„Das Wichtigste in meinem Leben werden immer Fotografien sein“

„Das Wichtigste in meinem Leben werden immer Fotografien sein“

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Ich rede mir erfolgreich ein, dass es gesünder ist, morgens nur auf einen kleinen Bildschirm zu schauen, statt sich die Augen gleich mit dem grellen Licht eines großen Monitors zu verderben. Deshalb lese ich morgens als erstes meine Mails und diverse Social-Media-Kanäle auf meinem Smartphone.

Manchmal lese ich die Schlagzeilen der New York Times oder überfliege andere Artikel, die mir Leute im Netz empfehlen. Aber wenn ich ehrlich bin, sind tagesaktuelle Nachrichten für mich nicht sonderlich wichtig. Früher habe ich viel Zeitung gelesen, aber das habe ich mir fast ganz abgewöhnt. Ich habe mich fast immer schlecht gefühlt, wenn ich sie gelesen habe und habe deshalb beschlossen, darauf zu verzichten. Das klingt vielleicht ignorant, aber ich finde es nicht verwerflich, auf etwas zu verzichten, von dem ich sowieso nie genau weiß, ob es der Wahrheit entspricht.

Auch für meine Arbeit brauche ich diesen aktuellen Nachrichtenjournalismus nicht so richtig. Ich arbeite ja nicht als Fotojournalist, und wenn ich etwas über die Länder erfahren will, in die ich auf meiner Reise komme, spreche ich lieber mit den Leuten als etwas zu lesen.

Ich habe ein einziges Magazin-Abo. Das Heft heißt „Habitus“ und ich habe es schon seit Ewigkeiten abonniert. Normalerweise verliere ich schnell das Interesse an einem Magazin, wenn ich mehrere Ausgaben davon gelesen habe. Vielleicht hat das damit zu tun, dass sich meine Interessen manchmal schneller wandeln als ich meine Unterwäsche wechsle. Bei „Habitus“ ist das anders. Es ist ein Design-Magazin und der Inhalt ist so vielfältig, dass ich immer etwas Interessantes darin finde. Ein wenig halte ich das Abo aber auch aufrecht, weil ich seit der ersten Ausgabe dabei bin und ihnen einfach die Treue halten will.

Ich bin sehr viel auf Reisen und höre dann deutlich öfter Hörbücher oder Podcasts als etwas zu lesen. Als Fotograf mag ich auch Bildbände sehr gerne, auch wenn die meist sehr groß und schwer und deshalb auf Reisen unpraktisch sind. Ich bekomme auch immer mal wieder Bücher von Freunden empfohlen oder von den Leuten, die ich durch meinen Tauschhandel „The Pixel Trade“ treffe. Meistens verlasse ich mich auf ihr Urteil, wenn sie mir sagen, dass mir dieses oder jenes Buch gefallen könnte. Im Moment lese ich gerade „The Gift“ von Lewis Hyde, das mir ein Freund aus New York City geschenkt hat. Es gefällt mir schon ausgezeichnet, und ich bin erst auf Seite 40.

Grundsätzlich lese ich am liebsten Sachbücher und Autobiografien. Das beeindruckendste Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe, war jdoch ein Roman: „Dirt Music“ von Tim Winton. Ich bin in Australien aufgewachsen und das Land ist mir sehr vertraut. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass ich mit dem Land oft sehr streng bin und es im Vergleich zum Rest der Welt sehr negativ beurteile. „Dirt Music“ schafft es, Australiens Schönheit durch dramatische Geschichten deutlich zu machen. „Verzaubert“ mag ein sehr starkes Wort sein, aber Tim Winton hat mir gezeigt, was für ein verzaubertes Land Australien ist – eine Seite, die ich bisher übersehen oder ignoriert hatte.

Ich finde es schwierig, mich auf Lieblingsautoren festzulegen. Aber Tim Winton gehört auf alle Fälle dazu. Und ein australischer Autor namens Enis Cehic.

Radio und Fernsehen kommen in meinem Leben so gut wie überhaupt nicht mehr vor. Fernsehen hat das Radio überflüssig gemacht und Podcasts das Fernsehen.

Das Wichtigste in meinem Leben, was ich lese, werden jedoch nie Wörter sein, sondern immer Fotografien. Es gibt für mich nichts Schöneres als ein Foto wieder und wieder anzusehen. Es in all seinen Facetten zu lesen, es nach und nach besser zu verstehen und zu versuchen, seine Bedeutung zu erkennen.


Shantanu Starick ist ein australischer Fotograf mit deutschen Wurzeln. Im Juni 2012 startete er das Projekt „The Pixel Trade“. Seitdem reist er ohne Geld um die Welt. Alles, was er zum Leben braucht – Essen, Schlafplatz, Gebrauchsgegenstände, Kleidung, Tickets zum nächsten Ort – tauscht er gegen Fotos ein, die er für seine Tauschpartner anfertigt.


In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.

Illustration:Veronika Neubauer, Foto: privat