Macron: © Antoine Gyori - Corbis, Makronen: © Nataliia Pyzhova

Emmanuel Macron, verständlich erklärt

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In Frankreich wurde doch am 10. April schon gewählt. Warum gibt es trotzdem noch kein Ergebnis?

Der Grund dafür ist, dass in Frankreich das absolute Mehrheitswahlrecht gilt.

Was soll das heißen?

Das bedeutet, dass ein:e Kandidat:in im ersten Wahlgang nur gewinnen kann, wenn er oder sie über 50 Prozent der Stimmen erreicht. Und das war in der V. (sprich „fünften“) Republik, also dem Frankreich, wie es seit 1958 existiert, noch nie der Fall. Deswegen folgt zwei Wochen nach dem ersten Wahlgang in der Regel eine Stichwahl, bei der die beiden Erstplatzierten gegeneinander antreten. Wer bei diesem zweiten Wahlgang die meisten Stimmen erhält, wird Präsident:in der Republik Frankreich.

Die Französ:innen müssen also nochmal wählen?

Genau. Am 24. April findet die Stichwahl zwischen dem aktuellen Präsidenten Emmanuel Macron und Marine Le Pen vom rechtsextremen Rassemblement National statt. Sie sind mit jeweils 27,84 und 23,15 Prozent der Stimmen als stärkste Kandidat:innen aus dem ersten Wahlgang hervorgegangen.

Grafik: Die Wahlergebnisse des ersten Wahlgangs. Emmanuel Macron: 27,8%, Marine Le Pen: 23,1%, Jean-Luc Mélenchon: 22%, Éric Zemmour: 7,1%, Andere: 20,1%

© KR

Macron gegen Le Pen, das kommt mir irgendwie bekannt vor …

Ja, gut beobachtet. Die Stichwahl der Präsidentschaftswahl 2017 spielte sich ebenfalls zwischen Macron und Le Pen ab. Damals setzte sich Macron mit seiner neu gegründeten Partei La République en Marche! mit 66,10 Prozent der Stimmen gegen Marine Le Pen durch. Es gilt als wahrscheinlich, dass Macron die Wahl auch diesmal für sich entscheidet. Aber es wird eng.

Es wird eng? Warum das?

Das ist eine komplexe Frage. Um sie zu beantworten, hilft es, etwas auszuholen und sich den Noch-Präsidenten näher anzugucken.

Na dann, schieß los: Wer ist der Mann im Kapuzenpullover?

Macron kneift ein Auge zu und blickt an der Kamera vorbei, unter dem Arm trägt er einen Stapel Akten. Er trägt einen Kapuzenpullover.
Nachdem Russland die Ukraine angegriffen hatte, ging Macron – in Anlehnung an den ukrainischen Präsident Wolodymyr Selenskyj – im Pulli ins Büro.

Bei seiner Wahl 2017 war er der jüngste Präsident, den Frankreich je hatte, das jüngste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt der Welt und das jüngste Mitglied der G20-Gruppe.

Krass, wie hat er das geschafft?

Tatsächlich hat Emmanuel Macron ziemlich schnell eine ziemlich steile Karriere hingelegt. Von seinem Abitur am berüchtigten Lycée Henri IV bis zu seinem Abschluss an der École Nationale d’Administration (ENA) hat Macron die Bilderbuch-Laufbahn der französischen Elite durchlaufen.

Die École Nationale d’Administration (kurz ENA) ist die französische Hochschule für Verwaltung. Sie gilt als die Kaderschmiede für französische Verwaltungsbeamte des höchsten Staatsdienstes und als sehr elitär. Macrons Vorhaben, die ENA aufzulösen und durch das Institut National du Service Public (Nationales Institut für den öffentlichen Dienst) zu ersetzen, erregte in Frankreich großes Aufsehen, wurde zum 1. Januar 2022 aber trotzdem umgesetzt.

Nach seinem ENA-Abschluss 2004 wurde Macron Beamter im höchsten öffentlichen Dienst, als Inspektor im Finanzministerium. Er hat den Staatsdienst allerdings schon nach einigen Jahren auf Eis gelegt und eine Stelle als Investmentbanker bei Rothschild & Co angetreten. Dabei wäre Macron als ENA-Absolvent eigentlich zu zehn Jahren Arbeit im Staatsdienst verpflichtet gewesen. Er absolvierte jedoch nur insgesamt sechs Jahre und musste deshalb 54.000 Euro Strafe zahlen.

