Das politische Heimweh der jungen deutschen Europäer

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In Wien lebt ein 61-jähriger Weltbürger namens Robert Menasse, der Romane über die Erfahrbarkeit der Welt schreibt und glaubt, dass die Europäische Union in einer tiefen Krise steckt.

In Dresden lebt ein 29-jähriger Neurechter namens Felix Menzel, der bis Ende 2014 einer Zeitung vorstand, die Pegida lobte. Er glaubt auch, dass die Europäische Union in einer tiefen Krise steckt.

Das Blatt heißt “Blaue Narzisse” und begann als Schüler-Zeitung in Chemnitz. Mehrere Gymnasien untersagten die Verteilung der Zeitung an ihren Schulen. Daraufhin ging Menzel online. Einen guten Überblick liefert Wikipedia. Richtig ins Detail geht dann pubklikative.org, ein ehrenamtlich betriebenes Portal der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Überraschend ist nicht, dass diese beiden Männer der EU eine Krise bescheinigen; schließlich würde heute eher derjenige Aufmerksamkeit bekommen, der das abstreitet. Überraschend ist, dass diese beiden sehr unterschiedlichen Männer aus ihren Überlegungen den selben Schluss ziehen. Sie sagen: Die EU muss endlich näher an die Menschen rücken. Der Kontinent brauche ein “Europa der Regionen”.

Die beiden Männer fassen damit, oberflächlich betrachtet, in politische Begriffe, über die Bands wie Frei.Wild singen: die Liebe zur Heimat, zur Tradition und zum Brauchtum, zu all jenen Dingen, die den Menschen nah und vertraut sind - auf die sie stolz sein können, wenn sie auch nicht sonderlich viel dafür können. Millionenfach verkaufen sich solche Platten, Tausende kommen zu den Konzerten. Gerade die jungen Deutschen finden sich in dieser Musik wieder.

“Heimat” ist ein bisschen cool geworden. Das zeigen auch Umfragen unter Jugendlichen. Da rangiert der Begriff weit oben, direkt hinter Werten wie Zusammenhalt, Vertrauen, Sicherheit.

Rico Grimm

Was Heimat ist, ist übrigens nicht so einfach zu sagen. Das kann der eigene Ort, die Region oder die Nation sein. Aber auch mit der EU können sich junge Deutsche identifizieren.

Europa kann auch eine Heimat sein. Eine von vielen, denn die Zahlen des Eurobarometers, einer halbjährlichen Umfrage der EU, zeigen auch, dass die jungen Deutschen viele Identitäten gleichzeitig besitzen können. Ein Satz wie: “Ich bin Kölner, Rheinländer und Europäer” ist absolut üblich.

Dabei distanzieren sich die Musiker, wiederum oberflächlich, vom Politischen, von solchen Assoziationen. Da singt etwa Frei.Wild in “Land der Vollidioten”: Ihr seid dumm, dumm und naiv / wenn ihr denkt, Heimatliebe = Politik. So krude stimmt die Gleichung natürlich nicht, aber, wenn man sie etwas erweitert und die Zeichen ändert, etwa um ein “Identität” und ein “Wert” und eine “Vorliebe”, dann macht sie plötzlich Sinn. So etwa: Heimatliebe - > Identität - > Wert - > Vorliebe - > Wahl -> Politik. Wenn das nicht stimmen würde, wäre die CSU eine Unmöglichkeit. Das lässt nur einen Schluss zu: Heimatverliebter Deutschrock ist politische Musik.

Wenn ich die Deutschrocker richtig verstehe, haben sie mit dieser Kategorisierung gar nicht das größte Problem. Sie haben viel mehr das Gefühlt, dass damit auch gleichzeitig eine Stigmatisierung einhergeht. Wer über Heimat singt, müsse eine Nazi sein. Tatsächlich lese ich solche Schlussfolgerungen oft.
Ohne mich mit den Inhalten und Ansichten dieser Bands gemein machen zu wollen: Tatsächlich haben die Nazis die “Heimatliebe” und den “Patriotismus” so instrumentalisiert, dass die Begriffe noch für Jahrzehnte beschmutzt waren. Das nur als Beobachtung.
Die für mich entscheidende Frage ist, ob die Deutschen gar keinen nationalen Patriotismus mehr benötigen, weil die Nation sowieso bald aufgeht in einer größeren politischen Struktur? Denn aus einem gewissen Blickwinkel betrachtet, ist der mangelnde Patriotismus der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ein Segen für die Europäische Einigung gewesen, weil er weitreichende Kompromisse ermöglichte.

Das wissen die Rocker auch selbst. Warum sonst würden Frei.Wild ihre Videos mit Bildern des ehemaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld garnieren, der maßgeblich verantwortlich war für das Desaster der USA während des Irak-Krieges? Warum sonst würden die “Krawallbrüder” ausgerechnet eine Guy-Fawkes-Maske, das globale Symbol des Protests, auf ihr Album packen? Die ganze Wut, die sich in dieser Musik entlädt, ist auch in Online-Kommentaren, an Stammtischen und in den Kaffeeküchen zu finden. Es ist die Wut derjenigen, die glauben, nicht gehört zu werden.

Dieses Gefühl der Missachtung teilen viele Deutschrock-Fans mit den Anhängern von EU-skeptischen Parteien und Bewegungen, kommen sie von rechts wie die AfD bzw. Pegida oder kommen sie von links wie Teile der Linkspartei und der TTIP-Kritiker. Oft handelt es sich dabei auch um identische Personen.

