„Einmal in seinem Reporterleben stößt jeder auf eine unerhörte Geschichte im eigenen Familienarchiv“

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Drei Lieblingsreportagen aus über hundert? Unmöglich! Welche Texte von Erwin Koch, Alexander Osang, Stefan Willeke, Holger Gertz wählen? Dirk Kurbjuweit, Margrit Sprecher, Constantin Seibt und Henning Sussebach nicht zu vergessen. Und Rückert. Und Emcke. Und Scherer. Weil die genannten auf reportagen.fm alle schon vorkommen, suchte ich in meiner Erinnerung nach Perlen, die noch nicht verewigt wurden – und die wir in Reportagen auch publiziert hätten.


Reisereportagen langweilen mich meistens. Zuviel Ich, zuviel Szenisches, zu wenig Plot. Dass es trotzdem geht, beweist Michèle Roten in Heiliger Wahnsinn (Das Magazin / Neon 2009) aus dem indischen Varanasi. Vielleicht weil der Ort so abgefahren ist. Touristen bestaunen das Verbrennen von Leichen. Und überall in dieser Millionenstadt: Abfall und Scheisse, mörderische Hitze, Körperlichkeit: „Varanasi, das ist wie eine Prügelei in der Sauna.“ Mittendrin Roten und so nahe dran, dass man den Geruch der Verwesung mitliest. Weil Roten keine abgebrühte Reisejournalistin ist, ist ihr Erschlagen-Sein und ihr Staunen echt – und überträgt sich auf den Leser. Zudem reflektiert sie beinahe naiv Grundsatzfragen zum Tourismus und schenkt dem Text damit eine essayistische Komponente.


Einmal in seinem Reporterleben, so jedenfalls der Eindruck aufgrund Hunderter von Texteinsendungen auf unserer Redaktion, stößt jeder auf eine unerhörte Geschichte im eigenen Familienarchiv. Die Recherche wird dann zur Operation am eigenen Leib, oder, wie Cordt Schnibben anlässlich seiner Spiegel-Titelgeschichte Mein Vater, der Mörder den Schreibprozess beschrieb, „der Reporter musste den Sohn schlagen“. Was schnell zu Selbstschau und Überhöhung führen kann, gelingt im Falle von Ein schreckliches Geheimnis (Das Magazin 2009). Die Grosstante von Sacha Batthyany war Gastgeberin eines Festes, bei dem kurz nach Kriegsende Juden ermordet wurden. Batthyanys Tanten und Onkel wussten Bescheid – und schwiegen. Eine packende Familiensage mit einem Autoren als Detektiv in der Hauptrolle.


1956 findet im vierten Stock des Miyako-Hotels in Kyoto ein Gipfeltreffen der besonderen Art statt: Marlon Brando, schon damals ein Star seiner Zunft und «sexiest man alive», trifft anlässlich der Dreharbeiten zum Film Sayonara auf Truman Capote, den schillernden Schriftsteller und Reporter. Capote behauptete später, er habe das Interview nur deshalb geführt, um zu beweisen, dass auch aus dieser seiner Meinung nach niederen journalistischen Form literarischer Glanz zu schlagen sei. Egal. Von sieben Uhr abends bis zwei Uhr morgens liegen die beiden zwischen Kissen und Tatami-Teppichen, trinken Whiskey und reden über Schauspielerei. Mit „The Duke in His Domain“(New Yorker 1957) gelingt Capote das Porträt eines verwöhnten, gelangweilten, selbstgefälligen und trotzdem nicht unsympathischen Kindes, gespickt mit intimen Einsichten in eine Schauspielerseele, die dem Leser Brandos beste Filmszenen nochmals vor Augen führen.


Daniel Puntas Bernet, geboren 1965, war Devisenhändler, Tennis-Manager und Pizzaiolo, bevor er sich für den Journalismus entschied. 2011 gab er seinen Job als Wirtschaftsredaktor bei der NZZ am Sonntag auf und gründete das alle zwei Monate erscheinende Magazin „Reportagen“, dessen Chefredaktor er ist.


Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Reportagen.fm

Illustration: Veronika Neubauer