Claas Relotius

„Am Ende möchte man Boris Becker irgendwie fest in den Arm nehmen“

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Dienen Hors d'oeuvres gesellschaftlicher Unterdrückung? Wie steht ein Black Panther zu Roquefort-Käse? Und ist es politisch korrekt, anstelle eines schwarzen Butlers einen weißen zu beschäftigen? Fragen wie diese umtreiben Tom Wolfe, als er Ende der sechziger Jahre die Geburtstagsfeier Leonard Bernsteins besucht, ein exklusives Event der New Yorker Künstlerszene, zu der auch Anführer der Black Panther geladen sind. Diese wollen Geld für ihre Bewegung sammeln, ihre Brüder aus den Gefängnissen holen, aber der High Society geht es nicht wirklich um Bürgerrechte – die Stars um Bernstein, das wird bald klar, möchten sich bloß mit der Exotik schwarzer Widerstandskämpfer schmücken, sich an ihrem radical chic berauschen. Ein groteskes und eigentlich geheimes Zusammentreffen, das später auch das FBI interessieren sollte. Wolfes Text „Radial chic: That party at Lenny's“ (New York Magazine 1970), der dafür sorgte, zieht unnachahmlich rein. Man stellt sich den Reporter als Filou im Maßanzug vor, der sich schwebend durch den Abend bewegt, mal hier, mal dort, der beobachtet, zuhört, seine Gedanken immer wieder schweifen lässt und die Bigotterie um ihn herum zu einer entlarvenden Satire komponiert. 29 Seiten! Staunen über so viel Beobachtungsgabe, Feinsinn, Präzision. Ein Klassiker, mindestens.


Gene Weingarten hat zweimal den Pulitzer Preis gewonnen, mit großen Reportagen, aber seine beste Erzählung ist eine scheinbar kleine, unspektakuläre: Sie heißt „The Peekaboo Paradox“ (Washington Post 2006) und handelt von einem Kinder-Entertainer, der sich der „Große Zucchini“ nennt und den Nachwuchs der Washingtoner Oberschicht bespaßt. Er verdient ein Vermögen damit, denn niemand ist so gut wie der „Große Zucchini“, niemand bringt Kinder auf so wundersame Weise zum Lachen. Weingarten will herauszufinden, woran das liegt, und begleitet ihn dafür über Monate. Dabei fallen ihm mit der Zeit lauter Merkwürdigkeiten auf: Warum kommt der „Große Zucchini“ zu allen Treffen mit dem Taxi? Warum lädt er nie zu sich nach Hause ein? Weshalb ist er dauernd verschuldet? Langsam dämmert dem Reporter, dass der „Große Zucchini“ dunkle Geheimnisse verbirgt, die auch etwas mit seiner besonderen Wirkung auf Kinder zu tun haben könnten. „Gutes Storytelling ist wie Striptease“, hat Capote mal gesagt, und Weingarten macht sich diese Methode zu eigen. Den echten Namen seines Protagonisten erfährt der Leser erst zur Mitte der Erzählung. Ab da wird der Reporter zum Profiler, der den Leser Schicht um Schicht an seinen Enthüllungen teilhaben lässt. Eine komische, tragische, durch und durch magische Geschichte. (Eine deutsche Fassung der Geschichte ist unter dem Titel „Der große Zucchini“ in Reportagen # 14 erschienen).


25 Jahre nach Boris Beckers erstem Wimbledon-Sieg sitzt der Reporter Benjamin von Stuckrad-Barre bei Pralinen und Keksen im Beckerschen Wohnzimmer, gemeinsam mit dem Helden von einst, um noch einmal das Finale von damals zu gucken. Dabei lässt Stuckrad-Barre das Geschehen einfach kommentieren, von Becker selbst und von seiner Familie, die seinen Triumph – kaum zu fassen – zum ersten Mal sieht. (Papa, hast du das Spiel gewonnen? BB: Schau doch hin!!) Die Schlacht auf dem Bildschirm kontrastiert mit höflicher Teilnahmslosigkeit auf dem heimischen Sofa. Während der Junge aus Leimen auf dem Center-Court Geschichte schreibt, kämpft Altstar Becker im Kreise seiner Liebsten um Anerkennung. Aber Lilly kennt nicht mal den Gegner und fragt sich vielmehr, auf welchen Typ Frau ihr Mann damals stand. Das Verstörendste an „Advantage Becker “(Welt am Sonntag 2010), diesem beinahe Gogolschen „Dramulett in vier Sätzen“: Am Ende möchte man Becker irgendwie fest in den Arm nehmen und ihm doch noch einen letzten Matchball servieren, auf dem englischen Rasen, in dieser fabelhaften Trainingsjacke.


Claas Relotius, geboren 1985 in Hamburg, schreibt als freier Journalist für „Reportagen“ und den „Spiegel“. Er studierte Kultur- und Politikwissenschaft in Bremen und Valencia, danach absolvierte er die Hamburg Media School. Relotius gewann zahlreiche Preise; seine Geschichte „Der Mörder als Pfleger“ wurde unter anderem mit dem Reporterpreis und dem CNN Journalist Award ausgezeichnet.


Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Reportagen.fm

Illustration: Veronika Neubauer