Menschen sitzen unter freiem Himmel vor einer Wand aus Fernsehern. Dahinter sieht man hohe Wohnblöcke, der Himmel ist grau.

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Russische Propaganda, verständlich erklärt

Ein Papst hat sie erfunden, das russische Staatsfernsehen nutzt sie, und auch Hollywood weiß sie einzusetzen. Wie genau funktioniert Propaganda? Und was unterscheidet sie von schlechtem Journalismus?

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Reporterin

Wie oft begegnet mir eigentlich Propaganda?

Wahrscheinlich täglich. Sobald du ins Internet gehst, einen bestimmten Film schaust oder mit Verwandten telefonierst. Propaganda kann dir immer begegnen.

Das klingt beunruhigend. Was genau ist denn Propaganda überhaupt?

Propaganda gibt es schon seit Jahrhunderten, hat sich mit den Gesellschaften verändert und verändert sich noch immer. Eine einheitliche Definition von Propaganda gibt es deshalb nicht. Der erste aktenkundige Propagandist war Papst Gregor XV. Er verwendete 1622 erstmals den Begriff „propagare“, das ist Latein und bedeutet „säen“ oder „ausdehnen“. Er forderte damals die Gläubigen dazu auf, den katholischen Glauben zu verbreiten und gegen die aufkommende Reformation verteidigen. Zu dieser Zeit nutzten vor allem die Gegner:innen der römisch-katholischen Kirche den Begriff „Propaganda“, um die Mission der Kirche abzuwerten.

Im 20. Jahrhundert kamen die ersten Massenmedien auf und mit ihnen auch die Möglichkeit, Menschen massenhaft zu beeinflussen. Seit der Nazizeit verbinden die meisten mit dem Wort „Propaganda“ etwas Negatives. Im weitesten Sinne versteht man darunter aber nur die Verbreitung bestimmter Ideen.

Dann ist ja alles irgendwie Propaganda. Influencer:innen auf Instagram, der Newsletter von einem Politiker, sogar dieser Artikel hier.

Deshalb ist es sinnvoll, den Begriff weiter einzugrenzen. Propaganda bedeutet nicht nur, bestimmte Ideen zu verbreiten, sondern systematisch die Gefühle, Gedanken und das Handeln von Menschen zu beeinflussen – im Einklang mit einer bestimmten Ideologie. Propaganda hat immer ein Ziel, zum Beispiel will sie, dass du einen Krieg befürwortest. Und um dieses Ziel zu erreichen, manipuliert sie dich und vermischt Halbwahrheiten, Meinungen und Lügen.

Hast du dafür ein Beispiel?

Der russische Angriff auf die Ukraine hat eine weltweite Hungerkrise ausgelöst, wie unzählige internationale Medien berichteten und auch das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen bestätigt. Denn die Ukraine gehört zu den wichtigsten Getreideexporteuren der Welt. Russische Truppen haben ukrainische Lebensmittellager angegriffen, Ernten und landwirtschaftliche Geräte gestohlen und blockieren den Schwarzmeerhafen. Dass immer mehr Menschen auf der Welt hungern, streitet Russland nicht ab. So weit, so wahr.

Russland verbreitet aber, dass die westlichen Sanktionen der Grund für die Hungerkrise seien, die Ukraine ihr eigenes Getreide verbrennen würde oder mit Getreide für Waffen bezahle. In jeder dieser Aussagen steckt ein kleines Körnchen Wahrheit, schließlich gibt es ja Sanktionen des Westens gegen Russland, in der Ukraine wurde Getreide verbrannt und die Ukraine bekommt wirklich Waffen aus dem Ausland.

