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„Auch Vegetarier sorgen dafür, dass Tiere sterben“

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Viele Vegetarier, die in Städten leben, denken: Wenn sie Käse essen, stirbt kein Tier. Aber das stimmt nicht. Die Tiere, aus deren Milch unser Käse gemacht wird, also Kühe, Ziegen, Schafe oder Büffel, kriegen ja Nachwuchs. Die geben nicht einfach ab einem bestimmten Alter Milch. Sie müssen erst gebären. Fünfzig Prozent der Tiere, die geboren werden, sind männlich. Die männlichen Nachkommen können keine Milch geben, also muss man sie schlachten. Wer Käse isst, sorgt also dafür, dass männliche Tiere auf die Welt kommen und sterben.

Ich sage das nicht, weil ich den Leuten Käse verleiden will. Sondern weil ich glaube, dass viele diesen Zusammenhang nicht sehen. Oder lieber nicht daran denken möchten. Ich habe diese Möglichkeit nicht, denn ich bin Bäuerin. Wir haben einen Milchviehbetrieb mit 85 Ziegen. Wir produzieren Ziegenfrischkäse, Ziegenquark und Ziegenfleisch, weil das bei der Milchproduktion nun einmal anfällt. Wir decken die Ziegen jedes Jahr, das heißt, der Bock läuft ab August in der Herde mit, bis die Lämmer kommen. Und jedes Jahr müssen wir fast die Hälfte der Lämmer schlachten. Das tun wir, wenn sie acht bis zehn Wochen alt sind.

Ich weiß, es klingt grausam, süße kleine Zicklein zu töten. Aber die Böcke sind mit drei Monaten nun mal geschlechtsreif und entwickeln den typischen Bockgeruch. Dann will das Fleisch niemand mehr.

„Ich würde nie ein Zicklein entsorgen, weil es männlich ist“

Manche glauben nicht, dass es für ein Zicklein einen Unterschied macht, ob es acht Wochen lebt oder gleich nach der Geburt weggeschmissen wird. Ich finde, für das Zicklein macht es einen großen Unterschied, ob es einen Wert hat und einen Sinn. Ich finde, wenn man überhaupt Nutztiere hält, sollte man sie möglichst gut halten und behandeln. Und auch mit dem Produkt, das wir aus dem Tier machen, gut umgehen. Ich würde nie ein Tier entsorgen, nur weil es männlich ist und Geld kostet. So viel Respekt vor dem Leben muss sein. Deswegen bin ich keine Vegetarierin. Für mich ist die Verwertung unseres Zicklein-Fleisches sinnvoll.

Zwei Zicklein trinken Milch aus einem Eimer.
Diese zwei Zicklein gehören zu den kleinsten auf dem Nußlocher Ziegenkäsehof und müssen noch augepäppelt werden.

Es ist wichtig zu verstehen, was es für einen Bauern bedeutet, wenn er das Fleisch der männlichen Tiere nicht verkaufen kann. Für den sind die männlichen Tiere nur eine Belastung. Solche Betriebe sagen: „Hauptsache, weg mit den Zicklein, die machen nur Arbeit und man verdient nichts dran.“ Man muss sich nur anschauen, wie viel Ziegenfleisch in Hundefutter ist. Ich finde das furchtbar, wenn du ein Tier hast, dass du nur loswerden willst.

Das Fleisch der Ziege ist lecker und gesund. Wir haben heute wenig Probleme, es zu vermarkten. Das war nicht immer so. Viele unserer Kunden dachten, Ziegenfleisch würde streng schmecken, so wie der Bock riecht. Oder sie schreckten davor zurück, Fleisch von so jungen Lämmern zu essen. Ich musste viel erklären, Werbung machen und die Kunden probieren lassen. Heute kaufen sie es gerne.

