©aprott

So verstehst du die Inflation richtig

Profilbild des Artikelautors
etwa 8 Min. Lesedauer

Die Bild-Zeitung hat eine neue Lieblingsfeindin. Ausnahmsweise ist es keine Politiker:in, nicht mal ein Promi. Es ist die Inflation. „Rekord-Inflation frisst unser Geld auf. Wutwelle gegen Wucherpreise.“ titelte sie am 31. Januar. Und zwei Wochen später hieß es: „Jetzt droht der Wohlstandskollaps“.

Tatsächlich ist die Inflation während der Pandemie so sehr gestiegen wie seit meinem Geburtsjahr 1993 nicht mehr. Im Januar 2022 lag die Rate bei 4,9 Prozent. Die Europäische Zentralbank hat lange gezögert, inzwischen aber ihre Inflationsprognose für 2022 angehoben. Schließlich plant jedes zweite Unternehmen laut einer ifo-Umfrage gerade, seine Preise zu erhöhen. Droht uns also wirklich der „Wohlstandskollaps“?

Du kannst beruhigt ausatmen: Danach sieht es gerade nicht aus. Doch dazu, wie sehr Ökonom:innen sich über die Inflation sorgen, später. Die Panikmache der Bild-Zeitung zeigt: Es ist wichtiger denn je, die Inflation zu verstehen. Deshalb werde ich in diesem Artikel mit einigen Halbwahrheiten und Mythen aufräumen und erklären, was uns die Inflationsrate nicht verrät.

1. Die wahre Inflationsrate hängt vom Einkommen ab

Meistens sprechen wir über Inflation so, als müssten wir nur eine einzige Zahl nennen und das Wichtigste wäre gesagt. Das ist eine sehr verkürzte Darstellung der Wahrheit. Denn die Inflationsrate wird über einen Warenkorb berechnet, in dem das statistische Bundesamt die Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs zusammengestellt hat, von Jeans über Benzin bis zur Fleischwurst. Tatsächlich verbirgt sie aber mindestens genauso viele Informationen, wie sie liefert. Warum also hat sie sich dennoch durchgesetzt?

Das Gute an der Inflationsrate ist, dass sie eben nur eine einzige Zahl ist. Das ist praktisch, denn es ist leicht zu verstehen. Mit einer einzigen Zahl lässt sich gut rechnen. Das ist wichtig, weil sie Ökonom:innen so gut in Modelle einpreisen können. Und auch als Journalist:in muss ich nicht lange darüber nachdenken, um die Inflationsrate in Relation zum letzten Jahr zu setzen und kann entsprechend besorgte Schlagzeilen schreiben.

Das Schlechte an der Inflationsrate ist allerdings, dass sie eine einzige Zahl ist; nämlich ein Durchschnittswert. Und der Alltag besteht nunmal nicht aus Durchschnittswerten. Ein Beispiel: Meine eigene Miete ist im vergangenen Jahr nicht gestiegen. Wäre ich eine begeisterte Plattensammlerin, könnte ich mich sogar über sinkende Preise freuen. Das Holz im Baumarkt ist dagegen teuer geworden. Da ich gerade kein Fachwerkhaus baue, hat das auf mich aber null Effekt.

Das zeigt auch die genauere Aufschlüsselung des statistischen Bundesamtes. Es ist ein bisschen wie mit der Sieben-Tage-Inzidenz in der Pandemie: Alle, die sich ein bisschen damit beschäftigt haben, wissen, dass sie unzureichend ist, aber aus irgendwelchen Gründen – vielleicht ist es der Mangel an guten Alternativen, vielleicht auch einfach Gewohnheit – greifen wir trotzdem immer wieder auf sie zurück. Auch ich werde das im Verlauf dieses Textes wieder machen.

Nun gibt es eine ganze Reihe von Problemen mit solchen Durchschnittswarenkörben. Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Natürlich kaufen nicht alle das Gleiche. Und wofür wir Geld ausgeben, hängt nicht nur von persönlichen Vorlieben, sondern auch vom Einkommen ab. Bin ich arm, muss ich einen größeren Teil meines Einkommens für Miete, Essen und Strom ausgeben als wenn ich ordentlich verdiene und mir jede Menge Luxusprodukte kaufen kann. Das weiß natürlich auch das statistische Bundesamt und bietet sogar einen Rechner an, um die persönliche Inflationsrate auszurechen.

