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Das neue Leben der Familie Kourie

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Tag eins des neuen Lebens. Jonelle Kourie ist hin und weg, als sie die erste Nachricht schickt. „Sie haben uns in ein Camp gebracht, in einen Ort namens... Fridländ... Fridland... irgend so was... Wir dürfen das Lager jetzt zwei Wochen nicht verlassen. Und dann kommen wir nach - wie nennen sie das? - Bavaria? Ins Bundesland Bayern. Dort werden wir leben.“

Sie schickt ein Video von dem Ort, in den sie gebracht wurden, die Kouries und die anderen rund 100 syrischen Flüchtlinge, die in diesen Tagen ihr neues Leben in Deutschland beginnen.

„Das ist der Ort, in dem ich jetzt bin.“ Friedland. „Und morgen geht der Deutschkurs los.“

"Das ist unser Zimmer, entschuldige die Unordnung ..."

Foto: Jonelle Kourie


“Ich bin glücklich”, sagt Jonelle. “Ja, schon irgendwie glücklich.” Sie steht vor dem Bahnhof Friedland, zwischen der Kirche und dem Bauernhof des Dorfes, in dem das Lager liegt, das sie vor einer Woche bezogen haben. “Es riecht ein bisschen streng, hier sind irgendwo Pferde”, sagt sie, fast entschuldigend.„Friedland ist ein wunderschöner Ort. So grün, so viel Grün“, das habe sie noch nie gesehen. Al-Hasaka, die Stadt in der sie geboren ist, in der sie fast 17 Jahre lebte, sei in der Wüste. Nur Sand und Sonne. Die Schönheit sei weit weg. Nicht einmal in Beirut habe sie das gefunden.

(c) mapz.com – Map Data: OpenStreetMap ODbL.

Und jetzt eben Friedland in Niedersachsen.

Ein Ort genau in der Mitte Deutschlands, 20 Minuten von Göttingen entfernt. Auf den ersten Blick ein Dorf wie aus dem Bilderbuch: mit Fachwerkhäusern und blühenden Apfelbäumen, einem Bach, grünen Wiesen und Rapsfeldern. Stille. Am Ende der Bahnhofstraße ist Michels Landgasthaus, im Dorfkern ist ein Supermarkt, der samstags um 17 Uhr schließt, es gibt eine Sparkasse.

Das Lager - Anlaufstation in Deutschland

Foto: Victoria Schneider

Und ein Grenzdurchgangslager, in dem hunderte Flüchtlinge aus der ganzen Welt untergekommen sind. Syrer, Afghanen, Iraker, Eritreer. Die meisten sind Asylsuchende, die wenigsten, wie die Familie Kourie, kommen als Kontingentflüchtlinge hierher.

Das Durchgangslager Friedland ist für viele die erste Anlaufstation in Deutschland. 1945 wurde das Camp von der britischen Besatzungsmacht für “Flüchtlinge, Heimkehrer und Vertriebene” eingerichtet. Seither haben mehr als vier Millionen Flüchtlinge das Camp durchlaufen, Ungarn, Albaner, Chilenen, Tamilen aus Sri Lanka, Vietnamesen. Inzwischen sind die meisten Syrer, die dem Krieg in ihrem Heimatland entflohen sind.

Lagerplan

Foto: Victoria Schneider

Jonelles Familie kam mit einem von Deutschland gecharterten Flugzeug von Beirut hierher, zusammen mit rund 100 weiteren Flüchtlingen, die im Libanon für das humanitäre Aufnahmeprogramm der Bundesregierung ausgesucht wurden. Sie sind die Lottogewinner unter den Flüchtlingen - bereits im Libanon besuchten sie erste Kultur- und Sprachkurse, in Friedland haben sie jeden Tag vier Stunden Deutschunterricht am Morgen, am Nachmittag einen Sitten-und-Bräuche-Kurs. Nach zwei Wochen werden sie in ihre neue Heimat gebracht.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge teilt die Menschen nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Länder auf. Dann ist es in den Händen der jeweiligen Landesregierungen, die Familien auf die Landkreise und Städte zu verteilen.Im Gegensatz zu den Asylsuchenden sind die Menschen, die durch das humanitäre Aufnahmeprogramm nach Deutschland kommen, Flüchtlinge erster Klasse.

