Die Milchmädchenrechnung

Die Milchmädchenrechnung

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

Kälber profitieren nicht von der modernen, spezialisierten Landwirtschaft, zumindest nicht die Söhne der Milchkühe, das ist offensichtlich. Doch – so haben es mir Landwirte, Tierärzte und Berater erklärt – in der Milchproduktion geht es ja eben nicht um die Kälber, sondern um die Kühe. Das kurze, kranke Leben der Mastkälber ist nur ein Kollateralschaden der modernen Milchproduktion. Die Kühe sind das eigentliche Gut, mit dem der Milchbauer sein Geld verdient.

Zuchtverbände und Landwirte haben in den letzten hundert Jahren aus Gras und Heu fressenden Weiderindern kraftfutterverwertende Hochleistungskühe gezüchtet, von denen jede einzelne mehr Milch gibt als ihre vier Urgroßmütter zusammen. Das Zuchtziel heißt: höhere Effizienz durch mehr Leistung. Und wenn heute eine einzige Kuh das leisten kann, wozu man früher vier oder fünf oder sechs brauchte, lässt das auf eine unglaubliche Effizienzsteigerung schließen. Aber stimmt das? Geht die Rechnung auf: Je mehr Milch pro Kuh, desto effizienter die Produktion? Höhere Milchleistung gleich höhere Effizienz gleich höherer Ertrag für den Landwirt?

Das Fachmagazin Neue Landwirtschaft hat dieser Frage 2012 ein Sonderheft gewidmet, das den Schluss nahelegt, dass der Landwirt die Rechnung ohne die Kuh gemacht hat. Dass der Preis für die Effizienz die Effizienz ist. „Noch vor wenigen Jahren hatte ein Fachtreffen unter Milchviehhaltern etwas von einem Olympischen Wettbewerb: Schneller – höher – mehr!“, schreibt Sabine Leopold, die Redakteurin des Fachmagazins, im Editorial. „Was zählte, war die Laktationsleistung. Und wer beeindrucken wollte, übertrumpfte die Kollegen um noch hundert Liter Milch oder noch zehn Fett-Eiweiß-Kilogramm.“

Superkuh liefert täglich sieben Eimer Milch

Im Jahr zuvor, 2011, hatte eine deutsche Milchkuh, „GHH Luisa“, aus der Hochleistungszucht der schwarzbunten Holsteins die magische 20.000-Kilo-Grenze gebrochen: 21.168 Liter Milch in den 305 Tagen nach ihrem sechsten Kalb. Würde man diese Superkuh mit der Hand melken, müsste man Tag für Tag sieben volle Eimer vom Melkstand wegschleppen. Welch immense Stoffwechselleistung hinter dieser Milchmenge steckt, kann man erst ermessen, wenn man sich vor Augen hält, dass 500 Liter Blut durch das Euter strömen, um einen einzigen Liter Milch zu erzeugen. Das Herz der Kuh Luisa hat also während ihres Milchrekordjahres täglich 35.000 Liter Blut allein durch das Euter gepumpt (und noch mehr durch die Leber).

Die beste Herde 2011 brachte mehr als 13.000 Kilo im Durchschnitt pro Kuh und Jahr. Die Fachzeitschrift für Milcherzeuger Elite schwärmte von „absolut beeindruckenden Tier- und Herdenleistungen“, die andeuteten, „welches enorme genetische Leistungsvermögen bereits in vielen Ställen vorhanden ist“. Das klingt, als erwarte man weitere Mengensteigerungen und als halte man die Möglichkeiten der genetischen Verbesserung für unerschöpflich. Berichte über die besten Kühe erinnern tatsächlich an olympische Wettbewerbe: 100 Meter in 9,58 Sekunden, und es geht noch schneller! 21.168 Liter, und es geht noch mehr! Doch um welchen Preis?

„Inzwischen aber mache sich die Erkenntnis breit, dass eine Rekordhatz ziemlich teuer werden könne“, schreibt die Redakteurin weiter. „Denn unterm Strich zählt nur die Differenz zwischen den Erlösen aus den biologischen Leistungen einer Kuh – Kalb, Milch und irgendwann der eigene Schlachtkörper – und den Kosten, die sie in ihrem Leben verursacht hat. In unproduktiven Zeiten, also vor allem in der Aufzucht, aber auch während krankheitsbedingter Leerphasen, entstehen nur Kosten. Logisch, dass jeder Milchviehhalter bemüht sein wird, diese Abschnitte möglichst kurz zu halten.“ Logisch wäre es ebenfalls, wenn jeder Milchviehhalter bemüht wäre, seine Kühe möglichst lange zu nutzen. Doch genau das ist nicht der Fall.