Allerdings sind die Sanktionen nicht der Grund für die Hungerkrise. Für das verbrannte Getreide ist Russland verantwortlich, und für die Waffen bezahlen die Lieferländer und die Ukraine mit Geld. Die Propaganda präsentiert also für die offensichtliche Hungerkrise andere, falsche Ursachen, die aber immer einen wahren Kern haben und deren Lügen nur schwer zu überprüfen sind. Die russische Propaganda dämonisiert die Ukrainer:innen und gibt den Menschen so einen Grund, den Krieg nicht nur zu dulden, sondern sogar gut zu finden.

Die Datenbank Eu vs Disinfo hat mehr als 14.000 Falschbehauptungen zum Krieg in der Ukraine gesammelt und widerlegt. Wenn du nicht sicher bist, ob du gerade Fakten oder Propaganda hörst, schau auf dieser Seite nach. Hilft auch bei Verwandten, die anfällig für Verschwörungstheorien sind.

Auch Werbung sagt nicht immer die ganze Wahrheit. Schließlich suggeriert die Werbung für Anti-Aging-Creme, dass dann all meine Falten verschwinden, obwohl das gar nicht stimmt. Ist Werbung also auch Propaganda?

Werbung und Propaganda haben Gemeinsamkeiten: Beide wollen dich von etwas überzeugen und erzählen dir deshalb nicht die ganze Wahrheit. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Wenn du die Anti-Aging-Creme nicht kaufen willst, bestraft dich niemand. Propaganda dagegen arbeitet mit Sanktionen. Religiöse Propaganda zum Beispiel droht Ungläubigen oder Sünder:innen mit der Hölle und verspricht gleichzeitig den Folgsamen ewiges Leben, das Paradies oder auch vierzig Jungfrauen.

Und wie sieht das bei politischer Propaganda aus?

Um Unterstützung für einen Krieg zu bekommen, zeichnet Propaganda oft zwei Szenarien. Eine dunkle Zukunft, wenn man nicht in den Krieg ziehen würde. Und ein Paradies, geschaffen durch den Krieg. Adolf Hitler versprach den Deutschen das Tausendjährige Reich und machte aus den Juden ein Feindbild, das diesem Reich im Weg stünde.

Drei Frauen laufen Arm in Arm über ein Trümmerfeld. Eine trägt einen Rechen. Über ihnen ist der Kopf eines Soldaten im Stahlhelm gezeichnet. Die Aufschrift lautet: "Hilf auch Du mit!"

Nationalsozialistisches Propagada-Poster von 1941

Gemeinfrei

Tausendjähriges Reich. Das klingt ganz schön unrealistisch.

Das macht es ja so wirksam! Die Sanktionen und die Versprechungen zeichnet aus, dass sie schwer bis gar nicht überprüfbar sind. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob nach dem Tod der Himmel wartet. Und im zweiten Weltkrieg glaubten die Deutschen an das Versprechen vom Endsieg und dass es Menschen gibt, die anderen überlegen sind. Es gab Informationen darüber, wie die Nazis lügen und manipulieren, aber sie waren verdammt schwer zu bekommen.

Ich habe das Gefühl, dass wir heutzutage immer noch Kriegspropaganda ausgesetzt sind. Etwa in Hollywood-Filmen.

Dein Gefühl stimmt. Du denkst wahrscheinlich an Filme wie „Top Gun“ mit Tom Cruise oder „Pitch Perfect 3“, in dem die „Bellas“ in Glitzer-Militärkostümen für US-Soldat:innen singen und tanzen.

https://www.youtube.com/embed/VPaFRrTJZ4U

Das US-Verteidigungsministerium nimmt seit Jahren Einfluss darauf, wie das amerikanische Militär in Filmen dargestellt wird. Der Deal ist ziemlich einfach: Militärische Ausrüstung, wie Waffen, Kriegsschiffe oder Panzer sind ziemlich teuer. Filmproduzent:innen dürfen dieses Equipment quasi kostenlos nutzen – dafür darf das Militär das Skript und das Endprodukt beeinflussen. Rassismus, sexualisierte Belästigung oder psychische Probleme im Militär dürfen dafür nicht thematisiert werden. Das geht so weit, dass das Verteidigungsministerium eine Kussszene mit den Macher:innen von „Pitch Perfect 3“ ausführlich diskutierte.

