Macron und Scholz: © picture alliance/dpa | Michael Kappeler, Rest: © KR

Wollen wir Freunde bleiben?

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Ich möchte ganz ehrlich sein: Ich habe mich vor der Recherche zu diesem Text nicht besonders für die deutsch-französische Freundschaft interessiert. Das ist eigentlich peinlich, denn ohne diese Freundschaft würde es mich gar nicht geben.

Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Franzose. Sie haben sich bei einer Arbeitsveranstaltung kennengelernt. Vor dem Zweiten Weltkrieg wäre das noch ziemlich undenkbar gewesen: Deutsche und Franzosen bei der Arbeit friedlich vereint. Heute aber leben allein in Deutschland rund 84.000 Menschen mit beiden Nationalitäten.

Dass das für mich nie eine Rolle gespielt hat, ist eigentlich ein gutes Zeichen. Es zeugt davon, wie normal das friedliche Nebeneinander für mich ist. Dass ich mir nichts anderes vorstellen kann. Frankreich ist wie der Nachbar, der seit Jahrzehnten in der Wohnung neben uns wohnt, den man morgens freundlich grüßt und erst vermisst, wenn man ihn ein paar Tage nicht gesehen hat. Aber das ist auch ein Problem: Wir verkennen, wie wichtig dieser Nachbar wirklich für uns ist. Wie wertvoll diese Freundschaft ist – und dass man sie pflegen muss. Denn die Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland beeinflusst, wenn man bei diesem Bild bleiben will, das ganze Haus: Wenn Deutschland und Frankreich sich gut verstehen, geht es der EU besser.

Am 10. April wird in Frankreich gewählt. Insgesamt zwölf Kandidat:innen treten in der ersten Runde an. In der Stichwahl am 24. April stehen die beiden stärksten Kandidat:innen aus der ersten Runde zur Wahl. Wer gewinnt, wird Präsident – oder Präsidentin. Zurzeit gilt es in Frankreich als wahrscheinlich, dass Emmanuel Macron wiedergewählt wird und eine zweite Amtszeit antritt. In aktuellen Umfragen liegt er mit rund 27 Prozent der Stimmen vorne. In der Stichwahl zwei Wochen darauf dürfte Marine Le Pen vom rechtsextremen Rassemblement National seine Gegenkandidatin werden, sie kommt im Moment auf knapp 22 Prozent der Stimmen.

Ich fahre für diese Wahlen nach Paris und werde in drei Texten darüber berichten – damit ihr unseren Nachbarn besser kennenlernt. In diesem ersten Text widme ich mich unserer gemeinsamen Geschichte. Dafür habe ich euch in einer Umfrage gefragt: Was verbindet euch mit Frankreich? Und ich habe einen Freundschaftsforscher gefragt, was das eigentlich bedeutet, eine „Freundschaft“ zwischen Staaten.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich sind unter anderem deshalb so besonders, weil sie historisch wahnsinnig aufgeladen sind. Wenn man versucht, sie sehr grob zusammenzufassen, lassen sie sich am ehesten als ein jahrhundertelanger Wechsel zwischen Nähe und Distanz beschreiben. Oft wird in diesem Zusammenhang von einer „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich gesprochen. Der Begriff lässt sich zwar diskutieren, aber er zeigt, wie besonders die Beziehung ist: Wenn man berücksichtigt, auf welcher Geschichte sie basiert, ist die deutsch-französische Freundschaft eigentlich ein Wunder.

Das erste Mal so richtig gestritten haben sich Deutsche und Franzosen schon im 9. Jahrhundert. Damals ging es um die Region Lotharingien, zu der unter anderem das heutige Elsass gehört. Es wäre Wahnsinn, wenn ich euch an dieser Stelle wirklich von allen Kriegen erzähle, die darauf folgten. Das könnt ihr besser auf diesem Zeitstrahl des Deutschen Historischen Museums nachsehen. Fest steht aber: Deutschland und Frankreich bekämpften sich mehr als tausend Jahre lang immer wieder – und zwar bis 1945 der Zweite Weltkrieg endete.

Danach konnte von einer richtigen Freundschaft noch keine Rede sein. Davon trennen die Regierungen der beiden Länder noch viele Jahre Misstrauen, Angst und eine ganze Menge Arbeit. Einige Regierenden-Paare trieben diese Arbeit jedoch stärker voran als andere. Und sie begann mit einem Kuss.