„Ich will meinen Beruf nicht romantisieren“

Wir haben zu jedem unserer Tiere eine Beziehung. Mein Mann kennt jedes einzelne und merkt schnell, wenn es einer Ziege nicht gut geht. Wenn wir ihr dann nicht selbst helfen können, holen wir den Tierarzt. Die Arztrechnung ist in der Regel sehr teuer, die Ziege wird das Geld in ihrem Leben nicht mehr einspielen. Bevor der Arzt irgendetwas mit dem Tier gemacht hat, kostet er schon 45 Euro für Anfahrt und Pauschale. Das Geld für die Behandlung kommt dann noch oben drauf. Der Wert einer Ziege ist in der Buchhaltung mit 450 bis 500 Euro angesetzt. Wenn man bedenkt, was ein Hundewelpe kostet, ist das eigentlich auch nicht in Ordnung.

Gleichzeitig ist mir aber auch wichtig: Auch wenn wir eine Bindung zu unseren Tieren haben, will ich meinen Beruf nicht romantisieren. Natürlich sind unsere Tiere keine Haustiere, sondern Nutztiere, die wir, wie man so sagt, „artgerecht“ halten. Ich finde, das ist ein schwieriger Begriff, weil gar nicht klar ist, was man darunter verstehen soll. Deswegen sage ich lieber: Wir halten sie würdig. Das heißt, wir nutzen unsere Tiere, aber wir geben ihnen auch etwas: Sicherheit, Futter, Fürsorge. Wir kümmern uns um sie, wenn sie krank sind. Aber bei all dem gilt auch: Dafür nehmen wir ihnen die Milch weg, die eigentlich für die Lämmer bestimmt ist. Und wir bestimmen, wann ihr Leben zu Ende ist.

„Ein guter Metzger geht respektvoll mit dem Tier um“

Das ist auch für mich nicht einfach. Meine erste Ziege habe ich 1985 gekauft, vor mehr als drei Jahrzehnten. Und immer noch ist Schlachten für meinen Mann und mich ein schwieriges Thema. Bei den Lämmern sowieso, aber auch bei den Älteren. Wenn du eine Ziege zehn Jahre lang hast, kennst du sie sehr gut. Du triffst sie morgens und abends am Melkstand, du weißt, ob sie die Ohren hängen lässt, weil sie eine Drama-Queen ist oder weil sie wirklich einen Grund hat. Es fällt nicht leicht, sich von so einem Tier zu trennen.

Die Bäuerin Stefanie steht im Stall und streichelt eine der Milchziegen. Sie trägt ihren roten Stallanzug. Sonnenlicht fällt auf sie und die Ziege, der Hintergrund liegt im Schatten.
Ihre erste Ziege hat Stefanie Schott vor über drei Jahrzehnten gekauft. Heute leben auf ihrem Hof 85 Ziegen.

Ich kann also sehr gut nachfühlen, wenn die Verbraucher ein Problem mit dem Schlachten haben. Aber ich finde, bei diesem Thema sind wir als Gesellschaft nicht ehrlich. Nehmen wir die Metzger: Das ist ein wichtiger Beruf. Ein guter Metzger geht respektvoll mit dem Tier um und mit seinem Fleisch. Aber der Beruf des Metzgers ist nicht mehr angesehen. Wenn einer in Rente geht, sagen die Kinder: „Diesen Job mache ich auf keinen Fall!“ Selbst die Metzger, die noch da sind, schlachten kaum noch. Das finde ich richtig schlimm. Die Politiker sagen, die Tiere sollen nicht so weit transportiert werden, aber wie soll das gehen, wenn es kaum noch Metzger gibt?

Ich wünschte, die Politik würde das tun, was sie behauptet: kleinbäuerliche Landwirtschaft schätzen und fördern. Die Bauern nicht nach Fläche subventionieren, sodass die Großen das meiste Geld kriegen. Und immer mehr Auflagen erlassen, die wir fast nicht erfüllen können. Das Berufsbild des Bauern hat sich verändert, wir sitzen dauernd am Computer, um irgendwas zu dokumentieren und zu beweisen. Wenn ich vom Veterinäramt genauso kontrolliert werde wie ein Tönnies oder sogar noch mehr, dann denke ich mir, da stimmt doch was nicht.

