„Ich wollte auch so einen starken eigenen Ton. Ging nicht gut.“

„Ich wollte auch so einen starken eigenen Ton. Ging nicht gut.“

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Die Nachricht war, dass ein Flugzeug notgelandet war, im Hudson. Die Nachricht danach war, wie diese Nachricht in die Welt gekommen war: Keine Agentur, kein Nachrichtensender hatte sie zuerst, sondern Twitter - der Fahrgast einer Fähre tweetete: „There's a plane in the Hudson.“ Galt als Wendepunkt im Nachrichtengeschäft. Aber hier geht es ja um Geschichten.

Sechs Monate später erschien „Anatomy of a miracle“ von William Langewiesche (Vanity Fair 2009), ich erinnere mich nicht mehr, wie ich von ihm erfuhr. Ich weiß nur noch, wie er mich einsog.

Als ich wieder auftauchte, hatte mich der Text in seiner Strömung schon Dutzende Zeilen weitergetragen, zu einer seltsamen Behörde, die alle Kollisionen von Tieren mit Flugzeugen amtlich auswertet, bis hin zum einzigen offiziellen Zusammenstoß eines Flugzeugs mit einem Fisch.

Es war großartig. Ich wusste im Grunde genau, was damals geschehen war, die Medien waren voll gewesen davon: welcher Pilot da in einen Gänseschwarm geraten war und wie sein Spitzname lautete, warum er notwassern musste, wie das Ganze ausging - und dennoch las ich diesen irre langen Riemen wie im Drang. Klar, war eine gute Geschichte. Aber die war es vorher auch schon.

Was mich so fesselte, war die Art, sie zu erzählen. William Langewiesche nutzte die Spannung jener drei Minuten und dreißig Sekunden zwischen Vogelschlag und Notwasserung als Sprungbrett, um die Geschichten drumherum zu schildern: von den Gänsen und ihrem Instinkt, von der Fehde zwischen Airbus und Boing, von Luftdruckkanonen, die Geflügel in Triebwerke schießen, vom passenden Fluch am Ende des längsten Gleitflugs, den je ein Jumbo überstand - lauter Sachen, von denen ich kurz zuvor noch gar nicht gewusst hatte, dass sie mich interessieren könnten.

Jetzt taten sie es.
Sowas mag ich sehr.


In München gehörte es zum guten Ton, als Deutschlehrer seinen Schülern die „Streiflicht“-Glossen der SZ zur Analyse aufzugeben, Stilmittel ausfindig machen rauf und runter. Hendiadyoin. Synekdoche. Kakophonie. Hab ich gehasst. Zum Glück kam nur eine Seite weiter DIE SEITE DREI.

Ich las damals noch nicht so verhunzt wie heute, wo ich mich ertappe, als erstes die Autorenzeile eines Artikels zu lesen, oder nur den Anfang, oder gleich das Ende. Ich las damals immer die ganze Seite durch. Die erste Geschichte, die ich rausriss, ging um das Begräbnis eines jungen Aids-Toten in Berlin, bei dem jeder in den Sarg schauen durfte. Dann war Wochen nichts. Also nichts außer Reportagen aus Politik, Wirtschaft, Sport, das große Ganze eben. Aber dann kam plötzlich wieder eine zum Rausreißen. Tage später noch eine. Waren irgendwie immer die Menschen-Geschichten. Einfach über ein Leben, irgendeines. Oft ohne aktuellen Anlass. Nur ein Mensch und einer, der über ihn schreibt.

Das sind mir bis heute die liebsten Geschichten. Wie diese hier, „Euer Elend kotzt mich an“. Karin Steinberger (Süddeutsche Zeitung 2012) hat sie geschrieben. Ich will gar nichts groß darüber sagen, das wäre Verrat an der Kraft, die sie hat.


Jaja, ich weiß, Erwin Koch, den findet ja jeder toll. Geht mir genauso - aber bei dieser Geschichte: abwarten.

Ich habe Erwin Koch über „Spiegel Reporter“ lesen gelernt, ein Magazin, in dem mir alles neu vorkam: die Themen, die Autoren, vor allem der Ton. In der ersten Ausgabe war ein Porträt der „Süddeutschen“ drin, das damit anfing, wie Herbert Riehl-Heyse den Anfang dieses Porträts angefangen hätte, wenn er und nicht der Autor es geschrieben hätte. Genau. Genial. Aber fast schon zu viel.

Erwin Koch fand ich am besten in diesen Heften. Ich war nicht sicher, was mich am meisten beeindruckte. Die Wucht seiner Geschichten? Schien immer um Leben oder Tod oder wenigstens die Liebe zu gehen, schicksalsschwere Sachen, die mir Tage nicht aus dem Kopf gingen.

Oder die Fülle seiner Recherche? Waffenkaliber, Hemdenfarben, Postleitzahlen, gerne auch chemische Formeln oder medizinische Fachausdrücke, er wusste es alles, und das lange vor der Zeit, in der im Zweifel jeder schnell auf Google nachsehen kann, ob hinter dem Haus seines Helden Osten oder Westen liegt, um sicherzugehen, ob die Sonne dahinter aufgeht oder versinkt (und ja, benutze ich auch, diese Krücke).

Dann dachte ich lange, es sei sein Ton, der mich so in Bann schlug: Koch wusste nicht nur alles, er schrieb es auch alles auf, atemlos, in Kaskaden von Sätzen voller starker Verben, die aussahen, als habe er seine erste Textfassung in die Luft gesprengt und dann die Bruchstücke zusammengefügt - aber wer sich reinlas, merkte schnell, wie sehr er daran gearbeitet hatte, seine Geschichten in ihrer Detailflut ins Gleichgewicht zu bekommen. Erst später las ich irgendwo einen treffenden Ausdruck dafür: manischer Realismus.

Aber das war es auch nicht. Ich bewunderte nicht seinen Ton. Ich bewunderte, dass er solch einen starken Ton gefunden hatte, der ihn unverwechselbar machte - und dass er den Mut hatte, seine Geschichten immer in diesem Ton zu schreiben.

Also tat ich, was wahrscheinlich viele machen, wenn sie Erwin Koch verfallen: Ich wollte das auch, so einen starken eigenen Ton. Ging nicht gut. Wollte ich aber nicht wahrhaben.

Irgendwann fiel ich einem Freund derart auf die Nerven damit, dass er mir diese alte Geschichte von Erwin Koch zu lesen gab, „Laib mit Seele“ (Merian 1999). Es geht darin nicht um Heilige und Mörder. Es geht um Sauerteig. Im selben Ton. Seitdem bin ich geheilt.


Roland Schulz, 1976 in München geboren, schreibt für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ und „Geo“. Seine Reportagen wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Axel-Springer-Preis und der Hansel-Mieth-Preis.


Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Reportagen.fm

Illustration: Veronika Neubauer