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Erst unsere Moral, dann ihr Fressen?

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In der letzten Ausgabe dieses Newsletters hatte ich beschrieben, wie auch die Klimakrise die beginnende globale Hungerkrise verursacht hat. Einige der Reaktionen, die ich darauf bekam, überraschten mich: Manche Kommentatoren und Kommentatorinnen meinten, dass es in Wahrheit keine Knappheit gäbe und die hohen Preise Folge von Wucher/Spekulation/Kapitalismus seien.

Macht ja auch Sinn, oder? Geldgierige Spekulanten nutzen die Gunst der Stunde, um die Preise 30 bis 40 Prozent in die Höhe zu treiben. So muss es ja sein! So ist es ja immer!

Allein: So ist es nicht.

Nachdem ich die Antworten gelesen hatte, habe ich Studien gesucht, die einen klaren Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelpreis und Spekulation herstellen können. Da wir alle essen müssen und diese Ursache-Wirkungs-Kette damit fundamental wäre, müssen wir davon ausgehen, dass es Hunderte oder gar tausende Studien gibt, die sie belegen können.

Spekulation treibt Preise nur kurzfristig

Aber diese Studien gibt es nicht. Übersichtsarbeiten, die mehr als 100 Studien zusammenfassen, zeigen, dass es keine eindeutigen Beweise für diese These gibt. Spekulanten können die Preise von Nahrungsmitteln nicht dauerhaft in die Höhe treiben. Das sagt sogar die NGO Oxfam. Wenn überhaupt würden die Preise nur kurzfristig durch Spekulation verstärkt werden, so Oxfam. Und es gibt auch Fälle, bei denen genau das Gegenteil passiert: Die Spekulanten gehen „long“ in großer Zahl, setzen also auf steigende Kurse, die aber fallen. So geschehen am Gasmarkt in den Jahren 2007 bis 2012 (PDF, S. 13).

Angie Setzer, die mit physischem Weizen im Nordosten der USA handelt, sagte im Odd Lots-Podcast: „Der Cash-Markt ist König, egal wie man es dreht und wendet. Was auch immer der Cash-Markt tut, es wird schließlich auf die eine oder andere Weise in den Terminmarkt einfließen." Das klingt etwas kryptisch, heißt aber übersetzt: Diejenigen, die Weizen tatsächlich produzieren und verbrauchen, geben die Richtung bei den Preisen vor, nicht die Trader am Terminmarkt. Setzer bestätigt übrigens auch den direkten Zusammenhang zwischen schlechten Ernteaussichten und schnell hochschießenden Preisen (obwohl die Ernten noch gar nicht eingefahren sind). „Wenn es zu einem Ernteschock kommt, hören wir auf zu verkaufen, das liegt in der menschlichen Natur, oder?“

Spekulation ist strukturell die Folge hoher Preise. Sie löst diese nicht aus. Denn ja, natürlich verdienen gerade einige extrem viel Geld mit Weizen, Reis und Sonnenblumenöl. Aber könnten sie das tun, wenn genug Angebot da wäre?


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Ein Blick in die Geschichte ist aufschlussreich, wie immer. Es gab bereits Männer (ja, alles Männer), die glaubten, den gesamten Markt für einen bestimmten Rohstoff kontrollieren zu können. Nehmen wir die Hunt-Brüder, die Ende der 1970er Jahre den globalen Silber-Markt unter ihre Kontrolle bringen wollten. Das gelang ihnen auch – aber nur für wenige Monate. Dann durchsuchten die Menschen ihre Dachböden und Schubladen und schleppten das alte Tafelsilber zum Pfandleiher. Der Preis brach ein. Aus einem Milliardengewinn wurde für die Brüder ein Milliardenverlust.

Oder nehmen wir den US-amerikanischen Hedgefond-Manager Anthony Ward, der im Jahr 2010 den globalen Kakao-Markt mit gewaltigen Käufen physischen Kakaos unter Druck setzte: Der Preis stieg tatsächlich um 20 Prozent, nur um wenige Monate später um die Hälfte zu fallen, und zwar als klar wurde, dass die Kakao-Ernte in Westafrika besser als erwartet ausfallen wird.