Mit im Schnitt fünf Jahren geht's zum Schlachthof

Die Wegwerfregel der modernen Milchwirtschaft lautet: Nach durchschnittlich drei Jahren im Melkstand werden Milchkühe in Deutschland ausrangiert, also geschlachtet. Wenn die Kühe gerade mal fünf Jahre alt sind. Anfang der 2000er-Jahre war die Nutzungsdauer sogar noch geringer. In Schlipfs Handbuch der Landwirtschaft aus dem Jahr 1898, dem Klassiker der landwirtschaftlichen Lehrbücher für Generationen von Landwirten, steht: „Vom dritten Kalbe an, also vom fünften, sechsten bis zum zwölften Lebensjahre hat die Kuh den höchsten Wert für die Zucht.“ Dieses dritte Kalb wird inzwischen nur noch selten geboren. Bevor die Kuh von heute ihre größte Leistung zeigen kann, ist sie schon tot. Wie kommt das, und wie kann das effizient sein?

Die Agrarwissenschaftlerin Anke Römer hat sich auf die Suche nach den Ursachen für diese Verschwendung gemacht. „Wenn Jungkühe bereits nach dem ersten Laktationsmonat die Herde verlassen müssen, war ihre Aufzucht verschenkt“, schreibt sie in der Neuen Landwirtschaft. „Dennoch werden zu viele junge Tiere bereits krank, bevor sie annähernd ihr Leistungspotenzial ausschöpfen können.“ Die meisten jungen Kühe werden zum Schlachter geschickt, weil sie nicht mehr tragend geworden sind, andere, weil sie krank geworden sind, und wieder andere, weil sie zu wenig Milch gegeben haben. Viele von ihnen gleich nach dem ersten Kalb.

Das sei „dramatisch“, schreibt Anke Römer, „denn einerseits hat eine Jungkuh die hohen Kosten ihrer Aufzucht noch nicht amortisiert, und andererseits sind diese Kühe noch nicht ausgewachsen und konnten ihr volles Leistungspotenzial noch gar nicht unter Beweis stellen“. Jedes Jahr werde ein Drittel des Kuhbestandes in Deutschland gemerzt, schreibt die Wissenschaftlerin in ihrer Fachsprache. Wenn man es brutal ausdrücken will, heißt das nichts anderes, als dass jede dritte Kuh weggeworfen wird. Und das ist weder tierfreundlich noch wirtschaftlich effizient. „Dieser hohe Anteil zieht eine hohe Reproduktionsrate nach sich, die aus zweierlei Gründen unökonomisch ist: Zum einen verringert sich dadurch die Nutzungsdauer der Kühe, zum anderen erhöhen sich die Tiereinsatzkosten bezogen auf die Herde, denn die Erzeugung jeder tragenden Färse ist teuer“, warnt Anke Römer.

Warum wird die Ressource junge Kuh so oft einfach ausrangiert? Wie kann in einem landwirtschaftlichen System, in dem Leistung und Effizienz an erster Stelle stehen und wo Scharen von Beratern den Landwirten vorrechnen, wie sie ihre Betriebe finanziell optimieren sollten, so unökonomisch gewirtschaftet werden? Wie kann in einem solchen optimierten und leistungsorientierten und durch und durch ökonomisierten System ein Tier einfach ausrangiert werden?

Rechnet es sich in der modernen Landwirtschaft, Tiere wegzuwerfen? So wie es sich in der modernen Konsumgesellschaft rechnet, kaputte Waschmaschinen wegzuwerfen und sich neue zu kaufen, weil sich die Reparatur nicht lohnt?

Aber darf man mit Tieren wie mit Waschmaschinen umgehen? Und wohin führt das?