Wie genau das funktioniert, hat der Youtube-Kanal Simplicissimus in dieser Doku erklärt. Das Team von Simplicissimus hatte Zugang zu internen Dokumenten zwischen dem Verteidigungsministerium und Filmemacher:innen.

Natürlich werden Filmproduzent:innen nicht gezwungen, diese Deals mit dem Verteidigungsministerium einzugehen. Und ein heroischer Kriegsfilm aus den USA ist nicht das Gleiche wie Russland, das behauptet, dass die Ukraine ihr eigenes Getreide verbrennt. Aber dieses Beispiel zeigt, dass uns Propaganda überall begegnen kann, auch am Freitagabend im Kino.

Jetzt bin ich total verunsichert. Wie soll ich damit umgehen, dass im Prinzip alles Propaganda sein könnte?

Wir können uns anschauen, wie genau verschiedene Propagandastrategien aufgebaut sind. In der Wissenschaft unterscheidet man hier zwischen offener, verschleierter und verdeckter Propaganda.

Bisher kommt mir das alles ganz schön schleierhaft vor.

Bei offener Propaganda ist die Information faktisch überprüfbar und es ist klar, wer sie verbreitet. Typisch dafür ist, dass der Propagandist einen wahren Fakt benutzt, um seine eigene Behauptung zu untermauern. Beispielsweise wurde in einem Telegram-Kanal von Impfgegner:innen die Nachricht geteilt, dass Justin Bieber an Gesichtslähmung leidet. Die Meldung stimmt. Die Impfgegner:innen führen Biebers Gesichtslähmung allerdings auf seine Corona-Impfung zurück.

Verschleierte Propaganda geht eine Stufe weiter. Es ist unklar, wer die Propagandist:innen sind. Und die Inhalte lassen sich nicht faktisch überprüfen, beispielsweise wenn nicht-verifizierte Accounts Fotos von angeblichen Impfschäden posten.

Bei verdeckter Propaganda sind die Propagandist:innen getarnt und die Inhalte eindeutig falsch, aber nicht als falsch erkennbar. Darunter fällt, wenn Fake-Accounts absichtlich die Erzählung verbreiten, dass das Coronavirus nicht existiert. Auch Bots und Trolle fallen unter verdeckte Propaganda.

Für die bisherigen Abschnitte habe ich mit zwei Wissenschaftlerinnen telefoniert. Lena Frischlich ist Psychologin, forscht seit 2011 zu Propaganda und leitet seit 2018 die Nachwuchsforschungsgruppe „Demoresildigital – Demokratische Resilienz in Zeiten von Online-Propaganda, Fake News, Fear- und Hate Speech“ am Institut für Kommunikationswissenschaft in Münster. Natascha Zeitel-Bank ist Soziologin und unterrichtet am Institut für Medien, Kommunikation und Gesellschaft an der Universität in Innsbruck. Sie hat als Journalistin und in der PR gearbeitet.

Außerdem habe ich diese wissenschaftlichen Texte gelesen:

Frischlich, L. (2018). „Propaganda3“ – Einblicke in die Inszenierung und Wirkung von Online-Propaganda auf der Makro-Meso-Mikro-Ebene. In: Sachs-Hombach, K., Zywietz, B. (Hg.) Fake News, Hashtags & Social Bots. Aktivismus- und Propagandaforschung. Springer VS, Wiesbaden.

Jowett, G., O’Donnel, V. (2012). Propaganda and Persuasion. Fifth edition. Thousand Oaks, Kalifornien.

Von den „Putintrollen“ habe ich schon gehört. Spielen Trolle eine Rolle?

