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Ostdeutsche Identität, präsentiert von Red Bull

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Ein österreichischer Energy-Drink-Hersteller hat die aktuellste Ost-West-Debatte ausgelöst. Na gut, das ist etwas überspitzt ausgedrückt, aber der Erfolg von Red Bull, äh, Rasenballsport Leipzig beim DFB-Pokalfinale hat auf Twitter zu einer Diskussion geführt, von der ich gehofft hatte, wir hätten sie längst hinter uns gelassen.

Angefangen hat alles mit diesem Text meines Kollegen Josa Mania-Schlegel in der Leipziger Volkszeitung. Der hat die These aufgestellt, der vergleichsweise junge Fußball-Bundesligaverein sei auch deswegen in Ostdeutschland so beliebt, weil die Ostdeutschen sich mit Häme und dem Gefühl, nicht richtig dazuzugehören, so gut identifizieren könnten. Daraus, so schließt Josa, entstehe ein Gefühl des Zusammenhalts.

Dafür hat Josa auf Twitter viel Gegenwind bekommen. Vielen Menschen gefällt nicht, dass RB Leipzig als Verein mit viel Geld (aus Österreich!) aufgebaut und so künstlich erfolgreich gemacht wurde. Selbst andere ostdeutsche Vereine haben sich aus diesem Grund von RB Leipzig distanziert.


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Aber ich glaube, in einigen Punkten hat Josa durchaus Recht. Etwa mit der Annahme, dass negative Zuschreibungen Identifikation und Zugehörigkeitsgefühl auslösen oder verstärken können. Sprich, wenn zwei nicht gemocht worden, tun die beiden sich zusammen. Eine Art Wagenburgmentalität also. Das haben Studien bei Menschen mit Migrationsgeschichte genauso festgestellt wie in ostdeutschen Bundesländern (wobei es hier auch regionale Unterschiede gibt). Die Theorie dahinter ist relativ einfach: Wer sich von außen bedroht fühlt, identifiziert sich stärker mit seinen direkten Nachbar:innen – gegen die Bedrohung von außen, in diesem Fall westdeutsche Vereine.

Genauso hat Josa damit Recht, dass erfolgreiche Fußballmannschaften sehr viele Identifikationspunkte liefern. Sie fördern ein regionales Bewusstsein, stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl in den jeweiligen Städten und können sogar besonders in strukturschwachen Regionen eine wichtige Rolle spielen. Wenn der städtische Verein gewinnt, gibts endlich Grund zum Jubeln, egal, was sonst so schiefläuft.

Insofern würde es also passen: RB Leipzig und Ostdeutschland: It's a match! Trotzdem frage ich mich dann, warum etwa Dynamo Dresden, die auch genügend Ablehnung erfahren und gleichzeitig – im Gegensatz zu RB Leipzig – sehr explizit mit dem Ost-Ost-Ostdeutschland-Thema spielen, nicht beliebter in Ostdeutschland sind?

Ist man erstmal der Außenseiter, feiert man sich eben als genau das

Deshalb widerspreche ich meinem Kollegen Josa in drei Punkten:

  1. Die These, das Ablehnung in Ostdeutschland gut ankommt, weil Ostdeutsche sich mit dem Gefühl identifizieren können, ist wahnsinnig eindimensional. In keiner Untersuchung zu regionaler Identität ist diese „Konflikthypothese“ die einzige Erklärung für Identitätskonstruktion – und selbst dann nicht mal die stärkste. Sie lässt sich auch so nicht auf alle Ostdeutschen anwenden.

  2. Die These immunisiert gegen Kritik. Wer behauptet, etwas nicht gut zu finden, bekommt dann oft ein „Jetzt erst recht!“ zur Antwort. Das konnten wir bei Pegida und den Wahlerfolgen der AfD oft genug beobachten. Ist man erstmal der Außenseiter, feiert man sich eben als genau das.

  3. Die These beruht auf einem negativen Ostdeutschlandbild. Das ist meine persönliche Haltung, mein Wunsch für die Debatte in Ostdeutschland. Wer seine Identität nur daraus zieht, dass er kacke gefunden wird, wird sich nicht nachhaltig mit etwas identifizieren können. Er ist einfach wütend und auf der Suche nach Rache. Dabei gibt es doch genügend positive Anknüpfungspunkte für eine regionale Identität. Man kann zum Beispiel das Grüne Gewölbe in Dresden und die lange Historie Sachsens als Vorbild nehmen. Man könnte stolz auf den immer erfolgreicher bekämpften Strukturwandel sein oder meinetwegen auch die Thüringer Rostbratwurst. Oder eben darauf, dass RB Leipzig gut kickt.

Wie wäre es denn, wenn wir uns das nächste Mal nicht mit der vermeintlichen ostdeutschen Opferrolle beschäftigen, sondern stattdessen über diese Themen sprechen, wenn es um ostdeutschen Fußball geht. Drei Vorschläge:

  1. Warum sind ostdeutsche Vereine nach der Wende von westdeutschen Vereinen ausgeschlachtet worden und so teilweise in der Bedeutungslosigkeit verschwunden?
  2. Warum braucht es einen (rechtspopulistischen) Milliardär aus Österreich, um einen ostdeutschen Verein erfolgreich zu machen?
  3. Wie können wir mit Sportvereinen Menschen in strukturschwachen Regionen stärken?

Redaktion: Lisa McMinn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Christian Melchert

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