Am Set

„Guck mal, Mama, ich bin ein Nazi!“

etwa 8 Min. Lesedauer
  • Metriken
  • Probemitglieder: 0
  • Aufrufe: (Gesamt: 74, Gäste: 71)
  • Kommentare: 7
  • Audio-Zugriffe: 0
  • Ebook-Downloads: 0
  • Sharewall submit count: 0
  • Sharewall skip count: 0
  • Zahlen aktualisiert 10. Dezember, 09:25 Uhr
| Matomo-Analytics

Ich bin in diesem Dorf bei Nürnberg angekommen und hatte das Skript nicht gelesen – ich kann ja kein Deutsch. Der Ort ist ein Freilandmuseum, sehr idyllisch. Dauernd fuhren Leute auf Ochsenkarren vorbei. Stell dir also vor, du läufst da rum, es ist alles schön und bunt und friedlich, aber überall, wo du eine Tür aufmachst, sitzen Leute in Nazi-Uniformen, und du denkst: „Verdammt! Ich bin hier falsch!“ Nicht nur für mich war dieses Setting bizarr. Auch die Schauspieler haben ständig gekichert, sie haben mich an Kinder erinnert, die mit ihrer eigenen Geschichte spielen. Ich glaube, es hat einen kathartischen Effekt, diese Uniformen zu tragen und “Heil Hitler” zu sagen, einfach, um das mal zu machen, so war das damals! Es ist wie an Halloween, wenn man mal ausprobiert, wie es ist, sein eigener Alptraum zu sein.

Im falschen Film? Szene hinter den Kulissen

Film „Valentina“ @y-concepts & Merav Maroody

Das Problem ist, dass wir über historische Ereignisse denken, sie hätten damals eben passieren müssen. Wir glauben, wir wissen jetzt Bescheid, uns würde das nicht passieren, aber dann sieht man plötzlich diese Uniformen oder trägt sie, und die Trennlinie zwischen jetzt und damals, die eben noch undurchdringlich schien, wird ganz dünn. Es gibt keinen großen Unterschied mehr zwischen den Leuten von damals und heute. Wir haben alle diese Frage, Juden und Nicht-Juden: Was hätten wir damals gemacht? Und man sagt dann, hey, ich würde bestimmt helfen oder so. Aber in einer Situation wie diesem Filmset merkt man: Ich weiß nicht, was ich machen würde. Die Realität ist so anders als das, was man sich vorstellt.

In Amerika macht man Reenacting, man inszeniert also historische Ereignisse auf möglichst authentische Weise nach.Das ist eine schlaue Tradition. Manchmal muss man spielen, wie es ist, die Bösen zu sein, oder die Opfer. Dann schickt man ein Foto nach Hause und schreibt: „Guck mal, Mama, ich bin ein Nazi!“

Michael Schiller in seiner Rolle als Nazi-Offizier im Film „Valentina“

Film „Valentina“ @y-concepts & Merav Maroody

In diesen Schauspieler habe ich mich fast ein bisschen verliebt. Er kam in einer Szene in einem schicken Gestapo-Wagen angefahren und hat dann, glaube ich, eine Zwangsarbeiterin misshandelt. Ich habe mich gefragt, warum er so gut aussieht in seinen Nazi-Sachen und ob er in Wirklichkeit vielleicht total nett ist. Der Schauspieler wirkte sehr freundlich. Er hat auf dem Set viel mitgeholfen. So, wie er aussah, genau so habe ich mir Nazis immer vorgestellt. Ein älterer, weißer Herr, irgendwie väterlich, aber auch bedrohlich. Es fühlte sich an wie eine nette Gelegenheit, einem Nazi endlich mal all die Fragen zu stellen, auf die man schon immer eine Antwort haben wollte. „Warum hast du das alles gemacht?“ Aber ich habe es noch nicht einmal geschafft, mit dem Schauspieler zu reden, eben weil er diese Uniform trug. Es klingt vielleicht albern, aber ich habe die Fotos von ihm alle mit Zoom von weit weg gemacht, weil ich nicht näher rangehen wollte.