Es gibt sogar eine ganze Armee von ihnen! Sie wird von einer Firma namens Internet Research Agency (IRA) betrieben. Hunderte Personen arbeiten für die IRA in Sankt Petersburg und fluten das Internet mit Postings, Kommentaren und Likes, die dem Kreml nutzen. 2013 schmuggelte sich eine Journalistin der regierungskritischen russischen Zeitung „Nowaja Gaseta“ in die Troll-Fabrik ein und arbeitete als Troll mit. Seitdem gab es unzählige andere Recherchen, die die Existenz der Troll-Armee belegen.

Dann trollen eben ein paar Leute im russischen Internet herum – was hat das mit mir zu tun?

Erinnerst du dich noch an den Mueller Report? Der Bericht von 2019 konnte nachweisen, dass die russische Regierung versucht hatte, über die sozialen Medien die US-Präsidentschaftswahlen 2016 zu beeinflussen. Die IRA erstellte zum Beispiel Fake-Profile, die sich als US-Amerikaner:innen und Trump-Unterstützer:innen ausgaben. Die Trolle simulierten mit unzähligen Fake-Accounts eine Masse, die es gar nicht gab, um so die tatsächliche Einstellung von echten Personen zu beeinflussen.

Eine Studie hat gezeigt, dass Personen, die nur negative Kommentare über eine Minderheit lasen, im Anschluss negativer über diese Minderheit dachten und selbst negative Kommentare schrieben. Fake-Kommentare im Internet hatten also die Denkweise und das Handeln von echten Menschen beeinflusst. Und die Kreml-Trolle schreiben nicht nur auf Russisch, sondern auch auf Deutsch, Englisch oder Persisch.

Wie erkenne ich so einen Troll denn?

Es gibt verschiedene Anzeichen: Der Account ist wenige Monate alt, hat einen Namen mit vielen Ziffern, zum Beispiel @robert120002397, ist zu Bürozeiten aktiv, also tagsüber von Montag bis Freitag und postet Kommentare, die Verschwörungserzählungen verbreiten. Viele der Troll-Accounts, die im Moment aktiv sind, wurden im März 2022 gegründet, also kurz nach Beginn der russischen Invasion in der Ukraine.

Der Screenshot zeigt den Tweet eines Trolls auf Twitter.

Eindeutig ein Troll: Peter73832399.

privat

Seit einiger Zeit lässt sich ein interessantes Phänomen beobachten: Die Troll-Accounts haben immer öfter Profilbilder in den ukrainischen Nationalfarben, geben sich als Ukrainer:innen aus und erzählen, wie schrecklich die ukrainische Regierung sei. Das Ziel ist wie immer: Misstrauen säen und Wahrheiten in Zweifel ziehen.

Wenn du mehr darüber erfahren willst, wie russische Propaganda funktioniert, empfehle ich dir die Bücher „Die Wahrheit ist der Feind“ von Golineh Atai und „Das ist keine Propaganda“ von Peter Pomerantsev. Golineh Atai war jahrelang Moskau-Korrespondentin der ARD, berichtete über den Euromaidan in Kyjiw, die Annexion der Krim und den Krieg im Donbass. Peter Pomerantsev ist ein in der Sowjetunion geborener Journalist, inzwischen erforscht er als Wissenschaftler russische Informationskampagnen.

Ich vertraue den sozialen Medien eh nicht so. Ich lese immer meine gute alte Tageszeitung.

Auch dort versuchen Propagandist:innen, eine kritische Masse zu simulieren. Sozusagen mit Papier-Trollen.

Was sind denn Papier-Trolle?

Im Januar 2021 suchten 126 Personen in den Kleinanzeigen vom „Oberlausitzer Kurier“ nach neuen Stellen. Man sei Pflegekraft und ungeimpft und wolle das auch bleiben, wenn die Impfpflicht komme. Das ist ja krass, dachte sich ein Lokalreporter und versuchte, ein paar dieser Menschen zu erreichen. Aber von 18 Anrufen war kein einziger erfolgreich, manche hatten die interessante Telefonnummer 0160-1234567890. Auch andere Zeitungen wie der „Fränkische Tag“ waren betroffen. Recherchen haben gezeigt, dass sich Impfgegner:innen in Chatgruppen absprachen, Zeitungen mit Anzeigen zu fluten, um so den Eindruck zu erwecken, dass massenweise Pflegekräfte in den Widerstand gehen.

