© Getty Images / insta_photos

Es rappelt im Karton: Warum Pappe auf einmal so viel wert ist

Autorinnen des Artikels
etwa 8 Min. Lesedauer

Manches wissen Katzen und Kinder einfach besser als Erwachsene. Sie sind Meister des Müßiggangs. Sie können fallen, ohne sich wehzutun. Und: Sie haben den wahren Wert von Kartons erkannt.

Während viele von uns leere Kartons achtlos in die Ecke stellen und später wegschmeißen, sind sie für Kinder ein Multifunktionsspielzeug – wahlweise Hausboot, Rennauto oder Hut. Katzen wiederum inspizieren den Karton eingehend und besetzen ihn dann.

Katzen und Kinder wissen schon lange, was vielen Erwachsenen gerade erst klar wird: Kartons sind wertvoll. So wertvoll, dass wir es mit einer waschechten Krise zu tun haben.

Seit einem Jahr steigen die Preise für Pappe, es wird immer schwerer, neue Kartons zu bekommen. Der Bedarf ist explodiert. Immer mehr Menschen kaufen online ein, lassen sich zuschicken: Hafermilch, Fernseher, Tierfutter. Alles in Kartons. Die Menschen in Deutschland ließen sich im ersten Pandemiejahr knapp 20 Prozent mehr Pakete liefern als im Jahr zuvor. Traditionell erreicht die Paketewelle ihren Scheitelpunkt genau jetzt, in den Tagen vor Weihnachten.

Angesichts der anderen Großkrisen könnte uns die Kartonkrise recht egal sein. Aber anhand dieses unscheinbaren, braunen Zeugs lassen sich mehrere Trends unserer Zeit verstehen – und vielleicht, ganz vielleicht beginnt mit der aktuellen Krise etwas, was sowieso irgendwann passieren muss: dass Liefern lassen ökologischer wird. Ein wichtiges Puzzleteil dieser Lösung: die Kartons.

Ein Gebrauchtkartonhändler bekommt immer mehr Anfragen

Johannes Schecklmann in der Oberpfalz ist jemand, der Kartons seit 15 Jahren besser wiederverwertet. Ein Bekannter importierte damals Waren aus dem Ausland, packte sie einzeln in kleinere Kartons und verschickte sie innerhalb von Deutschland. Die Kartons, in denen die Ware ursprünglich ankam, blieben einfach übrig und Schecklmann dachte sich: „Das ist ja Wahnsinn, was bei dem Kartons rumliegen!“

Also fing Schecklmann an, gebrauchte Kartons über Ebay zu verkaufen. Das lief sehr gut und er gründete ein Unternehmen. Der Ebay-Name aus Jugendzeiten „Müa“ blieb. „Vielleicht nicht der beste aus Marketingsicht“, sagt Schecklmann heute. Die Anfragen kommen trotzdem – inzwischen sind sie zu acht in der Firma.

Die Kartons von Müä sind zum Beispiel Umverpackungen, also Kartons, die Händler nur zum Transport verwenden – viele schmeißen sie einfach weg, manche verkaufen sie an Unternehmen wie Müä. Außerdem bekommt Müä Kartons von Herstellern, die etwa eine falsche Größe produziert haben. Die können sie nicht verkaufen und müssten sie sonst wegschmeißen.

Bei Müä kaufen immer mehr kleine und mittlere Versandhändler ein. Das Geschäft boomt. Gerade hat Johannes Schecklmann noch einen neuen Mitarbeiter einstellen können. Die kleine Oberpfälzer Firma profitiert von einer globalen Krise, die sich an den Häfen Chinas und den Küsten Brasiliens entfaltet. Um zu verstehen, wie das sein kann, müssen wir uns Kartons mal anschauen – ganz genau.

Einige Papier-Rohstoffe kommen übers Meer nach Deutschland

Viele Kartons bestehen aus Wellpappe. Wenn du auf die Kante von so einem Wellpappen-Karton schaust, siehst du, dass er aus mehreren Schichten besteht. Manchmal sieht das aus wie ein Sandwich: Zwei gerade Linien außen und in der Mitte eine Welle. Um den Karton herzustellen, braucht die Kartonindustrie Wellpappen-Rohpapier. Das produzieren die Papierhersteller.

