© Christian Vierig

Raus aus den Federn!

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Das Ding des Monats
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Das Ding des Monats
Manchmal verraten der Overheadprojektor und die Freibadpommes mehr über die großen Zusammenhänge unserer Zeit als die lange Analyse. Diesen Dingen widmen wir diese Serie.

Der deutsche Winter ist eine einzige Enttäuschung. Deshalb wundert mich folgende Zahl auch nicht: Die Suchmaschine Lyst, die anhand von Klicks ermittelt, was Menschen kaufen, meldete Ende 2018 einen Anstieg der Suchanfragen nach Daunenjacken um 59 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Kurz darauf war die „The North Face Nuptse 1996“ das am zweithäufigsten gesuchte Produkt der Welt. Eine Daunenjacke der italienischen Firma Moncler landete auf Platz sechs.

Nun ist es so: Modetrends setzen sich üblicherweise deshalb durch, weil die gehypte Klamotte es schafft, Menschen, die in ihr stecken, attraktiver aussehen zu lassen. So setzte sich der Minirock durch, das Etuikleid, der Anzug, der Bikini. Aber zwischendurch kommt es immer wieder zu modischen Ausfällen. Etwa das Arschgeweih. Oder der Vokuhila. Und nun die Daunenjacke. Ein unförmiges, geradezu aufgeplustertes, fettes Stück Hässlichkeit, das garantiert auch die schlankesten Beine oder die schönsten Rundungen unter sich vergräbt. Wie also konnte das passieren?

Seit September 2020 ist die Nachfrage nach der „Nuptse“ noch einmal um ganze 71 Prozent gestiegen. Sie erreichte den Spitzenplatz in der „Begehrteste Produkte-Runde“ von Lyst bei den Damen und (!) bei den Herren. Die Nuptse, benannt nach einem über 7.000 Meter hohen Berg in Nepal, hat längst Kultstatus in der Generation Z. Vor allem dank eines Schnappschusses von Kendall Jenner, einem US-amerikanischen Model, das durchs Reality-TV bekannt wurde. Auf dem Foto ist sie in eine schokoladenfarbene Nuptse gehüllt. 2021 ging das Model mit ihrer Jacke auf Tiktok viral.

Stars haben immer eine Vorbildfunktion, klar, das erklärt einen Teil des Trends. Aber das kann nicht alles gewesen sein. Goldene Zahnveneers, sogenannte Grills, haben sich schließlich auch nicht durchgesetzt, obwohl Stars wie Katy Perry oder Ludacris sie auf roten Teppichen tragen. Vielleicht liegt es daran, dass die Daunenjacke, bevor sie es auf Instagram schaffte, ein Kleidungsstück für ganz normale Leute war. So wie Eddie Bauer.

Der Erfinder der Daunenjacke wäre fast erfroren

Der US-Amerikaner Eddie Bauer fuhr in den dreißiger Jahren mit einem Freund auf einen Angelausflug im Bundesstaat Washington. Als die Männer am späten Abend das Gelände durchquerten, begann die Temperatur zu fallen. Bauer wurde schläfrig und fiel hinter seinen Begleiter zurück – ein sicheres Zeichen für eine beginnende Unterkühlung.

Er stellte fest, dass die Fische, die er getragen hatte, seine Jacke durchnässt hatten. Seine Wollkleidung, die bei diesem Wetter normalerweise einwandfrei wärmte, war nicht nur nass geworden, sondern durch die Kälte vollständig gefroren. Eddie war in eine dicke Eisschicht gehüllt. Brr.

Glücklicherweise half sein Freund, brachte ihn in Sicherheit, und Eddi überlebte. Nach dieser Erfahrung beschloss Bauer, der ein Unternehmen für Funktionskleidung besaß, eine Jacke zu entwerfen, die einen solchen Vorfall in Zukunft verhindern würde: die erste Daunenjacke.

Auf ähnliche Art und Weise entstand das Schlafsack-Modell der Designerin Norma Kamali. Es war ein August Anfang der siebziger Jahre, Kamali hatte sich gerade scheiden lassen und befand sich nun auf einem Campingausflug mit einer Freundin in Upstate New York. Als Kamali in der Nacht ihr Zelt verließ, um zu pinkeln, wickelte sie sich ihren Schlafsack um die Schultern und sprintete zwischen die Bäume. Und weil der Schlafsack sie dabei so schön warm gehalten hatte, schnitt Kamali, zu Hause angekommen, daraus einen Mantel, ohne ein einziges Teil des Schlafsacks zu verschwenden. So erzählte sie es dem Museum at Fashion Institute of Technology. 1973 kam der Mantel auf den Markt und wird bis heute verkauft. Das Schnittmuster ist noch immer dasselbe.

Es wird gerupft, ob tot oder lebendig

Wie jeder Trend hat aber auch die Daunenjacke einen Nachteil. In diesem Fall ist er offensichtlich: Es ist die Daune, die wir Menschen Enten und Gänsen ausrupfen müssen, bevor wir sie zwischen dünnes Plastik stopfen.

Dabei begann die Herstellung von Daunenjacken in Deutschland recht romantisch als Symbiose zwischen Mensch und Eiderenten an der Nord- und Ostsee. Der Deal: Die Menschen halten die Füchse fern und nehmen dafür die Daunenfedern aus den Nestern der Eiderenten mit. Fair.