Warum hat Macron seinen Staatsdienst so frühzeitig beendet? Wollte er einfach mehr Geld verdienen?

Ganz so einfach ist es nicht. Das hatte mehrere Gründe. Sein Versuch, sich 2007 als Kandidat bei den Wahlen zur Nationalversammlung für den Parti Socialiste aufstellen zu lassen, dem er damals angehörte, hatte nicht geklappt, weil ihm die Unterstützung aus der Partei fehlte. Diese Tatsache und die Wahl Nicolas Sarkozys zum Präsidenten im gleichen Jahr haben Macron bewogen, seine Karriere vorerst neu auszurichten.

Aber natürlich spielte auch das Geld eine Rolle: Macron verfolgte wohl damals schon das Ziel, irgendwann Präsident zu werden. Sein Mentor, der Politikwissenschaftler Alain Minc, hatte ihm wohl bereits bei seinem ENA-Abschluss geraten, es sei leichter, Präsident zu werden, wenn man reich sei. Diesen Ratschlag hat sich Macron wohl zu Herzen genommen.

Oh, wow. Und hat das mit dem Reichwerden geklappt?

Ziemlich gut sogar: Die Arbeit an einem Deal zwischen dem Pharmaunternehmen Pfizer und dem Lebensmittel-Giganten Nestlé machte Macron in seiner Zeit bei Rothschild zum Millionär. Macron hat immer wieder durch seine Ambitionen und sein Alter auf sich aufmerksam gemacht: Mit nur 33 Jahren wurde er der jüngste Partner in der Geschichte der Bank.

Moment mal, wann ging es dann wirklich mit der Politik los? Er ist schließlich erst 44 – und könnte zum zweiten Mal Präsident werden.

Seine politische Karriere hat Emmanuel Macron nebenbei aufgebaut: 2006 war er bereits in den Parti Socialiste eingetreten, später unterstützte er dessen Kandidaten François Hollande bei der Präsidentschaftswahl.

Der Parti Socialiste (PS), die Sozialistische Partei, befindet sich auf dem linken Spektrum der französischen Parteienlandschaft. Sie ist eine der ältesten Parteien der V. Republik und vertritt mehrheitlich sozialdemokratische Positionen. In Folge des Mandats François Hollandes, der Kandidat des PS war und als französischer Präsident von 2012 bis 2017 regierte (und in Frankreich sehr unbeliebt war), stürzte die Partei wahnsinnig ab: In der ersten Runde der aktuellen Präsidentschaftswahl erreichte die Kandidatin des PS, Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, gerade mal 1,7 Prozent der Stimmen.

Als Hollande 2012 tatsächlich zum Präsidenten gewählt wurde, machte er Macron zum stellvertretenden Generalsekretär des Präsidialamts und zu seinem Berater für Wirtschafts- und Finanzpolitik. Macron vertrat in dieser Rolle stark unternehmerfreundliche und liberale Positionen und eckte mit einigen teils wenig linken Ideen beim Rest der Partei an. Beispielsweise versuchte er, aus der französischen 35-Stunden-Woche eine 37-Stunden-Woche zu machen, was von Hollande jedoch abgelehnt wurde. Seiner Karriere taten solche Vorschläge aber keinen Abbruch: Im August 2014 wurde Macron unter François Hollande zum Finanzminister. So wurde er schnell ein berühmtes Gesicht. Allerdings knirschte es zunehmend zwischen ihm und dem Rest der Regierung: Macron betonte immer wieder, er sei „kein Sozialist“, was natürlich bei der Partei nicht so gut ankam. Als er dann im April 2016 seine eigene Partei gründete, war der Drops endgültig gelutscht.

Wie heißt die nochmal? Die hat so einen langen Namen …

La République en Marche. Auf Deutsch heißt das: Die Republik in Bewegung. Bei ihrer Gründung hieß die Bewegung allerdings erstmal nur „En Marche“. Fällt dir was auf? Die Initialen E.M. sind auch Macrons Initialen. Macron bezeichnete die Partei damals als rechts und links, als „transparteilich“.

Aber war Macron da nicht eigentlich noch Finanzminister?

Doch, und er blieb es auch: Erst im August 2016 ist er zurückgetreten, um sich ganz auf seine eigene Bewegung zu konzentrieren. Das kam – mal wieder – nicht gut an: Macron und der Rest der Regierung machten sich gegenseitig starke Vorwürfe. François Hollande beschuldigte Macron, ihn für seine eigenen Ambitionen „methodisch verraten“ zu haben. Macron kritisierte, die Regierung habe zu viele „halbe Sachen“ gemacht.