Manches, was ich auf dem Set gesehen habe, blieb mir unklar. Was soll das hier zum Beispiel sein? Ein jüdisches Bier? Ein auserwähltes Bier? Dieses Symbol hing einfach außen an einem abgeschlossenen Gebäude dran, und niemand konnte mir sagen, was es ist.

Mehr über Ausschankzeichen steht hier. In den USA hingegen gibt es tatsächlich ein auserwähltes Bier.

Tatsächlich ist das Hexagramm hier kein Davidsstern, sondern ein traditionelles Ausschankzeichen.

Film "Valentina", @y-concepts & Merav Maroody


Aber ich war ja nicht nur als Jüdin auf dem Set eines Nazi-Films unterwegs, sondern auch als Ausländerin auf einem deutschen Filmset. Ich muss sagen, dass das sehr angenehm war. Ich bin es gewöhnt, auf den Sets von Actionfilmen zu arbeiten, da geht es sehr rau zu, und ich muss ständig darum kämpfen, dass ich meine Fotos machen kann. Hier waren auf einmal alle nett und höflich, jeder hat meinen Job wertgeschätzt. Natürlich muss der Regisseur trotzdem herumbrüllen, und das ist bei einem solchen Setting schon recht surreal. Der Regisseur brüllte die Nazi-Schauspieler an, damit die ihre Zwangsarbeiter-Schauspieler anbrüllten. Mein Kollege und ich wären fast gestorben vor Lachen. Es hat mich an einen Sketch der legendären israelischen Satiregruppe „Hamishia Hakamerit“ erinnert. Zwei Männer gehen nebeneinander her und führen ein ernstes Gespräch, das scheinbar von einer Situation mit Nazis und Juden handelt. Am Ende stellt sich heraus, dass sie über einen Filmdreh von Spielberg reden. (Krautreporter-Mitglieder können den Clip und eine Übersetzung in der Anmerkungsspalte sehen)

Der Clip ist eine Parodie auf den Film „Shoah“ von Claude Lanzmann.
Zwei Männer unterhalten sich in einem pseudo-russisch-französischen Kauderwelsch. Ein „Übersetzer“ spricht auf Hebräisch darüber.
Frage: Was ist in dieser Nacht passiert?
Antwort: Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Es war eine sehr kalte Nacht. Sie haben allen gesagt, dass sie sich in Reihen aufstellen sollen.
F: Auch den Frauen?
A: Frauen, Männer, Kinder. Rundherum war Stacheldraht. Wächter, Soldaten und Polizei. Und alles, was man hört, ist Geschrei. Schreie, die ganze Zeit Schreie.
F: Und dann? Was ist dann passiert?
A: Und dann kam ER. Wir haben aus der Ferne ein schwarzes Auto gesehen. Sehr luxuriös. Man hat uns gesagt, dass wir uns nicht bewegen sollten. Das Auto hielt vor den Waggons an. Er stieg aus. Ein sehr gutaussehnder Mann. Elegant gekleidet, langer Mantel. Sehr beeindruckend. Sehr beeindruckend.
F: War das Oskar Schindler?
A: Hinterher hat man uns gesagt, dass es Oskar Schindler war. In der Nacht wussten wir das noch nicht. Man hat uns nichts gesagt.
Q: Und dann?
A: Und dann gab es ein furchtbares Geschrei: „Was soll denn das sein?“ So hat er geschrien.
Q: War das Schindler?
A: Nein, das war nicht Schindler – Spielberg! „Das war nicht gut! Wir müssen alles nochmal machen!“ Er hat uns angeschrien, weil wir nicht schnell genug rannten. Man hat uns gesagt, dass wir zurück zum Zug gehen sollten. Und dann fing alles von vorne an. Es war schrecklich. Schrecklich.
Q: Und dann? Was ist dann passiert?
A: Dann hat man uns bezahlt, und wir sind nach Hause gegangen.
Q: Was?
A: Wir sind nach Hause gegangen. Es war schon sehr spät. Sehr spät. Und die Bezahlung war sehr gering.
Q: Und Spielberg?
A: Spielberg. Der hat einen Oscar dafür gekriegt.

