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Warum Neid nicht so schlecht ist wie sein Ruf

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KR-Leser Max ist eigentlich sehr zufrieden mit seinem Leben: Er ist 30 Jahre alt, wohnt mit seiner Freundin in einer Großstadt-WG und hat gerade seine Ausbildung zum Psychotherapeuten begonnen. Und trotzdem: Jedes Mal, wenn seine Freund:innen ihm Fotos von ihren Häusern, Babys oder Wohnmobilen schicken, spürt er Neid in sich aufsteigen. Warum, fragt er sich, kann er sich nicht einfach für sie freuen?

„Ich will, was du hast!“ So definierte ich Neid bislang in meinem Kopf. Aber bei Max ist es anders: Er will kein Haus kaufen, für Kinder ist es noch zu früh und statt eines Wohnmobils hätte er lieber eine kleine italienische Ape, diesen dreibeinigen Kleintransporter für die Stadt. Worum er seine Freunde beneidet, ist das Gefühl, schon angekommen zu sein, während er noch nicht mal auf der Zielgeraden ist. „Ich will mir einfach genauso meine Wünsche erfüllen wie sie, jetzt oder zumindest in absehbarer Zeit“, sagt er. Manchmal belastet ihn sein Neid so sehr, dass er sogar überlegt, die Freundschaft zu beenden.

Damit es so weit nicht kommt, habe ich ihm und mir Rat geholt. Ich wollte verstehen, woher Neid kommt und wissen, wie wir mit ihm umgehen können. Dafür habe ich mit zwei Sozialpsycholog:innen, einem Soziologen und euch, der KR-Community, gesprochen. Ich habe gelernt: Neid hat nicht nur mit einem selbst zu tun, aber man muss selbst etwas dafür tun, wenn er nicht die Oberhand gewinnen soll.

Was ist Neid? Das sagen die Sozialpsycholog:innen

Jens Lange forscht an der Universität Hamburg zu Emotionen und wie man sie messen kann. In seiner Promotion hat er sich damit beschäftigt, wie sich neidische Personen verhalten und wie der Neid unser Verhalten steuert. „Wer etwas erlangt, zeigt Stolz“, erklärt er. „Wer nicht das Gleiche erlangt und den Stolz empfängt, der zeigt Neid. „Je stolzer die eine, desto neidischer der andere. Und wenn die gleiche Person das nächste Mal scheitert, zeigen wir Schadenfreude.“ Wenn Max' Freund:innen ihm also Fotos von ihren Kindern und Häusern schicken, vergleicht er sich ganz automatisch und reagiert mit Neid – auch, wenn er nicht an ihrer Stelle sein will.

Lisa Blatz ist Psychotherapeutin in Weiterbildung. Sie hat sich für ihre Promotion gefragt, worauf wir eher neidisch sind: auf Dinge, die uns persönlich wichtig sind oder die anderen wichtig sind? Ihre Antwort: auf beides. „Wir leben nicht in einem Vakuum. Natürlich ist uns auch wichtig, was andere für erstrebenswert halten“, sagt sie. „Wenn ich selbst nicht an tollen Autos interessiert bin, aber jemand anderes für sein neues Auto ganz viel Anerkennung bekommt, dann tut das trotzdem weh.“

Wichtig sind laut Lange und Blatz vor allem drei Aspekte.

1. Wie ähnlich ist mir die Person, die etwas hat, das ich nicht habe und auf welcher Ebene vergleiche ich mich mit ihr? Lange gibt folgendes Beispiel: „Wenn Leonardo DiCaprio besser schauspielert als ich, ist mir das egal, weil Schauspiel keine relevante Vergleichsdimension für mich ist und niemand aus meinem Umfeld schauspielert. Wenn aber ein Freund, der ebenso Wissenschaftler ist wie ich, häufiger etwas publiziert, dann weckt das meinen Neid. Denn ich hätte an seiner Stelle stehen können.“

2. Wie viel Einfluss habe ich darauf, an seiner Stelle zu stehen? Wenn ich neidisch auf die gute Fitness meines Freundes bin und deswegen beginne, regelmäßig Sport zu treiben, dann ist das Problem einfacher gelöst, als wenn er sich von seinem Erbe ein Haus kauft, das ich mir niemals leisten könnte.