Jetzt mal unabhängig von Trollen auf Twitter und in Lokalzeitungen. Ich habe schon das Gefühl, dass sich der Meinungskorridor immer weiter verengt, auch in der Debatte mit echten Menschen. Zum Beispiel ist „Pazifist“ seit dem Krieg in der Ukraine ja fast schon zu einem Schimpfwort geworden.

Widerspruch ist keine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Zu einer pluralistischen Gesellschaft gehört eben auch, dass alle einander kritisieren können. Das sollte man nicht damit verwechseln, dass man „keine andere Meinung mehr haben darf.“ In einer Demokratie dürfen Menschen die abseitigsten Meinungen haben und sie überall verkünden, wo sie wollen. Es ist sogar so, dass Medien solche Meinungen manchmal zu stark gewichten. Das kann zu einem Problem werden.

Das musst du genauer erklären.

Schonmal was von False Balance gehört?

Nö.

Unter False Balance versteht man die medial verzerrte Darstellung einer Debatte, bei der einer Minderheitenmeinung übermäßig viel Raum gegeben wird. Angenommen, bei einem Streitgespräch im Radio soll es um das Sonnensystem gehen. Und einer von zwei Teilnehmer:innen ist ein Flat-Earther, glaubt also daran, dass die Erde eine Scheibe ist. So entsteht der Eindruck, als würde die Hälfte aller Wissenschaftler:innen glauben, dass die Erde eine Scheibe ist – obwohl das natürlich kompletter Quatsch ist.

Ich habe eher das Gefühl, dass die Medien einfach Positionen weglassen, die ihnen nicht passen.

Damit bist du nicht allein: Viele aus der Krautreporter-Community haben mir geschrieben, dass sie während der Corona-Pandemie und auch jetzt, während des russischen Angriffskrieges in der Ukraine, das Gefühl haben, nicht die „ganze Wahrheit“ zu erfahren. Laut einer Studie der TU Dortmund sind 41 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass die Glaubwürdigkeit des Journalismus durch die Corona-Berichterstattung abgenommen habe. Und mehr als ein Drittel glaubt, dass Journalismus meist abhängig sei von den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft.

Siehst du!

Ein Gefühl ist noch kein Fakt. Journalist:innen lassen nicht einfach Themen weg, die ihnen nicht in den Kram passen. Sie wägen nach verschiedenen Kriterien ab: Wie viele Menschen betrifft das Thema? Passiert ein Ereignis in Deutschland oder eher weiter weg? Geht es um einen Promi? Im Rundfunkstaatsvertrag ist Ausgewogenheit festgeschrieben, öffentlich-rechtliche Programme sind sogar verpflichtet, über alle Parteien und über alle politischen Positionen zu berichten. Und hier kommt verdeckte Propaganda ins Spiel. Denn Länder wie Russland machen sich genau das zunutze.

Wie denn?

Propaganda hatte früher andere Mechanismen als heute. Verkürzt gesagt reichte es aus, ein bestimmtes Narrativ zu verbreiten und alles andere zu verbieten. So funktionierte die Propaganda in Nazideutschland und in der Sowjetunion. Aber heutzutage haben viele Menschen Zugang zum Internet – und es ist wirklich schwer, das Internet zu zensieren. In Zeiten, in denen wir überall und immer Zugang zu Informationen haben, in denen Journalist:innen ständig Themen auswählen und gewichten müssen, in diesen Zeiten gibt es eine neue Propaganda-Strategie: Sie nennt sich „Flood the zone with shit“, also „Flute das ganze Gebiet mit Scheiße.“

Äh … Igitt?