Dafür verwenden sie zu etwa zwei Dritteln Altpapier. Der Rest ist hauptsächlich Zell- und Holzstoff, beides wird aus Holz hergestellt. Nach Angaben des Verbands „Die Papierindustrie“ kommt der größte Teil des Zellstoffs aus Brasilien. Und der ist, genau wie viele andere Dinge, von der Krise der globalen Lieferketten betroffen.

Durch die Pandemie konnten die Menschen weniger in den Urlaub fahren, Ausflüge machen, ins Restaurant gehen (muss ich dir ja nicht erzählen). Wir saßen zu Hause, hatten viel Zeit, haben unsere Wohnungen umgeräumt. Deshalb stieg die Nachfrage nach physischen Dingen. Und die haben oft Schiffsreisen um die halbe Welt hinter sich, bevor sie bei uns ankommen. Schiffe sind also gerade sehr begehrt. Gleichzeitig schließt zum Beispiel China immer wieder Häfen wegen einzelnen Corona-Fällen.


Mehr zum Thema:


Zwischenzeitlich lagen 130 Containerschiffe aus aller Welt vor einem chinesischen Hafen vor Anker. Und wenn Schiffe auf dem Meer festsitzen, fehlen sie natürlich woanders. All das führt dazu, dass die Unternehmen mehr Geld zahlen müssen, um ihre Waren übers Meer zu schippern.

Das gilt auch für die Zellstoffhersteller in Brasilien. Im März schockte das Wirtschaftsmagazin Bloomberg mit der Nachricht: „Klopapier wahrscheinlich das nächste Opfer der Welt-Container-Krise.“ Der größte Zellstoffhersteller in Brasilien hatte von Lieferschwierigkeiten berichtet. Es standen nicht genug Schiffe zur Verfügung. Zum Glück hat das in Deutschland niemand mitbekommen: Denn Klopapier-Panikkäufe hatten wir ja nun wirklich genug.

Mehr Menschen bestellen und die Nachfrage nach Kartons schießt nach oben

Auf der einen Seite wurden also die Rohstoffe teurer wegen Problemen in der Lieferkette. Auf der anderen Seite ging die Nachfrage nach oben. Die vielen Dinge, die Menschen bestellen, die in ihren Wohnungen festsitzen, kommen in Kartons an. Für diese Kartons wiederum braucht man Papier.

Und, wenn du dich erinnerst, Holz- und Zellstoff sind nur ein kleinerer Teil der Rohstoffe. Vor allem brauchen die Papierhersteller Altpapier. Die Nachfrage schoss also in die Höhe und damit auch die Kosten. Laut dem Statistischen Bundesamt hat sich der Preis für gemischtes Altpapier von Oktober 2020 bis Oktober 2021 verdreifacht.

Der Lebensweg des Kartons- vom Altpapier über das Wellpapenrohpapier zum Karton und über den Versandhandel wieder ins Altpapier

© KR/ Till Rimmele

Außerdem brauchen die Papierhersteller Energie, um ihre Maschinen zu betreiben. Und auch die Energiepreise sind gestiegen. All das führt dazu, dass die Papierproduktion deutlich teurer wird und damit auch das Wellpappen-Rohpapier.

Die Kartonhersteller müssen ihr Wellpappen-Rohpapier also zu viel höheren Preisen einkaufen. Gegenüber dem Branchendienst Euwid spricht ein Produzent von elf Preiserhöhungen in 13 Monaten.

Die Hersteller haben aber oft Verträge, die ein Quartal oder sogar ein halbes Jahr lang laufen. Höhere Preise können sie also nicht einfach so an ihre Kunden weitergeben. Laut Euwid versuchen die Kartonhersteller die Verträge anzupassen. Aber die andere Seite sei damit nicht immer einverstanden.

Und selbst wenn ein Kartonhersteller theoretisch genug Papier zu guten Preisen gesichert hat: Gerade sind die Lieferungen nicht immer pünktlich. Was wiederum bedeutet, dass sie sich (zu höheren Preisen) woanders auf die Schnelle Papier beschaffen müssen. Gelingt ihnen das nicht, müssen die Kartonhersteller wiederum ihre Kunden vertrösten: die Versandhändler.

Otto spart Kartons ein

Aber für die Weihnachtszeit haben zumindest die Großen im Versandhandel vorgesorgt. „Wir haben langjährige Beziehungen zu unseren Lieferanten und bereiten uns frühzeitig auf die Weihnachtszeit vor“, schreibt ein Amazon-Sprecher auf Anfrage. Auch der Versandhändler Otto hat große Mengen an Kartons auf Vorrat. Ein Otto-Sprecher sagt, dass das Unternehmen zum Teil langfristige Verträge mit den Kartonherstellern hat. Dort blieben die Preise also noch gleich. Dort, wo die Verträge weniger lang laufen, seien die Preise schon gestiegen.