3. Wie unverdient kommt mir der Erfolg einer anderen Person vor? Ich beginne vielleicht zu lästern oder mache mich über die Anzahl der Badezimmer im neuen Haus lustig, wenn ich das Gefühl habe, die Person hat das eigentlich nicht verdient. Man spricht dann von bösartigem Neid – im Gegensatz zu gutartigem Neid, der uns antreibt, das Gleiche zu erreichen.

Was raten die Sozialpsycholog:innen Max? „Vielleicht hilft es ihm, sich darauf zu konzentrieren, was er möchte und wofür er sich entschieden hat“, rät Blatz. „Oder er versucht, den Vergleich auf eine andere Ebene zu heben: Wo schneidet er vielleicht besser ab als seine Freunde?“ Lange sagt: „Neid wird als moralisch verwerflich verurteilt. Das ist schade, denn er hat eine Funktion, so wie alle Emotionen.“ Neid treibt uns an, ob zum Guten oder zum Schlechten. So hilft er uns, mit einem Vergleich umzugehen, bei dem wir schlechter abschneiden.

Welche Rolle spielt die Gesellschaft? Das sagt der Soziologe

Christian von Scheve von der Freien Universität Berlin forscht zu der Soziologie der Emotionen, das heißt, er untersucht, inwiefern Emotionen durch die Gesellschaft um uns herum beeinflusst werden oder sogar entstehen. Auch er sagt: Neid braucht den sozialen Aufwärtsvergleich. Was verrät das über die Gesellschaft, in der wir leben? Eine Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung von 2015 hat ergeben, dass Reichtum und finanzielle Unabhängigkeit der häufigste Grund für Neid sind, gefolgt von Reisen und Freizeit, Besitztümern und Schönheit. „Eine Kultur, die sagt, jeder kann alles erreichen, die schraubt den Horizont des sozialen Vergleichs ins Unermessliche“, sagt er. Und die Idee, dass uns Neid ansporne, das Gleiche zu erreichen, setze voraus, dass man es durch mehr Leistung auch erreichen könne. „Strenge dich an und du bekommst, was du begehrst. Das geht nicht immer auf“, sagt der Soziologe.

Könnte es also sein, dass Max nur Neid empfindet, weil er mit einem Lebensentwurf konfrontiert wird, den er auch hätte haben können, wenn er nur gewollt hätte? „Die Frage ist, was in meinen Vergleichshorizont rückt“, sagt von Scheve. Bei Max sind es die Fotos von seinen Freund:innen, die ihn dazu bringen, sich zu vergleichen. Und im nächsten Schritt kommt es darauf an, wie man das Gefühl einordnet, das der Vergleich in einem weckt. „Schmerzliches Begehren als Neid zu betiteln, ist kulturell wahnsinnig aufgeladen. Neid zu empfinden, ist so unzulässig, dass man nicht nur an dem Neid selbst zu knabbern hat, sondern auch daran, dass man ein moralisch unangemessenes Gefühl hat. Das ist doppelt schlimm.“

Ich finde den soziologischen Blick auf Neid hilfreich, weil er zeigt, dass Neid nicht immer nur Privatsache ist. Und weil er vielleicht den Zwiespalt erklärt, in dem Max sich befindet: Auf der einen Seite will er gar nicht haben, was seine Freund:innen haben. Auf der anderen Seite führen ihm die Bilder vor Augen, dass manche Lebensentwürfe mehr Anerkennung zugesprochen bekommen als sein eigener. Noch konkreter als die Ratschläge der Expert:innen sind aber die Tipps, die ich von der KR-Community bekommen habe.

