Krautreporter

Ein Herzchirurg in der Warteschleife zum Asyl

etwa 9 Min. Lesedauer

Dies ist die zweite Folge über Doktor Nawlo und seine Erfahrungen als Asylbewerber. Der erste Teil handelt davon, wie er in Italien zum Herzchirurg wurde, in Syrien zwischen die Fronten geriet und über den Libanon, Serbien und Ungarn nach Deutschland flüchtete.


Doktor Nawlo wartet.

Er hat keine Ahnung, wie lange es noch dauern wird, bis sein Asylantrag beantwortet wird.

Er hat ihn im Oktober 2014 gestellt, sich seine Fingerabdrücke abnehmen und sich fotografieren lassen. Er hat begonnen, allen behördlichen Anweisungen, Hinweisen, Bescheiden und Vorladungen Folge zu leisten.

Manche sind Wochen hier im Heim, manche Monate, sagt Nawlo. Ein Iraker wartet seit sechs Jahren auf eine Entscheidung.

Im Jahr 2014 dauerte ein Asylverfahren in Deutschland im Durchschnitt 5,7 Monate.

Also wartet auch Nawlo.

Er lernt Deutsch.

Er schlägt mit den anderen Syrern im Flüchtlingsheim die Zeit tot.

Er hofft.

Und wartet.

Nawlo hat Asyl beantragt. Aber manchmal würde er auch schon viel für ein Badezimmer geben, das man abschließen kann.

„Und dann hast du nichts mehr zu tun“

Zwischendurch telefoniert er. Mit seiner Frau. Seinen zwei Söhnen. Mit seiner Mutter. Mit Bekannten aus Syrien, die auch nach Deutschland wollen. Er berät sie, welches die beste Reiseroute wäre, und wie sie am ehesten an ein Visum kämen.

Nawlo besucht einen Deutschkurs, jeden Vormittag, in einer kirchlichen Einrichtung gleich neben dem Dom. Der Kurs ist für ihn eine kleine Rettung: Sein Tag ist ausgefüllt, und er macht Fortschritte, so klein und beschwerlich sie auch sein mögen. Es sind Fortschritte, auch wenn sie nur in der Grammatik stattfinden.

„Wenn du nicht in die Schule gehst, sieht dein Tag im Heim ungefähr so aus“, sagt Nawlo, „du stehst am Morgen auf, gehst einkaufen, kochst was. Und dann hast du nichts mehr zu tun. Du sitzt herum, rauchst oder säufst dir einen an. Du fängst an, dich mit deinem Nachbarn zu streiten, manchmal bis die Fäuste fliegen.“

Der Deutschkurs ist nicht obligatorisch, aber für Nawlo eine „moralische Pflicht“: „Sonst sind wir später, wenn unsere Kinder Deutsch gelernt haben, die Esel, die kein Deutsch verstehen."

Nawlo lernt.

Er wartet.

Er guckt Youtube-Clips aus Syrien auf seinem Handy.

Er stellt sich vor, wie es wäre, mit seiner Frau eine Kreuzfahrt auf der Donau
zu machen, durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Serbien. Es ist seine Fluchtroute. Er träumt davon, sie als Urlaubsreise noch einmal zu befahren, diesmal ohne die Angst und die Unsicherheit.

Privatsphäre ist Mangelware

Manchmal verkriecht Nawlo sich in seinem Zimmer, wenn seine beiden Mitbewohner in der Schule oder beim Einkaufen sind. Er muss „seinen Kopf freimachen“, sagt er. Er braucht hin und wieder ein bisschen Privatsphäre, einen Augenblick des Alleinseins, den es hier im Übergangswohnheim fast nie gibt: Die Männer schlafen zu dritt auf engem Raum, in Stockbetten, sie duschen gemeinsam, ohne Vorhang, ohne Tür, sie essen, schlafen, schauen fern, alles im selben Raum.

Dusche im Übergangswohnheim

Foto: Pepe Egger

Raum im Übergangswohnheim

Foto: Pepe Egger

Dann bekommt Nawlo einen Brief. An einem Samstag. Schon, als er den gelben Umschlag sieht, weiß er, was der Brief bedeutet. Trotzdem wartet er, bis er in seinem Zimmer ist, um den Brief aufzureißen.

Auf den Brief hat Doktor Nawlo seit mehr als zwei Monaten gewartet: Seitdem er sich in Chemnitz im Oktober 2014 dem Asylverfahren anvertraute.

Jetzt macht der Brief seinem Warten ein Ende.

Als erstes ruft er seine Frau an. Dann seine Mutter. „Die Entscheidung ist da, ich darf bleiben!“

Nawlos Asylantrag wurde stattgegeben. Er bekommt eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Das heißt, er darf seine Frau und Kinder nachholen, „Familiennachzug“ im Behördendeutsch des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Seinem Warten hier, im Übergangswohnheim in Brandenburg an der Havel, entsprach seit Oktober, 2.000 Kilometer weit weg, das Warten seiner Familie. Zuerst in Aleppo in Syrien und dann in Beirut im Libanon: Hier wartete Nawlo, und dort Nawlos Frau mit den beiden Söhnen.