Die hohe Inflation wurde vor allem durch steigende Energiepreise ausgelöst. Heizöl hat 2021 fast ein Drittel mehr gekostet als im Vorjahr, Flüssiggas sogar über 70 Prozent. Diese höheren Energiepreise machen auch die Lebensmittelproduktion teurer. Wenn aber Strom und Essen teurer sind, trifft das vor allem diejenigen, die eh nicht viel haben.

Menschen mit wenig Geld treffen die steigenden Preise also besonders hart. Trotzdem haben wir keine Ahnung, wie hoch die Inflationsrate für sie wirklich ist, wie die Financial Times am Beispiel von England beschreibt. Genauso wenig übrigens, wie wir wissen, wie die Inflation für all jene ist, die einen Großteil ihres Einkommens anlegen können, weil sie viel verdienen. Denn Vermögenswerte wie Aktien oder Immobilien sind in der Inflationsrate nicht eingepreist.

2. Die Inflationsrate beschreibt vermutlich gar keinen Trend

Okay, kannst du jetzt sagen, aber trotzdem verrät uns die Inflationsrate ja, in welche Richtung die Preisentwicklung geht. Vielleicht werden manche Dinge immer günstiger, wie zum Beispiel CDs, denn wer kauft schon noch CDs? Aber das ist nur die berühmte Ausnahme von der Regel. Und fünf Prozent Inflationsrate heißt demnach: Die meisten Waren und Dienstleistungen kosten inzwischen mehr als vor einem Jahr. Oder?

Der politische Ökonom Blair Fix hat das für die USA über mehrere Jahrzehnte untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass sich die Preise so unterschiedlich entwickeln, dass es im Grunde unmöglich ist, von einem allgemeinen Trend zu sprechen. Wenn das stimmt, sagt die Inflation als Durchschnittswert wenig aus.

Ein Beispiel: Michael Phelps muss ein außerordentlicher Schwimmer gewesen sein, er hat nämlich während seiner Karriere 28 olympische Medaillen geholt. Ich dagegen habe noch nie eine Olympiamedaille gewonnen. Im Durchschnitt haben wir zusammen 14 gewonnen. Aber wie viel erklärt dir diese Zahl? Genau, nichts. Folgt man Fix, sieht es mit der Inflationsrate nicht besser aus. Seine Untersuchungen sind nicht peer-reviewed, deshalb sind sie nur unter Vorbehalt zu genießen. Aber seine Argumentation ist schlüssig.

Peer-Review heißt, dass eine wissenschaftliche Arbeit von anderen Wissenschaftlern desselben Faches überprüft wurde. Warum Ökonom:innen Fix' Erkenntnisse ignorieren? Fix schreibt, das liege daran, dass die Inflationsrate eine ihrer Grundannahmen ist, ohne die das komplette Gedankenmodell des Monetarismus zusammenbrechen würde.

3. Die Urangst der Deutschen basiert auf einem Missverständnis

Kommen wir zu einer positiven Nachricht, vor allem für die
70 Prozent der Deutschen, die laut einer Allensbach-Umfrage momentan Angst vor Inflation haben. Vielleicht denkst du beim Wort „Inflation“ an die Bilder aus den zwanziger Jahren: Schubkarren voller Geldscheine, Menschen, die Schilder um den Hals tragen, auf denen „Suche Arbeit“ steht, und schlussendlich auch Hitlers Aufstieg zur Macht. Auch mir ging es lange so. Nur jeder 25. Deutsche weiß, dass die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise zwei getrennte Phänomene waren, hat eine Studie des Jacque Delors Instituts 2019 herausgefunden. Besonders überzeugt davon, dass die Phänomene zusammenhängen, waren laut dieser Studie gut ausgebildete und politisch interessierte Menschen, falls dich das tröstet.

Aber tatsächlich lagen zwischen dem Ende der Hyperinflation 1923 und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 sechs Jahre. Vor sechs Jahren wurde die Welt von Trumps Wahlsieg erschüttert. Das kommt mir vor, als wäre es eine Ewigkeit her. Was daran so wichtig ist: Nicht die Hyperinflation, sondern die Deflation in der Zeit danach löste die Wirtschaftskrise aus. Nicht zu viel, sondern zu wenig Geld im Umlauf – zu niedrige Preise also – waren das Problem. Merkwürdigerweise scheint trotzdem niemand in Deutschland Angst vor einer Deflation zu haben.