Hochleistungssport Milch

Holger Martens, Tierarzt und emeritierter Professor für Tierphysiologie an der Freien Universität Berlin, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Problem – und hat keine Antwort auf diese grundsätzliche Frage. Aber er fordert einen Richtungswechsel in der Rinderzucht: „In den letzten Jahrzehnten bis Anfang 2000 hat sich die Milchleistung pro Laktation verdoppelt, die Lebensleistung der Kuh hat sich in diesem Zeitraum jedoch nicht geändert! Aus einem einfachen Grund: Die Nutzungsdauer der Kühe hat abgenommen. Erst seit einigen Jahren nimmt sie wieder zu. Stellen Sie sich vor, ein Auto fährt immer schneller und braucht immer mehr Benzin, aber nach 100.000 Kilometern ist Schluss!“

Kurzfristige Höchstleistung statt Dauerhaftigkeit – das ist möglicherweise ein sinnvolles Ziel für einen Hochleistungssportler, der eine Medaille gewinnen will, jedoch nicht für einen Landwirt, der langfristig mit seinen Kühen Geld verdienen und dabei effizient mit seinen Ressourcen umgehen muss.

Professor Martens hat herausgefunden, warum so viele junge Kühe aussortiert werden: Sie sind diesem Leistungsdruck nicht dauerhaft gewachsen. Seine These: Viele Kühe geben so viel Milch, dass sie krank werden können, vor allem in den ersten Wochen nach der Geburt ihres Kalbes. Und das tun sie, weil sie so gezüchtet wurden. Die modernen Hochleistungskühe können nicht anders, als der Milchproduktion Vorrang einzuräumen – auch auf Kosten ihrer Gesundheit. Sobald eine Kuh ein Kalb geboren hat, beginnt sie, große Mengen Milch zu produzieren. Das kostet sie viel Energie, dennoch hat sie in den ersten Wochen nach der Geburt keinen großen Appetit. Sie frisst in dieser Zeit viel weniger, als sie bräuchte, um so viel Milch zu produzieren.

Dieses Phänomen ist Forschern und Landwirten bekannt, sie nennen es negative Energiebilanz. Und es ist messbar: Die Kuh nimmt nach der Geburt bis zu fünfzig Kilo ab, so viel, dass ihre Hüft- und Schulterknochen aus dem Körper ragen. Sie frisst einfach nicht genug, um ausreichend Energie zu bekommen – und gibt trotzdem immer mehr Milch. Das ist – zunächst einmal – eine Folge der Evolution, das Erbe der Auerochsen, der Vorfahren der heutigen Milchkühe.

Die Auerochsenkuh zog sich nach der Geburt in den Wald zurück und kümmerte sich um ihr Kalb. Selbst wenn sie für sich selbst dort nicht genug Futter fand, gab sie ihrem Kalb so viel Milch, wie es zum Überleben brauchte. Dafür mobilisierte sie alle ihre Energiereserven. „Das sind wunderbare Mütter gewesen, die sich um ihre Kälber sorgten“, sagt Martens voller Anerkennung, und es gibt einem einen Stich ins Herz, wie er das sagt. Denn die heutigen Milchkühe, die Nachfahren dieser Kühe, bekommen gar keine Chance, sich ihren Kälbern gegenüber als ebenso wunderbare Mütter zu beweisen. Trotzdem geben sie dem Bauern ihre Milch, und zwar viel mehr, als für sie selbst gut ist.

Immer noch mehr Milch – auf Kosten der Kühe und der Effizienz

Image caption: Immer noch mehr Milch – auf Kosten der Kühe und der Effizienz

Copyright: Foto: Flickr/RichardBH (CCBY-SA 2.0)

Der Burn-out der Kühe

„Die negative Energiebilanz nach der Geburt war ursprünglich kein Problem für die Kuh“, erklärt Martens, „weil das Kalb in den ersten Tagen und Wochen gar nicht so viel Hunger und Durst hatte, dass es seiner Mutter hätte schaden können.“ Doch in der modernen, kälberlosen Milchproduktion fällt diese natürliche Grenze weg. Das Melkgeschirr saugt so lange an den Zitzen, bis kein Tropfen mehr kommt, und es pumpt mehr Milch in den Kühltank, als ein Kalb je hätte saufen können. Und genau das haben die Rinderzüchter noch verstärkt, vermutlich ohne es anfangs zu bemerken: Sie haben Kühe ausgewählt, die sehr schnell nach der Geburt sehr viel Milch gaben, die also gut darin waren, ihre Energiereserven zu mobilisieren.