Darauf reagiert das Unternehmen und schickt manche Produkte in ihren Originalkartons zu den Kund:innen. Normalerweise kommen die nochmal in einen Otto-Karton, damit die Kund:innen gleich erkennen, woher ihr Paket kommt. Viele Produkte, wie zum Beispiel Töpfe, Pfannen oder Küchenmaschinen sind vom Hersteller aber sowieso schon gut und bruchsicher verpackt. Wenn das so ist, packt Otto momentan den Adressaufkleber direkt auf den Originalkarton.

Für die meisten Kund:innen sind die Originalkartons kein Problem

Bedeutet das, dass der Versandhandel jetzt umweltfreundlicher wird? Dass wir Verpackungsmüll sparen können?

Bei Otto besteht zumindest die Möglichkeit, dass der Händler weiterhin in Original-Kartons verschickt – auch wenn die Preise wieder sinken. „Noch haben wir das nicht entschieden“, sagt ein Firmensprecher. „Aus unseren jetzigen Erfahrungen heraus könnte es Sinn machen, aus Umweltschutzgründen weiter, wo es möglich ist, die Originalkartons zu nutzen.“ Für die Umwelt, klar, aber auch aus ökonomischer Sicht lohnt es sich für Otto, den Extrakarton zu sparen. Aktuell sieht der Händler, dass zwar ein paar Kund:innen fragen, wieso ihre Bestellungen nicht im Otto-Karton kommen – für die meisten scheint es aber kein Problem zu sein.

Während sich bei den Großen wie Amazon und Otto massenhaft Kartons stapeln, haben manche kleinere Händler weniger Platz im Lager. Ein Unternehmen, das Zweiradteile verschickt und aus Wettbewerbsgründen lieber nicht mit Namen genannt werden möchte, hat mir erzählt, dass es zwar eine Sicherheitsreserve an Kartons habe – die wurde allerdings immer kleiner. Die Preise bei den Kartonherstellern waren gestiegen und die Lieferzeiten auf einmal viel länger. „Früher haben wir unsere Kartons innerhalb von zwei, drei Wochen bekommen. Jetzt waren es plötzlich zwei Monate“, sagt eine Mitarbeiterin.

Deshalb sah sich das Team nach Alternativen um – und stieß auf das Unternehmen mit dem Ebay-Namen, auf Müä. Dort konnten sie gebrauchte Kartons in guter Qualität kaufen. Und sie merkten: Die Kund:innen freuten sich über die gebrauchten Kartons. Denn das bessere Gewissen gabs quasi gleich obendrauf. „Wo es sich eignet, werden wir bei gebrauchten Kartons bleiben“, sagt die Mitarbeiterin. Es sei nicht überall möglich, zum Beispiel, wenn Müä die Kartons nicht in allen benötigten Größen habe.

Um den Versandhandel zu revolutionieren, braucht es mehr als gestiegene Kartonpreise

Die großen Unternehmen experimentieren mit eigenen Systemen. Otto hat zum Beispiel im Sommer 2020 eine Mehrwegversandtasche aus recyceltem Plastik getestet. 75 Prozent der Kund:innen hätten die Tasche wieder zurückgeschickt, schreibt das Unternehmen in einer Pressemitteilung. Darunter waren allerdings auch viele Retouren – die Menschen hätten die Dinge also sowieso zurückgeschickt.

Otto sieht den Test als Hinweis dafür, dass ein Mehrwegsystem im kleineren Rahmen funktionieren kann, schreibt jedoch auch: „Vor einer flächendeckenden oder gar branchenweiten Einführung aber gilt es, insbesondere die erheblichen Mehraufwände in der Logistik zu durchdenken.“ Die Kund:innen müssen die Taschen zurückschicken, das Unternehmen muss sie annehmen, desinfizieren, saubermachen.

Um den Versandhandel zu revolutionieren und ein Kreislaufsystem zu schaffen, braucht es wohl mehr als gestiegene Kartonpreise – auch wenn sie den Händlern wehtun. Der Markt regelts ein bisschen – aber nicht genug.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Iris Hochberger

Prompt headline