Das sind keine guten Voraussetzungen für einen Wahlkampf.

Doch! Tatsächlich kam Macrons Rücktritt bei der Mehrheit der Französ:innen gut an. Im November 2016, also nur ein paar Monate später, verkündete er offiziell, zur Präsidentschaftswahl antreten zu wollen. Wir wir heute wissen, hat er die auch gewonnen. Am 14. Mai 2017 wurde er als 8. Präsident der V. Republik ins Amt eingeführt.

Was wollte Macron denn damals in Frankreich verändern? Was sind die Inhalte seiner Politik?

Marcon hatte Großes vor: Sein Wahlprogramm von 2017 begann mit dem Versprechen eines Vertrags zwischen ihm und der Nation. Er definierte darin sechs große „Baustellen“, auf die er sich konzentrieren wollte, sollte er zum Präsidenten gewählt werden: Bildung und Kultur, die Arbeitsgesellschaft, die Modernisierung der Wirtschaft, die Sicherheit der Nation, die Erneuerung der Demokratie und Frankreichs internationaler Ausrichtung, wobei er sich hier besonders auf die Europäische Union fokussierte. Falls du mit diesen Versprechungen erstmal nicht viel anfangen kannst, liegt das nicht unbedingt an dir: Viele kritisierten Macrons Programm als inhaltslos. Dafür wurde er häufig als der „Kandidat der Medien“ beschrieben, bei denen er sehr beliebt war und die ihm große Aufmerksamkeit schenken.

Ähnlich wie in Deutschland gibt es auch in Frankreich eine Mischung aus privaten Medien und einem öffentlich-rechtlichen System, das über eine Gebühr finanziert wird, die pro Haushalt erhoben wird und jährlich 138 Euro beträgt. Die privaten Medien haben zum Teil eine deutlich parteilichere Ausrichtung als in Deutschland, die unter anderem daran liegt, dass sie sich nicht nur über Werbung finanzieren, sondern teilweise auch private Investoren haben, die größeren Einfluss auf die Programme nehmen.

Der junge Kandidat hat für seine Kampagne auch ordentlich Geld in die Hand genommen: Mit Ausgaben von 16,7 Millionen Euro ist seine Kampagne die teuerste des damaligen Wahlkampfs. Allerdings nicht die teuerste Kampagne der Geschichte: Bereits mehrere französische Präsidialkampagnen haben über 20 Millionen Euro gekostet.

Ich gebe es zu: Wenn ich an Macron und seinen ersten Wahlkampf denke, denke ich auch an seine Frau.

Ah ja, Brigitte Trogneux, geschiedene Auzière. Sie lernte ihren künftigen Mann, Emmanuel Macron, kennen, als dieser in der 10. Klasse eine von ihr geleitete Theater AG besuchte. Er war damals 15 Jahre alt, sie 39. Sie begannen bald eine romantische Beziehung, doch um einen Skandal zu verhindern (eine Beziehung mit einem minderjährigen Schüler wäre strafbar gewesen und hätte mit bis zu drei Jahren Haft für Brigitte geahndet werden können), wurde Emmanuel Macron von seinen Eltern nach Paris geschickt, um dort die Schule zu beenden. Die beiden setzten ihre Beziehung jedoch fort und heirateten im Jahr 2007. Emmanuel Macron war damals 29, Brigitte 54. Als ihr Ehemann 2017 zum französischen Präsidenten gewählt wurde, hat sie ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben. Seitdem übernimmt sie die Funktionen der „ersten Dame“ Frankreichs.

Emmanuel Macron und seine Frau Brigitte. Er trägt einen Anzug und sie ein beigefarbenes Kleid. Im Hintergrund sieht man die europäische und die französische Flagge.
Emmanuel Macron und seine Frau Brigitte.

Das lassen wir jetzt mal so stehen. Zurück zur Politik! Hat Macron denn gehalten, was er in seinem „inhaltslosen“ Programm versprochen hat?

Jein. In seinem ersten Amtsjahr hagelte es Reform-Ankündigungen. Da kamen sogar die Medien nicht mehr hinterher. Irgendwann wusste keiner mehr, was nur Ankündigungen waren und was tatsächlich umgesetzt wurde. Binnen kurzer Zeit hatte Macron

  • den Arbeitsmarkt liberalisiert, indem er unter anderem den Kündigungsschutz lockerte
  • mehrere Steuerreformen umgesetzt, die vor allem den vermögendsten zwei Prozent der Französ:innen dienten, was ihm den Titel „Präsident der Reichen“ einbrachte
  • und andererseits aber auch die Größe der ersten Schulklassen in Problembezirken halbiert, die seitdem auf maximal zwölf Schüler:innen pro Klasse beschränkt ist.