EU-Skepsis ist durch die kombinierte Finanz- und Eurokrise zu einem festen Bestandteil der deutschen Debatten geworden, die wiederum nicht spurlos an den jungen Deutschen vorbeigehen:

Im vergangenen Jahr vertrauten noch 29 Prozent der jungen Deutschen der EU. Das ist für die EU doppelt schlimm, weil gerade die jungen Deutschen sehr viel Wert darauf legen, dass ihre Stimme gehört wird.

Das Vertrauen sinkt, und das ist übrigens kein deutsches Phänomen. Die Umfragen zeigen, dass immer weniger junge Europäer aus allen Ländern der EU vertrauen.

Rico Grimm

Und es wird für die EU nochmal schlimmer, also dreifach schlimm. Denn die jungen Deutschen glauben nicht, dass ihre Stimme in Brüssel gehört wird. Ganz und gar nicht. Selbst bei dem manchmal raumschiffartig entschwebten Gebilde der Vereinten Nationen rechnen sich die jungen Deutschen mehr Chancen aus als bei der EU-Exekutive, der Europäischen Kommission. Das ist mindestens ebenso erstaunlich wie das Vertrauen, das Kommunalregierungen genießen. In den guten alten Rathäusern fühlen sich die jungen Deutschen noch am ehesten vertreten, was auch verständlich ist. Schließlich stehen diese meistens daheim und sind fußläufig erreichbar.

Das Ziel der EU müsste es also sein, nahe an die jungen Menschen heranzurücken. Denn der Zusammenhang zwischen Nähe und Einfluss ist eindeutig. Nicht einmal jeder Zehnte glaubt, etwas in Europa bewegen zu können. Aber knapp jeder Dritte hält es für möglich, seine Heimatstadt zu verändern. Wo die Menschen leben, müssten die politischen Institutionen sein - nicht umgekehrt.

Rico Grimm

Die EU-Kommission müht sich redlich, bei den Bürgern zu sein. Sie betreibt in Deutschland mehrere Dutzend regionale Verbindungsbüros. Doch als sie diese eingerichtet hatte, hatte sie zwar eine schöne Büroausstattung und bunte Broschüren eingepackt, aber das wichtigste Gepäckstück in Brüssel vergessen: die Macht. Die hat noch immer der Rat der Regierungschefs inne, ein fernes Gremium, in dem 28 von 507 Millionen EU-Bürgern eine Stimme haben.

An dieser Stelle setzen der Wiener Kosmopolit Robert Menasse und der Dresdener Neurechte Felix Menzel an. Sie wollen die EU in die Regionen bringen. Dieses Mal wirklich. Menasse klagte in einem Essay in der ZEIT:

Er plädiert darin, die Europäische Union neu aufzubauen, von Grund auf. Sie führe zwar ständig “die Regionen” auf den Lippen, aber es bleibe bei bloßen Bekenntnissen. Eine neue EU müsse so aussehen: „Abschaffung des Rats, Ausstattung des Parlaments mit allen Rechten eines entfalteten souveränen Parlamentarismus, Wahl der Abgeordneten nicht mehr in der Nation, sondern in den Regionen.“

Die Idee eines “Europa der Regionen” hatte ihre erste Blütezeit kurz nach dem Mauerfall. Damals beschrieb der niederländische Biermogul Alfred Heineken in seiner Schrift “The United States of Europe (a Eurotopia?)” seine Vision so genau, dass er sogar gleich Vorschläge für die jeweiligen Regionen machte, die jeweils 5 bis 10 Millionen Einwohner umfassen sollte. Hier sieht man einen Vorschlag für die Regionen:

Wikipedia/CC BY-SA 3.0

Das käme einer Revolution gleich. Menasse begründet das damit, dass die “Nation” als Begriff zu abgehoben sei und deswegen kaum veränderbar. Die EU sei das Gegenteil: „'Nation' ist ein Abstraktum, das jeder als etwas Konkretes zu verstehen glaubt, 'EU' ist ein konkretes Projekt, das jeder als völlig abstrakt und abgehoben empfindet.“

Bei Menzel klingt das anders. Sein Europa der Regionen gründet nicht auf einer Reform der EU, sondern auf deren Abschaffung. An die Stelle von politischen Institutionen, die darauf abzielen, allen Menschen Zugang zur Macht zur verschaffen, tritt in seiner Vision ein “junges Europa der Völker”, das womöglich aus “ethnischen Unruhen in den Parallelgesellschaften in den europäischen Städten” geboren wird. Nämlich dann, wenn sich eine neue “Wehrhaftigkeit der Europäer” daraus entwickeln würde. Seine Idee von einem künftigen Europa gründet auf dem Ausschluss von Menschen, die heute schon auf dem Kontinent leben.

Das ist der Unterschied zwischen den beiden Männern, zwischen Menasse und Menzel, und er ist so gewaltig, dass es mir nun wie ein Fehler vorkommt, ihre beiden Ideen als “Europa der Regionen” zusammengefasst zu haben.

Die Frage, was dieses “Europa der Regionen” eigentlich bedeuten soll, ist genauso unklar wie das Wesen der “Heimat”. Wie sie sich anfühlt, was sie bedeutet. Wo sie generell liegt und wie oft ein Mensch sie erblicken muss, damit sie Heimat bleibt. Nur eines ist sicher: Jeder hat eine, jeder kann eine neue finden. Heimat ist für alle da. Deswegen ist sie politisch.


Aufmacherbild: Rico Grimm

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