Zwei Tomaten werden von alten Händen gehalten.

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Sinn & Konsum

Sollten diese Tomaten 8 Euro kosten?

Wir sind an billiges Gemüse gewöhnt. Dabei müssen die Früchte gesät, gegossen, geerntet und geliefert werden. Wer profitiert von den Dumpingpreisen?

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Ich stehe an der Supermarktkasse und warte. Vor mir steht eine Frau um die 40 mit einem schwarzen Einkaufstrolley. Die Kasse piept, während der Kassierer die letzten ihrer Waren darüberzieht: zwei Schalen knallrote Erdbeeren. Als er die Summe nennt, stöhnt sie kurz auf und zieht dann ihr Portemonnaie aus der Jackentasche. Wie teuer das sei, sie habe doch fast nichts gekauft, nur ein bisschen Obst und Gemüse!

Einerseits verständlich. Inflation und die steigenden Preise machen sich beim täglichen Supermarktbesuch seit ein paar Wochen und Monaten bemerkbar. Andererseits frage ich mich, ob Lebensmittel in Deutschland nicht bisher einfach viel zu günstig waren? Ich überlege kurz, ein Gespräch mit der Frau zu beginnen: Finden Sie das wirklich teuer? Immerhin sind das Früchte, die erst einmal gesät, gegossen, geerntet und angeliefert werden müssen.

Vor einigen Jahren bewirtschaftete ich mit Freund:innen einen Sommer lang ein Stück Feld. Es lag am Kölner Stadtrand und war so konzipiert, dass Städter:innen sich mit einer eigenen Parzelle eine Saison lang mit Zucchini, Tomaten, Kürbis, Kartoffeln und Salat selbst versorgen konnten. Ich habe zwei Dinge gelernt. Erstens: Mein Daumen ist leider nicht so grün, wie ich es mir wünsche. Und zweitens: Gemüseanbau ist verdammt viel Arbeit. Die Pflänzchen wollten versorgt werden, unabhängig davon, ob wir gerade Urlaub machten oder keine Zeit zum Unkrautjäten hatten.

Wie also kann es sein, dass eine Schale Rispentomaten im Discounter später nicht einmal 90 Cent kostet? Wer zahlt den Preis für die günstigen Produkte in der Landwirtschaft – und wie geht es den Bäuer:innen damit? Und wäre alles besser, wenn eine Tomate acht Euro kostete? Ich habe mir von Landwirt:innen, Wissenschaftler:innen und Lobbyist:innen erklären lassen, wo es hakt im System Landwirtschaft. Ich erkläre, wie eine Tomate in unsere Vorratskammer (nein, nicht in den Kühlschrank!) gelangt und wie die Dumpingpreise im Supermarkt entstehen.

Das gilt vor allem für Obst- und Gemüsesorten, die nicht auf dem Weltmarkt gehandelt werden. Bei Getreide, Milch, Rohfleisch, Kartoffeln, Ölsaaten und Zucker funktioniert der Markt anders.

Und ich habe die Krautreporter-Community befragt, wie sie Obst und Gemüse kaufen. Mehr als einem Drittel der 675 Mitglieder, die an der Umfrage teilgenommen haben, geht es wie mir: Sie empfinden die Preise von Obst und Gemüse in Deutschland als zu günstig. Viele wären bereit, mehr zu zahlen – unter gewissen Umständen.

Woher kommen unsere Tomaten?

Reden wir über Tomaten. 31,3 Kilogramm Tomaten haben die Deutschen im Wirtschaftsjahr 2020/21 im Schnitt pro Kopf verbraucht. (Dabei handelt es sich natürlich nicht ausnahmslos um frische, sondern auch um weiterverarbeitete Tomaten.) Tomaten sind in Deutschland mit Abstand das beliebteste Gemüse. Dabei schmecken sie oft nur nach Wasser, warum erklärt meine Kollegin Theresa Bäuerlein hier.

Was Obst und Gemüse angeht, ist Deutschland ein Importland. Nur 20 Prozent des Obstes und 36 Prozent des Gemüses auf dem Markt werden hier produziert. Das ist nicht viel. Einer der vielen Gründe, warum so wenig Landwirt:innen in Deutschland Obst und Gemüse anbauen, ist die hohe Arbeitsintensität: Zucht, Pflege und vor allem die Ernte erfordern viel Handarbeit. Gerade einmal vier Prozent der Tomaten, die wir in Deutschland konsumieren, werden deshalb hier angebaut. Die meisten kommen aus den Niederlanden und Spanien.

