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Wie euer Geld den Journalismus verändert

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Seit ich Geschäftsführer bei Krautreporter bin, habe ich eine Sache gelernt: Wenn wir ehrlich beschreiben, warum wir tun, was wir tun, unterstützt ihr uns dabei.

Als wir vor zwei Jahren in einer Krise steckten, habe ich unsere Situation erklärt und um Hilfe gebeten. Allein an diesem Tag gewannen wir so viele neue Mitglieder wie noch nie zuvor. Mich erreichten Dutzende E-Mails mit Angeboten, uns zu unterstützen. Eine überwältigende Erfahrung. Ich weiß nicht, ob das wieder funktioniert, aber ich will es trotzdem versuchen.

Das Geschäft hinter dem Journalismus verändert sich

Geschäftsführer:innen sprechen selten öffentlich über Zahlen und Geld. Wem Zeitungen, Magazine und Onlinemedien gehören und wie sie sich finanzieren, ist oft schwer herauszufinden. Dabei ist das Vertrauen, das Leser:innen Medien entgegenbringen, weltweit seit Jahren erschüttert. Nur 53 Prozent der Deutschen vertrauen Nachrichtenmedien. Darum habe ich vor zwei Jahren angefangen, für euch, die Krautreporter-Mitglieder, über unser Geschäft zu schreiben. Und über die Veränderung der Medien, die im Gange ist.

In den letzten Monaten sind die Zahlen der Aufrufe von Nachrichtenseiten weltweit gefallen. Auch bei Krautreporter. 52 Prozent weniger Menschen als noch vor einem Jahr lesen unsere Artikel durchschnittlich. Ich kann das nachvollziehen. Wir haben zwei Jahre wie Süchtige die Entwicklung der Corona-Infektionszahlen verfolgt. Ich brauchte danach selbst eine Nachrichten-Diät und viele Menschen fasten mit mir.

Inzwischen hat sich unser verkrampfter Blick auf Nachrichtenticker etwas entspannt. Die Pandemie klingt ab und damit auch die Notwendigkeit, ständig auf dem aktuellsten Stand zu sein.

Das Überraschende ist: Obwohl die Leser:innen sich mehr Lesepausen gönnen, herrscht in den Medienhäusern keine Panik. Stattdessen wird gefeiert. Der Spiegel verkündete im vergangenen Monat ein Umsatzhoch. Mit Journalismus ist wieder Geld zu verdienen.

Früher zahlten Werbekunden, heute Leser:innen

Der Grund ist für Leser:innen kaum zu übersehen, aber auch kaum erklärt: Immer mehr Artikel haben eine Bezahlschranke. Früher zahlten die Werbeanzeigen von BMW, Bosch, Ebay oder anderen Unternehmen Redaktionsbudgets. Das hatte Auswirkungen auf die Inhalte. Mein Kollege Christoph Koch erklärte es mal so: „Wenn sich ein Onlinemedium über Bannerwerbung finanziert, zählen fast immer die Klicks.“ Wichtig sei, dass jemand einen Artikel oder ein Video aufruft. Ob die Leser:innen mit dem Artikel etwas anfangen können, war finanziell gesehen egal. Genauso, ob der Artikel hält, was die Überschrift verspricht oder die Leser:innen einfach nur durch Manipulation dazu gebracht wurden zu klicken.

Zum Glück geht die Zeit der Bannerwerbung zu Ende. Immer mehr Medien werden unabhängiger von Klicks. Was jetzt zählt sind nicht mehr knallige Überschriften, sondern vor allem eins: das Erklären von Hintergründen.
Schon lange vor dem Einsetzen dieses Wandels wurde Krautreporter auf einem Versprechen gegründet: Wir sind werbefrei, finanzieren uns ausschließlich durch eure Mitgliedsbeiträge. Als Geschäftsführer beobachte ich täglich, wie gut das der Berichterstattung tut.

Ein Beispiel: Im vergangenen Sommer zogen sich die US-Streitkräfte nach zwei Jahrzehnten Krieg aus Afghanistan zurück. Am 15. August nahmen die Milizen der Taliban die Hauptstadt Kabul ein. Tausende Menschen versuchten vor der Rückkehr der Terrormiliz zu fliehen. Wir alle kennen die Bilder.

Auch Krautreporter berichtete. Die Redaktion entschied sich, folgende Texte zu veröffentlichen:

Einen Erklärtext von Hanif Sufizada. Er beschreibt, woher die Taliban das Geld für die Finanzierung ihrer Machtübernahme hatten. Stephan Anpalagan erklärte in einem weiteren Text ausführlich, wie es zur desaströsen Lage des Landes kommen konnte. Stephan setzte mit der Gründung der Nation 1747 an. Denn wer Afghanistan und den Konflikt wirklich verstehen will, der muss weit ausholen. Wenn du sein Stück noch nicht gelesen hast: Es ist wirklich lehrreich. Beide Texte liefern Hintergrundwissen, um das aktuelle Geschehen zu verstehen.