Was ich damit sagen will: Solltest du Ängste in Bezug auf die Inflation haben, die lose mit Hitler und der Massenarbeitslosigkeit der zwanziger Jahre verbunden sind, kannst du sie loslassen. (Mal ganz abgesehen davon, dass wir gerade wirklich weit von einer Hyperinflation entfernt sind.)

4. Die Lohn-Preis-Spirale ist nur die halbe Wahrheit

Kommen wir zur Kernfrage zurück: Warum steigt die Inflationsrate eigentlich? Die Geldmenge allein kann es nicht sein, das haben die vergangenen Jahre gezeigt, in denen die Geldmenge anschwoll, aber die Inflation niedrig blieb.

Ein anderes ökonomisches Standardargument ist die sogenannte Lohn-Preis-Spirale. Wenn die Löhne steigen, steigen die Preise und damit die Inflation. Das ist der Grund, warum viele finden, Gewerkschaften dürften gerade jetzt nicht auf höhere Löhne drängen. Und zumindest in Deutschland scheinen sie damit erfolgreich zu sein. Gewerkschaften konnten kaum höhere Tarifabschlüsse durchsetzen. Schuld daran sind die Globalisierung und der Strukturwandel.

Aber es gibt noch die andere Seite der Gleichung: die Unternehmen. Denn wenn Preise steigen, zum Beispiel die für Öl oder Platz auf einem Containerschiff, machten die Ölkonzerne und die Transportbranche Rekordgewinne. Und gerade Firmen in Monopolstellungen können die Preise nach oben setzen, denn auf Energie oder Warenlieferungen kann niemand verzichten. Statt einer Lohn-Preis-Spirale kann es also auch zu einer Preis-Preis-Spirale kommen, in der Unternehmen dafür sorgen, das Preise immer weiter steigen.

Das ist ein Grund, warum die Ökonomin Isabella Weber im Dezember im Guardian vorgeschlagen hat, Preiskontrollen für bestimmte Güter einzuführen und damit einen riesigen Aufschrei ausgelöst hat. Preiskontrollen gab es während des zweiten Weltkriegs schon einmal. Sie sind ein irrsinniger bürokratischer Aufwand. Welche Preise soll der Staat denn kontrollieren? Und wie sehr?

Der Aufschrei zeigt, dass sich auch hinter einer scheinbar einfachen Zahl wie der Inflationsrate Machtkämpfe, Fehleinschätzungen und Massenpsychologie verbergen. Die heutige Inflation, die mitten in einer Pandemie liegt und durch Energieengpässe angetrieben wird, hat eben ganz andere Ursachen als etwa die letzte langanhaltende globale Inflation in den 70ern. Das hat Adam Tooze im New Statesman gut beschrieben. Das ist auch der Grund, warum es so verdammt schwierig ist, die Zukunft vorherzusagen. Ist die Inflation gekommen, um zu bleiben? Oder ist sie nur ein vorübergehendes Phänomen, allein der Pandemie geschuldet? Das ist gerade das Lieblingsstreitthema unter Ökonom:innen.

Ich selbst habe mich in meinem letzten Text über die Inflation übrigens massiv verschätzt. Deshalb orakele ich auch nicht mehr – sondern erkläre nur noch. Die EZB befragt regelmäßig Ökonom:innen zu ihren Inflationsprognosen. Laut ihrer letzten Umfrage geht ein Großteil von ihnen weiterhin davon aus, dass die Inflationsrate im Euroraum in ein paar Jahren wieder deutlich sinken wird. Sollte sie damit Recht haben, muss sich die Bild-Zeitung dann wieder auf Promis oder Politiker:innen konzentrieren.


Anmerkung der Redaktion vom 18.2.22: Aufgrund der geäußerten Kritik an der Original-Überschrift des Textes (siehe Kommentarspalte) „Warum wir uns vor der Inflation nicht fürchten müssen“ haben wir diese geändert.

Redaktion: Lisa McMinn; Schlussredaktion: Thembi Wolf; Bildredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Iris Hochberger

Prompt headline