Was hindert die Türkei eigentlich daran, das Wort Völkermord zu akzeptieren? Andere haben es doch auch geschafft.

Was hindert die Türkei eigentlich daran, das Wort Völkermord zu akzeptieren? Andere haben es doch auch geschafft.

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Die Frage, die KR-Mitglied Pappe am Montag in einer Anmerkung an der Morgenpost stellte, war einfach, kraftvoll und deswegen überraschend. Nach vielen, vielen Berichten zum Thema hatte ich erwartet, dass alles geklärt sei. Aber seine Frage packte mich dennoch, wahrscheinlich, weil Pappe den Vergleich zu Deutschland zog:

Es stimmt schon. In der BRD ist das Holocaust-Gedenken Staatsraison, aber die offizielle Türkei greift zu Formulierungen, die dem Ausmaß der Verbrechen an den Armeniern nicht gerecht zu werden scheinen.

Was also treibt die Türkei um? Diese Frage habe ich mit den Türkei-Experten aus der Krautreporter-Community diskutiert. “Experten” nennen wir jeden, der in seinem Profil angegeben hat, sich mit der Türkei gut auszukennen, in das Land gute Kontakte hat oder sogar dort wohnt. Drei Punkte sind wichtig für Pappes Frage:

Türken unterschätzen, wie ernsthaft die Genozid-Anschuldigung ist

KR-Mitglied Süleyman wies uns auf ein Interview im Deutsch-Türkischen Journal hin. Darin sieht der türkische Historiker Kemal Çiçek den Ursprung der Armenier-Frage in “Kriegspropaganda”. Außerdem streitet er ab, dass die Armenier vorsätzlich umgebracht worden sei. Vorsatz sei aber eine der Bedingungen des “Völkermordes”. Gleichzeitig sagt er, dass die Armenier das Thema für ein Jahrhundert auf der Agenda gehalten haben, während die meisten Türken es einfach unterschätzten:

Wir haben nicht im Detail diskutiert, was an diesen Aussagen dran ist. Das ist für unsere Frage auch nicht so wichtig, weil das Interview eine Tür in die türkische Welt öffnet und illustriert, wie Türken die Frage wahrnehmen. Die Wahrnehmung beeinflusst letztlich auch die Politik. Einer “Kriegspropaganda” würde kein Volk der Welt gerne zum Opfer fallen, und es würde schon gar nicht eine Anschuldigung (“Genozid”) akzeptieren, dessen wichtigste Bedingung (“Vorsatz”) angeblich nicht erfüllt ist. Aus dieser Sicht ist die Weigerung, das Wort zu benutzen, verständlich. Allerdings ist es unter nicht-türkischen Historikern “keine Frage”, ob die Türken einen Völkermord an den Armeniern verübten. Natürlich haben sie.

Würde die Türkei den Völkermord anerkennen, wäre ihr Gründungsmythos in Gefahr

Die Armenien-Frage geht an die Wurzel der modernen türkischen Republik. Nur wenige Jahre vor ihrer Gründung wurden die Armenier umgebracht. Dieter erklärt es:

Anatolien aber - das ist wichtig zu verstehen - ist das Herzland der Türkei, das Vaterland (“vatan”). Dieter verweist auf die Aussagen von Ismet Inönü, des zweiten Mannes hinter Atatürk, dem Staatsgründer: “Nationalismus ist das einzige Element unserer Einheit. Als Türken stellen wir die Mehrheit, andere Gruppen haben keine Macht.”

Diesen Mythos gilt es zu schützen, sonst müssten im türkischen Geschichtsunterricht die Erzählungen über das eigene Land mit einem Verbrechen beginnen. Hier ergänzen sich türkischer Nationalismus und ein unbefleckter Gründungsmythos. Denn ein Verbrechen in den Mythos mit aufzunehmen, schadet nicht dessen Kraft, aber verändert das Selbstverständnis der Nation grundlegend - siehe Deutschland, das auf staatlichem Level wenig nationalistisch ist. Wessen Land aus einem Verbrechen geboren wurde, der muss auf internationaler Bühne anders auftreten, leiser und demütiger.

Die Anerkennung des Völkermordes wäre auch eine taktische Frage

Gurdi weist darauf hin, dass die Armenien-Frage nicht nur eine historische sei, sondern die Politik der Türkei ganz konkret beeinflusst. So muss derzeit eine Energiepipeline aus Aserbaidschan einen Bogen durch Georgien machen, um Armenien zu meiden. Gleichzeitig sei die Türkei gerade außenpolitisch isoliert. Sie könnte sich entscheiden, die Anerkennung des Völkermordes zu nutzen, um Punkte bei der internationalen Gemeinschaft und vor allem den westlichen Partnern zu sammeln. Oder um Bewegung in etwaige Verhandlungen mit Armenien oder Russland, der armenischen Schutzmacht, zu bringen.

Was Gurdi schreibt, ist spekulativ. Deswegen können wir es nicht belegen, aber klar ist, dass es meist extremen Druck von innen oder außen braucht, ehe sich ein Staat seiner Verbrechen stellt. Die USA etwa haben bis heute nicht die Ermordung und Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner auf breiter Front thematisiert. Japan tut sich schwer, die Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges anzuerkennen.

Oder die Bundesregierung. Sie weigert sich nicht nur, in der Armenien-Frage von einem Völkermord zu sprechen. Den zweiten Völkermord der deutschen Geschichte, den vergessenen an den Herero während der Kolonialzeit, tut sie auch ab. Daniel hat das gut in Worte gefasst:


Aufmacher: Armenische Frau kniet neben totem Kind, 1915 - Gemeinfrei