Ob die milchleistungsstarken Kühe in dieser Zeit auch gut und viel fraßen, haben die Züchter viel zu lange nicht beachtet. „Man hat die ursprüngliche Laktationskurve nach vorne geschoben“, sagt Martens, „nicht aber die Fähigkeit der Kuh, gleich nach der Geburt mehr zu fressen“.

In den ersten hundert Tagen kann bis zu einem Fünftel der Milch durch die Mobilisierung der Fettpolster gewonnen werden, hat der Physiologe ausgerechnet. „Das halten viele in der Praxis für ungeheuer effektiv: Die Kuh frisst wenig und gibt trotzdem viel Milch! Tatsächlich aber ist die Milchproduktion in den ersten hundert Tagen die uneffektivste Zeit überhaupt: Denn die Kuh musste ja ihre Fettreserven vor der Geburt erst aus dem Futter gewinnen, und die Umwandlung von Nahrung in Körperfett und umgekehrt von Körperfett in Milch kostet Energie. In den ersten hundert Tagen geht die Milch also mit einem doppelten Energieverlust ins Euter!“

Deshalb, schlussfolgert der Tierarzt, magern viele Hochleistungskühe zuerst ab und werden schließlich unfruchtbar und krank. Ihre Euter und Klauen entzünden sich, und manche leiden an Stoffwechselstörungen wie der gefürchteten Ketose, die der Landwirt oft gar nicht bemerkt, weil die Kühe zunächst keine Symptome zeigen. Martens vergleicht die modernen Milchkühe mit Hochleistungssportlern: Eine Kuh, die vierzig Liter Milch pro Tag produziert (also deutlich weniger als die Rekordkuh Luisa, aber viel mehr als die Auerochsenkuh) pumpt täglich 20.000 Liter Blut durch ihr Euter und zur gleichen Zeit noch einmal 50.000 bis 60.000 Liter durch die Leber.

Eine Leistung wie ein Rennpferd im Galopp

Ihr Herz hat eine Tagesleistung von über 100.000 Litern. Während also die Kuh in aller Seelenruhe wiederkäut und dabei auf uns so behäbig und gelassen wirkt, pumpt und strömt es in ihrem Inneren wie in einem Wasserkraftwerk. Ihre Milchproduktion ist wie ein Dauer-Dauerlauf, der nie zu Ende geht.

„Eine ähnliche Herzleistung vollbringt nur ein Rennpferd im Galopprennen“, sagt Martens. „Doch das läuft zwei Minuten und darf sich dann erholen. Die Kuh nimmt unter den Tieren schon eine Ausnahmestellung ein, was ihre Leistung angeht.“ Erst wenn kurz vor der Geburt des nächsten Kalbes ihre Milchleistung zurückgeht, wird ihre eine kurze Pause gegönnt, in der sie nicht gemolken wird.

Während des etwa 305 Tage dauernden Milchmarathons gerät der Stoffwechsel der Kühe an seine Grenzen: In der Zeit der negativen Energiebilanz nimmt die Kuh zu wenig Glukose auf und mobilisiert ihre Fettreserven. Dadurch steigt der Buttersäuregehalt in ihrem Blut an, und das Insulin sinkt ab. „Subklinische Ketose“ nennen Tierärzte diesen Zustand. Er gilt als Risikofaktor für viele Folgekrankheiten: für Euter- und Gebärmutterentzündungen, Labmagenverlagerungen und Lahmheiten, alles schmerzhaft für die Kuh und teuer für den Landwirt.

Ausgerechnet in dieser anstrengenden Zeit muss der Landwirt die Kuh neu besamen, denn ohne ein neues Kalb würde ihr Milchfluss ja versiegen. Auch das ist ein Erbe der Auerochsen: In dieser Zeit hat das Kalb gelernt, Gras zu fressen und zu verdauen, es braucht immer weniger Milch von seiner Mutter. Das Kalb entwöhnt sich – aber die Molkerei natürlich nicht.

Der Landwirt muss weiter Milch verkaufen, also braucht er so schnell wie möglich ein neues Kalb aus der Kuh, damit eine neue Laktation beginnen kann. Eine möglichst kurze Zwischenkalbezeit soll der Landwirt anstreben, so empfehlen die Berater. Als Ziel gilt ein Kalb pro Kuh und Jahr.

Dazu muss die Kuh schon sechs bis acht Wochen nach der Geburt ihres Kalbes wieder besamt werden – also ausgerechnet in der Zeit der negativen Energiebilanz, in der ihr Stoffwechsel aufs Äußerste strapaziert ist.