Die französische Zeitung Le Monde hat Macrons 400 Wahlversprechen aus dem Jahr 2017 überprüft. Insgesamt wurden 171 Versprechen (43 Prozent) gehalten, 71 (18 Prozent) zum Teil eingehalten, und 125 (31 Prozent) nicht eingehalten, weitere 33 konnten nicht überprüft werden.

Okay, das klingt erstmal nach einer ganzen Menge Veränderung.

Ja, aber dafür gab es auch Kritik: Eine Erhöhung der Steuern auf Benzin und Diesel führte ab November 2018 zur sogenannten Gelbwesten-Bewegung. Die Proteste, die jeden Sonntag in ganz Frankreich stattfanden, wurden bald zu einer Äußerung generellen Unmuts und Unzufriedenheit mit Macron. Die Teilnehmenden warfen ihm unter anderem Arroganz vor, eine zu große Machtkonzentration und dass er Reformen nur für Reiche mache. Macron reagierte unter anderem mit einer Fernsehansprache an das Volk und dem Versprechen eines „Grand Débat National“, einer großen nationalen Debatte, mit der er den Französ:innen mehr Gehör verschaffen wollte.

Ach ja, die Gelbwesten! Das war eine ziemliche Krise.

Krise ist ein gutes Stichwort. In Macrons Programm aus dem Jahr 2017 stand unter anderem, dass es unmöglich sei, alles vorherzusehen und dass außergewöhnliche Umstände dazu führen könnten, dass die Prioritäten angepasst werden müssten. Da kannte er den Begriff „Covid-19“ noch nicht, aber absurderweise ist das rückblickend wohl die richtigste Aussage seines ganzen damaligen Programms. Die Pandemie machte ihm nämlich einen Strich durch seine geplante Rentenreform.


Dieser Text ist Teil eines Zusammenhangs: „Deutschland und Frankreich: So bleiben wir Freunde“.


Was für eine Rentenreform?

Die hatte Macron ebenfalls in seiner Kampagne versprochen: Er wollte zwar nicht am Rentenalter und auch nicht an der Höhe der Renten rütteln, aber das System vereinheitlichen. Laut ihm sei das französische Rentensystem, das tatsächlich aus 42 unterschiedlichen Systemen besteht, deutlich zu kompliziert und fördere Ungleichheiten. Dagegen gab es schon ziemlich viele Proteste, und dann kam auch noch die Pandemie dazwischen. Macron erklärte, Frankreich sei „im Krieg“ gegen das Coronavirus. Er kündigte den ersten Lockdown an und verschob das Tagesgeschäft und damit auch die Rentenreform auf unbestimmte Zeit. Bis heute ist sie nicht umgesetzt worden. Macron hat die Rentenreform aber erneut in sein Wahlprogramm für die aktuelle Präsidentschaftswahl aufgenommen.

Ja, kommen wir mal dazu: Was möchte Macron in seiner möglichen nächsten Amtszeit politisch erreichen?

Wie gesagt, die Rentenreform bleibt ein großes Thema, diesmal allerdings verschärft: Macron hat nun angekündigt, das Alter des Renteneintritts anheben zu wollen, und zwar von 62 auf 65 Jahre. Er möchte nach wie vor das System vereinheitlichen und die Mindestrente auf 1.100 Euro aufstocken. Allerdings soll der Schweregrad der Berufe, also beispielsweise schwere physische Arbeit, berücksichtigt werden.

Längere Lebensarbeitszeit, aber dafür mehr Geld – und was noch?

Tja, dann wird es auch schon etwas schwierig. Die Pressekonferenz, bei der Macron am 17. März vor 300 Journalist:innen sein Programm vorstellte, dauerte zwar fast vier Stunden. Wenn du das aushältst, gucke sie dir gerne hier an, aber leichter ist es, stattdessen einfach weiterzulesen.

Das Macron so lange gesprochen hat, lag übrigens nicht an der Menge der Punkte in seinem Wahlprogramm, sondern nur daran, dass er bei jeder Gelegenheit ausufernd ins Detail ging – und mehrmals betonte, er könne bei Bedarf ruhig noch tiefer gehen.

Jetzt uferst du auch aus! Was sind denn nun die wichtigsten Themen?