Der sogenannte Königsteiner Schlüssel legt fest, welchen Anteil der Asylbewerber jedes Bundesland aufnehmen muss. Er wird für jedes Jahr entsprechend der Steuereinnahmen (2/3 Anteil bei der Bewertung) und der Bevölkerungszahl der Länder (1/3 Anteil bei der Bewertung) berechnet. Im Jahr 2015 nimmt NRW die meisten und Bremen die wenigsten Asylsuchenden auf. Die Verteilungsquoten für 2015 findest du hier.

Liana und Jonelle mit ihren Deutschunterlagen

Foto: Victoria Schneider

"Die Asylantragsteller wissen gar nichts”, sagt Jonelle, als wir den Wohnbereich betreten. Menschen aller Hautfarben sind im Hof, ein paar Männer sitzen auf dem schmalen Rasenstreifen, andere spielen Fußball. “Die meisten wissen nicht, wann sie das Lager verlassen dürfen, und keiner kann ihnen Auskunft geben, was mit ihnen passiert”, sagt Jonelle. Die Kouries wissen es: 14 Tage. Dann hat das Lagerleben ein Ende. Friedland ist nur Transit, um die Ankunft in der neuen Welt ein bisschen einfacher zu machen.

Denn der Kulturschock ist groß. Alles ist anders in Deutschland.

Der beginnt schon bei den Betten. Stockbetten - so etwas haben die Kouries noch nie gesehen. Sie haben daher die gestapelten Betten auseinander genommen und im Raum verteilt, ein Doppelbett gebaut und zwei Einzelbetten. Eine andere Familie hat ihre Matratzen auf den Boden gelegt - so, wie sie es von zu Hause kennen, nur sind dort die Matratzen dafür ausgelegt.

Stockbetten unerwünscht

Foto: Victoria Schneider

Sie leben im Flügel 41, Zimmer 4. „Kourie - 4 Personen“ steht auf einem Schild neben der Tür. Ein Tisch, ein paar Stühle, eine Packung Prinzenrolle, jede Menge Kekse.

Vorratswirtschaft

Foto: Victoria Schneider

Liana liegt auf dem Bett und tippt in ihr Handy. Sie haben 20 Euro bekommen, wovon sie sich Prepaid-SIM-Karten gekauft haben - die kosteten jedoch 22 Euro. Dass man in Deutschland SIM-Karten inzwischen für 8,45 Euro kaufen kann, hat ihnen der Verkäufer in dem kleinen Handygeschäft in Göttingen nicht verraten.

Alles ist anders. Das Brot ist nicht flach und ein Fladen, sondern dunkel mit harter Kruste oder weiß, weich und fluffig. Der Kaffee wird mit Filter gebrüht, nicht in einem speziell dafür bestimmten Töpfchen auf dem Gasherd. Das Wasser hat so viel Kohlensäure, dass das Öffnen der ersten Flasche wie eine Explosion war.

Liana erinnert sich lachend an den Tag, an dem ihre Mutter einen Mann auf der Straße fragte, ob Ahornblätter das Gleiche sind wie Weinblätter. "Sie wollte fragen, ob man die Blätter auch füllen kann, aber sie spricht ja kein Deutsch! Mit Händen und Füßen versuchte sie ihm zu erklären, dass sie zu Hause die Blätter mit Reis und Fleisch füllt und kocht - und der Mann dachte, sie wolle die Blätter rauchen!” Die Mädchen brechen in schallendes Gelächter aus.

Der Flügel 41

Foto: Victoria Schneider

Deutschland ist anders. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen.

