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Kopf & Körper

Analyse: Das Hanf ist frei – jetzt reguliert den Tabak!

Cannabiskonsum wird legal. Es zu rauchen, ist allerdings keine gute Idee. Es gibt weniger gesundheitsschädliche Alternativen – die Politik müsste sie nur fördern.

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Reporterin für Kopf und Körper, Marburg

Cannabis begegnete mir zuerst als Keks. Danach kamen die Joints, aber die ließ ich meistens an mir vorbei wandern. Ich mag den Geruch nicht und das Rauchen ist mir sowieso zuwider. Zigaretten – ob mit oder ohne Zusatz – würde ich kein bisschen vermissen, wenn sie verboten wären.

Weil Cannabis meistens geraucht wird, hat es sich bei mir nie durchgesetzt. Und über Kekse lernte ich: Die Wirkung ist schwer einschätzbar. Ich lehnte bald dankend ab. Mein Cannabis-Experiment endete, bevor ich 25 war.

Die Ampel-Koalition will Cannabis nun legalisieren und sagt damit auch: Wir erkennen die Realität an. Etwa sieben Prozent der Deutschen haben laut des Drogen-Suchtberichts (PDF) der Bundesregierung in den vergangenen zwölf Monaten konsumiert. Im Bericht wird Cannabis als die mit Abstand am weitesten verbreitete Droge unter Jugendlichen geführt (vermutlich bezieht sich der Bericht aber ausschließlich auf illegale Drogen). Die für den Bericht verantwortliche Drogenbeauftragte heißt Daniela Ludwig, ist Mitglied der CSU und gegen eine Legalisierung. Sie betont die Gesundheitsgefahren von Cannabis und setzt lieber darauf, die Leute vom Drogenkonsum ganz abzuhalten, durch Aufklärungskampagnen und stärkere Kontrollen. Sie hat dabei vor allem die Jugendlichen im Blick.

Man kann diese Positionen als unüberbrückbare Gegensätze sehen. So läuft die Debatte um die Legalisierung von Cannabis seit Jahren: sehr emotional und in Schwarz-Weiß.

Dabei kommt allerdings ein Aspekt zu kurz: Wie Cannabis konsumiert wird, hat großen Einfluss darauf, wie gesundheitsschädlich die Droge ist. Wer Cannabis zusammen mit Tabak raucht – so wie 90 Prozent der Europäer:innen – schadet seiner Gesundheit massiv. Das eigentliche Problem am Joint-Rauchen ist nämlich das Rauchen.

Tod durch Tüte

Cannabis gilt als Einstiegsdroge. Viele denken dabei an den Einstieg zu härteren Drogen wie Kokain oder Heroin. Doch der Umstieg auf diese Drogen passiert viel weniger leicht, als angenommen. Das legt eine kürzlich erschienene Übersichtsarbeit wieder einmal nahe. Lange bevor das passieren kann, kommen Cannabiskonsument:innen beim Joint-Rauchen aber mit einer anderen Droge in Kontakt: Tabak. Dieses Phänomen nennt sich Reverse Gateway Effect , umgekehrter Einstiegseffekt. Kurz gesagt: Wer Cannabis mag, fängt an zu rauchen.

Rauchen ist schlecht für die Lunge. Es entstehen Giftstoffe, die Krebs auslösen können. Rauchen beeinträchtigt die kognitiven Funktionen, vor allem bei Jugendlichen. Weltweit sterben circa acht Millionen Menschen im Jahr an den Folgen von Tabakkonsum – meistens an Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Studien, die die gesundheitsschädliche Wirkung von Cannabis untersuchen, kämpfen mit der Frage, wie sehr die beobachteten Schäden auf Cannabis zurückzuführen sind – und wie sehr auf Nikotin. Wie viele Todesfälle auf das Konto von Cannabiskonsum gehen, ist nicht bekannt.

Eine Statistik. "Wer raucht Cannabis mit Tabak?" mit 65% weltweitem Durchschnitt. Italien 93% Deutschland 82% und die USA 8%

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Auf dem amerikanischen Kontinent ist die Konsumkultur anders als in Europa. In den USA rauchen zum Beispiel nur circa acht Prozent der Cannabis-Fans Joints. Viel verbreiteter ist dort das Dampfen mithilfe eines Verdampfers oder einer Wasserpfeife – oder das Essen von Keksen oder Kuchen (Edibles).

Dazu beigetragen hat auch, dass Cannabis reguliert und kommerzialisiert wurde. Weil es so viele verschiedene Cannabisprodukte gibt, wird das Joint-Rauchen immer unattraktiver.

