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Endemie bedeutet nicht, dass alles wieder wird, wie es war

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Eine Eigenschaft von Pandemien ist, dass sie sehr dynamisch verlaufen. Das macht es so anstrengend, in pandemischen Zeiten zu leben: Ständig müssen alle ihr Verhalten an neue Bedingungen anpassen, altes Wissen über Bord werfen und neu dazulernen.

Mit Omikron hat sich die Dynamik der Pandemie (schon wieder) stark verändert. Diese Variante ist so ansteckend, dass sich innerhalb von zwei Monaten die Hälfte der europäischen Bevölkerung infizieren wird. Damit rechnet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Omikron bringt zwar nach allem, was derzeit bekannt ist, weniger Menschen auf Intensivstationen und an Beatmungsmaschinen. Das ist erstmal eine gute Nachricht. Doch allein die schiere Anzahl an Infektionen bedeutet, dass durch Omikron rein rechnerisch mehr Menschen innerhalb kurzer Zeit ins Krankenhaus müssen als durch Delta.

Die Rate der Krankenhauseinweisungen hängt stark davon ab, wer sich ansteckt. Laut Wochenbericht des Robert Koch-Instituts vom 13. Januar 2022 wurden auf dem Höhepunkt der Deltawelle im Herbst 2021 sechs mal so viele Ungeimpfte im Krankenhaus behandelt wie Geimpfte. Für die Belastung des Gesundheitswesens ist entscheidend, dass die Impfquote bei den über 60-Jährigen möglichst hoch ist. Auf dem Höhepunkt der Deltawelle lag die Hospitalisierungsinzidenz bei den ungeimpften unter 60-Jährigen bei 14 pro 100.000 und bei den ungeimpften über 60-Jährigen bei 60 pro 100.000. Da die Impfung auch Kinder und jüngere Erwachsene vor Komplikationen wie PIMS (einem Entzündungssyndrom, das Organe schädigen kann) und Long Covid schützt, sagt die Impfquote auch etwas über die langfristigen Belastungen für das Gesundheitswesen aus.

Das heißt: Die Gefahr, dass das Gesundheitswesen überfordert wird, ist durch Omikron gestiegen, während gleichzeitig das Risiko für jeden Einzelnen, durch Omikron schwer zu erkranken, gesunken ist.

Diese Aussage liest sich zunächst wie ein Paradoxon. Weil sie sich scheinbar widerspricht. Es ist aber so: Für die Einschätzung, wie gefährlich die Pandemie letztlich ist, muss auf zwei Ebenen gedacht werden. Auf der einen Seite geht es um das individuelle Risiko, schwer zu erkranken – auf der anderen Seite muss das Risiko für die Gesellschaft mitbedacht werden, durch die Anzahl und Schwere der Erkrankungen Schaden zu nehmen. Beide Betrachtungen gehören zusammen. Wer nur eine Seite bedenkt, hat die Zusammenhänge nicht richtig verstanden.

Wissenschaftler:innen weisen darauf hin, dass die hohe Infektiosität von Omikron Vorteile auf der gesellschaftlichen Ebene haben könnte. Denn wenn sich so viele Menschen so schnell infizieren, führt das über kurz oder lang in eine neue Phase der Pandemie: die Endemie.

Endemie heißt, dass eine Krankheit in einer bestimmten Region ständig präsent ist und die betroffene Bevölkerung damit umgehen kann. Ich schreibe an dieser Stelle bewusst könnte, also bewusst vage, weil niemand zum jetzigen Zeitpunkt weiß, wie lange es noch dauern wird, bis die Endemie bei Sars-Cov-2 wirklich erreicht ist. Denn Omikron wird bestenfalls zur Endemie von Omikron führen – nicht zwangsläufig zur Endemie von allen noch kommenden Varianten, die vorherrschend werden und die mühsam erreichte Immunität in der Bevölkerung (zum Teil) umgehen können.

Doch was genau bedeutet es, wenn ein Erreger endemisch wird, sich also einreiht in die Fülle der Viren, die bei uns heimisch sind und mit denen wir leben?

Endemie heißt nicht, dass eine Krankheit harmlos wird

Charles Kenny, ehemaliger Direktor des Zentrums für globale Entwicklung in den USA, hat vor einem Jahr ein Buch veröffentlicht mit dem Titel The Plague Cycle (Der Kreislauf der Pest). Darin beschreibt er, wie Menschen im Laufe der Geschichte mit Infektionskrankheiten umgegangen sind. Wenn klar wurde, dass es entweder unvermeidlich war, sich anzustecken oder dass ein Erreger endemisch wird, begannen sie, die Krankheit anders zu bewerten: Sie fingen an, sie als als einen normalen Teil ihres Lebens zu betrachten.