Viele Kühe sind dann aber noch gar nicht wieder fruchtbar – als Reaktion auf die negative Energiebilanz drosseln sie nämlich ihren Zyklus. Auch das ist ein Erbe der Evolution: Das Überleben des Kalbes ist das Allerwichtigste, also hat die Milchproduktion Priorität vor einer neuen Trächtigkeit.

„Diese Einschränkung der Reproduktion unmittelbar nach der Geburt in der Phase der großen energetischen Unterversorgung ist als physiologische Reaktion anzusehen“, erläutert Martens in einer Fachzeitschrift. „Eine erneute Trächtigkeit bei energetischer Unterversorgung könnte sowohl die Gesundheit der Kuh als auch die Entwicklung des Kalbes gefährden.“

Um sich und ihr Kalb zu schützen, bremst die Kuh also ihren Sexualzyklus, sobald ihre Energiebilanz ins Negative rutscht. (Das Phänomen kennen auch viele Hochleistungssportlerinnen: In Zeiten sehr großer Beanspruchung bleibt ihre Periode aus.)

Wird die Kuh nicht tragend, verliert sie ihren Wert

Eigentlich eine gute Schutzfunktion – doch die moderne Hochleistungsmilchkuh bringt sich damit in tödliche Gefahr. Wenn sie nämlich nicht tragend wird, verliert sie ihren Wert für den Landwirt. Misslingen die ersten Besamungsversuche, wird der Tierarzt eine Fruchtbarkeitsstörung diagnostizieren und sie mit Hormonen behandeln. Nimmt sie dann immer noch nicht auf (wie es in der Fachsprache heißt), schickt der Landwirt sie zum Schlachter. So wird ausgerechnet die Kuh, die sich beim Milchgeben besonders angestrengt und verausgabt hat, zur Wegwerfkuh.

Eine Diskussion in einem Onlineforum für Landwirte vermittelt einen Eindruck, wie die Milchbauern das halten: „Jede Kuh bekommt einmal Dinolytic zwischen 14 und 21 Tage nach der Geburt“, schreibt ein User. (Dinolytic enthält das Sexualhormon Prostaglandin, das den Zyklus stimulieren soll – es ist aber nicht üblich, damit grundsätzlich alle Tiere zu behandeln.)

„Nach 200. Laktationstag Besamung nur noch bei ganz besonderen Tieren, sonst abmelken und auf ’n LKW.“ Bei einem anderen fällt die Entscheidung noch schneller: „Keine Kuh wird mehr als dreimal besamt, danach geht's zum Schlachten.“ Nur für besondere Tiere mache er eine Ausnahme.

Aus Sicht des Landwirts scheint das eine ökonomisch notwendige Entscheidung (obwohl wir von Anke Römer wissen, dass das oft nicht stimmt), aus Sicht der Kuh ist es ziemlich undankbar. Denn sie ist ja eben deshalb nicht tragend geworden, weil sie dem Bauern so viel mehr Milch gegeben hat, als gut für sie gewesen wäre. Deshalb wird sie nun aus dem Stall geführt und auf einen LKW getrieben.

Diese Wegwerfkühe sind keine Ausnahmen, ganz im Gegenteil: Die Statistiken der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter zeigen, dass jede fünfte Kuh, die im Jahr 2012 ihre Herde verlassen musste, abgegeben wurde, weil sie nicht tragend wurde. Sterilität war mit 21,1 Prozent der häufigste Grund für den „Abgang“, gefolgt von Krankheiten am Euter (knapp 15 Prozent) und Beschwerden an den Gliedmaßen und Klauen (11 Prozent). Nur 3,5 Prozent kamen zum Schlachter, weil sie zu alt waren.

Angesichts dieser Zahlen reagiert Martens verärgert: „Wir züchten ein Tier, dessen Produktionsorgan das Euter ist, und daran erkranken so viele Tiere!“ Und er fügt hinzu: „Das ist ein Albtraum! Solche Kühe dürfen wir nicht züchten!“


Tanja Busse: Die Wegwerfkuh. Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können. Blessing Verlag. 288 Seiten. 16,99 Euro.

Image caption: Tanja Busse: Die Wegwerfkuh. Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können. Blessing Verlag. 288 Seiten. 16,99 Euro.

Aufmacherbild: Flickr/ StevenW (CC-BY-SA-2.0)