Cannabis verdampfen hat deutlich weniger gesundheitsschädliche Nebenwirkungen. Verdampfer erhitzen das Cannabis nur so weit, bis die aktiven Bestandteile THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) eingeatmet werden können. Man braucht weniger Stoff und weniger Züge, bis die Wirkung einsetzt. Leute, die ans Joint-Rauchen gewöhnt sind, haben deshalb aber oft Schwierigkeiten, die richtige Dosierung beim Verdampfen zu finden.

Wie Verdampfen bei medizinischem Cannabis funktioniert, erklärt ein Artikel der Lokalzeitung Allgemeine Zeitung.
Die Nebenwirkungen des Verdampfens von THC-haltigen Liquids in E-Zigaretten und Vapern erklärt ein Beitrag der Deutschen Apotheker-Zeitung.
Aus dem Global Drug Survey 2017 wurde der sogenannte Highway Code für sichereren Cannabiskonsum entwickelt. Er fasst die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Konsummethoden zusammen und erklärt, wie man sich anschließend am besten verhalten kann, um sich und andere nicht zu gefährden.

Wir haben die Kontrolle verloren

Auch Cannabis ohne Tabak kann gefährlich sein. Die Gesundheitsgefahren sind in den vergangenen vier Jahrzehnten sogar gestiegen, wie eine britische Überblicksstudie schon 2017 festgestellt hat. Seitdem wuchs der THC-Gehalt auf das Doppelte. Und damit das Risiko für Abhängigkeit, Psychosen und kognitive Veränderungen, wie Konzentrationsprobleme. Vor allem Menschen, die bereits mit psychischen Problemen zu tun haben, sind gefährdet.

Das Risiko für Nebenwirkungen sinkt, je höher der Gehalt an CBD ist, denn CBD gilt als therapeutische Komponente. Es gibt Hinweise darauf, dass es den negativen Effekt von THC abmildern kann. Doch der CBD-Gehalt von Cannabis ist in den vergangenen 40 Jahren ungefähr gleich geblieben, nämlich niedrig bis nicht nachweisbar.

Die THC-CBD-Verhältnisse haben sich verschoben, weil Cannabispflanzen immer mehr hochgezüchtet wurden – insbesondere für den illegalen Verkauf. Die Anbaumethode Sinsemilla bringt beispielsweise samenlose Cannabispflanzen hervor, die besonders viel THC enthalten. Die Verfahren, mit denen aus den Pflanzen die Droge gewonnen wird, werden immer ausgeklügelter – und auch dabei steigt der THC-Gehalt. Ein weiterer gefährlicher Trend ist künstlich erzeugtes Cannabis, denn die Nebenwirkungen können sogar tödlich sein, was auch den Dealern selbst bewusst ist.

Eine Dokumentation des Magazins Vice hat einen Dealer begleitet, der eben solches Cannabis verkauft.

Die Wirkung ist viel stärker, deshalb kommt es leicht zu Überdosierungen. Krampfanfälle, Psychosen und Herzinfarkte können auftreten.

Cannabis wird in Gramm gehandelt. Deshalb werden den Tütchen oft Stoffe beigemixt, die das Verkaufsgewicht erhöhen, zum Beispiel Sand. Auch diese Verunreinigungen können krankmachen.

Mein Kollege Christian Gesellmann hat über einige dieser Gefahren sehr ausführlich geschrieben und fand damals noch: Es ist noch viel zu früh, Cannabis zu legalisieren!

Die Tabakindustrie reibt sich schon die Hände

Trotz all dem steht im neuen Koalitionsvertrag dieser Satz: „Wir führen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein.“ Der Cannabiskonsum soll also straffrei werden. Händler können sich eine Erlaubnis zum Verkauf besorgen. Sie dürfen Cannabis dann abgeben, allerdings nur an Erwachsene und unter Erfüllung von Qualitätsstandards.

Darin setzt die Regierung einige Hoffnungen. Die Entkriminalisierung soll die Polizei entlasten, Cannabis macht derzeit etwa 59 Prozent (PDF) der Rauschgift-Handelsdelikte aus.

Der Staat soll am neuen Cannabis-Boom mitverdienen: Wenn Cannabis ähnlich wie Zigaretten besteuert werden würde, könnte der Bund durch den Cannabisverkauf nach Schätzungen der FDP bis zu einer Milliarde Euro im Jahr einnehmen.

