Krautreporter

„In der Führungsetage wird man nicht klüger“

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Katja Kullmann wirkt beim Interview entspannt, regelrecht unkompliziert. Sie dreht noch eben die Musik im Hintergrund aus und los geht’s. Eigentlich könnte man mit der 44 Jahre alten Autorin, die sich in ihren Büchern und Essays neben Geschlechterfragen auch mit Arbeit, Popkultur und Sozialer Gerechtigkeit beschäftigt, über wirklich alles reden. Man könnte beim Ukraine-Konflikt anfangen, einen kleinen Schlenker Richtung Klatsch und Tratsch, Mann und Frau machen, die Frage nach Gott streifen, den Sinn von Brotzeitdosen mit einbeziehen, nebenher über die Eitelkeit der Geistesarbeiterkollegen witzeln und darüber, warum der ganze Zirkus des Lebens so Spaß macht. Warum eigentlich nicht? Gut, der Ukraine-Konflikt ist am Ende irgendwie unter den Tisch gefallen, die anderen Fragen zum Glück nicht.


Frau Kullmann, sind Sie gerade mürrisch oder milde?

Ach, ich bin eigentlich ziemlich milde, wieso?

Ich dachte mir, entweder ist sie mürrisch, oder sie denkt sich: Wieso eigentlich mürrisch? Ich werde milde sein.

Tatsächlich war es ungefähr so. Weil ich beim Vorgespräch eben nicht ganz verstanden hatte, was Sie mit mir vorhaben, was Sie von mir wissen wollen. Da war ich wirklich etwas mürrisch. Aber jetzt fragen Sie einfach.

Sind Frauen tendenziell bescheidener als Männer? In dem Sinn, dass sie gar nicht automatisch denken, dass sie lauter unnötigen Mist in die Welt pusten müssen.

Ich denke, dass Frauen größere Bedenken haben, bestimmte Revierspielchen mitzumachen. Das liegt aber keinesfalls an einem Biologismus in dem Sinn, dass Frauen das sanftere Geschlecht wären. Das hat mit einer Beobachtung zu tun, man schaut erst mal, wie so die Regeln gestaltet sind. Es ist, in meinem Fall, vermutlich auch eine Generationenfrage: Ich bin zum Beispiel mit wesentlich mehr Freiheiten herangewachsen als meine Mutter und war mir darüber schon früh bewusst, lange bevor ich mich dann ernsthaft mal mit dem bleischweren Wort Feminismus beschäftigt habe. So mit 15,16, 17 ahnte, spürte ich es, später sah und begriff ich es dann auch: Dass man, wenn man zufällig als sogenannte Frau zur Welt kommt, in eine bis dato eben doch von Männern beherrschte, diktierte Umgebung einsteigt. Frauen beobachten die üblichen Macht- und Ränkespiele mehr, daraus resultiert vielleicht eine Art von Bescheidenheit, weil man es einfach albern findet, gewisse Spiele zu spielen.

Wohl wissend, dass man mit Geprotze und Geprahle in jeder Branche Punkte machen kann. Sie merken ja selbst, ich rede eigentlich sehr viel und sehr gern, wenn ich mal drin bin und höre gar nicht mehr auf. Ich übe mich durchaus gern im Lautsein, in einer gewissen Breitbeinigkeit, so ist es nicht! Ich will damit nur sagen, ich rede eben generell lieber, wenn es etwas zu sagen gibt.

Das sagt natürlich jeder, dass er nur dann etwas sagt, wenn es etwas zu sagen gibt.

Das stimmt, ja.

Oder das Protzen und das Prahlen. Alles Phantomprotzer und Phantomprahler. Man meint den Typus zu kennen, jeder lehnt ihn ab, aber keiner ist einer und keiner nennt namentlich einen.

