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Das hätte ich wissen müssen, um nicht süchtig zu werden

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Das Ding des Monats
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Das Ding des Monats
Manchmal verraten der Overheadprojektor und die Freibadpommes mehr über die großen Zusammenhänge unserer Zeit als die lange Analyse. Diesen Dingen widmen wir diese Serie.

Immerhin nehme ich kein Kokain. Es hätte mich also schlimmer treffen können. Ich habe auch noch nie Tabletten geschmissen. Gras: früher mehr, heute nur noch ein- bis zweimal im Jahr. Alkohol: Verzichte ich gerade einen Monat drauf und habe bisher kein Problem damit. Ich bin kein Suchtmensch.

Das habe ich mir zumindest lange eingeredet. Aber: Es stimmt nicht. Es gibt da etwas, von dem ich nicht mehr loskomme.

Seit Jahren sorge ich vorausschauend dafür, dass ich immer etwas von dem Stoff da habe. Und wenn ich mal nichts habe, bekomme ich leichte Panik: Irgendwo muss ich es noch herbekommen, bevor ich schlafen gehe. Am schlimmsten ist es an Sonntagen, wenn ich genau weiß: Heute bekomme ich nichts. Wenn ich ins Restaurant gehe und das Zeug vergessen habe, frage ich meinen Mitbewohner, der später nachkommt, ob er es mir mitbringen kann. Wenn ich mit Freunden abhänge, nehme ich es. Aber nur auf der Toilette, heimlich, in großer Runde ist es mir peinlich; ich muss mich dann immer erklären. Und zuhause nehme ich es sogar nachts, wenn ich aufwache. Der Stoff steht neben meinem Bett, in Reichweite, auf dem Nachttisch. Ich greife zu, auch im Dunkeln treffsicher. Und ganz automatisch.

Ich kann nicht mehr ohne.

Der herbeigesehnte Zustand: ein freier Atem. Die Substanz: Nasenspray. Wer schon mal stark erkältet war (das sind ja derzeit irgendwie alle?), kennt das Gefühl: Die Nase schwillt zu, das Atmen fällt schwer, das Schlafen auch. Man geht in die Apotheke und holt sich ein Nasenspray. Endlich Freiheit!

Was bei anderen nur zwei-, dreimal im Jahr vorkommt und nach dem Schnupfen wieder vorbei ist, ist für mich Alltag. Ohne Nasenspray kein freier Atem.

Mittlerweile frage ich mich: Wie konnte es so weit kommen? Hätte ich es verhindern können? Wie vielen geht es so wie mir? Und wie komme ich von dem Zeug wieder runter (ich bin ja schließlich kein Suchtmensch)?

Hätte ich die Antworten auf diese Fragen vorher gewusst – ich wäre tausendmal vorsichtiger gewesen. Deshalb kommt hier für alle, denen es so geht wie mir, aber auch und vor allem für jene, denen es nicht so geht wie mir (euch kann es auch erwischen!): eine Packungsbeilage, wie ich sie vor Jahren hätte lesen müssen. Von mir, adressiert an einen Vergangenheits-Bent, der von seiner Abhängigkeit noch nichts ahnte.

1. Warum Nasenspray dir so gut tut

Lieber Vergangenheits-Bent, noch sind wir mitten in der Erkältungssaison. Zwar haben sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich weniger Menschen erkältet als in den Jahren zuvor (frag einfach nicht, wieso) – trotzdem schnieft und räuspert und hustet Deutschland gerade vor sich hin. Du solltest wissen, was genau dabei in deinem Körper passiert.

Bei einem Schnupfen schwellen die Schleimhäute in der Nase so an, dass sie verstopfen. Wenn du in die Apotheke gehst und dir Nasenspray kaufst, machst du erstmal alles richtig. In den meisten Nasensprays ist nämlich Xylometazolin enthalten. Das ist der Wirkstoff, den dein Bruder während seiner Ausbildung zum Chemielaboranten plötzlich flüssig aussprechen konnte. Xylometazolin imitiert die Reaktion des sympathischen Nervensystems – ein Alarmsystem, das bei Gefahr Adrenalin ausschüttet. Dein Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, ziemlich aufregend, so eine Erkältung.