Um etwa weiter auf dem Hof schlachten zu dürfen, hätten wir sieben Räume bauen müssen, unter anderem einen Schlachtraum, einen Zerlegeraum und einen Verpackungsraum. Das könnten wir uns bei den Mengen, die wir produzieren, aber niemals leisten. Also bringen wir unsere Ziegen zu einem Schlachter, der auf Ziegen und Schafe spezialisiert ist. Dafür mussten wir früher nur acht Kilometer fahren – mittlerweile sind es 40. Immerhin werden die Tiere sofort geschlachtet, und mein Mann kann dabei sein. Sie stehen nicht noch ewig herum und werden auch nicht weiter transportiert. Für mich wäre es eine Horrorvorstellung, dass ich meine Ziegen jemanden gebe, der sie dann erst noch hunderte Kilometer herumfährt.

Ziegen stehen im Stall, die Sonne scheint herein. Der Hintergrund liegen ist dunkel und ein Schatten fällt auf die Augen der Ziege im Vordergrund.
Egal ob Bock oder Geiß, alle Ziegen haben Hörner. Das gilt zumindest für diese Rasse, die Bunte Deutsche Edelziege.

Ich merke, dass sich bei den Verbrauchern etwas ändert, dass sie mehr Bewusstsein dafür haben, wie Lebensmittel produziert werden. Aber was mich frustriert, ist, dass viele die kleinbäuerliche Landwirtschaft wollen, aber nicht einsehen, dass das mehr kostet. Wenn unsere Kunden sich beschweren, dass unser Käse teuer ist, sage ich ihnen, dass wir uns eben auch einen Tierarzt leisten. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn die Tiere keinen Wert haben, weil ihr Produkt zu billig isst oder niemand das Fleisch isst, lohnt es sich auch nicht, Geld für sie auszugeben.

Die Leute haben Hunde ohne Ende, das ist ihr Bezug zur Natur

Die Lebensmittelpreise sind zu niedrig, die Löhne in der Landwirtschaft auch. Ich habe eine Mitarbeiterin, die seit zwanzig Jahren für uns arbeitet. Wenn ich nicht aufpasse, landet sie in der Altersarmut. Das macht mich wütend. Ich selbst bin im Rentenalter und arbeite weiter. Von meiner Rente könnte ich nicht leben, mein Mann und ich müssen den Hof verkaufen, wenn unsere Körper nicht mehr mitmachen.

Immer weniger Menschen in Deutschland haben etwas mit Landwirtschaft zu tun, das ist ein Problem. Auch deswegen fehlt es an Wertschätzung. Ich führe manchmal Schul- oder Kindergartenklassen über den Hof. Früher konnten nur die Kinder kein Heu und Stroh unterscheiden, heute schaffen die Lehrer und Erzieher das auch nicht mehr. Die Leute haben heutzutage Hunde ohne Ende, das ist dann ihr Bezug zur Natur. Die lassen sie auf Weiden kacken oder Löcher darin buddeln, weil sie eine Wiese nicht von einem Weizenacker unterscheiden können. Sie wissen gar nicht, dass ihre Hunde das Futter für unsere Ziegen ruinieren.

Neulich kam ich vom Brötchenholen und sah vier Menschen, die im Kreis auf unserem Acker standen. Eine hatte ein Schäufelchen in der Hand. Ich habe sie gefragt, was sie da machen. Die haben ihren Kanarienvogel beerdigt! Auf unserem eingesäten Acker. Man kann es ihnen fast nicht vorwerfen. Sie haben keinen Bezug dazu, weil es zu wenige Bauern gibt, und in der Schule wird es nicht gelehrt.

Ich wollte immer Bäuerin werden, schon als Kind, obwohl es in meiner Familie sonst keine Landwirte gibt. Und ich wollte unbedingt mit Tieren arbeiten. Veganer lehnen die Nutztierhaltung komplett ab. Wenn alle so denken würden, gäbe es meinen Beruf nicht mehr. Ich fände das schade. Trotzdem habe ich vor Veganern großen Respekt. Ich finde, das sind die konsequenten Vegetarier.


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Lisa McMinn, Bildredaktion: Philipp Sipos; Audioversion: Iris Hochberger

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