Der Klischeeprotzer, der überzeichnete, so eine Gerhard-Polt-Figur, da gebe ich Ihnen Recht. Aber es gibt ja verschiedene Arten des Protzens, des Prahlens, des Lautseins. Ich muss jetzt wieder auf das blöde Genderdings zurückkommen, dabei ist das nicht mein Lieblingsthema, aber man kann schon im Bereich der Geistesarbeiter, bei den Leuten, die in den Medien arbeiten, sehen, dass es da unterschiedliche Strategien des Aufsichaufmerksammachens gibt. Da gibt es nicht so ganz viele Frauen, die so laut und breitbeinig und teilweise fahrlässig eitel von sich erzählen oder sehr eigenwillige Texte schreiben. Darf ich Namen sagen?

Unbedingt!

Also Antonia Baum ist eine phantastische Autorin, die finde ich ganz großartig, nicht alle Texte, über manche rege ich mich auch auf.

Sie dürfen ruhig sagen, wenn Sie jemanden mies finden.

Nein, nein, ich finde die ja ganz toll.

Wirklich?

Ja, aber wenn ich einen Antonia-Baum-Text lese, dann ist der immer mit Ansage subjektiv, das ist ein Stil, im Grunde sogar schon eine Haltung, die man bei Frauen nicht so oft sieht. Es gibt viele männliche Autoren, die da viel mehr poltern, da halte ich mich jetzt auch zurück, das ist ja auch gar nicht schlimm ...

Nennen Sie doch bitte Namen.

Benjamin von Stuckrad-Barre, den habe ich immer gern gelesen. Der spielt auch so mit den Posen, hat er jedenfalls früher getan. Oder Moritz von Uslar und seine Boxsport- und Cowboy-Inszenierungen bei Facebook. So etwas gibt es bei Frauen unter Geistesarbeitern eher selten.

Moritz von Uslar, Journalist, hier als Boxer.

Und zu Stuckrad-Barres Geburtstag kommt dann der Chef vom Springer-Verlag, Mathias Döpfner.

Das ist die Strafe.

Döpfner und von Stuckrad-Barre ist nicht die Kombination, auf die man automatisch kommen würde. Tatsächlich hat von Stuckrad-Barre aber 2012 im Auftrag Döpfners ein Theaterstück über Axel Springer verfasst, das dieser dessen Witwe zu Springers 100. Geburtstag schenkte.

Das kann man so oder so sehen.

Das meine ich ernst. Ich glaube, wenn man schreibt, ist es die Kunst, am Rand zu stehen, geistig darauf aufzupassen, dass nicht die falschen Leute zum eigenen Geburtstag kommen. Döpfner wäre für mich der Falsche, womit ich vor allen Dingen sagen will: Die Führungsetage ist nicht das Stockwerk, in dem man klüger wird, da geschehen vor allem all die Scharaden, von denen ich oben sprach, das ist langweilig. Wobei ich nicht glaube, dass die ständig miteinander ein Bier trinken gehen, Stuckrad-Barre und Döpfner. Ich glaube aber einfach nicht, dass man gute Texte schreiben kann, wenn man sich mit Leuten, die einen dafür bezahlen, in einer Promiwolke bewegt. Dann ist man etwas anderes als ein Beobachter, für mich wäre das kein Modell, glaube ich.

Man will einerseits Erfolg haben, andererseits weiter Außenseiter sein. Oder, wie es Ihnen passiert ist, man steht plötzlich mit Hans-Olaf Henkel vor einem Luxushotel und raucht zusammen eine Zigarette.

