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„Gibt es ein Leben vor dem Tod?”

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„Gibt es ein Leben vor dem Tod?” Das ist eine der besten Fragen, die ich dieses Jahr gehört habe. Dr. Ellen Langer ist Psychologie-Professorin in Harvard und sie stellt sie in diesem Podcast. Langer hat vierzig Jahre Erfahrung in ihrem Beruf, zu ihren Fachgebieten gehören Kontrollillusion (die menschliche Tendenz, Dinge für kontrollierbar zu halten, die es objektiv nicht sind), Entscheidungsfindung, Altern und Achtsamkeit. Sie sagt, viele Menschen interessiert es sehr, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Aber was ist mit dem davor? Mit anderen Worten: Wie sehr leben wir?

Die meisten Menschen verbringen ihr Leben eher auf Autopilot, meint Langer. „Die meisten sind nicht wirklich da”, sagt sie. 

Mit „da” meint sie: nicht körperlich präsent, sondern geistig. Mehr noch: „Sie sind nicht da genug, um zu wissen, dass sie nicht da sind.” Das heißt also, wir merken noch nicht einmal, dass wir abwesend sind.


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„Stell dir vor, dass du mit dem Auto unterwegs bist und an der Ausfahrt 28 abfahren willst. Plötzlich siehst du, dass du schon an der Ausfahrt 36 bist. Die 28 ist längst vorbei, aber du hast sie noch nicht mal gesehen.  Und dann fragst du dich: „Wow, wo war ich?” 

„Sei im Hier und Jetzt!” – kaufe ein Yogatop

Zugegeben, dafür muss man schon ziemlich weggetreten sein. Aber in einer milderen Form sind wir das ständig. Das sagt nicht nur Langer, sondern das denken eigentlich alle, die das Thema Aufmerksamkeit erforschen. Wahrscheinlich hat dieser Zustand dank Corona noch zugenommen, weil die Tage für viele beschränkter und eintöniger geworden sind. Ich finde es immer etwas verstörend, Menschen zu beobachten, die geistesabwesend durch ihre Handys scrollen. „So sehe ich also auch aus”, denke ich dann. Und das soll das Leben vor dem Tod sein?

Sprüche wie „Sei im Hier und Jetzt!” sind ja leider zu billigen Instagram-Kacheln verkommen. Wenn ich so etwas lese, denke ich sofort, dass mir jemand schon wieder ein Yoga-Top aus Bambus verkaufen will. Aber Langers Frage hat mich daran erinnert, dass Achtsamkeit mehr ist als ein Buzzword. Dass es zum Beispiel wertvoll ist, den Menschen wirklich zu sehen, mit dem man gerade spricht, oder sich in Pausen nicht ständig abzulenken (und sei es mit Achtsamkeits-Podcasts). Ein kluger Mensch hat mir einmal gesagt: „Alles ist interessant, wenn man sich dafür interessiert.” Ich finde das einen viel besseren Rat als das vielbeschworene im-Moment-sein. Denn was ist Interesse, wenn nicht konzentrierte Aufmerksamkeit? 

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass selbst eine nicht besonders spektakuläre Pflaume in einem Moment der Konzentration unfassbar großartig sein kann.

Ein Problem ist, dass das Leben uns bekannt vorkommt 

Was nicht heißen soll, dass das Leben nur dann intensiv genug ist, wenn man stundenlang bedächtig jede Rosine in seinem Müsli kaut oder beim E-Mail-Schreiben super-achtsam dem Klacken der Tastatur lauscht (ich würde ja gerne, aber dann wäre diese Mail alles, was ich heute schaffe). Langer sagt, ein Grund für den Autopilot sei, dass uns das Leben bekannt vorkommt. „Wir haben eine Illusion von Stabilität. Wir glauben, dass die Dinge statisch bleiben. Wenn man etwas also einmal gesehen hat, braucht man nicht weiter darauf zu achten.” Das hilft beim Navigieren durchs Leben – aber es läuft dann eben automatisch.

An diesem Punkt würde ich gerne das perfekte Gegenmittel  empfehlen, aber ich habe keins (auch nicht Meditation.) Ich fände es blöd, so zu tun, als gäbe es eins. 

„Gibt es ein Leben vor dem Tod?” ist einfach eine sehr gute Frage. Gerade gegen Ende eines Jahres, wenn man nicht daran vorbeikommt, ein bisschen Bilanz zu ziehen. Ich finde, die Frage hilft dabei. 


Schlussredaktion: Esther Göbel, Audioversion: Christian Melchert

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