Vor allem aber sorgt es dafür, dass sich deine Blutgefäße in den Schleimhäuten der Nase zusammenziehen und die Schwellung zurückgeht. Der Rausch des Erkälteten: Du kannst wieder frei atmen.

Jedes Jahr kaufen die Menschen in Deutschland deshalb rund 52 Millionen Sprühflaschen Nasenspray. Mehr als 20 Millionen Packungen mit dem Wirkstoff Xylometazolin verkauft allein der Marktführer Ratiopharm.

2. Warum die Apothekerin dich so nervt

Immer wenn du dir ein Nasenspray in der Apotheke kaufst, weist dich die Apothekerin darauf hin, dass du es maximal eine Woche lang benutzen solltest. Du wirst in den nächsten Jahren unzählige Apotheker:innen in Deutschland anlügen und antworten: „Ah, nur eine Woche, alles klar, geht in Ordnung.“ Aber Bent: Sie hat recht.

Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 100.000 Menschen in Deutschland abhängig sind von Nasenspray. Diese Zahl steht überall, niemand weiß, woher sie eigentlich kommt und verifizieren kann sie auch niemand. Manche gehen eher von einer Dunkelziffer von einer Million aus. Laut einer Befragung der Krankenkasse Pronova BKK haben 19 Prozent aller Deutschen Nasenspray „immer schnell zur Hand“ (zum Vergleich: 43 Prozent geben das für Kopfschmerztabletten an).

Dabei beeinflusst Nasenspray nicht die Psyche, wie etwa Kokain, Cannabis oder Alkohol. Es verliert vielmehr an Wirkung. Das Problem mit Xylometazolin ist: Wenn du es länger als die berühmte Woche in deine Nase sprayst, kommt es zum so genannten Rebound-Phänomen (oder Teufelskreis, wie ich es nenne): Je häufiger wir Nasenspray benutzen, umso schneller lässt die Wirkung nach und umso schneller benötigen wir eine neue Dosis.

Wie bei Drogen musst du die Dosis irgendwann erhöhen. Denn die Schleimhäute schwellen immer schneller an, sobald die Wirkung nachlässt. Irgendwann hilft aber auch die nicht mehr und es kann zu einem chronischen Schnupfen kommen.

Du wirst diesen chronischen Schnupfen bekommen, lieber Bent. Du wirst sogar auf dem Aufnahmebogen in Arztpraxen unter Sonstige Erkrankungen angeben, dass du an einer chronischen Sinusitis leidest. Chronisch kranker Bent.

3. Was für Folgen deine Abhängigkeit hat (und noch haben kann)

Ab jetzt wird es hart. Und teilweise eklig. Aber, hey, du hast mich in diese Situation gebracht, also musst du da durch.

Denn dass du immer ein Nasenspray dabei haben musst, es also ständig in deinem Kopf rumgeistert, ist nur die harmloseste Folge deiner Abhängigkeit. Deine Welt wird auch ein bisschen grauer. Dein Geruchs- und Geschmackssinn werden beeinträchtigt. Davon bekommst du als Betroffener zwar selbst nichts mit, aber das sagen HNO-Ärzt:innen.

Deine Nase kann sich durch die Abhängigkeit außerdem schlechter reinigen und ist oft entzündet. Die Flimmerhärchen in der Nase, die eigentlich den Schleim abtransportieren sollen, werden zerstört. Viren und Bakterien können leichter eindringen und die Wahrscheinlichkeit, häufiger krank zu werden, steigt. Mein Gott, du wirst häufig erkältet sein! In den vergangenen sechs Wochen allein dreimal! Und es ist immer die Nase, immer!

In schlimmen Fällen kommt es durch die Abhängigkeit zum regelmäßigen Fluss von Sekret aus der Nase in den Rachen. Du wirst ein solcher Fall sein. Du wirst dich deshalb ständig räuspern. Das geht dir ziemlich auf die Nerven und ich könnte wetten, dass dein Umfeld nur zu nett ist, um dir zu sagen, dass es ihm auch auf die Nerven geht. Und weil deine Nase trotzdem zu trocken sein wird (das Xylometazolin trocknet die Schleimhäute auf Dauer aus), wirst du sie ständig rümpfen. Das sieht komisch aus. Deinem Umfeld fällt das auch auf.