Das war nach einer Talk-Show zu der ich, neben Henkel und anderen, eingeladen wurde. Das war meine Rettung, zu dem Zeitpunkt hatte ich mein tiefstes Tief, das war mein Hartz-IV-Jahr. Und in dem Moment haben Sie die, bitte in Anführungszeichen, Ehre, von der Redaktion einer SWR-Talkshow eingeladen zu werden, die irgendwie glaubt, dass Sie etwas Gehaltvolles zu sagen haben. Und dann wird einem auch die Reise bezahlt und das Hotelzimmer und man kriegt tolles Essen. Da prallten ja auch zwei Kräfte aufeinander, Henkel, der Kapitalist alter Schule, und ich als Vertreterin des ironisch-kreativen Proletariats neuen Stils. Das war vor der Wirtschaftskrise, da haben sich zwei Leute getroffen, die bis dahin nicht gecheckt haben, wie es eigentlich läuft. Alles brach wirtschaftlich schon zusammen und er hat noch das „Freiheit macht sexy, Erfolg ist schön“-Lied gesungen, und ich habe noch an dieses kreative Aufsteigermärchen geglaubt.

Welches Märchen meinen Sie genau?

Diese schöne alte Abmachung, die mein Aufwachsen in der alten Bundesrepublik geprägt hat: Sei fleißig, sei tapfer, streng' dich an – und es wird schon laufen. Pustekuchen! Das geht ja vielen Menschen so: Facharbeit, überhaupt der Faktor Arbeit wird massiv entwertet. Für den weichen Stoff, sogenannte Ideen, will auch keiner mehr bezahlen. „Leistung muss sich wieder lohnen“: von wegen. Hat ohnehin nie so ganz gestimmt. Stimmt heute aber noch weniger als früher mal. Fakt ist: Wenn Sie erben, sind Sie schon mal fein raus. Wenn Sie von zu Hause aus gleich mal eine Eigentumswohnung zur Verfügung gestellt bekommen: bingo! Dann können Sie sich recht entspannt mal an der Existenzgründerei versuchen, da haben Sie auf jeden Fall zwei, drei Fehlschüsse gut. Wenn Sie aber nichts erben, ist nicht allzu viel zu machen. Dann müssen Sie einfach sehen, dass Sie sich halbwegs verletzungsfrei durchbringen. Eine Erkenntnis, die mich sehr spät erreicht hat. Ich hatte tatsächlich gut 30 Jahre lang etwas anderes geglaubt. Diese, naja, sagen wir: Diese Ent-Täuschung, im reinen Wortsinne, ist ein großes Thema für mich.

Und worüber sprachen Sie mit Henkel beim Rauchen?

Im Grunde war das nur ein Rauchergespräch, alberne Kalauer. Wir waren die einzigen Raucher an dem Abend, es war kalt, und wir wollten die Heizpilze zurückhaben und haben Witze gemacht über Nichtraucher und Vegetarier. Was man halt so macht, wenn man raucht ... und Fleisch isst heutzutage ... und sich deswegen schlecht fühlt. Oder, besser: sich deswegen schlecht behandelt fühlt.

Es hat schon Charme, das Establishment.

Ich war da eher als Freak eingeladen, glaube ich, aber so schlimm ist das ja nicht.

Glauben Sie, die Seidenkrawattenträger, über die Sie schon geschrieben haben, erkennen, dass Sie eigentlich nicht dazugehören, dass Sie aus einem anderen Stall kommen?

Ich glaube schon, aber da bin ich ja nicht die Erste, die darauf kommt. Es gibt ja den wunderbaren soziologischen Begriff des Habitus von Bourdieu, also der Prägung. Ja, das ist sicher etwas, was jeder mit sich herumträgt, das ist aber auch ein Reichtum, ein Erfahrungsschatz. Die Herkunft, die daraus resultierende Haltung, das wirkt sich bis zum Lieblingsessen aus. Es gibt eben einen Grundhügel auf den man gesetzt ist, und der bestimmt die Perspektive. Bei mir war's ein recht unscheinbarer Mittelgebirgshügel. Das würde ich aber niemals als defizitär betrachten. Man kann ja durchaus gut finden, was man ist und daraus etwas machen.

Was ist denn dann Ihr Lieblingsessen?

