wurzel packen. Und dann müssten Gefängnisse natürlich viel mehr psychologische Unterstützung bieten, und Insassen sollten auf ihr neues Leben draußen vorbereitet werden. Ein Sachbearbeiter sagte mir, abgesehen davon, dass sie ein Zugticket nach Hause bekommen, werden Ex-Häftlinge vollständig sich selbst überlassen. Auch wenn es einige Organisationen gibt, die bei der Wiedereingliederung helfen, haben sie kein Geld und werden nicht von der Regierung unterstützt – obwohl dies nach meiner Ansicht ein Weg wäre, Arbeitsplätze zu schaffen.

Offensichtlich reden wir nicht darüber, Jungs zu ändern, aber einige dieser Häftlinge haben sehr interessante Leben gehabt. Sie können eine Vielzahl von Dingen tun, und sie haben Potenzial.

War es für dich wichtig zu wissen, welche Verbrechen die Insassen begangen hatten?

Nein, ich habe sie nie gefragt, was sie getan haben. Denn solche Dinge behältst du in Erinnerung. Deshalb wollte ich sie nicht wissen. Ich wollte sie nicht mit anderen Augen sehen. Ich fragte, wie sie ihre Zeit verbrachten, wie sie sich fühlten, als sie im Gefängnis ankamen, wie sie mit der Familie umgingen, welche Beziehung sie zu den Wachen hatten, wie die interne Organisation des Gefängnisses lief… Im Grunde habe ich versucht, die Frage zu beantworten: Was bedeutet es, Mensch und eingesperrt zu sein?

Du hast auch Gefängniswärter fotografiert.

Ja, aber viel weniger, weil sie mehr Bedenken hatten. Viele waren ein bisschen paranoid und sagten, sie hätten Angst, draußen Probleme zu bekommen. So richtig kann ich es nicht erklären. Sie trauen niemals wirklich jemanden. Als ob sie schon so lange im Gefängnis gearbeitet hätten, dass alles, was sie gesehen und gehört haben, all die Heuchelei, sie gegenüber allem misstrauisch gemacht hätten. Es war wirklich viel schwieriger, sie zu fotografieren. Trotzdem haben einige Ja gesagt und hatten kein Problem damit. Ich sprach mit Wärtern und erzähle ihre Geschichten in dem Buch, aber ich will nicht zu viel verraten, bevor es veröffentlicht ist.

Du hast gesagt, dass diese Arbeit dich wütend gemacht hat. An welchem Punkt ist das Projekt dir nahegegangen?

Von Gefängnissen ist jeden Tag in den Nachrichten, in TV-Shows und in Filmen die Rede. Es ist ein allseits bekannter Fetisch. Wir bekommen Informationen, die in sehr romantischen Licht präsentiert werden. Überlege einmal, wie die Presse Gefängnisse zeigt: Fotos von Zäunen, von Schlüsseln, keine Gesichter, keine Emotionen. Insassen werden selten befragt. Ich verstehe warum, aber ich persönlich wollte die Realität zeigen. Ich wollte sagen: Das passiert in unserem Land, es ist hier direkt vor dir, schaue es dir an, denke darüber nach.

Und ja, ich fühle manchmal diese ohnmächtige Wut, wenn ich zu den Gefängnissen fahre. Ich bin empört über die Art und Weise, wie wir andere behandeln. Mein Vater sagt oft zu mir: Eines Tages werde ich dich bitten, ein Projekt über ihre Opfer zu machen. Aber der Grund, warum ich über Gefängnisse spreche, ist nicht, dass ich pro-Häftling bin. Ich bin nicht pro-Häftling. Ich bin nur ein Kerl, der beschloss, zu gehen und zu sehen; und das ist die Realität, die ich entdeckt habe. Ich habe genauso viel Aufrichtigkeit und genauso viel Respekt vor den Opfern. Natürlich machen sie mich traurig, und was mit ihnen passiert ist, ist schrecklich. Und die Insassen, die machen mich ebenso ärgerlich wie ihre Haftbedingungen, und gleichzeitig bewegen sie mich. Die Welt um mich herum bewegt mich.

Woran willst du als nächstes arbeiten, nach „Polizei“ und „Gefängnissen“?

Diese Arbeit wird eine Trilogie werden, mit einem dritten Buch über Kriminalität. Ich habe auf der Straße angefangen, und jetzt gehe ich wieder auf die Straße zurück, aber auf die andere Seite der Medaille. Ich bin noch in der Vorbereitungsphase. Alle meine Projekte erfordern viel Zeit. Und das kann nicht im Internet oder per Telefon erforscht werden, alles hängt davon ab, die richtigen Leute zu treffen.


Dieser Artikel ist in Englisch in Roads & Kingdoms erschienen. Bilder: Sébastien Van Malleghem. Übersetzung: Vera Fröhlich