Niemand ist Mitglied bei Krautreporter, weil wir 30 Sekunden vor den Nachrichtenseiten melden, dass die Taliban die Hauptstadt Kabul erreicht haben. Deshalb vermelden wir das auch nicht. Unsere Redaktion recherchiert ein Thema lieber gar nicht, als es oberflächlich abzuhandeln. Wir schaffen einen Ort, an dem man in Ruhe beobachten kann, was passiert und warum es passiert, ohne selbst ständig den Nachrichten zu folgen.

Die Ausgeruhtheit der Texte zum Afghanistan-Konflikt überzeugte 63 Menschen, Mitglied bei Krautreporter zu werden. Mehr als 16.300 Mitglieder überweisen unserem Magazin monatlich über 94.500 Euro. Unser gesamtes Budget stecken wir in Journalismus. Wir geben jährlich 66 Prozent davon für Texte aus. In der KR-Redaktion arbeiten Jahr für Jahr mehr und fairer bezahlte Journalist:innen. Damit sie auch unterwegs zu hören sind, sprechen wir alle Texte ein.

So investieren wir euer Geld für die Pressefreiheit

Wir investieren eure Mitgliedsbeiträge aber nicht nur in unser Magazin, sondern auch in die Pressefreiheit. 2021 wollte das Bundeswirtschaftsministerium Verlage mit insgesamt 220 Millionen Euro fördern. Diese geplanten Gelder hätten nur Druckverlage gefördert. Digitale, unabhängige Medien wie Krautreporter sollten nichts bekommen. Das wäre eklatant verfassungswidrig gewesen. Wir sind gegen diesen Eingriff in die Pressefreiheit juristisch vorgegangen. Das kostete etwa 17.000 Euro. Doch uns ging es ums Prinzip, für unsere Rechte und die anderer Medien einzutreten. Wir haben dem Wirtschaftsminister also mit Klage gedroht. Der stampfte das Vorhaben kurz darauf ein.

Außerdem setzen wir mit einem neuen Projekt dem Sterben der Lokalzeitungen etwas entgegen. Schon 2025 sollen über 4.396 Gemeinden in Deutschland nicht mehr von Tageszeitungen erreicht werden. Wir haben deshalb in Cottbus das digitale Lokalmagazin „Der Bus“ gegründet. Die Idee: Ein wöchentlich in Zusammenarbeit mit seinen Leser:innen entstehendes Onlinemagazin. Das Projekt hat uns bisher etwa 7.000 Euro gekostet. Geplant ist, dass das Lokalmagazin sich bald selbst tragen kann.

Das monatliche Budget von Krautreporter

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Wenn wir Menschen also an der Bezahlschranke aufhalten und zum Abschließen einer Mitgliedschaft auffordern, geht es nicht darum, eiskalt Geld gegen Text zu tauschen. Wir fordern Leser:innen auf, für die Pressefreiheit und für Lokaljournalismus einzustehen. Für die Veränderung des Journalismus, an der wir arbeiten. Und für einen Journalismus mit Ruhe.

Die Wahrheit ist aber auch: Oft fangen Menschen an, einen unserer Texte zu lesen, sehen die Bezahlschranke – und verlassen unsere Seite sofort. Trotzdem steckt verdammt guter Journalismus hinter der Schranke. In unserem am wenigsten gelesenen Artikel des letzten Jahres ging es um Corona-Impfungen in Sambia. Dort lassen sich Menschen nicht impfen, weil ihnen das Geld für ein Busticket zum Impfzentrum fehlt. Der Text erklärt den im Schatten der Krisen liegenden Zusammenhang zwischen globaler Armut und Pandemiebekämpfung. Er wurde nur 2.630-mal gelesen. Trotzdem ist das Thema wichtig.

Wir werden nicht anfangen, Themen zu vernachlässigen, die wenig gelesen werden. Auch wenn gerade weniger Menschen Krautreporter lesen, warten wir nicht auf die nächste Krise, um darüber zu schreiben und Klicks zu ernten. Stattdessen wählen wir einen anderen Weg: Wir bitten euch, die Mitglieder von Krautreporter, uns zu helfen.

Erzähle Freunden und Bekannten von Krautreporter, hilf uns, Menschen zu finden, die sich für unser Magazin begeistern könnten. Wir suchen 1.000 neue Mitglieder. Und wenn du noch kein Mitglied bist: Werde Mitglied.


Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Christian Melchert

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