Was kostet eine Tomate wirklich?

Der Tomatenanbau beginnt im Januar mit dem Setzen der Jungpflanzen. Gemüsebauer Peter Völkel aus dem Knoblauchsland genannten Anbaugebiet um Nürnberg herum, baut auf 2,6 Hektar Tomaten und Gurken an. Er rechnet vor: Die Pflanzen kosten rund 2,80 Euro und würden für ein Jahr angebaut werden. Etwa 15 Kilo Tomaten ergeben sich pro Pflanze. Tomaten sind anfällig für Krankheiten, zum Beispiel die Kraut- und Braunfäule. Und sie haben es gerne warm, deswegen ist es schwierig, Tomaten in Deutschland auf dem freien Feld anzubauen. Der Großteil der deutschen Betriebe setzt deshalb auf Gewächshäuser. So kann die Erntesaison fast auf das gesamte Jahr verlängert werden. Dabei fallen allerdings hohe Energiekosten an. Je nach Betriebsgröße können die bis zu 50 Prozent des erwirtschafteten Gewinns auffressen.

Bis zur Ernte vergehen zwölf bis 14 Wochen, in denen die Tomaten viel Aufmerksamkeit brauchen. „In dieser Zeit ist es besonders wichtig, die Blüten zu kürzen, die Pflanzen wöchentlich aufzubinden und regelmäßig auszugeizen, also nachwachsende junge Triebe aus den Blattachseln auszubrechen“, erklärt Peter Völkel. Auf einen Hektar Tomaten fielen dabei jährlich rund 12.000 Stunden Arbeit an. Also Arbeit für etwa sechs Vollzeitbeschäftigte.

Ist die Tomate reif, wird sie geerntet und verpackt – und zwar von Hand. Tomaten sind empfindlich für Druckstellen, die bei Kund:innen gar nicht gut ankommen.
Nach gut drei Monaten ist die Tomate fertig, verpackt und wartet darauf, in den Supermarkt geliefert zu werden. Sehr viel Arbeit ist zu diesem Zeitpunkt bereits in ihren Anbau geflossen. Müsste sie da nicht eigentlich mehr kosten?

Die Supermärkte haben viel Macht

In Deutschland gibt es eine hohe Konzentration auf dem Lebensmittelmarkt. Das bedeutet: Nur wenige Anbieter teilen ihn unter sich auf.

Die vier großen Supermarktkonzerne Edeka-Gruppe, Aldi und die Schwarz Gruppe, zu der unter anderem auch der Discounter Lidl gehört, kontrollieren über 85 Prozent der Marktanteile. Ihr Einfluss beschränkt sich nicht nur auf Deutschland, er erstreckt sich auch auf den europäischen Markt.

Will man als Erzeuger:in das eigene Gemüse in den Einzelhandel bringen, kommt man an diesen Lebensmittelriesen nicht vorbei. Die landwirtschaftlichen Betriebe und Gärtnereien haben also kaum eine Wahlmöglichkeit, an wen sie ihre Waren verkaufen.

Martin Banse ist Experte für Marktanalyse und forscht am Thünen-Institut in Braunschweig zu Agrar- und Ernährungswirtschaft. Er erklärt mir, dass sich viele kleinere Betriebe zu sogenannten Erzeugergenossenschaften zusammenschließen. „Es wird dadurch eine Art Gegenmacht möglich.“ Diese Genossenschaften übernehmen die Verhandlungen mit den Supermarktketten und auch die Logistik. Sie verhalten sich also wie ein Zwischenhändler.

Wer legt die Spielregeln fest?

Trotzdem kosten die Tomaten am Kassenband 90 Cent. Warum drücken die Supermarktketten derart auf die Preise? Auf meine Anfragen reagieren die Konzerne zurückhaltend oder gar nicht. Die Pressestelle von Lidl verweist auf das PDF-Positionspapier „Unternehmerische Sorgfaltspflicht“. Darin verspricht Lidl, sich für faire Arbeitsbedingungen und existenzsichernde Löhne einzusetzen. Die Presseabteilung von Rewe weist nur auf kartell- und wettbewerbsrechtliche Beschränkungen hin, die ihr eine Auskunft nicht möglich machen.