Oh, je m'excuse. Genau wie in Deutschland spielt auch hier aufgrund des Krieges in der Ukraine das Militär gerade eine wichtige Rolle. Macron möchte das Budget der französischen Armee bis 2025 auf 50 Milliarden Euro erhöhen, außerdem soll die Zahl der Reservisten verdoppelt werden.

Auch an Energiepolitik führt im Moment kein Weg vorbei, aber hier geht Frankreich einen ganz anderen Weg als Deutschland: Es sollen sechs neue Kernkraftwerke gebaut werden, der Bau weiterer acht soll noch geprüft werden. Gleichzeitig soll die Nutzung der Solarenergie allerdings verdoppelt werden.

Der Arbeitsmarkt ist weiterhin eine von Macrons größten Baustellen: Innerhalb der nächsten fünf Jahre möchte Macron die Vollbeschäftigung erreichen, also die Arbeitslosigkeit auf unter fünf Prozent bringen, wofür unter anderem die französische Arbeitsagentur Pôle Emploi reformiert werden soll. Insgesamt gilt Macrons Programm als wenig innovativ. Es enthält wenig Soziales und lässt sich vielleicht ganz gut mit diesem Wort zusammenfassen: mau. Oder, wie in Frankreich gerade gewitzelt wird: Macrons Herangehensweise an diesen Wahlkampf scheint zu sein: „Das Programm bin ich.“

Wird das reichen, damit er im Amt bleibt?

Das kommt ein bisschen darauf an, wen man fragt. Bis ich vor einigen Tagen in Paris angekommen bin, um hier über die Wahl zu berichten, dachte ich ehrlicherweise, das Ergebnis stünde fest: Macron würde auf jeden Fall eine zweite Amtszeit antreten. Ich hatte den Eindruck, dass die Präsidentschaftswahl in Deutschland und dem Rest Europas kaum thematisiert wurde, was in meinen Augen daran lag, dass wir uns alle des Ergebnisses sicher waren.

Es gibt ja auch gerade Wichtigeres: den Krieg in der Ukraine. Und da ist er doch ein wichtiger Verhandler, oder?

Ja, das ist ein wichtiger Punkt: Macron inszeniert sich gerade so erfolgreich als Staatsmann, als Vermittler in diesem Konflikt, dass es in der Europäischen Union fast unvorstellbar scheint, dass er bald nicht mehr da sein könnte. Kein anderer westlicher Staatschef stand in den vergangenen Wochen in so engem Kontakt mit Wladimir Putin. Macron ist ein Freund der EU und wünscht sich, dass die Mitgliedsstaaten näher zusammenrücken, das wissen alle. Die gemeinsame Schuldenaufnahme der Europäischen Union im Rahmen des Corona-Wiederaufbaufonds war bisher einer seiner wichtigsten außenpolitischen Erfolge. Und ja, auch die aktuelle Situation gibt ihm nochmal die Möglichkeit, sich als die Stimme der Europäischen Union zu inszenieren und damit Werte und Themen zu repräsentieren, die ihm am Herzen liegen.

Im nächsten Text dieser Serie möchte ich die Ergebnisse der Stichwahl am 24. April zusammenfassen. In diesem Zusammenhang wird es auch darum gehen, einzuordnen, was diese für Deutschland und die Europäische Union bedeuten werden.

Allerdings könnte es sein, dass ihm diese Inszenierung als Chef der EU und großer Staatsmann zuhause auf die Füße fällt.

Wie meinst du das? Finden die Französ:innen es nicht gut, dass Frankreich gegen Putin eine starke Haltung vertritt?

Viele Menschen, mit denen ich hier in Paris gesprochen habe, sind unzufrieden mit Macrons Inszenierung als Kriegschef. Das ist verständlich: In den vergangenen Wochen hat es gewirkt, als hätte Macron einfach keine Zeit für sein eigenes Land, für den Wahlkampf. Sein Wahlprogramm stellte er als letzter aller Kandidaten vor und weigerte sich als einziger Kandidat, sich einer richtigen TV-Debatte zu stellen. Macron, der im letzten Wahlkampf noch als „Kandidat der Medien“ bezeichnet wurde, mied die Wahlkampf-Arena. Es gab praktisch keine Auftritte, er traf sich nicht mit den Menschen, hörte ihnen nicht zu. Stattdessen versteckte er sich im Kapuzenpulli im Élysée-Palast und spielte den Retter der Europäischen Union. Macron, dem bereits während seiner Amtszeit immer wieder Arroganz, Distanz zum Volk und Manager-Allüren vorgeworfen wurden, hätte diese Kampagne kaum schlechter gestalten können. Der Slogan seiner Kampagne „Avec vous“ („Mit euch“) müsste eigentlich ergänzt werden durch die Worte „aber ohne mich“.