Auf die Frage, „Und wie geht es deiner Familie?“, antwortete Nawlo stets „gut“. Es musste ihnen gutgehen, weil er von Deutschland nichts machen könnte, wenn es anders wäre. Nur einmal, als ich nachfrage, sagt er: „Meine Frau weint viel.“ Tue sich schwer, allein mit zwei Söhnen in Beirut, und ohne zu wissen, wie lange sie durchhalten müsse. Und der große Sohn mache Schwierigkeiten. Es fehle ihm der Vater, er sei hyperaktiv. In Beirut bekomme er die Zuwendung nicht, die er bräuchte. Aber der Kleine lerne gut.

Auf fast alle Flüchtlinge warten Menschen

Fast alle hier im Flüchtlingsheim haben jemanden, der auf sie wartet, haben eine Familie, die sie zurückgelassen haben. Einer der Männer aus Syrien, Abu Khalil, hat sogar zwei Frauen in Syrien. Die anderen ziehen ihn auf: „Zwei Frauen hat er, und doch ist er hier genau so alleine wie wir ...“

In ihrer Heimat wären sich die Männer nie so nahe gekommen. Hier sind sie Schicksalsgenossen geworden, die sich am selben Floß der Hoffnung festkrallen: Kurden, Aleppiner und Damaszener; Betende und Atheisten; Anhänger der Rebellen und Verteidiger des Regimes; Bauarbeiter und feine Schneider; Analphabeten und Herzchirurgen.

Wie in einem Sanatorium, einem Krankenhaus kennen sie die Geschichten der jeweils anderen: Mahmud, der hat neun Länder durchquert, ist neunmal verhaftet, geschlagen, eingesperrt worden - wie er sagt. Oder Saher, der hat einem hohen Tier bei einer deutschen NGO in Syrien das Leben gerettet. Doch das will er das nicht an die große Glocke hängen. Er soll nach Italien abgeschoben werden.

Die Männer ziehen sich gegenseitig auf, tauschen Kniffe aus: Wer hat Chancen auf Asyl, wer wird abgeschoben werden, nach welcher Logik wird man im Sozialamt, im Jobcenter abgefertigt? Man lotst einander durch ein Wirrwarr an Behörden, deren Sprache man nicht versteht, und die nach eigenen Regeln funktionieren, die man nicht durchblickt.

Ein Drei-Bett-Zimmer, das größer ist als die anderen und einen runden Tisch hat, ist zum Aufenthaltsraum umfunktioniert worden. Hier wird geplaudert, gelacht, geschwiegen, gewartet bis zum Abendessen. Ich bekomme Kaffee serviert, und - trotz Rauchverbots - eine Wasserpfeife angeboten.

Nawlo ist hier der „Duktur“, er ist einer der Ältesten und wird mit Respekt behandelt. Im Gegenzug gibt er den Jüngeren gute Ratschläge, animiert sie zum Deutschlernen, versucht, ihnen neue Rezepte beizubringen.

Man wartet miteinander, bis einer weiterzieht. Am besten dran sind jene wie Nawlo, die schon einen positiven Asylbescheid bekommen, aber noch keine Wohnung gefunden haben und deshalb weiter im Heim wohnen. Sie haben ein Ziel. Die Ungewissheit hat ein Ende.

Mahmud droht die Abschiebung

Am schlimmsten dran sind Leute wie Mahmud. Sein Asylantrag ist abgelehnt worden, seine Berufung gegen die Ablehnung abgewiesen. Jetzt droht ihm die Abschiebung.
Mahmud ist Schneider von Beruf. Er ist groß und hager und lässt sich einen Bart stehen. Er hat einfach nur Pech gehabt: zu wenig Geld, um sich eine komfortablere Flucht zu leisten, und zu viel Pech, als dass es keine Spuren hinterlassen könnte.

Nawlo konnte es sich leisten, von Beirut nach Belgrad zu fliegen; Mahmud sei von Thessaloniki bis Belgrad zu Fuß gegangen, sagt er, wochenlang, monatelang, mehr als 600 Kilometer durch die Wälder.

In Ungarn hat die Polizei beide erwischt. Als Nawlo aufgegriffen wurde, funktionierte die Maschine zur Abnahme der Fingerabdrücke im Auffanglager für Flüchtlinge gerade nicht. Oder die Behörden waren einfach nur überfordert, weil an dem Tag zu viele Flüchtlinge auf einmal festgehalten wurden. Jedenfalls ließen sie ihn laufen, ohne dass er einen Asylantrag stellen musste. Mahmud wurde eingesperrt, er wollte einfach nur weiter. Doch damit man ihn gehen ließ, musste er einen Asylantrag in Ungarn stellen – jetzt ist das der Grund, dass er nicht in Deutschland bleiben darf.

