Krautreporter

Tatort Moskau

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Dieser Beitrag über den Tatort Moskau entstand in Zusammenarbeit mit n-ost, dem Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung. Die Bilder dazu machte Ekaterina Anokhina.


Im Jahr 2004 wird der Forbes-Chefredakteur Paul Klebnikov auf offener Straße erschossen, 2006 die wegen ihrer Recherchen in Tschetschenien bekannt gewordene Journalistin Anna Politkowskaja. 2009 folgen die Morde an der russisch-tschetschenischen Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa und dem politisch aktiven Rechtsanwalt Stanislaw Markelow.

Dass in der Ära Putin vor allem Menschenrechtler und Journalisten zu Opfern von Gewalt werden, hat seine eigene Logik: Denn echte Opposition zum Kreml hatte spätestens seit der Parlamentswahl 2007 keinen Platz mehr in der Staatsduma. Stattdessen formierte sich mit Menschenrechtsorganisationen und Medien eine Art außerparlamentarische Opposition. Zu eben dieser „APO“ gehörte auch der nun ermordete Boris Nemzow.

Politiker, die sich „verhandlungsbereit“ zeigten, wurden dagegen ins System integriert und mit Posten zufriedengestellt, so etwa Nemzows ehemaliger Parteigenosse Nikita Belych, der unter Präsident Medwedjew zum Gouverneur des Gebietes Kirow ernannt wurde.

Mit Politikern, die offen gegen Putin opponierten, ging der Kreml anders um: Ihre Parteien wurden finanziell zugrunde gerichtet, wie Nemzows „SPS“; ihre Vertreter aus der Duma gedrängt, wie etwa Gennadij Gudkow 2012; oder durch Gerichtsverfahren gelähmt, wie im Falle des führenden Oppositionellen Alexej Nawalny, der im Dezember 2014 zu dreieinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt wurde. Über ihm hängt das Urteil nun einem Damoklesschwert gleich – bei weiteren Vergehen kann die Bewährungsstrafe in Haft umgewandelt werden.

Morde an Politikern waren in Russland vor allem in den 1990er Jahren häufig, als die russische Demokratie noch nicht „gelenkt“ war und echte Oppositionelle in der Staatsduma saßen. Von 1994 bis 1998 starben insgesamt sechs Duma-Abgeordnete, allerdings lagen die Motive hier überwiegend im geschäftlichen Bereich. Anders im Falle von Galina Starowojtowa: Die Duma-Abgeordnete, die sich als furchtlose Menschenrechtsaktivistin einen Namen gemacht hat, wurde im Jahr 1998 im Zentrum von St. Petersburg erschossen.

2002 und 2003 folgten noch einmal zwei Morde an Politikern, die allerdings wie ein „Echo der 90er Jahre“ erschienen: Mit Sergej Juschenkow endet im Jahr 2003 die Liste der ermordeten Duma-Abgeordneten.

Die meisten Morde im postsowjetischen Russland weisen entweder eine kaukasische oder eine nationalistische Spur auf: So wurden sowohl der Anwalt Markelow als auch Starowojtowa von russischen Nationalisten ermordet, die ihre Opfer als Landesverräter betrachteten. Die Journalistin Anna Politkowskaja wurde von einer Gruppe tschetschenischer Killer getötet – ohne dass allerdings der Auftraggeber bekannt wurde. Auch im Fall von Nemzow sollen die Täter, sofern man den Ermittlern Glauben schenken will, aus dem Nordkaukasus stammen.

Ein Name, der im Zusammenhang mit den politischen Morden seit Mitte der 1990er Jahre immer wieder auftaucht, ist Boris Beresowskij: Der Forbes-Journalist Paul Klebnikov fand Belege dafür, dass der mächtige Oligarch und Medienmogul 1995 in den Mord am Journalisten Listjew verwickelt war. 2004 wurde Klebnikov dann selbst erschossen. Auch im Fall des Politikers Juschenkow 2003 war Beresowskij zumindest in den Konflikt verwickelt. Im Falle Politkowskajas als auch des ehemaligen FSB-Agenten Alexander Litwinenko (ermordet 2006 in London) zeigten russische Medien und Offizielle auf Beresowskij als Auftraggeber und behaupteten, mit den Morden wolle er dem Ansehen Putins schaden. Auch heute spekulieren russische Medien wieder über eine Verwicklung von Beresowskij. Das einzige Problem: Beresowskij starb im März 2013 in der Nähe von London.


