© Philipp Sipos

Die geldpolitische Zeitenwende, erklärt

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Wir leben in einer Zeit, in der die Schlagzeilen von Wirtschaftsthemen dominiert werden. Doch selbst dafür waren die vergangenen Wochen in der Wirtschaftswelt besonders turbulent: In den USA scheint es nur noch darum zu gehen, wie groß die anstehende Rezession wird. Die US-Aktienmärkte sind im Vergleich zum Jahresbeginn über 20 Prozent eingebrochen und sinken weiter. Im Euroraum liegt auf einmal die Option einer Staatsschuldenkrise wieder auf dem Tisch. Und inmitten all dessen müssen Notenbänker:innen in Notfallmeetings Entscheidungen treffen, die die Finanzmärkte aufwühlen. Dabei sollen Notenbanken naturgemäß nicht aufregend, sondern langweilig sein.

Als die Inflation zu steigen begann, sagten viele zunächst, das sei vorübergehend. Die wohl wichtigsten Vertreter:innen dieser These waren die Zentralbanken selbst. Es schien gute Argumente für diese Position zu geben: Die Inflation lag auch an den Lieferkettenengpässen und an einer gleichzeitig gestiegenen Nachfrage vieler Güter, weil die Leute zuhause saßen, statt ihr Geld für Restaurants auszugeben. Dann überfiel Russland die Ukraine. Überall auf der Welt mehrten sich die – klimakrisenbedingten – Missernten. Gleichzeitig stiegen die Preise für Energie und Lebensmittel rasant. Und plötzlich hatte sich die Inflation wie festgesetzt.

Inzwischen ist sie für viele das Top-Thema. Was also jetzt?

An dieser Stelle kommen die Zentralbanken ins Spiel, deren Ziel ja ist, eine Inflation zu verhindern. Dafür erhöhen sie unter anderem den Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken längerfristig Geld von der Zentralbank leihen können. Das beeinflusst, zu welchen Zinsen sich die Banken untereinander Geld verleihen. Und das beeinflusst wiederum die Geldmenge. Der Leitzins wirkt also indirekt, ist aber trotzdem umso mächtiger. Schon 0,25 Prozent Unterschied können als Revolution gelten – oder einen Börsencrash verursachen.

Wie die Notenbanken reagieren

Das ist wohl einer der Gründe, warum die Notenbanken so zögerlich waren. Die amerikanische Notenbank Fed hatte den Leitzins im März das erste Mal und im Mai das zweite Mal angehoben, die Europäische Zentralbank (EZB) hat vergangene Woche angekündigt, den Leitzins im Juli das erste Mal zu erhöhen.


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Viele haben kritisiert, wie lange die Notenbanken gebraucht haben. Gerade die EZB musste viel Kritik einstecken, so viel länger gewartet zu haben als die Fed. Tatsächlich ist die Situation in der EU aber eine andere als in den USA, wo die Inflation viel schneller eine langfristige Bedrohung darstellt. Denn anders als in den USA war der Arbeitsmarkt in Ländern wie Deutschland gar nicht überhitzt, auch eine Lohn-Preis-Spirale nicht in Sicht. Bei der steigen die Löhne stark, weshalb die Preise weiter wachsen, die dann wiederum die Löhne befeuern.

Die deutsche Inflation hängt viel mehr mit den steigenden Lebensmittel- und Energiepreisen zusammen und ist bisher nicht besonders auf andere Bereiche übergeschwappt. Das macht die Inflation für uns alle, die ja einkaufen und heizen müssen, nicht einfacher. Aber es bedeutet, dass die EZB durch eine Leitzinserhöhung, mit der sie die Geldmenge reguliert, weniger Einfluss auf die Inflation nehmen kann. Deshalb hat sie auch so lange gezögert, es zu tun. Und auch die amerikanische Notenbank hat jede ihrer Entscheidungen lange angekündigt und gut kommuniziert, um auf gar keinen Fall die Märkte zu erschrecken und damit einen Crash auszulösen.

Wie die Börse reagiert

Und dennoch: Diese Woche überstürzten sich die Ereignisse. Die Fed hob die Leitzinsen um 0,75 statt um 0,5 Prozentpunkte an, anders als angekündigt – so hoch wie seit 28 Jahren nicht mehr. Sie tat das, nachdem die Inflation trotz der ersten Leitzinserhöhung weiter gestiegen war und auch Konsument:innen weiterhin höhere Preise erwarteten. Dazu kündigte der Notenbankchef auch noch an, dass weitere Leitzinserhöhungen folgen würden und zwar im Zweifelsfall wieder um 0,75 Prozentpunkte. Daraufhin stürzten die Aktienmärkte ab. Der Economist schrieb von „Eight days that shook the market“, also von acht Tagen, die den Markt erschütterten.