Eine Maschine zerstört seinen Traum

Mahmud ist ein „Dublin-Fall“. Ungarn soll ihn wieder aufnehmen, es droht ihm die Abschiebung. Weil er dort seine Fingerabdrücke hinterlassen hat. Eine Maschine hat sie aufbewahrt, digital konserviert.

Aufgrund der Verordnung, die von der EU erstmals 1990 in Dublin beschlossen wurde, müssen Flüchtlinge in das Land zurück geschickt werden, in dem sie zum ersten Mal europäischen Boden betreten hat. Ab 2003 hieß das Dubliner Übereinkommen Dublin-II-Verordnung. Seit 2013 ist die Dublin-III-Verordnung in Kraft. Durch diese Verordnung soll erreicht werden, dass ein Asylverfahren von nur jeweils einem Mitgliedstaat durchgeführt wird. Zuständig für das Verfahren soll der Staat sein, der die Einreise veranlasst oder nicht verhindert hat. Das gilt auch für illegale Einreisen.
Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl hat hier einen lesenwerten Hintergrundbericht zum Thema Dublin-Verordnung zusammengestellt, auch um ihre Unterschriftenaktion gegen Dublin III zu untermauern.

Die Maschine hat seinen Traum zerstört. „Ich wollte einfach nur in Deutschland bleiben dürfen“, sagt er, verzweifelt. „Vielleicht soll es so sein, dass mein Traum unter der Erde endet?“

Mahmud hat Angstzustände. Während wir reden, blickt er immer wieder starr vor sich auf die Tischplatte und atmet langsam tief und gepresst. Nawlo versucht ihn aufzuheitern, so zu tun, als sei alles okay. Aber für Mahmud ist gar nichts okay.

Er ist in Behandlung bei einer Psychologin, die traumatisierten Flüchtlingen Unterstützung anbietet. Nawlo begleitet ihn zu den Sitzungen in Berlin-Moabit. Ein psychologisches Gutachten, dass er „reiseunfähig“ ist, könnte seine Abschiebung hinauszögern, bis die dafür zur Verfügung stehende Frist abgelaufen ist.

Ar-Raqqa - eine IS-Hochburg

Karte: mapz.com – Map Data: OpenStreetMap ODbL.

Er stammt aus ar-Raqqa, der mittlerweile berühmt-berüchtigten „Hauptstadt“ des Islamischen Staates. Er und ein paar Freunde, ganz am Anfang des Sich-Ausbreitens der Terrorgruppe, hätten dagegen protestiert , dass der IS eine Kirche schwarz angemalt hatte. Es sei doch auch ein Haus Gottes, ein Ort des Gebets, wenn auch einer anderen Religion. Drei seiner Freunde seien darauf umgebracht worden, er flüchtete, zuerst nach Beirut.

Doch selbst im Libanon, wo er als Schneider arbeitete, hätten ihn alle verdächtigt, zum IS zu gehören. Nur weil er aus Raqqa stammt. Dabei hat der IS ihm Raqqa genommen.

Als Mahmud bei der Psychologin seine Flucht aus Syrien schildern soll, braucht er vier Stunden, und noch immer ist er nicht in Deutschland angekommen. Immer wieder muss er die Erzählung unterbrechen, verschnaufen, neue Kraft schöpfen.

Nawlo erzählt, dass Mahmud als Schneider in einem bekannten libanesischen Atelier für Popstars Kleider nähte. Deutschland braucht ihn vielleicht weniger als einen Herzchirurgen, aber Mahmud hätte die Hilfe nötiger. Er hätte es verdient, auch einmal Glück zu haben.

Im Asylverfahren wird nicht danach entschieden, welchen Nutzen jemand Deutschland bringen würde, sondern ob jemand in Not ist, ob er oder sie Verfolgung ausgesetzt wäre, wenn sie wieder in seine Heimat zurückkehren würden. Allerdings zeigen die Fälle von Nawlo und Mahmud, wie das Dublin-Verfahren es zu einer Glückssache macht, ob der in Deutschland Asyl (oder Schutz durch Anerkennung des „Flüchtlingsstatus“) findet, der es am nötigsten hat.

Nawlo wird bald aus dem Flüchtlingsheim ausziehen. Er hat eine kleine Wohnung gefunden, jetzt ist er dabei, Möbel zu organisieren, Besteck, ein Bett, einen Tisch. Nawlo stellt sich vor, eines Tages in Potsdam in einer Villa zu wohnen.

Mahmud träumt davon, bleiben zu dürfen.


Aufmacherbild: Drei-Mann-Ein-Raum-Wohnung im Übergangswohnheim. Foto: Pepe Egger

*Den Beitrag anhören:

https://soundcloud.com/krautreporter/pepe-egger-herzchirurg-sucht-asyl-teil-2/s-Nllhk

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Text wurde gesprochen von Alexander Hertel von detektor.fm