Und, Bent, du musst jetzt stark sein. Guck dir diese Schlagzeile mal an:

Schlagzeile: "Nasenspray frisst riesiges Loch in Franziskas Nase"

Quelle: RTL News

Okay, so schlimm ist es bei dir noch nicht. Das diente hier nur zur Abschreckung, fair enough.

Tatsächlich wird durch die regelmäßige Versorgung mit Xylometazolin aber auch der Nasenknorpel schlechter durchblutet. Das Gewebe stirbt ab, es bildet sich ein Loch in der Nasenscheidewand, wie bei Franziska. Die Arme.

Wenn du nicht irgendwann runterkommst von dem Zeug, könntest du Besitzer einer sogenannten Stinknase werden. Es gibt nämlich Bakterien, die sich in einer angegriffenen Nase richtig wohlfühlen, vor allem an verkrusteten Stellen. Sie produzieren als Abfallprodukt ein Gas, das so brachial stinkt, dass Leute dir nicht näher kommen wollen als eineinhalb Meter. In manchen globalen Notsituationen wären diese eineinhalb Meter Abstand zwar sehr praktisch (das kannst du noch nicht verstehen, Vergangenheits-Bent), aber vor allem sind sie sozial sehr unangenehm.

4. Wie du deine Nasenspraysucht wieder los wirst

Eines dürfte dir mittlerweile klar sein, lieber Vergangenheits-Bent: Du hast die Nasenspraysucht unterschätzt. Weil sie offiziell auch nicht als Sucht gelistet wird. Aber auch, weil wir generell Süchte unterschätzen.

Wer süchtig ist, schläft morgens mit der Flasche Wodka im Arm ein oder macht regelmäßig Entzüge. Setzt sich Spritzen und sitzt im Stuhlkreis. Lässt noch mehr Geld im Casino und denkt dabei: „Ach, einmal kann ich Oma noch anpumpen.“

So das Bild. Aber Süchte sind subtiler. Sie verstecken sich, und die Süchtigen verstecken sich gleich mit. Sechs von sieben Abenden in der Woche Bier trinken? Ist doch gesellig! Jeden Tag zehn Stunden am Handy hängen? So ist halt die digitale Welt. Fünfmal die Woche Gras rauchen? Wird man schon drauf verzichten können. Jeden Tag dreimal Nasenspray benutzen? Immerhin kein Kokain.

Du wirst diese Sucht irgendwann aber loswerden wollen, vertrau mir. Schon allein, um keine Stinknase zu werden.

Hier sind die besten Tipps, die ich recherchiert habe:

  1. Die Radikale Entwöhnung: Sofort weg mit dem Zeug! Stattdessen nimmst du nur noch ein Spray mit Meersalzlösung. Dass du diese Methode durchhältst, ist aber sehr unwahrscheinlich.
  2. Die Dosis verringern: Das solltest du sofort tun. Wenn du überhaupt noch Spray benutzt, dann eins für Kinder oder sogar Babys. Die haben eine viel geringere Dosierung des Wirkstoffes Xylometazolin.
  3. Die Ein-Loch-Taktik: Damit du nicht komplett auf die Luftzufuhr verzichten musst (atmen ist sehr praktisch), kannst du zunächst versuchen, für lediglich ein Nasenloch auf das Spray zu verzichten. Wenn es diesem Loch wieder besser geht, ist das andere dran.
  4. Das Cortisonspray: Du solltest auch zu einem HNO-Arzt gehen. Der kann dir ein Cortisonspray verschreiben. Das wirkt zwar nicht abschwellend, hemmt aber die Entzündungen deiner Schleimhäute. Du bekommst es mittlerweile zwar auch ohne Rezept in der Apotheke, aber der Blick einer Ärztin schadet nie.
  5. Die Schleimhaut feucht halten: Bei all diesen Methoden gilt: Eine feuchte Schleimhaut ist dein Freund. Du kannst morgens eine Pflegesalbe benutzen und abends eine Nasendusche.

Am besten soll es sein, mehrere dieser Methoden zu kombinieren. Dann, heißt es, kannst du es innerhalb von sechs bis acht Wochen schaffen, das Nasenspray links liegen zu lassen.


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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