Natürlich nur im übertragenen Sinne. Donald Trump hat sich diese Strategie zunutze gemacht, aber als wahrer Pionier von „Flood the zone“ gilt Wladimir Putin. Kern der Strategie ist es, viele einander widersprechende Erzählungen zu verbreiten. Die Zuschauer:innen und Leser:innen sind verwirrt – zurück bleibt nur das Gefühl, dass es unmöglich ist, die Wahrheit herauszufinden.

Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Hast du dafür ein Beispiel?

Ja, die Bombardierung der Geburtsklinik in Mariupol im März 2022. Damals legte die russische Armee ein Krankenhaus in Schutt und Asche. Mindestens vier Menschen kamen ums Leben, die Fotos von flüchtenden schwangeren Frauen gingen um die Welt.

Eine Frau steht vor der zerbombten Geburtsstation, sie ist in eine Decke gehüllt und hat eine Wunde am Kopf. Sie blickt in die Kamera. Hinter ihr laufen Menschen entlang.

Mariupol im März 2022: Eine Frau steht vor der zerbombten Geburtsstation.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Mstyslav Chernov

Erst sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow: „Russische Kräfte feuern nicht auf zivile Ziele.“ Dann behaupteten kremltreue Medien, etwa die „Komsomolskaja Prawda“, die schwangere Frau auf den Fotos sei eine Schauspielerin. Schließlich sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow, in dem Krankenhaus seien gar keine Zivilist:innen mehr gewesen, stattdessen hätten sich dort Kämpfer:innen des umstrittenen Azow-Regiments versteckt. Die Fact-Checking-Seite EU vs Disinfo hat die widersprüchlichen russischen Behauptungen Russlands so zusammengefasst: „Nein, wir haben das Krankenhaus nicht bombardiert und es war sowieso ein Nest voller Nazis.“

Den Leuten muss doch auffallen, wie widersprüchlich das ist?

Es hat System, dass sich hochrangige russische Politiker:innen und kremltreue Medien widersprechen. Ziel ist nicht, eine konsistente Erzählung zu verbreiten. Ziel ist, alle zu verwirren. Und diese Taktik nutzt der Kreml, um den Diskurs im Rest der Welt zu seinen Gunsten zu beeinflussen – auch in der EU.

Wie das denn?

Beispielsweise bestreitet der Kreml, schwangere Frauen in der Geburtsklinik in Mariupol beschossen zu haben. Viele westliche Medien haben aber keine Zeit oder keinen Platz, um diese offensichtliche Lüge einzuordnen. So auch in diesem knapp 45 Sekunden langen Beitrag aus der Tagesschau vom Tag nach dem Angriff. Im ersten Drittel des Beitrags geht es um das Krankenhaus, im zweiten Drittel kommt der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums zu Wort, der die Vorwürfe eine „orchestrierte Provokation“ nennt, zum Schluss nennt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Russland „Propagandisten“.

Stichwort False Balance: Die Aussagen von russischer und ukrainischer Seite stehen gleichwertig und unkommentiert nebeneinander. Jemand, der sich mit russischer Propaganda nicht gut auskennt, könnte daraus schließen, dass man nicht genau weiß, was wirklich vorgefallen ist. Dabei ist klar: Russland hat die Geburtsklinik mit schwangeren Frauen bombardiert. Das ist nicht die Schuld der Tagesschau. Es ist eher eine Schwachstelle der westlichen Medien, die Russland geschickt ausnutzt.

Ein bisschen stört mich deine Einstellung ja. Die eine „Wahrheit“ gibt es doch gar nicht.