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Naja, aber er hat es ja jetzt trotzdem in die Stichwahl geschafft.

Ja, aber das muss noch nichts heißen. Der linke Kandidat Jean-Luc Mélénchon von der Partei La France Insoumise war der drittstärkste Kandidat des ersten Wahlgangs. Mit 21,95 Prozent der Stimmen hat er den Einzug in die Stichwahl nur knapp verpasst (zur Erinnerung: Marine Le Pen, die zweitstärkste Kandidatin, erreichte 23,15 Prozent der Stimmen). Mélénchon hat zwar seine Wähler dazu aufgerufen, Le Pen auf keinen Fall zu wählen, aber explizit nicht gesagt, dass Macron gewählt werden solle. Für viele seiner Wähler:innen ist es unvorstellbar, Macron zu wählen. Expert:innen gehen davon aus, dass rund die Hälfte von ihnen in der Stichwahl nicht wählen gehen wird.

Aber die Alternative ist Marine Le Pen. Eine Rechtspopulistin.

Marine Le Pen, Macrons Konkurrentin in der Stichwahl, hat die Lücke im Wahlkampf leider sehr gut gefüllt. Sie hat sich erfolgreich als „Frau des Volkes“ inszeniert, war nah an den Wähler:innen, hat unzählige Wahlkampfauftritte absolviert und sehr stark auf ihre „menschliche“ Seite gesetzt. Auf ihren Wahlplakaten stand nur ihr Vorname: Marine. Für viele Menschen wirkt sie plötzlich wählbar und viel weniger radikal.

Wie geht es denn jetzt weiter?

Das TV-Duell zwischen Macron und Le Pen ist aktuell für den 20. April angesetzt. Das ist ein wichtiger Moment des französischen Wahlkampfs. Bei dem Termin 2017 hatte sich Le Pen ziemlich blamiert, sie wurde aggressiv, war sehr unprofessionell. Wenn sie aus ihren Fehlern gelernt hat (und ihr aktueller Wahlkampf lässt darauf schließen) und das Duell diesmal professioneller bestreitet, kann sie dort auch nochmal viele Stimmen sammeln.

Was kann Macron jetzt noch tun, um zu gewinnen?

Macron muss jetzt dringend aus seiner Staatsmann-Rolle rausschlüpfen und anfangen, Wahlkampf zu machen. Viele Menschen, mit denen ich hier gesprochen habe, betonen, dass er sich dabei unbedingt von seiner menschlichen, emotionalen Seite zeigen muss. Seine Rolle als Technokrat, als abgehoben wirkender Präsident, könnte ihn sonst eine zweite Amtszeit kosten.

Macron wirkt auf mich wie ein ziemlicher Macher. Sehr ehrgeizig und vielleicht etwas größenwahnsinnig. Blöd gefragt: Kann man Macron trauen – oder geht er wieder zu Rothschild, wenn das mit dem „Staatsdienst“ nicht klappt?

Über Macrons Pläne für die Zukunft könnte ich nur spekulieren. Fest steht: In Frankreich dürfen Präsident:innen nur zwei Amtszeiten nacheinander absolvieren, damit wäre also in fünf Jahren sowieso erstmal Schluss, falls er diese Wahl gewinnt und Präsident bleibt. Gleichzeitig wäre er am Ende der nächsten Amtszeit erst 49 Jahre alt – also definitiv jung genug, um sich nochmal neu zu orientieren.

Die Frage, ob man Macron trauen kann, kann ich auch nur basierend auf meinen Eindrücken seiner vergangenen Amtszeit beantworten. Was sich meiner Meinung nach sagen lässt, ist, dass Macron immer transparent in seinen Plänen und seiner Vision war. Seine Reformen dürften für niemanden, der sein Buch „Révolution“ gelesen oder sich mit seinem Programm beschäftigt hat, überraschend gewesen sein. Natürlich musste er seine Vorhaben und Positionen an die aktuelle Situation anpassen, aber man kann ihm nicht vorwerfen, sehr überraschende Kurswechsel vollzogen zu haben. Ob das für die Französ:innen reicht, um ihm eine zweite Amtszeit anzuvertrauen, werden wir am 24. April wissen.


Redaktion: Lisa McMinn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert

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