In Deutschland spricht man in diesem Zusammenhang oft vom „deutsch-französischen Motor“, in Frankreich hingegen eher vom „binôme franco-allemand“, also dem französisch-deutschen Paar.

Die Freundschaft begann mit einem Kuss

Am 22. Januar 1963 haben die beiden damaligen Regierungschefs Charles de Gaulle und Konrad Adenauer im Pariser Élysée-Palast den „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik über die deutsch-französische Zusammenarbeit“ unterschrieben. Das Abkommen, besser bekannt als „Élysée-Vertrag“, legte den offiziellen Grundstein für die deutsch-französische Freundschaft: Die beiden Länder verpflichteten sich darin unter anderem zu regelmäßigen Treffen auf allen Regierungsebenen. In wichtigen Fragen der Außen-, Europa- und Verteidigungspolitik wollten sie sich zukünftig absprechen. Außerdem gründeten sie ein deutsch-französisches Jugendwerk, das die Jugend beider Länder näher zueinander bringen sollte.


Dieser Text ist Teil eines Zusammenhangs: „Deutschland und Frankreich: So bleiben wir Freunde“.


Für Charles de Gaulle war das Grund genug, seinem deutschen Kollegen im Anschluss an die Unterzeichnung beide Arme zur Umarmung zu öffnen. Adenauer zögerte, bevor er diese erwiderte, und das Ganze wirkt ziemlich steif (schaut euch unbedingt dieses Video an). Aber vielleicht spiegelt sich darin auch die damalige Situation wider. Dass sich Deutschland und Frankreich überschwänglich in die Arme fallen, wäre eher unwahrscheinlich gewesen. Die zögerliche Umarmung veranschaulicht die vorsichtige, unsichere Annäherung zweier Länder, die sich bis dahin vor allem auf dem Schlachtfeld begegnet waren. Dieser Bruderkuss war das zarte Pflänzchen, aus dem die heutige Freundschaft entstanden ist. Aber eine Staatenfreundschaft – was genau ist das eigentlich?

Der Begriff der deutsch-französischen Freundschaft wird auf beiden Seiten des Rheins genutzt, um das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich zu beschreiben. Dennoch: Ich finde die Vorstellung befreundeter Staaten noch immer wahnsinnig abstrakt. Also rufe ich den Soziologen Janosch Schobin an. Der Freundschaftsforscher erklärt in seinen Interviews normalerweise, wie Menschen Freunde finden, nicht Staaten.

Früher teilte man sich ein Bett – oder ein Pferd

„Zwischenstaatliche Freundschaften haben ihren Ursprung in den Herrscherfreundschaften, die im Mittelalter gepflegt wurden“, sagt er. „Sie haben also eine sehr lange Tradition.“ Freundschaften zwischen Herrschern waren damals wie eine Art Elitenvertrag. Anders als heute wurden diese Verträge allerdings nicht in schriftlichen Abkommen festgehalten, sondern waren das Ergebnis mündlicher Übereinkommen zwischen zwei Herrschern. „Herrschaft war damals eine sehr personalisierte Sache. Ob die Völker sich mögen, hing auch davon ab, wie gut die Herrscher sich zwischenmenschlich verstanden haben“, erklärt Schobin.

Das bedeutet auch: Zwei befreundete Herrscher mussten sehr deutlich machen, dass sie sich zum Beispiel nach einem Krieg versöhnt hatten, damit das auch bei ihren, teils kriegswütigen, Völkern ankam. Dazu gehörten neben der mündlichen Aussöhnung auch stark symbolisch aufgeladene Gesten: ein öffentlichkeitswirksames Festmahl, das gemeinsame Reiten auf einem Pferd oder auch das Teilen eines Bettes. Die Botschaft, die bei den Völkern ankommen sollte, war keine geringere als: „Seht her, wir sind befreundet – nun habt auch ihr euch zu verstehen.“

In diesem Simultanbild aus dem MIttelalter sind mehrere Szenen der jeweils selben zwei Menschen zu sehen. Sie begrüßen sich, reiten zusammen auf einem Pferd, der eine stößt den anderen von Pferd herunter. Im Hintergrund sieht man links eine Burg und rechts eine Landschaft.
Der Autor Philippe Camus hat im frühen 15. Jahrhundert in einem Buch beschrieben, wie er sich die Herrscherfreundschaften vorstellte. Dieses Bild illustriert mehrere Szenen aus dem Buch und entstand zwischen 1467 und 1487.