Aber es lenkt auch ab. Neue Sprache, neue Sitten, die Luft riecht anders, die Farben sind anders. Jonelles Eltern sind an diesem Samstag auf einen Ausflug zu den religiösen Stätten in Göttingen gefahren. Sie kommen mit vollen Tüten zurück. „Wir haben einen türkischen Supermarkt gefunden!“, sagt Jonelles Mutter Wafa stolz. Sonnenblumenkerne in der Schale, Lokum (oft fälschlicherweise als „Türkischer Honig“ bezeichnet), getrocknete Datteln. Ein bisschen Heimat in der Fremde.


“Eins, zwei, drei, vier ...” Zahlen bis 20 haben sie bisher gelernt. Wafa steht in der Mitte des Raumes, die Hände in die Hüften gestützt und wippt bei jeder Ziffer hin und her. “...zwanzig. Wooooohnen”, sagt sie dann. “Ich wooohne. Du woooohnst ... Locher. Tisch. Isch heißere Wafa. Isch bin alt ... “

“Nein, Mama, da ist kein alt", unterbricht Liana.

“Ah ... okay. Isch ben viiiierondföööönfzeeesch Jahre alt.”

https://soundcloud.com/krautreporter/karotte

Sie sind vergnügt, werfen ihre neu erstandenen Deutschkenntnisse zusammen. Das Sprachelernen lenkt ab von der unbegreifbaren Lage, in der sie sich befinden.

Jonelle und Wafa in ihrer Lagerunterkunft

Foto: Victoria Schneider

Bis vor zweieinhalb Jahren lebten sie in Al-Hasaka, einer Stadt im Norden Syriens. Dann kam der Krieg zu nah, sie reisten nach Beirut, um Urlaub zu machen, sich kurz zu erholen. Doch sie blieben, weil in den Tagen ihrer Abwesenheit der Krieg in ihrer Heimatstadt ankam, mit Raketen und Granaten. Die Situation verschlimmerte sich immer mehr, nach acht Monaten stieß der Vater zu ihnen. Die beiden älteren Söhne flohen über Land nach Schweden, wo sie Asyl beantragten und bekamen.

Der Rest der Familie wohnte in einem Vorort in Beirut, doch auf Dauer konnten sie nicht bleiben. Schließlich wurden sie von den UN kontaktiert und gefragt, ob sie umgesiedelt werden wollen, das war vor nicht einmal einem Jahr.


Liana liegt auf einem der Betten. Sie ist entspannt, lächelt. “Im Libanon waren wir gestresst. Alles, alles war schwierig. Sogar das Wasser! Hier kann man das Leitungswasser einfach so trinken!„ Man kann spazieren gehen. “Alles ist grün”, sagt sie.

"Alles ist grün"

Foto: Victoria Schneider

Und dennoch. Immer wieder, zwischendrin, kommt die Angst wieder auf. „Wir wissen nicht, was danach kommt. Wir wissen nicht, in welche Stadt wir kommen“, sagt Jonelle, als wir kurz darauf wieder im Hof spazieren. „Ich habe schon ein bisschen Angst vor dem, was kommt.“


Zwei Tage später, Montag. Die Kouries erfahren, wo sie die nächsten zwei Jahre verbringen werden: Bernau am Chiemsee. Zum ersten Mal kommt die Unsicherheit, die Angst, zum Vorschein. Als wäre alles vorher ein Traum gewesen, eine Welle, die sie trug. Plötzlich wird es ernst. „Jetzt geht der Kampf los“, sagt Jonelle. „Es ist so komisch, jetzt müssen wir umziehen.“ Auf einmal bricht die Realität auf sie herein, und ein Gefühl, als ob man zum ersten Mal ohne Stützräder Rad fahren oder ohne Schwimmflügel schwimmen soll.

Ein Anflug von Panik. Sobald sie Friedland verlassen, das Lager, in dem alles noch geplant war, wo sie eingebettet waren, gibt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Verantwortung ab. Jetzt müssen sie auf eigenen Beinen stehen. Schwimmen, ohne Schwimmflügel.


Der Text wurde gesprochen von Alexander Hertel von detektor.fm