Der Begriff Endemie sagt nichts darüber aus, wie harmlos eine Erkrankung ist. Eine endemische Krankheit kann immer noch eine gefährliche sein, die viele Menschen tötet. Tuberkulose ist ein Beispiel dafür. Der Unterschied zur Pandemie ist in der Regel, dass sie es über einen längeren Zeitraum tut. Es kommt dann nicht mehr zu extremen Erkrankungsgipfeln und damit zu einer hohen Krankheitslast in den Krankenhäusern und zu vielen Toten innerhalb kurzer Zeit.

Trotz Endemie können die Inzidenzkurven immer noch dramatisch verlaufen. Der Unterschied ist nur: Solange die Immunität in der Bevölkerung in einem solchen Maße ausgebildet ist, dass das Gesundheitswesen nicht kollabiert und die Zahl der Toten die gesellschaftliche Akzeptanzschwelle nicht übersteigt, werden die Menschen die Krankheit nicht für bedrohlich genug halten, um Einschränkungen im Alltag mitzutragen. Die gefühlte Freiheit nimmt zu, die Menschen vernachlässigen die Schutzmaßnahmen.

Zurzeit passiert mit Corona genau das: Covid wird von immer mehr Menschen als nicht mehr so bedrohlich wahrgenommen wie am Anfang der Pandemie. Viele verbinden mit Omikron milde Krankheitsverläufe. Gleichzeitig denken viele, dass sich eine Ansteckung mit Omikron sowieso nicht vermeiden ließe. Zusätzlich gibt es weniger einschränkende Eindämmungsmaßnahmen im Vergleich zum Winter 2021. Auch, weil inzwischen die meisten Menschen mindestens zweimal geimpft sind. Alles zusammen führt dazu, dass Omikron als weniger gefährlich wahrgenommen wird, obwohl die Variante zu sehr hohen Inzidenzen führt.

Die WHO klassifiziert einen milden Verlauf als einen, bei dem keine künstliche Beatmung nötig wird. Ein milder Verlauf kann demnach auch einen Krankenhausaufenthalt nötig machen. Das heißt, ein solcher Verlauf kann so schwere Atemnot und Sauerstoffmangel hervorrufen, dass die Gefahr von ernsten Organschäden besteht.

Endemie heißt: Man muss sich permanent um eine Krankheit kümmern

Wie hoch die Krankheitslast sein darf, sodass sie noch zu tragen ist, und wie viele Tote die Gesellschaft ethisch für vertretbar hält, muss sie mit sich selbst aushandeln. Diese Aushandlung wird stark von den Ressourcen geprägt: Wie viel Impfstoff gibt es? Wie viele Kranke können geheilt werden? Wie viele angemessen behandelt werden, weil es wirksame Medikamente gibt?

Außerdem spielt die Verteilung der Krankheitslast eine Rolle. Wer erkrankt und welche gesundheitlichen Schäden bleiben bei wem langfristig bestehen?

Die Debatte über das ethisch Vertretbare wird bereits seit Beginn der Pandemie geführt. Eine bekannte Folge dieser Debatte ist die Aufspaltung der Gesellschaft in Meinungslager. Beim beliebten Vergleich mit der Grippe geht es meistens um ein zentrales Argument: Um die Grippe kümmern wir uns nicht weiter, so sollte es auch bei Covid sein.

Doch dieses Argument ist falsch. Um die Grippe kümmern sich nämlich ständig unzählige Menschen. Jedes Jahr. Die ganze Zeit.

Die Grippe ist endemisch – und macht viel Aufwand

Das Grippevirus verändert sich schnell. Labore rund um Welt analysieren diese Veränderungen permanent, um wirksame Impfstoffe gegen die jeweils vorherrschenden Grippestämme zu entwickeln. Diese Stämme ziehen von Osten nach Westen um den Globus. Wenn Ende Februar die Hochphase der Grippe in Europa beginnt, sind Wissenschaftler:innen bereits damit beschäftigt, die Impfstoffe für die nächste Saison vorzubereiten. Die Wirksamkeitsstudien für die Impfstoffe sollten spätestens im August jeden Jahres fertig sein, damit der Impfstoff rechtzeitig von den Arzneimittelbehörden zugelassen werden kann.