Bibliothèque nationale de France, Paris

Auf das Bild, auf dem der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz und der französische Noch-und-vielleicht-wieder-Präsident Emmanuel Macron gemeinsam auf einem Pferd sitzen, können wir lange warten. Dennoch reiht sich die deutsch-französische Freundschaft direkt in die Tradition der Herrscherfreundschaften ein. Symbolische Gesten wie ein Händedruck, Umarmungen oder die französischen „bises“, die angedeuteten Küsschen auf die linke und rechte Wange, mit denen sich Französ:innen begrüßen, knüpfen an die mündlichen Aussöhnungen und damit einhergehenden Gesten aus dieser Zeit an. Und sie unterscheiden sich von diplomatischen Beziehungen, die Staaten miteinander pflegen. „Die Beziehungen sind kühler, weniger persönlich. Diplomaten sind austauschbar. Das unterscheidet sie, damals wie heute, von den herrschenden Persönlichkeiten“, erklärt der Soziologe Schobin. „Die Diplomatie bezieht sich eher auf die rationale Staatlichkeit, auf Themen, wie Handelsbeziehungen oder Informationen über potenzielle Gegner.“ Das bedeutet jedoch nicht, dass zwischenstaatliche Freundschaften von Eigennutz befreit sind: „Freundschaften haben historisch gesehen immer auch eine instrumentelle Dimension“, so Schobin. „Diese wird aber ausbalanciert durch eine affektive, emotionale Ebene, die diplomatische Beziehungen nicht unbedingt haben.“ Letztlich ist die Freundschaft zwischen Staaten also eine Freundschaft zwischen Regierungschefs – und die mögen sich nicht immer.

Zwei Männer, die Nähe suchen

Sabine von Oppeln ist die ehemalige Programmbeauftragte der deutsch-französischen Studiengänge der Freien Universität Berlin. „Die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehung hing immer auch mit den persönlichen Beziehungen der beiden Staatschefs zusammen“, erklärt die Politikwissenschaftlerin. Wenn sich ein französischer Präsident und ein:e deutsche:r Bundeskanzler:in gut verstanden haben, rückten Frankreich und Deutschland auch näher zusammen.

21 Jahre nach dem Kuss ging ein weiteres Regierenden-Paar in die Geschichte ein: der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Präsident François Mitterrand. Die beiden Männer waren am 22. September 1984 vor dem Beinhaus in Douaumont zusammengekommen, um den Hunderttausenden deutschen und französischen Soldaten zu gedenken, die im Ersten Weltkrieg in der Schlacht um Verdun getötet worden waren. In einem Moment, der heute als historisch gilt, reichten sich Kohl und Mitterrand zwischen den beiden Nationalhymnen die Hand. Dann lauschten sie schweigend der Marseillaise, der französischen Nationalhymne. Die Geste, die scheinbar vom französischen Präsidenten Mitterrand ausging, wird von Historiker:innen und Zeitzeug:innen als eine spontane Aktion gewertet. Mich hat das beeindruckt: Für diesen einen Moment wirkt es, als seien politische Interessen, wirtschaftliche oder diplomatische Hintergedanken einfach nicht relevant. Man sieht zwei Männer, die schwer bewegt sind und in diesem Moment nicht alleine sein wollen – genauso, wie wir die Nähe zu eine:r Freund:in suchen, wenn es uns schlecht geht.

Helmut Kohl und Francois Mitterand halten sich in Verdun an den Händen. Im Hintergrund sieht man mehrere Menschen, die in etwas Abstand zu den beiden stehen. Vor den beiden befinden sich Blumenkränze.
Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Präsident François Mitterrand am 22. September 1984 vor dem Beinhaus in Douaumont.