Wer legt nun also die Spielregeln fest? Der Supermarkt trifft mit den Genossenschaften oder Zwischenhändlern Vereinbarungen über alle Eventualitäten und bestimmt: wie groß und wie reif muss die Tomate sein, wann wird sie geliefert, wie groß ist die Charge, was, falls es zu Lieferänderungen oder -engpässen kommt oder die Supermärkte nicht so viel abnehmen können, wie sie eigentlich sollten? Viele der Regeln, sagen Expert:innen, seien so gestaltet, dass das Risiko einer Nichterfüllung der vertraglichen Vereinbarung eher auf der Erzeuger:innenseite läge.

Darüber spreche ich mit Gemüsebäuer:innen aus ganz Deutschland. Einige von ihnen befürchten Nachteile in den Verhandlungen mit Abnehmer:innen, bestimmte Namen haben wir deshalb geändert. Viele Gemüsebäuer:innen berichten mir davon, dass sie alle wirtschaftlichen Risiken der Vereinbarung mit dem Supermarkt allein tragen. Große Handelsunternehmen haben eine starke Verhandlungsposition und können zu großen Teilen die Preise bestimmen, zu denen sie die Waren ankaufen. Dabei sind die Produzent:innen wegen der besonders sensiblen und verderblichen Waren abhängig vom Handel: Wenn die Tomate reif ist, muss sie verkauft werden.

„Das ist keine Partnerschaft mit den Supermärkten auf Augenhöhe, da können wir uns nichts aussuchen“, sagt die Erdbeerbäuerin Katharina Funck aus Rheinland-Pfalz. Erdbeeren, die zu klein geraten sind, Salatköpfe mit Hagelschäden, Tomaten mit Dellen oder Rissen, die der Supermarkt nicht annimmt, gehören zum Alltag. Der Preis, den die Supermärkte bezahlen, schwanke je nach Angebot und Nachfrage. Funck begann ihren Anbau 1979 mit nur einem Selbstpflückerfeld. Heute sind noch weitere Felder, einige Hofläden und Verkaufsstände dazugekommen.

Susanne Müller* baut im Nürnberger Umland auf 25 Hektar Gemüse an. Dietmar Mühl* ist Obstbauer aus dem Münchner Umland. Beide berichten, dass der Einzelhandel beim Weiterverkauf rund 100 Prozent auf den Preis aufschlägt, den er den Erzeuger:innen zahlt. Bezahle ich für meine Tomaten also 90 Cent, bekommen die Erzeuger:innen davon knapp 45 Cent. Und das, obwohl sie die Hauptarbeit übernehmen, knapp zehn Monate, 12.000 Arbeitsstunden pro Hektar. Bei Susanne Müller ergibt das 300.000 Stunden Arbeit.

Beständig führten die Lebensmittelkonzerne einen Preiskampf, unterboten sich wöchentlich im Kampf um die günstigere Ware, erzählt Susanne Müller. Die Salatbäuerin und ihre Familie verkaufen 95 Prozent ihrer Ware an große Ketten. „Da haben wir irgendwann einmal gesagt, jetzt machen wir nicht mehr mit“, sagt Susanne Müller. „Als wir dem Supermarkt mitteilten, dass ein geringerer Preis für uns einfach nicht geht, wurden wir eine Woche lang nicht gelistet, das heißt wir haben eine Woche lang gar nichts mehr geliefert.“

Listung bezeichnet die Aufnahme eines Produktes in das Sortiment eines Handelsbetriebs.

„Da standen wir dann also mit unseren 15.000 erntereifen Salatherzen.“

Gegenwehr der Landwirt:innen werde von den Supermärkten geahndet: Akzeptieren die Bäuer:innen die Forderungen der Supermärkte nicht, werden sie als Lieferant:innen aussortiert. Manchmal auch kurzfristig. Dann müssen sie andere Abnehmer:innen für ihre Waren finden, das ist bei großen Mengen nicht so leicht.

Die Konditionen werden zwischen den Betrieben bzw. den Genossenschaften und dem Handel wöchentlich vereinbart, so dass es abhängig von Angebot und Nachfrage zu starken Schwankungen kommen kann. Eine Sicherheit gibt es kaum. Auch was die Zahlungszeiträume der Supermärkte angeht. „Manchmal wird die Ware sogar erst vier Monate nach Abnahme bezahlt“, erzählt Susanne Müller.