Ahh, das klingt total bescheuert, aber ich esse wahnsinnig gern Grünzeug und Fleisch. Etwas Knackiges und etwas Blutiges. Das perfekte Essen ist für mich etwas, was man auch sehr schnell und leicht zubereiten kann: Ein geiles Stück Fleisch, medium bis rare, ein richtig gutes Stück Rindersteak und dazu einen Salat. Ich esse eigentlich fast alles, außer Eingeweide.

Haben Sie eine Brotzeitdose?

Die Frage mögen Sie anscheinend. Habe ich aber nie gehabt, eine Brotzeitdose, auch als Kind nicht, nein.

Was ist ein typisches Seidenkrawattengelaber?

Das habe ich in einem Text geschrieben, und es bezieht sich auf das Zerrbild des eitlen Feuilleton-Redakteurs, der mittags drei Gänge isst, selbst keinen Text schreibt, dreizehn- oder besser dreißigtausend Euro im Monat verdient und Literaturpreise vergibt. Wenn man es wörtlich nimmt, wäre es ein Text, in dem man sich über das Für und Wider verschiedener Seidenkrawattendesignlinien auslässt. Schauen Sie sich doch mal das ZEIT-Magazin an, das ist inzwischen doch nur noch ein reines Luxuskonsum- und Wohlfühlmagazin. Diese Uhrenthemen zum Beispiel, ich kenne niemanden, der sich für solche Uhren interessiert. Gelaber wird es dann, wenn es um das Für und Wider dieser und jener Seidenkrawatte geht oder wer gerade mit wem ins Lokal reinkommt.

Der Seidenkrawattenträger sitzt mit Ihnen in einem Café und sagt: Kullmann, schauen Sie nicht hin, aber da kommt XY von der WELT mit YX von der FAZ rein, ist das nicht degoutant?

Exakt. Das erinnert mich an die Faszination, die Fritz J. Raddatz auslösen konnte. Seinen Tagebüchern räumten die Feuilletons viel Platz ein, auf denen Redakteure dann über ihre eigenen Raddatz-Momente schrieben, das war eben auch betriebsinternes, schulhofmäßiges Palaver. Raddatz war der Chef-Seidenkrawattenträger, das war schon eine tolle Inszenierung. Vielleicht das, was, hm, Moritz von Uslar mal werden will. Ha, war das jetzt schon mürrisch? Oder noch mild?

Fritz J. Raddatz (10. Oktober 2003)

Copyright: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann (CC BY 2.0)

Der Kulturbetrieb ist halt geschwätzig.

Ja.

Ist wichtigtuerisch.

Auch.

Ist korrupt.

Ja, wie alle anderen Betriebe auch. Das gilt inzwischen auch für den Feminismus, der ja eine eigene Branche ist, das ist übrigens toll. Denn damit zeigt der Feminismus, dass er aus lebendigen Menschen besteht.

Das werden die Feministinnen gerne hören.

Wenn sie radikale Feministinnen sind, im Beauvoir'schen Sinne, haben sie damit kein Problem, dann finden sie das sogar gut. Das Wort „radikalfeministisch“ könnte man auch als „radikal individuell“ oder „radikal freiheitlich“ auffassen. Frauen sind jedenfalls nicht das friedliebendere, freundlichere, umsichtigere Geschlecht. Im Feminismus gibt es Rankings, Hierarchien, Cliquen-Spiele, Ausschlussmechanismen, Geltungsdrang, Eitelkeit, Besitzstandswahrerei …, super! Alles andere wäre ja unheimlich.

In Wahrheit hassen Sie die Seidenkrawattenlaberer.