Hühner bei den Dreharbeiten

Film „Valentina“, @y-concepts & Merav Maroody

Die Hühner auf dem Set haben sich von den Anweisungen allerdings nicht beeindrucken lassen. Die haben einfach nicht gemacht, was man ihnen gesagt hat. Max, der Regisseur, wollte, dass sie durch das Bild laufen. Den Hühnern war das egal, sie sind einfach woanders hingegangen. Man kann Hühner anscheinend schlachten und essen, aber man kann ihnen nicht sagen, was sie tun sollen.

Übrigens ruft man bei einem deutschen Filmdreh anscheinend nicht „Action“, wenn eine Szene losgeht. Stattdessen ruft der Regisseur: „Bitte!“Und wenn er fertig ist, ruft er nicht „Cut“, sondern „Danke!“ Was soll das?

Aber im Ernst: Eigentlich genieße ich es sehr, dass die Deutschen so höflich sind und alles so gut organisiert ist. Aber wenn ich eine Sache hier ändern könnte, wäre es, dass einem hier nicht geholfen wird, dass es dafür keine Kultur gibt. Ich meine nicht, dass die Leute nicht nett sind, aber hier sagt man, dass man sich nicht einmischen soll, „jemand kümmert sich schon“. Eine Freundin von mir ist mal mitten in der Stadt mit dem Fahrrad gestürzt und konnte nicht aufstehen. Niemand hat ihr geholfen.

Andreas Leopold Schadt in seiner Rolle als Aufpasser

Film „Valentina“ @y-concepts & Merav Maroody

Was mir bei diesem Dreh sehr stark aufgefallen ist: Man erkennt diese Bilder, diese Farben, diesen Look sofort wieder. Wir haben alle Bilder im Kopf von Filmen wie „Schindlers Liste“ und anderen epischen Holocaustfilmen. Die neuen Filme sind eine Replik der gleichen Symbole, die schon vorher benutzt worden sind. Wenn du diese Bilder siehst, braucht dir keiner mehr zu sagen, was das für ein Film ist, du weißt es. Jemand hat die Farbpalette schon angemischt, wir benutzen nur immer wieder die gleichen Farben.

Kinder in einer Filmszene

„Valentina“, @y-concepts & Merav Maroody

Ich weiß nicht, ob man diese Ähnlichkeit vermeiden kann, ich weiß auch nicht, ob sie ein Problem ist. Aber Erinnerungen sind trügerisch, und Filme sorgen dafür, dass wir uns fühlen, als wären wir da gewesen. Je mehr man die gleichen Bilder kopiert, desto mehr Details gehen verloren, und irgendwann ist nur noch ein Symbol übrig. Man zitiert Shakespeare und weiß gar nicht mehr, dass es Shakespeare ist. Und welcher Kontext dazu gehört. Und dann stellt sich bei so einem Dreh natürlich die Frage: Macht man Nazis nach, oder macht man Nazis aus Filmen nach ? Natürlich erwartet man von Nazis, dass sie rumschreien und so weiter. Aber auf dem Set sieht man die Leute in ihren Uniformen in den Pausen noch ganz andere Dinge tun – sie essen zu Mittag, machen Witze, streicheln Katzen. Was haben die echten Nazis gemacht? Sie sind nach Hause gekommen, haben ein Bier getrunken, haben ihre Katze gestreichelt, ihr Kind getätschelt. So ein Film ist wie ein Familienalbum: Es hält nur die großen Momente fest, die kleinen Alltagsdinge verschwinden.

Schauspieler Matthi Faust in seiner Rolle als HJ-Führer

Film „Valentina“ @y-concepts & Merav Maroody

Ich habe bis heute keine Ahnung, wovon der Film eigentlich handelt. Aber es war eine großartige Erfahrung.

Dass offenbar tatsächlich viele Nazis Katzen mochten, dokumentiert dieses Blog.


Merav Maroody ist Set-Fotografin (camerav.wordpress.com), Künstlerin und Drehbuchautorin. Sie hat bei Filmproduktionen in den USA, Europa und Israel gearbeitet, unter anderen mit Douglas Milsome ("The Shining", "Full Metal Jacket"), David Hasselhoff und Jean-Claude Van Damme und Alexander Fehling. Sie lebt in Berlin

Foto: Merav Maroody

Aufmacherbild: Schauspieler Matthi Faust in seiner Rolle als HJ-Führer / Film „Valentina“ @y-concepts & Merav Maroody