Etwas überschwänglicher lief eine Begegnung zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Jacques Chirac 2004 ab. Schröder hatte als erster deutscher Bundeskanzler an der Gedenkveranstaltung zur Feier des 60. Jahrestages der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 teilgenommen. Nachdem die beiden Staatschefs gemeinsam eine Gedenktafel enthüllten, erklärt Präsident Jacques Chirac, Schröder werde am heutigen Tag, mehr denn je, „nicht nur als Freund, sondern als Bruder“ in Frankreich empfangen. Schröder, der in seiner Rede unter anderem die Schuld Deutschlands am Beginn des Zweiten Weltkrieges betont hatte, steuert daraufhin direkt in Chiracs Arme. Schröder, der einen guten halben Kopf kleiner ist als Chirac, wirkt an dessen Schulter fast, als wäre er persönlich erleichtert, dass Chirac ihm verziehen habe.

Klar, all das ist Symbolik. Aber genau diese Symbolik ist es, die zwischenstaatliche Freundschaft ausmacht. Es sind die großen und kleinen Gesten, die sie erhalten. Diesen Wechsel beherrschte Angela Merkel besonders gut.

Merkel und Macron bildeten das Rückgrat der Europäischen Union

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel arbeitete in ihrer Amtszeit mit insgesamt vier französischen Präsidenten zusammen: Jacques Chirac küsste ihr die Hände, von ihr und Nicolas Sarkozy sprach man in der Eurokrise sogar als „Merkozy“ und nach den anfangs verhaltenen Beziehungen zu François Hollande zeigte sie sich an dessen Schulter bei der Trauerfeier für die Opfer der Attentate in Paris am 13. November 2015 sichtlich ergriffen. Doch vielleicht am wichtigsten für die deutsch-französischen Beziehungen war ihr Verhältnis zum aktuellen Präsidenten Emmanuel Macron. Im Mai 2020 stellten die beiden Regierungsschefs in einer digitalen Pressekonferenz ihren Stabilitätspakt vor: Sie signalisierten so ihre Bereitschaft, dass die EU gemeinsam Schulden aufnimmt. Der EU-Gipfel, auf dem die gemeinsame Schuldenaufnahme in Form des Corona-Wiederaufbaufonds beschlossen wurde, war eine wahnsinnig komplizierte Angelegenheit und dauerte ganze vier Tage (das habe ich hier erklärt). Dass er trotzdem gelungen ist, dürfte maßgeblich daran liegen, dass sich Deutschland und Frankreich vorab geeinigt hatten. Denn, wie der französische Präsident Emmanuel Macron in diesem Zusammenhang erklärte: „Es kann keine Einigung zwischen den 27 geben, wenn es nicht vorher eine deutsch-französische Einigung gibt.“

Denn Deutschland und Frankreich vertreten in der Regel eher unterschiedliche Lager in der Europäischen Union: Deutschland nimmt oftmals die Position der sparsamen Staaten im Norden der EU ein, Frankreich eher die der defizitären Staaten im Süden. Das Ding ist also: Wenn Deutschland und Frankreich sich einigen, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass der Rest der EU, natürlich mit entsprechenden Kompromissen, mitzieht. „Deutschland und Frankreich komplementieren sich“, erklärt die Politikwissenschaftlerin Sabine von Oppeln.

Doch dass Regierungschefs sich dafür heute kein Bett mehr teilen müssen, hat auch einen weiteren Grund: In einer Demokratie kommt es vor allem auf die Zivilbevölkerung an. Auf uns.

Das bedeutet euch die deutsch-französische Freundschaft

Ich habe die KR-Community gefragt, was ihr die deutsch-französische Freundschaft bedeutet. 98 Prozent der Mitglieder, die bei dieser Umfrage mitgemacht haben, haben angegeben, dass ihnen ein gutes Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich wichtig sei. Nun, ich denke, dass die anderen wahrscheinlich einfach nicht mitgemacht haben – womit wir wieder am Anfang wären! Aber ein genauer Blick auf eure Antworten lohnt sich, denn einige Begründungen haben sich gehäuft.

An unseren Umfragen beteiligen sich überlicherweise mehrere Hundert Personen – in diesem Fall waren es nur knapp 150. An der Umfrage könnt ihr hier gerne noch teilnehmen.