Hassen! Das ist gut, dass Sie das ansprechen, denn Hassen ist etwas, das ich persönlich nicht kenne. So wie Trauer. Ich werde im Sommer 45, aber mir ist noch niemand weggestorben, der mir ganz nah war. Ich kann mir vorstellen, wie unglaublich krass dieser Verlust für mich bei manchen Menschen wäre, aber ich habe es noch nicht erlebt. Mit dem Hassen geht es mir genauso, ich habe davon noch keinen Geschmack gehabt. Verachtung, Ärger, Rachegefühl, ja, aber nicht Hass. Ich denke schon, dass es das gibt, das Hass-Gefühl, den Hass-Mechanismus, ich nehme das ernst, man hört und liest ja auch viel darüber. Aber das ist so ähnlich wie die Armut. Selbst habe ich es noch nicht richtig durchgemacht. Ich finde es angemessen, sich über diese Leute lustig zu machen, das ist ja auch eine Machtsache und damit eine Waffe im Überlebenskampf.

Humor als Mittel der Machtlosen. Man kann ja nicht einfach öffentlich sagen, dass der und der Mächtige ein korruptes oder sexistisches Arschloch ist.

Das könnte man erst dann, wenn man Beweise hat. Solange es ein Affekt ist, ein Gefühl, das auch mit Neid zu tun hat, können Sie das nur in einem Witz auflösen. Am besten in einem Witz, der auch gleich noch einen Witz über Sie selbst und ihr eigenes Gezeter enthält. Es muss immer darum gehen, dass ein Text sagt: „Ich weiß es auch nicht so genau, aber ich behaupte jetzt mal Folgendes.“ Mehr kann kein Text leisten. Ich mag Texte nicht, die so tun als wäre es anders.

Was macht Sie milde?

Schwer zu sagen, ich bin grundsätzlich eigentlich milde. Musik hilft, ich habe einen Schrank mit Platten, und manche legt man dann wie so ein Medikament auf. Eben als Sie angerufen haben und sich über den Hintergrundlärm beschwert haben, lief Howlin´ Wolf, der macht Blues, aber lustigen Blues, da geht es keinesfalls immer nur ums Heulen. Am mildesten macht mich einfach ein guter Tag, und davon habe ich gerade viele, und ich bin auch nicht nachtragend.

Nicht nachtragend?

Absolut nicht. Wissen Sie, nicht nachtragend zu sein, hat mit Verstehen und Verständnis zu tun. Sobald Sie die Motive eines anderen Menschen nachvollziehen können, ist er entdämonisiert, sie können ihm logisch folgen. Das entschuldigt ihn nicht, man kann sich auch noch über ein bestimmtes Verhalten oder einen bescheuerten Spruch ärgern, aber wenn es nachvollziehbar ist, dann setzt Verständnis ein. Und wenn man dann nicht dumm ist, dann kann man ja gar nicht weiterhin trotzig sauer sein. Trotz oder Eingeschnapptsein helfen da nicht weiter. Wie kann man jemandem etwas nachtragen, wenn man kapiert, was dessen Problem war?

Vielleicht, wenn man kapiert, dass der andere ein Idiot oder ein Schwein ist?

Idioten gibt es viele, aber Idioten meinen es oft gar nicht so. Wobei ich erwarten würde, dass jemand irgendwann auch mal seine Hausaufgaben macht, also: lernwillig ist. Ich zum Beispiel mache viele Fehler. Aber selten denselben zweimal, es gibt so viele schöne neue, noch unbekannte Fehler. Das, und der Mut zur Großzügigkeit, sind zwei wesentliche Schlüssel zum Glück. Also: denke ich. Und Schweine, also die richtigen Schweine, sind unterm Strich doch letztlich die ärmsten Schweine. Verstehen Sie, was ich sagen will?

Naja.

(lacht) Naja!

Wieso sollten die größten Schweine zugleich die ärmsten Schweine sein? All die tragischen Dinge, die schlechten Menschen passieren, passieren guten Menschen genauso.