Anna Früh* war knapp zwei Jahre lang Vorständin eines großen Einzelhandelskonzerns. Sie erklärt, mit Landwirt:innen, die zu den Standardlieferant:innen gehören, würde versucht werden, auf Augenhöhe zu verhandeln. Bei neuen Bäuer:innen, die in kurzen Zeiträumen erhöhter Nachfrage beauftragt werden, stünde die Fairness nicht immer an erster Stelle. Da ginge es für das Unternehmen vor allem um eines: Wirtschaftlichkeit.

Dazu kommen die ästhetischen Ansprüche: Das Gemüse muss sich in optisch einwandfreiem Zustand befinden. So müssen Tomaten einheitlich rot und rund sein und frisch aussehen. Weichen die Tomaten auch nur minimal von den vorgegebenen Standards ab, werden sie vom Handel nicht abgenommen.

Durch die Selektion in eine gute und eine weniger gute Natur, die ausschließlich nach ästhetischen Gesichtspunkten getroffen wird, wandern jedes Jahr rund 30 Prozent der Obst- und Gemüseernten in den Abfall. Das Problem: Die Qualitätsstandards veranlassen die Landwirt:innen zur Überproduktion, denn wie viel normgerechte Ware aus einer Ernte kommt, können sie nicht einschätzen. Das Überangebot wiederum senkt die Gewinnmöglichkeit, und die Qualitätsanforderungen steigen. Denn gibt es ein hohes Angebot an Tomaten, kann der Einzelhandel die besten aussuchen und die Preise drücken.

Die deutsche Landwirtschaft hat ein Gleichheitsproblem

Warum also halten die Landwirt:innen nicht zusammen gegen die Konzerne? Schließlich sitzen sie an der Quelle. Würden die Preise nicht steigen, wenn die Landwirt:innen einfach nicht lieferten? So einfach sei das nicht, erklärt Dietmar Mühl, der in der Nähe von München einen Apfel- und Beerenanbau betreibt.

Betriebe seien darauf angewiesen, ihre Produkte zu verkaufen. Bereits ein Verkaufsstopp von wenigen Wochen bedrohe ihre Existenz. Im Zweifel finden die Supermarktketten immer einen Landwirt, der billiger produzieren kann – falls nicht in Deutschland, dann aus dem europäischen Ausland.

Dazu kommt: Die Landwirtschaft ist mehr als jeder andere Sektor von natürlichen Voraussetzungen abhängig. Die Fruchtbarkeit der Böden unterscheidet sich sehr, je nach Region und auch die Betriebe sind unterschiedlich groß. Und während es bei landwirtschaftlichen Betrieben, die Viehzucht oder Ackerbau betreiben, hohe europäische Subventionen gibt, bekommen die Obst- und Gemüseerzeuger:innen aufgrund kleinerer Anbauflächen meist nur wenig davon ab.

Bei den europäischen Agrarsubventionen, die nach Betriebsgröße (Hektaranzahl) vergeben werden, wird bereits immer wieder darüber diskutiert, wie eine gerechtere Verteilung aussehen könnte.

Lobbyarbeit zugunsten der Mächtigen

Was aber ist mit der starken Agrarlobby, von der man immer wieder hört? Der Deutsche Bauernverband ist mit 300.000 Mitgliedern die größte landwirtschaftliche Berufsvertretung in Deutschland. Derartige Mitgliederzahlen haben sonst nur Sportverbände.

In den Medien macht der Bauernverband vor allem durch fragwürdige Geschäfte und Vetternwirtschaft seiner Führungsriege auf sich aufmerksam: Zu wenig Engagement für kleinbäuerliche Betriebe, zu viel Unterstützung für Großagrarier und zu viel Einfluss der Lebensmittel- und Chemieindustrie werfen Landwirt:innen ihm vor.

Unser Konsumverhalten hat sich verändert

Ist die Tomate also nach erfolgreicher Verhandlung vom Feld im Supermarktregal gelandet, kommen die Verbraucher:innen ins Spiel. Wie stehen sie zu den Niedrigpreisen in den Supermärkten? Sind wir selbst daran schuld, dass die Tomate so günstig ist? Juniorprofessorin Tina Bartelmeß von der Universität Bayreuth forscht zu gesellschaftlicher Ernährungskommunikation. Sie sagt: Wir sind zumindest teilweise mitschuld.

