Black Twitter Power

Black Twitter Power

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Acht Schüsse auf den Rücken - so tötete ein Polizist am 4. April im US-Bundesstaat South Carolina den 50-jährigen Walter Scott und muss sich nun vor Gericht wegen Mordes verantworten. Seitdem ist der Fall zu einem dominierenden Thema im sozialen Netzwerk Twitter geworden: Das Hashtag #WalterScott ist über Nacht weltweit zum Trending Topic geworden - und zeigt, welche Schlagkraft #BlackTwitter in den vergangenen Jahren in den USA entwickelt hat.

21 Prozent weiße, aber 27 Prozent schwarze Webnutzer sind bei Twitter

Gleich mehrere Studien des PEW Research Center haben dieses Phänomen erforscht und versucht, die Internetnutzung nach Hautfarben aufzuschlüsseln. Im Januar 2015 stellten die Forscher fest, dass insgesamt 23 Prozent der Web-User auch Twitter nutzen - bei Schwarzen lag dieser Anteil mit 27 Prozent deutlich höher. 25 Prozent der Hispanics gaben an, Twitter zu nutzen, aber nur 21 Prozent der Weißen.

Auch bei den regelmäßigen Besuchern der Plattform gab es 2014 deutliche Unterschiede: 11 Prozent der schwarzen User seien jeden Tag bei Twitter, aber nur 3 Prozent der weißen Web-User. Befragt hatte das Institut 4.223 Weiße und 664 Schwarze.

Eine zweite Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Twitter deutlich zielgerichteter eingesetzt wird als andere Plattformen. Sie analysierte die Verbreitung des Hashtags #Ferguson. Der Name der US-Kleinstadt in der Nähe von St. Louis steht seit dem vergangenen Jahr für das US-Rassenproblem wie kein zweiter. Hier war der schwarze Teenager Michael Brown von einem weißen Polizisten getötet worden. Hier startete eine landesweite Protestbewegung, die auch in den Großstädten Zehntausende auf die Straße brachte.

Und hier zeigte sich massiv ein Phänomen, das in Deutschland kaum bekannt ist, aber in den USA seit Jahren eine Rolle spielt: Schwarze nutzen das Nachrichtennetzwerk Twitter überproportional häufig und behandeln dort häufiger „ihre“ Bürgerrechtsthemen. Kurz: #BlackTwitter. Während sich bei der Fotoplattform Instagram nur 38 Prozent der Beiträge mit dem Schlagwort #Ferguson tatsächlich mit dem Tod Michael Browns und den Protesten beschäftigten, waren dies bei Twitter 86 Prozent. Die Forscher hatten hierzu 650.000 Tweets ausgewertet.

Die Wähler in dem 21.000-Einwohner-Städtchen Ferguson haben inzwischen Geschichte geschrieben: Sie haben einen neuen Stadtrat gewählt. Sechs Mitglieder hat der insgesamt. Drei dieser Sitze standen zur Neuwahl. Zum ersten Mal haben nun Schwarze und Weiße gleich viele Sitze im Stadtrat des Ortes - auch ein Erfolg von #BlackTwitter?

Beispiele aus Politik, Wirtschaft und Popkultur

Schon vor dem Fall in Ferguson zeigte sich bei einem weiteren mutmaßlich rassistisch motivierten Mord die Kraft von #BlackTwitter: Als der weiße George Zimmerman auf Nachbarschaftspatrouille den Schwarzen Trayvon Martin tötete, begann der Protest in dem Netzwerk. Eine Online-Petition mit dem Ziel, dass der Hobbypolizist doch noch angeklagt würde, wurde millionenfach geteilt und 2,3 Millionen Mal unterschrieben. Mit dem Hashtag #BlackLivesMatter machten Aktivistinnen darauf aufmerksam, dass schwarze Frauen vor Gericht und von der Polizei anders als weiße behandelt werden. Und unter dem Hashtag #IfTheyGunnedMeDown stellen Nutzer die Frage, welches von zwei Fotos Medien wohl als Porträt eines Schwarzen oder eines Weißen nutzen würden. Zudem sorgen schon länger per Twitter organisierte „Voter Registration Rallies“ dafür, dass sich mehr Schwarze als Wähler registrieren lassen. Ihnen werden Tipps gegeben, wie sie die bürokratischen Hürden dabei umgehen können.

Berühmtestes Beispiel aus dem Unternehmensbereich ist die Café-Kette Starbucks. Die wollte sich mit dem Hashtag #RaceTogether für mehr Verständigung zwischen den Hautfarben einsetzen. Firmenchef Howard Schultz hatte den Spruch auf Kaffeebecher drucken lassen und wollte sogar seine Mitarbeiter anregen, mit den Kunden über Rassismus zu sprechen. Doch vielen Aktivisten erschien die Aussicht auf ein flott belehrendes Gespräch zwischen Bestellung und Latte-Ausgabe zu platt, kaum mehr als ein Marketingtrick, um ins Gespräch zu kommen. Bei Twitter machten sie sich über die Aktion lustig. Unter dem Hashtag #NewStarbucksDrinks schlugen sie neue Getränke wie den „Malcolm Xpresso“ in Anlehnung an den schwarzen Bürgerrechtler vor. Das Unternehmen ließ „Race Together“ Ende März auslaufen.