Wladislaw Listjew, Journalist. Erschossen am Abend des 1. März 1995 nahe seines Wohnhauses an der Nowokusnezkaja-Straße im Zentrum Moskaus. Nicht aufgeklärt.

Foto: Ekaterina Anokhina

Wladislaw Listjew, 1956 in Moskau geboren, gehörte zu den Helden der Perestrojka: Als Talkmaster der Sendung „Wsgljad“ (Blick) wurde er landesweit bekannt als Verfechter der bis dahin unbekannten Meinungsfreiheit. Kurz vor seiner Ermordung wurde Listjew Generaldirektor des privatisierten ehemaligen Staatsfernsehens „ORT“ (auch bekannt als 1. Kanal). Listjew hatte sich mit Sergej Lisowskij, dem wichtigsten Werbemagnaten des Landes, zerstritten und schließlich die Werbung komplett abgeschafft. Wichtigster Verdächtiger war folglich Lisowskij, ihm konnte der Mord jedoch nicht nachgewiesen werden. Der Forbes-Journalist Paul Klebnikov, der 2004 selbst erschossen wurde, behauptete in seinem Buch „Godfather of the Kremlin“, der Oligarch Boris Beresowskij, dem der Sender ORT zu großen Teilen gehörte, sei in den Mord verwickelt.

Weder die Killer noch der Auftraggeber konnten bis heute festgestellt werden. 2009 wurde die Untersuchung des Falles eingestellt.


Sergej Juschenkow, Duma-Abgeordneter. Erschossen am Abend des 17. April 2003 in der Nähe seines Hauses an der Swoboda-Straße im Nordwesten Moskaus. Aufgeklärt.

Foto: Ekaterina Anokhina

Der Duma-Abgeordnete Sergej Juschenkow wurde am 17. April 2003 unweit seines Hauses in Moskau erschossen. Juschenkow galt ähnlich wie Starowojtowa als klassischer, idealistischer „Demokrat der 1990er“, saß seit 1993 in der Staatsduma und beschäftigte sich immer wieder mit Menschenrechtsfragen.

In diesem Fall gelang es den Ermittlern, alle Beteiligten sowie den Auftraggeber zu ermitteln: Dabei handelte es sich um Michail Kodanjow, der in den Monaten zuvor mit Juschenkow um die Kontrolle der „Liberalen Partei“ gekämpft hatte. Dem Schuldspruch zufolge hatte Kodanjow den Mord angeordnet, um einen Konkurrenten zu entfernen. Die Partei wurde vom Oligarchen Boris Beresowskij finanziert, von dem sich Juschenkow im Oktober 2002 losgesagt hatte. Mit Ausnahme von Kodanjow gestanden alle Beteiligten ihre Schuld.


Anna Politkowskaja, Journalistin. Erschossen am 7. Oktober 2006 im Aufzug ihres Wohnhauses an der Lesnaja-Straße im Moskauer Zentrum. Teilweise aufgeklärt.

Foto: Ekaterina Anokhina

Politkowskaja wurde 1958 in New York als Tochter eines sowjetukrainischen Diplomaten geboren. Im Russland der 1990er Jahre machte sie sich als furchtlose Journalistin einen Namen: Im ersten und zweiten Tschetschenienkrieg schrieb sie über Menschenrechtsverletzungen der russischen Armee und der Milizen des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow.

Einer der führenden Ermittler erklärte Anfang 2008, der Drahtzieher des Mordes sei der im Londoner Exil lebende Oligarch Boris Beresowskij, der Mord also ein Versuch, den Kreml zu diskreditieren. Zu dieser Theorie gehörte auch, dass der Mord an Politkowskaja am Geburtstag von Präsident Wladimir Putin ausgeführt wurde. Allerdings wurden für diese Version nie Beweise präsentiert.

2014 wurde eine Gruppe von tschetschenischen Auftragskillern zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Auftraggeber ist unbekannt.