Das stimmt, aber da kommen wir jetzt in große Dimensionen. Da müssten wir fragen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt und wie es aussieht. Und ich sage Ihnen als Atheistin, nachdem ich das neueste echt enttäuschende Buch von Houellebecq gelesen habe: Wenn die Mehrheit der Menschen glauben würde, dass nach dem Tod alles Bums-Licht-aus vorbei und egal ist, dann würde sich niemand an die ganzen moralischen Gebote halten, denen die meisten Menschen ja doch ohne zu Murren folgen, dass man jemand anderen nicht einfach umbringt, zum Beispiel. Man bekommt alles zurück. Womöglich kriegt man es auch schon sehr schnell zurück, sozusagen: noch in diesem Leben. Womöglich per Zufall. Vielleicht ist der Zufall ja gerecht.

Ehrlich gesagt, ein Rest in mir klammert sich an die Vorstellung, dass jedes Schwein im Kern die ärmste Sau von allen ist. Das ist übrigens der einzige Punkt, an dem Arroganz gerechtfertigt ist, im Umgang mit Schweinen.

Wieso soll das neue Houellebecq-Buch eigentlich schlecht sein?

Es ist einfach ein schlechter Roman, eher wie ein Besinnungsaufsatz. Ich stelle mir vor, dass er sich da durchgequält hat, dass es ihm keinen Spaß gemacht hat, das Buch zu schreiben, es ist einfach flach. Inhaltlich spielt es schon etwas Interessantes durch, das muss man sagen. Dass es nicht „islamfeindlich“ ist, muss man ja nicht mehr extra betonen, oder? Ein falscher Vorab-Vorwurf, der ihm gemacht wurde. Der Text rührt an einer Frage, die mich auch seit einer Weile beschäftigt: Ob nämlich die oft gescholtene und mittlerweile ja wirklich komplett pervertierte Idee des Liberalismus nicht doch zu retten wäre. Viele denken den Liberalismus ja automatisch heute als Neo-Liberalismus. Letzterer ist selbstverständlich eine völlig kranke Sportart. Aber der Liberalismus im Kern … ach, sehr kompliziert. Ich würde sagen: Der Liberalismus ist Houellebecqs große Liebe, und ihm hat er ein trauriges Denkmal, sozusagen ein Grabmal gesetzt, mit seinem Roman „Unterwerfung“. Es ist, wie gesagt, vor allem der Besinnungsaufsatz eines alternden Liberalen.

Es fehlen auch ein bisschen interessante Frauenfiguren.

Die sind bei ihm ja immer ein bisschen schwach besetzt.

Nicht immer. Sie könnten aber auch einem Houellebecq-Roman entsprungen sein.

Ach, tatsächlich?

Ja.

Ich wäre so die nervige Kollegin aus der Uni.

Nein.

Wie kommen Sie jetzt darauf?

Eben eingefallen.

Ja, vielen Dank, ich nehme das jetzt mal als ... Sehen Sie, ich bin so milde, ich nehme an, Sie meinen das jetzt nett, aber das weiß ich natürlich gar nicht.

Sie fragen aber gar nicht warum.

Warum ich aus einem Houellebecq-Roman sein könnte?

Ja.

Ja, wieso? Jetzt frage ich.

Hätten Sie auch gefragt, wenn ich nicht gefragt hätte, wieso Sie nicht fragen?

(lacht) Sie haben eine Fährte gelegt und ich habe gar nicht nachgefragt, entschuldigen Sie. Also, legen Sie los, was meinen Sie?

Wenn Sie das Klischee verzeihen, wären Sie der Typus des einsamen Wolfs, noch romantisch, aber auch abgeklärt.

Okay!

Rauchend, aber nicht verbittert.

Okay!

Gerne mal kochend, aber keine wirklich begeisterte Köchin.

Also einsamer Wolf ist toll,wobei ich, wiederum auf Englisch, gern ergänzen würde: I'm a lover, not a fighter. Einsamkeit ist oft unterschätzt. Und sogenannte Liebe wird oft überschätzt. Ich finde wirklich beides ziemlich gut, ich versuche auch immer, das zusammenzubringen, das mit dem Wolf und der Liebe. Rauchend, nicht verbittert, kochend aber keine große Köchin - und was noch, was war noch?