Das stimmt natürlich. Oft gibt es keine einfache Wahrheit, sondern unterschiedliche Meinungen oder Perspektiven. Gerade bei komplexen Themen ist das so. Aber manchmal kann man der Wahrheit ziemlich nahe kommen, etwa wenn es darum geht, wer die Geburtsklinik in Mariupol bombardiert hat. Wer dann daran zweifelt, dass man die Wahrheit überhaupt herausfinden kann, reproduziert, wenn auch unbewusst, das russische Narrativ.

Ich verstehe. Aber auch deutsche Medien lügen manchmal, zum Beispiel die Bild.

Die Medien in Deutschland sind nicht immer fehlerlos. Und gerade Boulevardmedien arbeiten mit Übertreibung und Skandalisierung. Das heißt aber nicht, dass die Bild – oder gar alle deutschen Medien – systematisch lügen, um eine bestimmte Ideologie zu stützen. Wir sprechen ja gerade über Propaganda. Schlechter Journalismus ist keine Propaganda.

Okay, aber in Bezug auf die Ukraine: Immerzu werden Soldaten und Soldatinnen glorifiziert und der Kampf gegen Russland heroisiert, von der Ukraine selbst, aber auch von unseren Medien. Das ist doch Propaganda.

Die Ukraine hat natürlich ein Interesse daran, gut dazustehen – und man kann das durchaus kritisch sehen. Aber um das einmal in Relation zu setzen: Jeder Fußballverein hat ein Interesse daran, gut dazustehen. Und die Ukraine befindet sich gerade in einem Krieg, bei dem ihre Existenz als Land auf dem Spiel steht. Aber wenn der ukrainische Generalstab Held:innengeschichten verbreitet und die Todeszahlen russischer Soldaten übertreibt, dann ist das Teil einer Propagandastrategie, ja.

Aber die westlichen Medien übernehmen einfach die ukrainischen Darstellungen. Das stört mich.

In einer Kriegssituation ist es fast unmöglich, alle Informationen mit verschiedenen Quellen zu bestätigen. Deswegen kennzeichnen seriöse deutsche Medien solche Angaben und weisen zum Beispiel darauf hin, dass sie die Information noch nicht unabhängig verifizieren konnten. Deutsche Medien übernehmen nicht ohne Weiteres Angaben von ukrainischer Seite, wenn sie ihnen nicht plausibel vorkommen. Zum Beispiel sind sie sehr vorsichtig, was eben jene Todeszahlen russischer und ukrainischer Soldat:innen angeht.

Ich finde es nur seltsam, dass in der Berichterstattung alles so klar zu sein scheint: Russland ist böse und die Ukraine gut.

Es ist nunmal eine Tatsache, dass Russland die Ukraine überfallen hat. Und die russische Armee hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Kriegsverbrechen begangen. Wenn du das Gefühl hast, dass Russland die ganze Zeit schlechter wegkommt als die Ukraine, dann liegt das nicht unbedingt daran, dass die Medien voreingenommen sind – sondern daran, dass Russland wirklich viele Dinge tut, die es nicht besonders sympathisch rüberkommen lassen. Trotzdem ist die Ukraine kein per se fehlerfreier Staat. Sie kämpft etwa mit korrupten Politiker:innen. Aber wenn Bomben fallen, ist das weniger wichtig, oder?

Du hast mir sehr viel erklärt, aber jetzt schwirrt mir der Kopf. Was kann ich denn jetzt als Propaganda bezeichnen?

Propaganda ist, wenn jemand dein Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen will und dafür Halbwahrheiten, Meinungen und Lügen vermischt. Propaganda ist von einer bestimmten Ideologie gestützt. Viele verstehen den Begriff Propaganda unterschiedlich, weshalb man vorsichtig sein sollte, ihn zu benutzen.

Und was mache ich, wenn mir im Internet ein Troll begegnet?

Nicht diskutieren, das bringt nichts. Am besten melden – und dann unter diesem Artikel in den Kommentaren weiter diskutieren. Die sind nämlich garantiert Troll-frei.


Redaktion: Julia Kopatzki, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert

Russische Propaganda, verständlich erklärt

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