Viele KR-Mitglieder wünschen sich eine gute Beziehung zum Nachbar Frankreich sowie die Möglichkeit, voneinander zu lernen: „Viele Dinge laufen in Frankreich besser als in Deutschland – und umgekehrt“, schreibt KR-Mitglied Freya. Der Blick nach Frankreich helfe zu verstehen, ob etwas, das in Deutschland auf eine bestimmte Weise geregelt sei, wirklich so sein müsse, so KR-Mitglied Roland. Gleichzeitig können beide Staaten gemeinsam ein Beispiel für andere sein. Die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich hat nach außen eine starke Signalwirkung. „Sie ist ein Zeichen, dass Feindschaft überwindbar ist“, schreibt KR-Mitglied Moritz. Der Frieden und die Stabilität in Europa, die maßgeblich durch das gute Verhältnis der beiden größten Wirtschaftsmächte der EU gesichert sind, ist für viele ein weiterer Grund, die gute Beziehung zu Frankreich zu wahren.

Die Freundschaft hat für viele Deutsche auch eine persönliche Bedeutung. Eure Erfahrungen waren unglaublich vielfältig: von Sprachreisen, deutsch-französischen Freiwilligendiensten, langjährigen Beziehungen zu französischen Brieffreund:innen bis zu Schulveranstaltungen anlässlich des deutsch-französischen Tages am 22. Januar oder der gemeinsamen Kriegsgräberfürsorge. Austauschprogramme mit Frankreich wurden von euch besonders häufig genannt, ob mit der Schule, der Uni, oder über das deutsch-französische Jugendwerk. Für viele Menschen haben diese Programme eine direkte Verbindung nach Frankreich geschaffen, die auch heute noch spürbar ist. KR-Mitglied Amélie schreibt: „Die Frankreich-Gruppe meiner Eltern (aus dem Austauschjahr damals, Franzosen und Deutsche) trifft sich seit 50 Jahren jedes zweite Jahr – in Deutschland oder Frankreich. Freundschaften und Familien sind daraus erwachsen.“

Für die frühere Leiterin der deutsch-französischen Studienprogramme an der FU Berlin ist das kein Wunder. Sabine von Oppeln weiß, wie wichtig solche Angebote sind: „Durch niedrigschwellige Verbindungen wird Frankreich in Deutschland sichtbar – und umgekehrt“, erklärt sie mir. Dazu gehören auch Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Städten, die für viele Leute eine wichtige Rolle zu spielen scheinen. Ein KR-Mitglied schreibt: „Viele Treffen über Jahre hinweg mit der französischen Partnergemeinde meines Heimatorts haben dazu beigetragen, dass die deutsch-französische Freundschaft zwischen den Menschen und den diversen Vereinen mehrmals im Jahr gelebt wurde.“ Als ich das lese, wird mir immer klarer, wie tief die deutsch-französische Freundschaft auch in der deutschen Zivilgesellschaft verankert ist, wie viele Angebote diese über die Jahre institutionalisiert haben.

Was wird aus Olaf Scholz und Emmanuel Macron?

Und jetzt? Wie ich anfangs sagte, wird in Frankreich ziemlich stark damit gerechnet, dass Emmanuel Macron wiedergewählt und eine zweite Amtszeit antreten wird. Macron, den ich in meinem zweiten Text dieses Zusammenhangs vorstellen werde, ist ein großer Freund der europäischen Zusammenarbeit. Aber Freundschaft funktioniert eben nur, wenn beide wollen. Macron braucht die Unterstützung des deutschen Bundeskanzlers Olaf Scholz. Bei ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz im Dezember zeigte sich dieser zwar noch von seiner zurückhaltend-höflichen Seite, seitdem ist aber viel passiert. Russlands Angriff auf die Ukraine hat die Karten auch für die deutsch-französischen Beziehungen neu gemischt. Ein andauernder Streitpunkt zwischen beiden Ländern, nämlich Deutschlands Verteidigungsausgaben, die aus französischer Perspektive immer zu gering waren, hat sich durch die von Olaf Scholz ausgesprochene „Zeitenwende“ und das Sondervermögen in Höhe von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr, schlagartig gelöst. Wenn Deutschland auf diesem Kurs bleibt, dürfte Macrons potenzielle zweite Amtszeit sehr positive Auswirkungen auf die deutsch-französischen Beziehungen haben.


Redaktion: Lisa McMinn; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Philipp Sipos; Audioversion: Christian Melchert

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