Gedichte lesend, aber nicht mehr mit dem naiven Glauben einfacher Gemüter.

Ok, wobei Prosa mir deutlich lieber ist als Lyrik.

Humorvoll, mit dem Sarkasmus, den man wohl hat, wenn man weiß, wie es sich anfühlt, unten zu sein.

Ach, unten war ich doch nie. Da stand ich allerhöchstens mal wieder als Beobachterin ganz schüchtern am Rand herum. In Wirklichkeit habe ich keine Ahnung davon, wie es ist, unten zu sein. Nie würde ich auch behaupten, Armut selbst erfahren zu haben. Alles, was ich letztlich kennengelernt, und worüber ich dann auch geschrieben habe, ist die Existenzangst einer ganz gewöhnlich, ganz banal prekarisierten Mittelschichtsbewohnerin.

Attraktiv, sonst hätten Sie in einem Roman von Houellebecq als Frau keine wichtige Rolle.

Ja.

Wieviel verdient man eigentlich mit dem Synchronisieren von Pornos?

Das habe ich Mitte der Neunziger mal gemacht, da bekam man pro Take 15 D-Mark, aber man kann das heute ja fast mit dem Euro gleichsetzen, was die Kaufkraft angeht. Das wurde wirklich sehr gut bezahlt, wenn man es als Stundenlohn umrechnet. Ein Take hat ja immer nur ein paar Minuten gedauert. Zu den Pornos muss ich aber auch sagen, dass die zwar als Hardcore galten, die waren aber eigentlich wahnsinnig soft. Die kamen aus Taiwan, mit vielen Erzählungen drum herum, und ich war meist das Zimmermädchen, das zufällig ins Zimmer platzte und dann wieder rausgerannt ist. Die tollsten Momente waren immer, wenn Gefühle an der Stelle im Drehbuch standen. Das hieß, dass die Person sich gerade in einem Akt der körperlichen Verschmelzung befand, keinen Text hatte, aber ab und an den Mund öffnete und gutturale Laute von sich gab. Sie wissen schon, ich könnte es Ihnen jetzt vormachen, aber ... oooh, nein. Dasselbe Unternehmen hat übrigens auch die Ansagen für die U-Bahn in Frankfurt am Main gemacht.

Was wollten Sie mit 16 werden?

Ich wollte zum Theater, Regie oder Schauspielerei studieren. Ich habe auch die Aufnahmeprüfung an der Otto Falckenberg Schule für Schauspiel in München gemacht und kam in die letzte Runde. Aber ein Lehrer sagte dann: Sie sind zu verkopft, machen Sie Regie! Dass es der Text ist, das Sprechen, wie Leute reden und worüber, das war es wohl, was mich interessiert hat. Damit beschäftige ich mich ja heute noch. Aber vor allem wollte ich natürlich erstmal unbedingt von daheim weg.

Und später mal keine Macchiato-Mutter werden.

Das ist ein saublödes Wort, wirklich bescheuert.

Geradezu idiotisch.

Es ist ungefähr so doof, wie Seidenkrawattengelaber.

Seidenkrawattengelaber ist deutlich besser.

Macchiato-Mutter, das ist eines dieser ursprünglich gut gemeinten Versuche, den Klassenfeind zu markieren, so wie der Hipster-Schwabe, der ja auch nur eine Klischeefigur ist. Ich glaube, heute sind wir klüger und wissen, dass die Macchiato-Mutter nicht allein daran schuld ist, dass etwa in Berlin die Mieten so stark steigen, sondern dass es da schon strukturelle Mechanismen anderer Art gibt. Aber ich bin keine Macchiato-Mutter, falls Sie das denken.

Nein, so wirken Sie nicht.

Ja, ich trinke meinen Kaffee immer schwarz.

Sie haben einmal über das Schweigen der Frauen geschrieben. Worüber schweigen Sie?

Ich schweige leider selten, ich rede eher viel, allein Ihnen gegenüber schon. Das kann ich so gar nicht beantworten, worüber ich schweige. Über diese Frage schweige ich.

