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Wie Menschen zu Amokläufern werden

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Fünfunddreißig Leben, gewaltsam beendet in einem Supermarkt, einer Schule und in einem Krankenhaus – das ist die Bilanz der Waffengewalt in den USA in den vergangenen Wochen. Und wie reagieren die US-Amerikaner:innen? Eigentlich muss man sagen: gar nicht.

Auf die Mass Shootings in Buffalo, Uvalde und Tulsa folgt tragischerweise nur eine ritualisierte Debatte: Die einen machen psychische Erkrankungen verantwortlich und wollen Bürger:innen mit noch mehr Waffen ausstatten, um sich gegen Angriffe schützen zu können. Die anderen fordern schärfere Waffengesetze, finden dafür aber keine Mehrheiten. 

Politisch wird sich in den USA deshalb vermutlich nichts ändern. Angesichts der festgefahrenen Situation stellt sich also die Frage: Kann man die Waffengewalt auch ohne Gesetzesänderungen stoppen? 

Die überraschende Antwort lautet: Ja.

In den USA sterben mehr Kinder durch Schüsse als durch Verkehrsunfälle

Machen wir zunächst einen Schritt zurück. Laut Daten des Forschungsprojekts Small Arms Survey kommen auf 100 Bürger:innen in den USA 120 Waffen. Auf Rang zwei dieser traurigen Tabelle folgt weit abgeschlagen das Bürgerkriegsland Jemen, mit rund 52 Waffen pro 100 Einwohner:innen. Dem Gun Violence Archive zufolge war die Tat in Texas, bei dem der 18-jährige Täter am 24. Mai 19 Kinder und zwei Lehrerinnen ermordete, bereits das 213. Shooting in diesem Jahr. 2020 wurden laut Daten der Gesundheitsbehörde CDC täglich mehr als 50 Menschen im Land erschossen. Im gleichen Jahr waren Schusswaffenverletzungen erstmals die häufigste Todesursache für Kinder und Jugendliche, das heißt sie starben häufiger durch Kugeln als an Krebs oder bei Verkehrsunfällen.

Im Nachklang von Mass Shootings steht meist umgehend die Frage nach den Motiven des Täters im Raum. Alle wollen wissen: Was bringt einen Menschen dazu, in eine Schule, in einen Supermarkt, in ein Krankenhaus zu stürmen und das Leben anderer auszulöschen? 


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Klar, bei politisch motivierten Taten spielen Ideologie und Verschwörungserzählungen eine entscheidende Rolle. Das ist wichtig, denn sie treiben Täter:innen an und erklären bestimmte Menschengruppen zur Zielscheibe. Das war zum Beispiel in Buffalo der Fall: Der Täter folgte in vielen Punkten dem bekannten Schema rechten Terrors. Er veröffentlichte ein 180-Seiten-Pamphlet, in dem er über einen angeblichen „White Genocide“ phantasiert, orientierte sich an seinen Vorbildern und bereitete alles vor, um die Tat sozial-medial in seinem Sinne in Szene zu setzen. 

Aber ein Großteil der Mass Shootings hat keinen politisch motivierten Hintergrund. In den allermeisten Fällen gibt es auch nicht das eine, eindeutige Motiv, das die Tat erklären könnte. Meist handelt es sich um eine komplexe Mischung aus Motiven und Umständen, die aus einem Menschen einen Massenmörder machen. Und für die Präventionsarbeit, also um weitere Shootings zu verhindern, ist das Motiv eines Täters in der Regel sowieso von geringer Bedeutung.

Wer weiß, wie Menschen zu Mördern werden, kann ihre Taten verhindern

1997 schlossen die beiden Psychologen Bryan Vossekuil und Robert A. Fein eine entscheidende Lücke in der bis dato verfügbaren, wissenschaftlichen Literatur über Gewalttäter. Für das sogenannte Exceptional Case Study Project interviewten sie 83 Menschen, die entweder eine öffentliche Figur ermordet oder eine solche Tat geplant hatten.

Fein und Vossekuil untersuchten das Denken, das Verhalten, die Kommunikation, die Planung, die Strategie, die Opferauswahl, die Motive und die psychische Gesundheit ihrer Gesprächspartner:innen, zu denen unter anderem die Mörder von John Lennon und Robert Kennedy zählten. Später, in der sogenannten Safe School Initiative, untersuchten sie gemeinsam mit weiteren Wissenschaftler:innen 37 Schul-Attacken, die zwischen 1974 und 2000 in den USA stattfanden. 

Beide Projekte teilten ein gemeinsames Ziel: Sie sollten weitere Taten verhindern. Das Ergebnis ihrer Studien: Um potenzielle Mass Shooters aufzuhalten ist es nicht so wichtig, wer die Täter:innen sind – sondern wie sie sich verhalten. 

Fein und Vossekuil fanden heraus, dass tatsächliche und potenzielle Täter:innen oftmals ähnliche Geschichten teilen: Kindheitstraumata in all ihren Facetten, häusliche Gewalt, Missbrauch, familiäre Suizide, Mobbing, Demütigungen. In den meisten schwelt über lange Zeit ein heftiger Groll. Und: Sie weisen oft ähnliche, alarmierende Verhaltensmuster auf, die auf die Planung einer Tat hinweisen können. Expert:innen sprechen von einem „Pathway to violence“, einem Weg zur Gewalt.

Der Psychiater Shervert Frazer soll einmal gesagt haben, Mord sei ein Prozess, kein Event. Und die Studien von Fein und Vossekuil haben gezeigt: Dieser Prozess besteht oft aus ähnlichen Puzzleteilen, zum Beispiel aus persönlichen Krisen, einem tiefsitzenden Gefühl von Groll, Demütigung und Ungerechtigkeit, Selbstverachtung, Isolation, der Suche nach Auswegen aus persönlichen Problemen, Depressionen und suizidalen Gedanken bestehen. 