Beide Fälle zeigen: Spekulativ getriebene Preisanstiege fallen so schnell wieder in sich zusammen wie sie zustande kamen. Pump and Dump. Strukturelle Engpässe allerdings treiben Preise längerfristig nach oben. Und auf dem Weizenmarkt gibt es diesen strukturellen Engpass und er wird sich in den nächsten Monaten noch verschärfen, wenn die großen Importländer ihre Reserven aufgebraucht haben.

Die Welt findet sich inmitten eines riesigen Experiments wieder

Die Engpässe am globalen Weizenmarkt sind real. Es sind ja nicht nur die 20 Millionen Tonnen Weizen, die in der Ukraine eingesperrt sind, nicht nur die Exportverbote und Missernten, die ich im letzten Newsletter aufgezählt hatte. Die hohen Öl- und Gaspreise treiben auch die Produktions- und Transportkosten für diesen Weizen nach oben. Düngemittel wird vor allem aus Erdgas hergestellt.

Dessen Preis ist so hoch, dass der Düngemittel-Gigant Yara nach dem Beginn des Ukraine-Krieges die Produktion in Europa eingeschränkt hat. Vor wenigen Tage wiederum gab der größte britische Hersteller bekannt, seine Düngemittel-Fabrik in Großbritannien wegen der hohen Energiepreise zu schließen. Die Bauern in der ganzen Welt reagieren auf den Düngemittel-Engpass, indem sie so wenig wie möglich davon einsetzen und plötzlich befindet sich die Welt inmitten eines riesigen Experiments: Können wir alle ernähren, obwohl wir deutlich weniger chemischen Dünger einsetzen?

Diese Entwicklung begann lange vor dem Krieg. Bereits im Dezember warnte etwa das International Fertilizer Development Center, dass die hohen Düngemittelpreise die Versorgung von 100 Millionen Menschen in Sub-Sahara-Afrika gefährden. Ein Blick auf die Börsenpreise für Weizen, Reis, Soja und Mais zeigt das gleiche. Seit Beginn der Corona-Pandemie steigen die Preise:

Eigentlich könnte dieser Newsletter damit enden: Es sind nicht in erster Linie Wucher/Spekulation/Kapitalismus für die hohen Preise verantwortlich. Aber ich denke, dass die Haltung der Kommentatoren und Kommentatorinnen noch einen zweiten Blick verdient: Denn sie steht symptomatisch für die Schwierigkeiten, die manche Linke angesichts der Hungerkrise und bis zu einem Stück weit auch angesichts der Inflation haben.

Sie haben den Markt solange als komplett dysfunktional kritisiert, dass sie kaum noch in der Lage sind, tatsächlich wirkende Marktkräfte als solche auch zu akzeptieren: Ja, wenn weniger Angebot auf gleiche Nachfrage trifft, steigen die Preise. Dafür braucht es keine perfiden Gauner, die sich bereichern wollen, sondern nur Kaufmänner- und Kauffrauen, die rechnen können. Menschen, die die aktuelle Hungerkrise allein Spekulanten in die Schuhe schieben wollen, bilden das Gegenstück zu der genauso realitätsblinden „Markt-Regelt-schon“-Fraktion, die es für ausgeschlossen halten, dass Märkte irgendwann nicht mehr funktionieren.

Angesichts des Hungers werden manche Menschen dazu geleitet, das Symptom „Spekulation“ mit der eigentlichen Krankheit zu verwechseln. Linke sind dafür ideologisch besonders anfällig. In ihrer Welt sind Gier und Egoismus die Grundübel. Also müssen Gier und Egoismus auch Ursache für die globale Hungerkrise sein.

Schlechte Analyse, schlechte Lösungen

Und weil die Analyse falsch ist, sind auch die Lösungen, die angeboten werden, haarsträubend unterkomplex.