Der Hanfverband schätzt die Mehreinnahmen sogar auf 4,7 Milliarden Euro, weil er die Entstehung von bis zu 27.000 neuen Arbeitsplätzen und den Wegfall der Strafverfolgungskosten mit einrechnet.

Außerdem will die Koalition ein Drogenkontrollverfahren einführen, um sicherzustellen, dass Händler:innen die Standards erfüllen. Konsument:innen, die Cannabis auf dem Schwarzmarkt gekauft haben, sollen die Möglichkeit bekommen, Drogen auf ihren Reinheitsgehalt testen zu lassen.

Cannabis zu nehmen, könnte also weniger gesundheitsschädlich werden, wenn es legalisiert wird. Denn die Gefahren, die durch den illegalen Handel entstehen, nehmen ab: kontrollierterer Anbau und Handel, weniger Verunreinigungen, mehr Aufklärung über sicherere Konsummethoden. Das ist auch gut so, denn Regierungen haben immerhin den Auftrag, ihre Bürger:innen vor vermeidbaren Gesundheitsgefahren zu schützen.

Sicher ist aber: Dafür reicht es nicht, die Konsument:innen zu entkriminalisieren und den illegalen Handel zurückzudrängen. Ist Cannabis erst einmal legal, wird die Kommerzialisierung ins Kraut schießen. Das große Geschäft wittert vor allem eine Industrie, die nicht eben gesundheitsbewusst ist: die gebeutelte Tabakindustrie. Immer weniger Menschen rauchen Zigaretten, auch weil die meisten Länder inzwischen strengere Anti-Rauch- und Werbegesetze haben.

Wie also die positive, fortschrittliche Wirkung der neuen Gesetzgebung behalten – ohne Millionen Menschen wieder zu Rauchern zu machen? Der Trick wäre, den Konsum anderer legaler Drogen stärker zu regulieren. Im Zusammenhang mit Cannabis also ganz klar das Rauchen. Das sehen die Pläne der Ampel-Koalition auch vor.

Aber hier wird es kompliziert: Die europäische Konsumkultur wird sich nicht so einfach ändern lassen. Die meisten Menschen denken bei Cannabis ans Rauchen. Wer Cannabis nimmt, greift in der Regel zum Joint. Den Umgang mit Edibles und Verdampfern müssten Konsument:innen erst üben.

Wie die Legalisierung eine gute Sache werden würde

Cannabis-Legalisierung ist einfach. Die eigentliche Aufgabe besteht jetzt darin, die Gesundheitsgefahren aller legalen Drogen in den Mittelpunkt zu stellen. Deutschland ist zum Beispiel Schlusslicht bei der Regulierung des Tabakrauchens. Zwar ist das Rauchen auf vielen öffentlichen Plätzen und in Gaststätten seit 2007 verboten, aber Tabakwerbung ist noch bis Jahresende erlaubt – in den meisten anderen EU-Ländern ist es bereits seit 15 Jahren verboten.

Ab dem 1. Januar 2023 wird es auch ein Werbeverbot für Tabakerhitzer und ab dem 1. Januar 2024 für elektronische Zigaretten und Nachfüllbehälter geben. Vapen ist zwar weniger schädlich als Rauchen, aber auch nicht gut für die Gesundheit.

Wenn also demnächst Cannabisshops aufmachen und man überall Menschen sieht, die konsumieren, muss genau beobachtet werden, was das mit unserer Gesellschaft macht. Auch der Koalitionsvertrag sieht das vor. Nach vier Jahren soll das geplante Gesetz auf die gesellschaftlichen Auswirkungen hin überprüft werden. Es muss sich vor allem daran messen lassen, ob es Menschen krank gemacht hat.

Diese Meinung habe ich mir bei der Recherche zu diesem Text gebildet. Zum Beispiel beim Lesen des Global Drug Survey. Dort findet sich folgender Absatz: „Diskussionen über Drogengesetze sollten sich nicht in polarisierten Debatten über Legalisierungen erschöpfen, sondern lieber den Gesundheitsschutz und das Wohlbefinden aller Bürger:innen in den Mittelpunkt stellen. Der erste Schritt ist, Menschen, die Drogen konsumieren, als vernünftige Menschen anzusehen, die darüber informiert werden wollen, wie sie möglichst gesundheitsschonend mit Drogen umgehen können, weil es ihr Wunsch ist, gesund zu bleiben. Sie wollen als gleichwertige Bürger:innen angesehen werden.“ Das hat die Ampel-Koalition offenbar erkannt.


Redaktion: Thembi Wolf; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion und Grafik: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

Das Hanf ist frei – jetzt reguliert den Tabak!

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