Was Hoffnung macht: Dieser Prozess braucht Zeit. Das bedeutet auch: Er kann von anderen bemerkt werden. Denn er wird oft von ähnlichen Alarmsignale begleitet: gekränktes, aggressives oder gewalttätiges Verhalten, Stalking, offen kommunizierte Drohungen, das Nacheifern anderer Täter, einschneidende und tiefgreifende Verschlechterungen der persönlichen Lebenssituation oder plötzliche Verhaltensänderungen. 

Keines dieser Signale allein mag Gewalt vorhersagen. Aber es sind verschiedene Warnzeichen, auf die das Umfeld, Expert:innen und Sicherheitsbehörden reagieren, und so die nächste Tat abwenden können. Das geschieht bereits, jeden Tag. Hinter den Kulissen.

Drei Mythen über Gewalttäter:innen, die widerlegt sind

In seinem Buch „Trigger Points: Inside the Mission to Stop Mass Shootings in America“ begleitet der US-Journalist Mark Follman Teams aus Expert:innen, Wissenschaftler:innen, Sozialarbeiter:innen und Sicherheitsbehörden, die sich jeden Tag darum kümmern, dutzende Fälle potenzieller Täter:innen zu beurteilen und zu begleiten. An Schulen, Universitäten, am Arbeitsplatz und bei Spezialkräften.

Das sogenannte „Behavioral Threat Assessment“ sorgt schon heute im Hintergrund dafür, dass zahlreiche Massaker verhindert werden.

Interessant ist: Diese Präventions-Teams arbeiten mit einem ganzheitlichen, auf Empathie basierenden Ansatz. Anstatt potenzielle Gefährder:innen wegzusperren, nehmen sie deren Lebenssituationen in den Blick – und setzen dort auch mit ihren Maßnahmen an. Meist, sagt Follman, gehe es um Respekt. Und darum, den Betroffenen zu zeigen: Wir sehen dich. Und wir helfen dir.

Warum dieser Ansatz so wichtig ist? Ganz einfach: Er ist ziemlich effektiv und kann strukturell gestärkt und ausgebaut werden, ohne dass Demokraten und Republikaner sich über Gesetzesänderungen einig werden müssen.

Was laut Follman aber wichtig ist: Zunächst müssen wir uns von drei Mythen verabschieden, die im Nachklang von Gewalttaten regelmäßig den Diskurs beherrschen, auch in Deutschland. Denn nur wenn die Bürger:innen alarmierende Verhaltensweisen entsprechend zu lesen wissen, lassen sich weitere Taten verhindern.

1. Es gibt keine Checkliste für potentielle Massenmörder:innen.

Klar, zahlreiche Täter weisen Gemeinsamkeiten auf: Viele sind junge oder mittelalte, weiße Männer, die oftmals einen bitteren Groll gegenüber sich selbst und ihre Mitmenschen hegen, ein Gefühl tiefer Demütigung teilen, traumatische Kindheitserfahrungen gemacht haben, frauenfeindliche Einstellungen teilen oder auf eine eigene Vergangenheit als häusliche Gewalttäter zurückblicken. Einige hängen extremen politischen Ideologien an. Die meisten interessieren sich für Waffen. Und allein qua ihrer Taten könnte man zu der verkürzten Einschätzung gelangen, sie alle hätten mit psychischen Problemen zu kämpfen. Das Problem ist: Solche allgemeinen Merkmale haben keinerlei Vorhersagekraft. Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist männlich. Und unzählige Menschen haben traumatische Kindheit gehabt. Das grenzt die potenzielle Tätergruppe nicht gerade ein. Und Ausnahmen bestätigen die Regel: Auch Frauen und People of Color werden – wenn auch sehr viel seltener – zu Täter:innen. 

2. Attentäter:innen und Amokläufer:innen sind nicht alle „verrückt“ und psychisch krank.

Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für die Behauptung, die psychische Gesundheit einer Person sei der entscheidende Faktor, der sie zum Täter macht. Laut Studien ist eine psychische Erkrankung lediglich in etwa jedem vierten bis fünften Fall überhaupt unter den entscheidenden Einflussfaktoren. Insgesamt ist die Korrelation zwischen psychischen Erkrankungen und Gewalt klein. Stattdessen verstärkt der Mythos des „wahnsinnigen“ Täters das Stigma, unter dem Menschen mit psychischen Erkrankungen sowieso schon leiden – und ignoriert, dass diese häufig selbst Opfer von Gewalt werden. 

3. Die meisten Mass Shootings sind nicht das Resultat einer impulsiven Entscheidung, sondern bis ins Detail geplant.

Sie sind das Ergebnis rationaler und in sich logischer Denkprozesse. Medienberichte verbreiten oft den Eindruck, dass Attentate und Amokläufe quasi aus dem Nichts kommen. Sie zeichnen das Bild eines spontanen und impulsiven Täters, der plötzlich zuschnappt. Und das ist falsch. Fallstudien zeigen, dass die Täter nicht einfach plötzlich zur Waffe greifen. Sie entwickeln ihre Gewaltphantasien und Tatpläne über Tage, Wochen, Monate oder Jahre hinweg, bewaffnen sich, bereiten sich vor und wägen ab, wo und wann sie zuschlagen. Und das bietet die Möglichkeit, rechtzeitig einzuschreiten.


Redaktion: Lisa McMinn, Schlussredaktion: Bent Freiwald, Bildredaktion: Philipp Sipos; Audioversion: Aline Joers

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