Philipp Sipos

Die Nato wächst – mit welchen Auswirkungen?

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Ich bins, Isolde, mit meinem wöchentlichen Newsletter. Hier erkläre ich dir, was du zum Krieg in der Ukraine wirklich wissen musst. Und ich gebe dir jedes Mal eine kleine Portion Hoffnung mit. Heute geht es um Finnland und Schweden, die der Nato beitreten wollen.

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Was ist gerade wichtig?

Finnland und Schweden wollen der Nato beitreten. Die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin und Präsident Sauli Niinistö erklärten offiziell, den Antrag auf eine Mitgliedschaft stellen zu wollen. Auch die schwedische Regierung ist für einen Nato-Beitritt und wird wohl bald ein offizielles Beitrittsgesuch einreichen. Die Nato sei dafür bereit, sagte ihr Generalsekretär Jens Stoltenberg. Finnland und Schweden waren jahrzehntelang neutral – ihr jetziger Umschwung ist historisch.

Was hat das mit der Ukraine zu tun und was bedeutet „Finnlandisierung“?

Finnland hat seit Jahrhunderten ein spezielles Verhältnis zu Russland. Es war bis Ende des 19. Jahrhunderts Teil des russischen Kaiserreiches, erlangte jedoch 1917 seine Unabhängigkeit. 1939 griff die Sowjetunion Finnland an und eroberte im sogenannten Winterkrieg große Gebiete. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Finnland strikt neutral.

So entstand das politische Schlagwort „Finnlandisierung“. Es beschreibt das Machtverhältnis zweier benachbarter Staaten, wobei der kleinere Staat die außen- und innenpolitischen Interessen des mächtigeren Nachbarn freiwillig berücksichtigt , um sich zu schützen. Das Verhältnis geht also über einen neutralen Status hinaus. Kritiker:innen warfen Finnland deshalb „vorauseilenden Gehorsam“ vor.

Auch nach dem Zerfall der Sowjetunion trat Finnland der Nato nicht bei und unterhielt gute diplomatische Beziehungen zu Russland. Doch es zeigte sich gegenüber Russland auch besorgt. In einem Verteidigungsbericht der finnischen Regierung von 2017 steht, dass von russischen Großmachtfantasien eine Gefahr ausgehe. Der russische Angriff auf die Ukraine hat nun den entscheidenden Anlass zum Umschwung gegeben: Finnland hat sich ganz für die Nato entschieden. Und Schweden, das jahrzehntelang militärisch neutral war, will den gleichen Schritt gehen.

Schweden ist eine Seemacht, Finnland eine Landmacht. Die Armeen beider Länder gelten als gut ausgerüstet und haben immer wieder in gemeinsamen Manövern mit der Nato trainiert. Für das Verteidigungsbündnis bedeutet das, dass sich die baltischen Staaten, also Estland, Lettland und Litauen, im Ernstfall leichter verteidigen ließen. Wie genau die Nato funktioniert und wie ihr Verhältnis zu Russland ist, hat mein Kollege Benjamin Hindrichs in diesem Artikel erklärt.

Aus russischer Perspektive rückt die Nato nun näher an Russland heran. Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte bereits, Russland sehe das als Bedrohung. Finnland hat eine 1.300 Kilometer lange Grenze mit Russland. Daran zeigt sich einmal mehr, wie paradox Russlands Außenpolitik und sein Umgang mit Nachbarstaaten ist. Bis zu Beginn des russischen Angriffskrieges wurde immer wieder eine Finnlandisierung der Ukraine diskutiert – damals im Sinne eines strikt neutralen Status. Jetzt, wo Finnland der Nato beitreten will, machen die Ukrainer:innen Witze, dass „Finnlandisierung“ zum ersten Mal nach einer guten Option für die Ukraine klinge.


Die Frage der Woche

KR-Mitglied Frank fragt: „Kann es überhaupt eine diplomatische Lösung geben?“

70 Prozent der Deutschen glauben, dass der Krieg nur durch diplomatische Lösungen und Verhandlungen beendet werden kann. Das ergab eine aktuelle Forsa-Umfrage . Knapp die Hälfte der Deutschen lehnt Waffenlieferungen in die Ukraine ab und Prominente, wie etwa die Unterzeichner:innen eines Offenen Briefes an Olaf Scholz, fordern einen „Kompromiss, den beide Seiten akzeptieren können.“

Viele Osteuropa-Expert:innen bezweifeln aber, dass Russland an ernsthaften Verhandlungen interessiert ist. Bei den Verhandlungen zwischen der ukrainischen und der russischen Delegation schickte Russland Personen, die im Kreml ohne Einfluss sind. Der Kreml schien die Verhandlungen also nicht ernst zu nehmen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Wladimir Putin deshalb mehrmals zu direkten Gesprächen aufgefordert – Putin ist darauf nicht eingegangen.

Außerdem hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass sich Russland nicht an Abmachungen hält. Das Budapester Memorandum ist ein Vertrag, den 1994 mehrere Staaten unterzeichneten. Darin verzichtet die Ukraine auf Atomwaffen, im Gegenzug respektiert Russland die territoriale Integrität der Ukraine. Dieses Abkommen verletzte Russland 2014 mit der Annexion der Krim und natürlich jetzt, mit Beginn des Angriffskrieges.

Ukrainer:innen fürchten einen Frieden mit Russland, wenn dieser Frieden bedeutet, dass sie unter russischer Herrschaft leben müssen. Orte wie Butscha oder Irpin, in denen russische Soldaten ukrainische Zivilist:innen folterten und töteten, haben diese Angst bestärkt.


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Es könnte trotzdem passieren, dass die Ukraine und Russland irgendwann eine Vereinbarung treffen. Etwa wenn es ein militärisches Patt gibt, also beide Seiten nicht weiterkommen. Zurzeit scheint dieser Schritt noch in weiter Ferne. Und eines ist klar: Die meisten Ukrainer:innen glauben daran, dass ihre Armee siegt.


Der Link der Woche

Er besuchte ukrainische Soldaten in einer geheimen Militärbasis: Der britische Journalist David Patrikarakos erzählt , wie die Soldaten über den Tod denken und wie es in einem Raum riecht, in dem 20 Männer in dauerhafter Alarmbereitschaft sind.


Die Hoffnung der Woche

Der berühmteste Hund der Ukraine heißt Patron und kann Minen erschnüffeln. Die Ukraine ist in vielen Teilen mit Landminen verseucht, was für die Zivilbevölkerung auch dann noch gefährlich ist, wenn die russische Armee längst abgezogen ist. Patron hat bereits 150 Munitionsteile aufgespürt und vergangene Woche von Wolodymyr Selenskyj dafür eine Auszeichnung bekommen .


Redaktion: Lisa McMinn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Christian Melchert

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