Eine prominentere wirtschaftspolitische linke Stimme schlug etwa auf Twitter vor, dass nur noch solche Leute an den globalen Weizenmärkten handeln dürfen, die auch nachweisen können, dass sie den Weizen im Zweifel einlagern könnten. Nicht unwichtiges Detail dabei: Jeder Scheffel Weizen, der etwa an der größten Weizenbörse der Welt in Chicago gehandelt wird, liegt bereits in Warenhäusern. Das kann jeder nachschauen. Muss man aber natürlich auch nachschauen wollen.

Auch ein Argument, das kam: Es gibt eigentlich keine Knappheit. Die Welt hat genug Nahrung für alle Menschen. Das stimmt auch, ähnelt aber dem Spruch, mit dem verzweifelte Eltern ihre Kinder für blöd verkaufen wollen: „Iss’ deinen Rosenkohl! Die Kinder in den armen Ländern würden sich darüber freuen!“ Die Kinder, die etwas schlauer sind, verstehen schnell, dass der Rosenkohl auf ihrem Teller vergammelt wäre bis er auf dem Teller der Kinder in den armen Ländern ankäme.

Das Gleiche gilt auch für Nahrungsmittel. Die Mehrheit der weltweit produzierten Nahrungsmittel werden in den Ländern verbraucht, in denen sie hergestellt werden. Sollten diese Nahrungsmittel nun umgeleitet werden, braucht es LKW, Schiffe, neue Gesetze, viel politischen Willen und eine komplette logistische Infrastruktur, um die Nahrungsmittel dann auch in genießbaren Zustand dort hinzubekommen, wo sie gebraucht werden. Die 20 Millionen Menschen am Horn von Afrika, die aktuell unter Hunger leiden, können aber nicht darauf warten bis das alles steht.

Die Lösung für die globale Hungerkrise kann sich also nicht in faulen Verweisen auf irgendwelche Spekulanten erschöpfen. Damit erntet man zwar viel Applaus, aber nicht einen Scheffel Weizen mehr.

Welche Fragen jetzt wichtig sind

Besser ist es, darüber nachzudenken, wie die Weltgemeinschaft schnell mehr Weizen auf den Markt kriegen kann. Fragen, die sich jeder stellen kann und sich Gott sei Dank auch viele Politiker und Politikerinnen gerade stellen, die wissen, dass Spekulation nicht das drängendste Problem ist:

  • Wie lässt sich der Abtransport des Getreides aus der Ukraine beschleunigen?

  • Wie kann eine politisch für die Ukraine, den Westen und Russland vertretbare Lösung aussehen, damit Russland seine Getreideexporte wieder aufnimmt?

  • Braucht es eine UNO-Mission im Schwarzen Meer, die den Abtransport des Getreides überwacht? Wenn ja, wer führt sie an? Indien, Südafrika, Ägypten?

  • Wie viel Getreide lagert in den nationalen Reserven der reichen Länder in Ost und West? Wie viel davon könnten sie abgeben?

  • Welche Agrarflächen, die gerade für Biosprit genutzt werden, lassen sich bis zur nächsten Aussaat in Flächen für Getreideproduktion umwandeln?

  • Gibt es Hebel, die zügig dabei helfen können, dass weniger Getreide in den Futtertrögen von Tieren und mehr auf den Tellern von Menschen landen kann?

Das sind schwierige Fragen, die sich nur pragmatisch beantworten lassen. Wenn beim Nachdenken über diese Fragen jemandem ein Weg einfällt, um auch die spekulationsgetriebenen Preisspitzen in den Rohstoffmärkten abzufedern, wäre das umso besser. Das Wichtigste ist das aber gerade nicht. Außer natürlich für Menschen, für die zuerst die Moral kommt. Dann das Fressen.


Schlussredaktion: Bent Freiwald; Fotoredaktion: Philipp Sipos; Audioversion: Christian Melchert

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