Stanislaw Markelow, Anwalt. Anastasija Baburowa, Journalistin. Erschossen am 19. Januar 2009 an der Pretschistenka-Straße im Zentrum Moskaus. Aufgeklärt.

Foto: Ekaterina Anokhina

Der 1974 in Moskau geborene Stanislaw Markelow hatte sich einen Namen als politischer Aktivist sowie als Verteidiger linker Aktivisten gemacht. Markelow vertrat zudem die kremlkritische „Nowaja Gaseta“ in Klagesachen. Landesweit bekannt wurde er jedoch mit der Klage gegen den russischen Offizier Jurij Budanow, der schließlich für die Vergewaltigung und Tötung einer Tschetschenin während des zweiten Tschetschenienkrieges verurteilt wurde. Markelow vertrat damals die Familie des Opfers.

Zusammen mit Markelow wurde die Journalistin Anastasija Baburowa erschossen. Sie war nicht Ziel des Anschlags, wurde aber als mögliche Zeugin getötet.

2011 verurteilte ein Moskauer Gericht die Ultranationalisten Nikita Tichonow und Jewgenija Chasis für den Mord. Motiv war die Rache für die Gerichtsverfahren, in denen unter Markelows Mitwirkung Nationalisten für die Morde an „Antifas“ und Linken verurteilt wurden.


Oleg Kaschin, Journalist. Brutal verprügelt in der Nacht zum 6. November 2010 nahe seines Wohnhauses an der Pjatnizkaja-Straße im Zentrum Moskaus. Nicht aufgeklärt.

Foto: Ekaterina Anokhina

Oleg Kaschin, geboren 1980 in Moskau, war einer der bekanntesten oppositionellen Journalisten. Immer wieder berichtete er kritisch über die vom Kreml organisierte patriotische Jugendbewegung „Naschi“ („Die Unsrigen“).

Kaschin wurde von zwei maskierten Männern brutal mit Eisenstangen zusammengeschlagen, musste danach ins künstliche Koma versetzt werden, überlebte den Anschlag jedoch. Der damalige Präsident Dmitrij Medwedjew versprach noch am Tag des Anschlags auf Twitter, die Schuldigen müssten „gefunden und bestraft werden“. Leider hat die Staatsanwaltschaft das Versprechen trotz intensiver Ermittlungen nicht einlösen können. Kaschin selbst hält es für möglich, dass Wassilij Jakemenko, langjähriger Vorsitzender der „Naschi“ und ein Erzfeind Kaschins, in die Tat verwickelt ist. Jakemenko wurde von den Ermittlern jedoch nie verhört.


Boris Nemzow, Politiker. Erschossen am 27. Februar 2015 auf einer Brücke unweit des Kremls. Ermittlungen dauern an.

Foto: Ekaterina Anokhina

Der 1959 in der Schwarzmeerstadt Sotschi geborene Nemzow galt Ende der 1990er Jahre als „Kronprinz“ Boris Jelzins – er schien gute Chancen zu haben, nach Jelzins zu erwartendem Rücktritt das Amt des Präsidenten zu übernehmen. Nach anfänglicher Unterstützung für Wladimir Putin wurde Nemzow zu dessen Erzfeind und kämpfte in der außerparlamentarischen Opposition gegen das von Putin errichtete System der gelenkten Demokratie.

Wenige Tage nach dem Mord präsentierten die russischen Ermittler fünf Tatverdächtige aus dem Nordkaukasus, von denen einer die Tat gestanden haben soll. Russischen Medien zufolge behauptet Saur Dadajew, der zuvor als Vizekommandeur in einer Anti-Terror-Einheit des russischen Innenministeriums im Nordkaukasus gekämpft hat, er habe Nemzow wegen negativer Äußerungen über den Islam und den Propheten Mohammed getötet.

(Inzwischen gab sein Anwalt Iwan Gerassimow an, sein Mandant habe für die Tatzeit ein Alibi. Saur Dadajew habe sich zur Zeit des Mordes an einem anderen Ort befunden, sagte er der Agentur Tass. Das angebliche Geständnis wurde Berichten zufolge unter Folter erzwungen, Anm. d. Red.)


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