Denken Sie manchmal, wieso eigentlich nicht im Bett bleiben?

Nein, überhaupt nicht. Ich will immer lieber mal gucken, was so ist, eine Runde um den Block, am besten ohne Agenda und mit Notizblock. Der ideale Zustand ist doch, wenn man im Bett bleiben könnte und trotzdem um die Ecken guckt. Ich will auf gar keinen Fall „flanieren“ sagen, eher „spazieren gehen“.

Schöne Vorstellung: Mit Fritz J. Raddatz im Matrosenanzug über eine Dorfkirmes flanieren, aber das geht ja jetzt nicht mehr.

Sagen wir einfach spazieren gehen. Flanieren hat schon wieder mit einer Inszenierung zu tun für mich, dass man sich des Flanierens irre bewusst ist, vielleicht ist es aber auch einfach ein französisches Wort, das im Deutschen eine andere Note bekommt.

Vagabundieren.

Das wäre die Luxusvariante. Mittel- bis längerfristig angelegt, nicht mal so ne Stunde um die Ecke oder vier Tage durch eine fremde Stadt. Vagabundieren ist toll, da kann man nicht so viel mit sich schleppen. Das wäre die Spur in meinem Leben gewesen, wäre toll, wenn ich mit 80 mal sagen könnte, dass ich das gemacht habe. Ich war immer eine Vagabundin. Aber ich glaube, der Zug ist abgefahren. Mein Radius ist dafür viel zu klein. Ich klebe auch viel zu stark an meinem Hügel, dem Habitus-Hügel, den wir vorhin schon hatten, verstehen Sie? Toll wäre auch frei flottierend, kommt aus der Marine, glaube ich, das mag ich auch.

Schwadronieren.

Wo kommt das eigentlich her?

Ich glaube aus dem Militär. Eine Reiterschwadron, die ausschwirrt, oder eben schwadroniert und schaut, was sich tut.

Und wieso sagt man dann, jemand schwadroniert?

Wenn man schwadroniert, schwärmt man vielleicht ins Ungewisse aus.

Man verläuft sich quasi in seinen eigenen Gedanken.

Tatsächlich stammt Schwadronieren laut Duden aus dem Vokabular des Fechtens - Wildes Fuchteln mit dem Säbel oder dem Degen, um die Feinde abzuhalten

Oder man vergaloppiert sich.

Ja, das neigt ja mit einem kleinen Fußzeh schon in den Freud' schen Versprecher. Sich vergaloppieren, sich um Kopf und Kragen reden, sich verplappern, verhaspeln und so weiter. Kann passieren. Mir passiert's oft. Wenn man immer wieder mit Dingen herausplatzt, die man vielleicht besser nicht sagen sollte …

Sind Sie gerne Katja Kullmann?

Sagen wir mal so, ich kann's so leicht nicht ändern und finde es allgemein schon total toll, existent zu sein, ich bin unglaublich gern am Leben. Bei mir ist es so, ich bin ja jetzt in einem gewissen Alter und habe eben begriffen, dass das alles hier endlich ist. Wissen Sie, das Leben, so wie wir es hier haben, ist doch wie ein Pauschalurlaub, man hat eben gebucht und auch schon dafür bezahlt. Jetzt ist man also hier, und das Essen ist schlecht, die Animation ist beschissen, das Bett ist härter als gedacht, aber man kann sich dazu entscheiden, etwas daraus zu machen, wenn man schon mal da ist … Irgendwann ist es ja auch wieder vorbei.

Es gibt also diese Entscheidung bei mir: eben mitzumachen. Das macht mir Spaß, und das finde ich sehr interessant. Ich finde alles Mögliche total interessant, sich verlaufen, sich verlieben, sich irren, überraschend etwas finden, alles, was einem so passiert, der ganze Zirkus.


Aufmacherbild: katjakullmann.de