Wie geht man mit Neid um? Das sagen die KR-Mitglieder

334 KR-Leser:innen haben an meiner Umfrage teilgenommen, in der ich gefragt habe, wie Max mit seinem Neid umgehen soll. Die große Zahl zuerst: 91 Prozent haben zugegeben, dass sie schon einmal neidisch waren. Die anderen neun Prozent haben sich bestimmt nur verklickt. Der häufigste Grund für Neid: Partnerschaften und Familienleben. Auf Platz 2: finanzielle Sicherheit und Eigentum. Auf Platz 3: gutes Aussehen, dicht gefolgt von Kindern, Erfolg im Beruf und Selbstbewusstsein. Was geben sie Max mit auf den Weg?

1. Der Neid als Bote

Viele von euch haben vorgeschlagen, den Neid als Indikator zu nutzen: Wofür steht er? Was sagt er über Max aus? KR-Mitglied Nina hat das sehr schön formuliert: Sie hat vorgeschlagen, den Neid nicht als Feind, sondern als Boten zu betrachten. Gerade wenn Missgunst im Spiel ist, schreibt KR-Mitglied Sabrina, sollte man hinterfragen, warum man seiner Freundin oder seinem Freund nicht gönnen kann, was er oder sie hat. „Welches Problem/Bedürfnis liegt eigentlich dahinter?“, fragt sie. Das hatte auch Sozialpsychologin Lisa Blatz angedeutet: dass es im Grunde vielleicht um die Anerkennung geht, die seine Freund:innen erfahren und die er sich auch wünscht.

Max selbst vermutet aber, auf das Gefühl neidisch zu sein, von dem er denkt, dass seine Freund:innen es fühlen müssten. Angekommen zu sein, seine Wünsche erfüllt zu haben oder zu wissen, dass man sie sich erfüllen kann. Also was jetzt?

2. Das Gras auf der anderen Seite …

Neid nährt sich davon, dass wir bei anderen etwas sehen, was uns selbst fehlt. Wenn es um ein Haus oder ein Auto geht, gibt es nicht viel Interpretationsspielraum. Aber woher nimmt Max die Gewissheit, dass seine Freund:innen das Gefühl auch selbst haben, um das er sie beneidet? Vielleicht könnte er sie danach fragen – zumindest haben das die KR-Mitglieder vorgeschlagen. „Wahrscheinlich wollen seine Freund:innen auch Dinge, die sie nicht haben (können), und er weiß davon nur nichts“, schreibt KR-Mitglied Sebastian.

KR-Mitglied Lydia hat einen ungewöhnlichen Vorschlag gemacht, den ich bei längerem Nachdenken aber sehr einleuchtend fand. Sie rät Max, an die negativen Erlebnisse oder Erfahrungen seiner Freunde zu denken. Ihr selbst falle es dann leichter, sich für ihre Freunde zu freuen, statt sie zu beneiden. Oder, mit KR-Mitglied Kims Worten: „Mir hat es geholfen festzustellen, dass das Gras bei meinen Freunden auch kein perfekter Golfrasen ist. Und gleichzeitig meinen eigenen Rasen etwas zu düngen und zu pflegen.“

3. Alles eine Frage der Entscheidung

Den Ratschlag, den KR-Mitglied Ellen gemacht hat, möchte ich Max zuletzt mit auf den Weg geben. Ellen hat vorgeschlagen, den Blick nicht nur auf das Ergebnis zu richten, sondern auf den Weg dorthin. Auch sie hat erzählt, dass sie oft den Eindruck hatte, ihrer Freundin falle das Leben leicht. „Ich habe meiner Freundin gesagt: Ich beneide dich sehr, ich wünsche mir ein Kind und bei dir scheint es, als gehe es wie von selbst. Ich habe ihr auch gesagt, dass ich hoffe, dass es nicht zwischen uns steht und nach dem Gespräch hat es das auch nicht. Ich habe festgestellt, dass gerade bei Besitz viele Sachen einfach Entscheidungen sind. Leute, die sich eine Yacht leisten, arbeiten wahrscheinlich so viel, wie ich es niemals wollte. Das zu erfahren, hat dazu geführt, dass ich mit meinen Entscheidungen zufriedener war und mehr im Hier und Jetzt bleiben konnte. Und da fehlt mir meist nichts.“


Redaktion: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Iris Hochberger

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