Und auch Stars und Sternchen bekommen die öffentliche Ablehnung der schwarzen Community dank Twitter leichter zu spüren. Beispielsweise fiel Fernsehköchin Paula Deen zwar in der Vergangenheit schon häufiger mit rassistischen Kommentaren auf. Als sie bei Twitter fragte, was die User denn am liebsten zu einem Potluck-Dinner - also einem Abendessen, bei dem jeder Gast eine Speise mitbringt - beisteuern, bekam sie die Quittung. Hunderte Wortspiele und bissige Kommentare wurden gepostet: „Schwarzen und weißen Reis, auf verschiedenen, aber gleichen, Tellern“, schrieb einer, „Lynchables“, ein anderer User, ein Wortspiel bezogen auf Lynchmorde und den Pausensnack „Lunchables“.

Ein weiter Fall ist der von Elizabeth Lauten. Die Pressesprecherin eines Kongressabgeordneten lästerte online über die angeblich schlecht erzogenen Töchter Barack Obamas. Für ihre Beschwerden wurde sie auch auf Twitter mit Häme überschüttet. Sie trat einen Tag später zurück.

Auch zu generellen Medienphänomen gelingt es #BlackTwitter, Aufmerksamkeit zu erregen. Am #BlackOutDay sollen Schwarze Fotos von sich twittern, um zu zeigen, welche Positiv-Darstellungen in den Massenmedien oft fehlen, weil eine dunkle Hautfarbe nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Auch hetzerisches Getratsche, der sogenannte „Smack Talk“, findet sein Abbild auf Twitter. Diese schnellen Witzeleien kamen beispielsweise auf, als die republikanische Partei behauptete, dass Rassismus in den Vereinigten Staaten seit Martin Luther Kings Protestmarsch auf Selma im Jahr 1965 beendet sei. Unter #RacismEndedWhen wurden unzählige sarkastische Beiträge verschlagwortet, warum dies längst nicht der Fall ist.

Die schwere Suche nach einer Definition

Die Studien und diese wachsende Zahl an Beispielen haben schließlich auch den Wunsch nach einer genaueren Definition des Phänomens #BlackTwitter in Popkultur und Wissenschaft befördert. Stark zur Popularität des Begriffs hat ein Artikel des Online-Magazins Salon im Jahr 2013 beigetragen. Er enthielt eine Beschreibung, die auch in die Wikipedia Einzug hielt: „Ein Zusammenschluss von aktiven, vor allem afroamerikanischen Twitter-Nutzern, die eine virtuelle Gemeinschaft gebildet haben und die sich gut darin zeigen, eine große Bandbreite von soziopolitischen Veränderungen anzustoßen.“ Es geht also nicht nur darum, was Schwarze bei Twitter schreiben, stattdessen soll die Plattform viel eher zur Durchsetzung von Zielen zur Gleichberechtigung von Schwarzen benutzt werden.

Die vielen Beispiele sorgen auch dafür, dass Twitter mitunter sogar als jüngstes Beispiel in einer längeren Reihe alternativer Kommunikationswege von Schwarzen gesehen wird. Bereits Sklavengesänge mit eigener Sprache hätten vor Jahrhunderten eine besondere Verständigungsform für Benachteiligte dargestellt, heißt in dem Artikel weiter. In den 80er-Jahren sei Hip Hop ein weiteres Beispiel des besonderen Ausdrucks schwarzer Themen gewesen und jetzt eben Twitter.

Inzwischen beschäftigen sich auch die Sozialwissenschaften ernsthafter mit dem Begriff. Die Journalismusforscherin Meredith Clark hat an der Universität North Carolina zum Thema promoviert. Zusammen mit der Autorin Kimberly Ellis hält sie zudem Vorträge über Black Twitter. Diese steht auch kurz vor der Veröffentlichung ihres Buches: „The Bombastic Brillance of Black Twitter“. Ihr Fazit bei einem Panel der Netzmesse South by Southwest: „Durch zwei Fotos und einen Hashtag ist es Tausenden Menschen gelungen, die Sichtweise der Medien und die Berichterstattung über Michael Brown zu verändern.“

Kaum Auswirkungen auf Realpolitik - oder doch?

Doch Kritiker stellen fest, dass #BlackTwitter bei all der Debatte kaum Einfluss auf politische Vorhaben hat. Es ist das alte Problem der Online-Aktivisten: Zu häufig folgt auf das digitale Feuer keine konkrete Verbesserung in der analogen Welt.


Aufmacher-Bild: Screenshot aus dem Video über die Schüsse auf Walter Scott, das in den USA verschiedenen Medien zugespielt wurde

Der Text wurde gesprochen von Alexander Hertel von detektor.fm