Nur gibt es nicht genug Eiderdaunen, um den weltweiten Bedarf zu decken. Also wich man auf Enten und Gänse aus. Das hat zum massenhaften Absatz der Daunenjacke geführt. Und auch zu großem Leid. Denn statt wie früher zu warten, bis die Enten ihre Federn natürlich verlieren, riss man nun die fest verankerten Daunen einfach heraus.

Eine Gelbe Daunenjacke liegt auf blauem Hintergrund
Ein Daunenjacken-Modell, dass man noch heute eher in Norddeutschland findet als auf dem roten Teppich, ist dieses.

Bei diesem Rupfen unterscheidet man zwischen dem Lebendrupf und dem Totrupf. Der Lebendrupf ist in der EU verboten, man darf aber während des Gefiederwechsels (Fachwort: Mauser) die Daunen abbürsten. Das nennt man Raufen und eigentlich ist es schmerzfrei, wenn wirklich nur die schon gelösten Federn entnommen werden. Tatsächlich stresst aber auch das die Tiere enorm. Weil bei großen Betrieben auch nicht alle Tiere gleichzeitig mausern und es viel Zeit kostet, sie nach Mauserperiode zu sortieren, werden die Federn illegalerweise doch immer wieder lebend gerupft. Wobei oft auch Knochen brechen.

Eine kurze Einordnung: Eine einzige Ernte von einer einzigen Gans ergibt etwa 60 Gramm Daunen. Eine Ente gibt etwa zwölf Gramm. Die North Face Nuptse wiegt 720 Gramm.

Unter dem Druck von Tierschutzorganisationen mussten die Marken Patagonia (2010) und The North Face (2012) zugeben, dass auch sie Daunen aus tierquälerischen Produktionsbedingungen bezogen. Denn zwischen 80 und 90 Prozent der weltweit verwendeten Daunen stammen aus China, aus Lebendrupf und von Tieren, die nicht nur gerupft, sondern zur Produktion von Stopfleber auch noch gemästet wurden.

Die Outdoor-Marken haben reagiert und arbeiten heute nach strengeren Standards. Immer mehr Marken steigen auch auf recycelte Daunen um oder auf Kunstdaunen. Aber noch lange nicht alle.

Die Kriterien wurden Anfang 2015 von der US-amerikanischen Zertifizierungsorganisation NSF International übernommen, welche daraus eine unabhängige Zertifizierung entwickelt hat (Global Traceable Down Standard  = Global TDS).

Obwohl wir das wissen, gucken wir durchs Fenster ins nasse Grau, vergessen die Moral angesichts der Wetterlage und kuscheln uns ins tote Tier. Woran liegt das?

Die Verbraucherpsychologie weiß schon lange: Was wir tragen, beeinflusst, wie wir uns verhalten. Daunenmäntel dienen insofern als Rüstung. Gegen das Wetter – oder schlechte Stimmung.

Die Daunenjacke schützt uns nicht nur vor schlechtem Wetter

Karl Lagerfeld hat mal gesagt: Wer Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Damals wusste er nicht, dass wir die wegen eines Virus im Jahr 2020 alle verlieren werden. Und das gleich für mehrere Jahre.

Die Helly-Hansen-Jacke der 1990er war kurz und knallgelb, ein modisches Mut-Statement. In der Zwischenzeit ist die Daunenjacke immer länger, breiter und dunkler geworden. Im Dezember 2021 tauchte Superstar Billie Eilish auf einem roten Teppich in L.A. mit einem burgunderroten „Puffer Coat“ auf, der eher an eine Steppdecke erinnerte. Und da schließt sich der Kreis.

Im Grunde ist die Daunenjacke wieder da angekommen, wo sie angefangen hat: im Bett. Denn das verlassen wir seit geraumer Zeit nur noch ungern. Also wickeln wir uns unser Federbett einfach um den pandemiegeschundenen Körper. Die Daunenjacke federt die Pandemie ab, den Druck, die Winterdepression. Sie schützt uns vor der Welt da draußen, in der es seit zwei Jahren stürmt. Unter der Daunenjacke werden die Peitschenschübe erträglich. Sie bringt die nötige Portion Watte zwischen uns und eine Pandemierealität, in der wir nie landen wollten. Die Daunenjacke, der sichere Ort – for a stupid walk for our stupid mental health.

Und die Jacke hat noch einen weiteren Effekt: Sie macht uns alle gleich. Wer sich im Lockdown Kilos angefuttert hat, kann die geschickt kaschieren. Wer sich nicht mehr schminkt, zieht sich einfach die Kapuze über den Kopf. Du hast nicht gebügelt? Zieh die Daunenjacke drüber! Ach, im Grunde kannst du einfach deinen Pyjama anbehalten.

Schon bald aber werden wir uns von der Daunenjacke verabschieden müssen. Nicht nur zum Wohl der Gänse und Enten, auch zu unserem eigenen. Die Daunenjacke kann uns nicht ewig vor der Welt da draußen schützen. Auch ein kuscheliger Sonntag im Bett endet irgendwann. Sonst bist nicht mehr du es, der entscheidet, noch ein bisschen liegen zu bleiben – es ist die Trägheit, die dich nicht mehr aufstehen lässt.

Ein paar wenige Woche habt ihr noch. Snoozt noch ein wenig in eurem Wärmeanzug. Dann beginnt der Frühling und wenn alles gut geht, fallen sogar die Hygieneregeln. Spätestens dann muss auch die Daunenjacke fallen.


Redaktion: Lisa McMinn, Fotoredaktion: Philipp Sipos, Schlussredaktion: Susan Mücke; Audioversion: Iris Hochberger

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