Denn diese Leitzinserhöhungen verringern nicht nur (hoffentlich) die Inflation. Sie lassen wahrscheinlich auch die Wirtschaft schrumpfen. Ein wesentliches Problem im wachstumsbesessenen Kapitalismus. Die Frage ist nicht mehr, ob das Wirtschaftswachstum gebremst wird, sondern wie sehr. Und die Chancen sehen schlecht aus. Aber anders scheint es nicht mehr zu gehen.

Denn in den USA droht eine Lohn-Preis-Spirale. Um dieser etwas entgegenzusetzen, muss die Zahl der ausgeschriebenen unbesetzten Stellen zurückgehen. Die ist zwar hoch, aber nicht jede:r kann jeden Job machen. Eine gelernte Informatikerin kann nicht einfach so als Physiotherapeutin arbeiten. Gleichzeitig bedeuten steigende Arbeitslosenzahlen auch eine steigende Rezession. Das Kunststück ist also, gleichzeitig die Zahl der offenenen Stellen zu minimieren, ohne dass die Arbeitslosigkeit stark steigt. Und dabei dafür zu sorgen, dass die Inflation wirklich zurückgeht.

Warum der Dollar auch für uns in Deutschland wichtig ist

Die Fed ist optimistisch, dass sie das hinbekommt, ohne eine richtige Rezession zu verursachen. Und US-Präsident Joe Biden ist optimistisch, dass die Fed weiß, was sie tut. Für ihn könnte seine Wiederwahl davon abhängen, wie hoch die Inflationsrate in ein paar Jahren liegt. Aber Expert:innen vertrauen den Prognosen der Fed kaum noch, nachdem sie die Inflation monatelang kleingeredet hatte.

Für Menschen in Deutschland (und in allen anderen Ländern der Welt) ist wichtig, was die Fed tut, weil der Dollar die weltweite Leitwährung ist und damit ihr Handeln auch die Geldpolitik auf der ganzen Welt beeinflusst. Deshalb haben diese Woche kurz nach der Fed auch die englische und die Schweizer Notenbank Leitzinserhöhungen angekündigt.

Vergangene Woche verkündete die EZB, dass sie ihren Leitzins anheben werde. Und dass sie ihre Anleihenkaufprogramme stoppen wird, die seit 2007 laufen. Damit hat sie gleich ein weiteres Problem ausgelöst. Denn der Hauptgrund für die lockere Geldpolitik der EZB war ja die Staatsschuldenkrise. Der Abstand zwischen den deutschen Staatsanleihen (die als am sichersten gelten) und den Italienischen (die gerade als am unsichersten angesehen werden) war auf 2,4 Prozentpunkte angestiegen und hatte sich damit im Vergleich zum Jahresbeginn verdoppelt. Deshalb hat die EZB diese Woche ein Notfallmeeting abgehalten und angekündigt, ein Instrument zu schaffen, um im Zweifelsfall Staatsanleihen von einzelnen Ländern zu kaufen. Das ist ein riesiges Ding, denn bisher hat die EZB wegen des Gleichheitsgrundsatzes immer von allen EU-Ländern Staatsanleihen gekauft und schon dafür wurde sie mehrfach verklagt. Zumindest kurzfristig hat das die Märkte beruhigt.

Wir stehen an einem Punkt mit vielen Ungewissheiten. Viele in der Finanzbranche haben noch nie eine hohe Inflation erlebt. Deshalb wird es umso wichtiger sein zu schauen, was die kommenden Monate bringen.

Zum Schluss meines Newsletters noch eine persönliche Nachricht, ebenfalls eine Zeitenwende, wenn auch mehr für mich als für die Welt: Von mir wird es in Zukunft mehr zu lesen geben, weil ich seit diesem Mittwoch die neue Volontärin bei Krautreporter bin und damit die nächsten 20 Monate meine journalistische Ausbildung in der KR-Redaktion mache. Damit verändert sich für mich Einiges: Bisher habe ich nur wenige Stunden die Woche für Krautreporter gearbeitet, jetzt sind es vier Tage. Ich freue mich sehr! Momentan denke ich darüber nach, worüber ich meinen ersten Zusammenhang schreiben soll. Erste Themenbereiche dazu sind: Energie, Rohstoffe oder Steuergerechtigkeit. Wenn dich etwas davon besonders interessiert, schreibe mir gerne an rebecca@krautreporter.de!


Redaktion: Esther Göbel, Bildredaktion: Philipp Sipos, Schlussredaktion: Susan Mücke;Audioversion: Aline Joers

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