In Deutschland geben Menschen nur circa zwölf bis 15 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Das ist nicht gerade viel und liegt unter dem EU-Durchschnitt. Das liegt daran, dass in Deutschland die Löhne hoch und die Preise niedrig sind.

Das niedrige Preisniveau geht aber auch auf eine historische Entwicklung zurück. Bis ins Jahr 1974 gibt es in Deutschland eine Preisbindung, die es dem Handel untersagt, Markenprodukte unterhalb dieser Schwelle zu verkaufen. Im Jahr 1962 eröffnen die beiden Aldi-Gründer Karl und Theo Albrecht ihren ersten Discounter. Anstelle einer großen Produktauswahl gibt es nur rund 300 Artikel, die sie zu Dauerniedrigpreisen verkaufen. Um die zu diesem Zeitpunkt noch bestehende Preisbindung der Markenhersteller zu umgehen, lassen sie die Produkte selbst herstellen. Das war die Geburtsstunde der sogenannten Eigenmarke, die von da an eine gesamte Branche beeinflusst. Nach der Abschaffung der Preisbindung bleiben die Discounter weiterhin erfolgreich und es kommt zu einem regelrechten Preiskampf der großen Anbieter im Lebensmitteleinzelhandel, der durch Sonderpreisaktionen weiter forciert wird.

Bartelmeß erklärt, das gesellschaftliche Konsumverhalten habe sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. „Vor allem in der jüngeren Generation haben Nahrungsmittel einen hohen Stellenwert und auch Gesundheit spielt eine immer wichtigere Rolle.“

Auch die Wahrnehmung der Discounter in Deutschland habe sich gewandelt. „Vor rund 20 Jahren galt Aldi beispielsweise als uncool“, so Bartelmeß. Heute kaufen viel mehr Menschen im Discounter ein. Nicht nur wegen der günstigen Preise, sondern auch weil die Discounter ihre Aufmachung verändert haben: Die Räume ähneln denen der Supermärkte. Es liegen mehr Markenprodukte aus – und es gibt ein Biosortiment. Der Wocheneinkauf kann, anders als früher, im Discounter erledigt werden, ohne auf etwas zu verzichten. Aber auch der Preis spielt immer noch eine Rolle. Besonders Krisen haben uns wieder für Preise sensibilisiert.

Sollte die Tomate acht Euro kosten?

Würden höhere Preise die Verschwendung und das Dumping in der Gemüsebranche ausräumen? Die nicht-repräsentative Umfrage in der KR-Community hat gezeigt, dass 54 Prozent der Befragten acht Euro für ein Kilo Tomaten bezahlen würden, wenn sie wüssten, dass die Erzeuger:innen fair bezahlt werden. Auch für klimafreundlichen Anbau und eine bessere Qualität des Gemüses würden KR-Mitglieder mehr bezahlen. Nur 16 Prozent sagen, sie wären nur dann bereit, mehr zu bezahlen, wenn sie ein höheres Einkommen hätten.

Der größte Kritikpunkt der KR-Community: Die Preise sind nicht nachvollziehbar. Ob die Gewinne aus teuren Tomaten auch wirklich bei den Landwirt:innen ankommen, ließe sich kaum überprüfen. Auch eine klimafreundliche Herstellung oder bessere Qualität lassen sich dem Produkt nicht ansehen. Warum also nach der 8-Euro-Tomate greifen?

Die Expert:innen, mit denen ich gesprochen habe, sind sich einig: Unser Bewusstsein für Lebensmittel muss sich verändern.

Am 1. Januar 2023 wird das Lieferkettensorgfaltspflichtgesetz in Kraft treten. Darin werden Supermärkte erstmals verpflichtet, ihrer menschenrechtlichen Verantwortung in globalen Lieferketten besser nachzukommen. Eine gerechtere Lösung für alle, Bäuer:innen, Kund:innen und Ketten, zu finden, wird in den kommenden Jahren immer wichtiger werden. Die 8-Euro-Tomate allein wird nicht reichen.

*Name von der Redaktion geändert, der richtige Name ist der Autorin bekannt.


Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos;
Audioversion: Iris Hochberger

Sollten diese Tomaten 8 Euro kosten?

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