Zu dieser Zeit laufen die Produktionsanlagen bereits auf Hochtouren, um den Impfstoff vor Saisonbeginn ausliefern zu können. Die dafür notwendige Impfkampagne startet ebenfalls im Sommer. Ab Herbst sind die Arztpraxen damit beschäftigt, die ältere Bevölkerung gegen die aktuellen Grippestämme zu impfen. Nicht alle Menschen, die sich impfen lassen sollten, folgen der Empfehlung. Das ist ein Grund, warum im Winter und Frühjahr trotzdem viele krank werden und sterben.

Die meisten jüngeren Menschen bekommen von der Grippesaison nicht viel mit, obwohl sich auch viele Jüngere anstecken. Da das Immunsystem den Erreger bereits in der Kindheit kennengelernt hat und wirksame Waffen entwickelt hat, bricht die Erkrankung in jüngeren Jahren nur bei wenigen aus (im Unterschied zu einer Erkältung fühlst du dich bei einer Grippe, als ob dich ein Zug überfährt). Trotzdem ist die Grippe für die Gesellschaft als Ganzes nicht ungefährlich. Es sind permanent Anstrengungen nötig, um die Zahl der Grippeopfer möglichst klein zu halten. Das kostet Zeit, Kraft und Geld.

Die Politik hat 2020 entschieden, ob Sars-Cov-2 endemisch wird oder verschwindet

Die Frage ist nicht, ob wir mit Corona leben müssen. Wir müssen es, ganz klar. Die Frage ist, wie viel Schaden wir auf dem Weg zur Endemie akzeptieren wollen. Und wie viel Schaden wir akzeptieren, wenn das Virus endemisch ist. Welchen Preis sind wir bereit zu zahlen? Wie viele Tote und chronisch Kranke finden wir okay?

Diese Fragen sind sehr schwer zu beantworten. Deshalb hofften viele Public-Health-Expert:innen zu Beginn der Pandemie, dass sich Regierungen weltweit für eine Ausrottungsstrategie entscheiden. Sie hat langfristig Vorteile, weil die Krankheit verschwindet und so das Gesundheitswesen und die Wirtschaft nicht belastet. Manche Länder haben das versucht und sind bei einer mehr oder weniger erfolgreichen Niedriginzidenzstrategie gelandet, zum Beispiel Australien. Doch Omikron setzt an, diese Länder zum Richtungswechsel zu zwingen. Denn die vielen Staaten, die sich – freiwillig oder nicht – für Flatten the Curve (Eindämmung statt Ausrottung) und damit für eine irgendwann einsetzende Endemie entschieden haben, bestimmen den Verlauf der Pandemie. Da dort das Virus weiter zirkuliert, kann es jederzeit mit dem nächsten Flugzeug in ein Land einreisen, in dem es zuvor keine Fälle gab. Und es kann mutieren. Es ist gut möglich, dass nun Omikron die endemische Phase an vielen Orten der Welt einleitet. Es kann aber auch sein, dass nach Omikron Varianten auftauchen, die uns in der Pandemie wieder ein großes Stück zurückwerfen, zum Beispiel, weil die vorhandenen Impfstoffe nicht mehr gut genug gegen neue Varianten wirken.

Corona hat unseren Alltag verändert. Viele fragen sich, wann es wieder so wird wie vor Covid. Die Antwort ist: im schlechtesten Fall nie.

Die WHO geht davon aus, dass für eine unbestimmte Zeit Impfungen plus weitere Maßnahmen nötig sein werden. Eine Gruppe von Wissenschaftler:innen beschreibt im British Medical Journal, wie das aussehen müsste. Das Konzept heißt Impfung plus. Es bedeutet: Impfung plus Aerosolmanagement und Masken. Impfung plus Tests, Fallnachverfolgung und Quarantänemaßnahmen. Impfung plus finanzielle Unterstützung für Menschen, die in wirtschaftliche Not geraten.

Heimisch gewordene Krankheiten bedeuten für eine Gesellschaft immer, dass sie sich darum kümmern muss, um Prävention und Behandlung. Wenn es wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt, ist so eine Krankheit im Alltag für die meisten dann kaum spürbar. Was Covid angeht, haben wir diesen Zustand aber noch nicht erreicht.


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Bent Freiwald, Bildredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Iris Hochberger

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